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Wandern im Nationalpark Jotunheimen
Jotunheimen - ein Land aus Flüssen, Seen und Trampelpfaden
Allgegenwärtig im norwegischen Nationalpark Jotunheimen: Wasser – in Flüssen, Seen und oft auch auf den Pfaden.
Der Weg schlängelt sich angenehm das weite Tal Jervassdalen hinunter, der Skogadalsbøen entgegen. Gletscher, zerfurcht wie die Rücken silbergrauer, uralter Wale kleben dunstverschleiert in den Einschnitten der steilen Wände, die das Tal bis zu 300 Meter hoch überragen. Dazwischen ergießen sich die Silberfäden von Wasserfällen über schwarzen Fels, den Moose und Flechten allmählich sattgrün einfärben. Weiter unten blühen dicke Heidekraut-Teppiche, dazwischen Hahnenfußgewächse und leuchtend-violetter Wiesen-Storchschnabel. Wie eine Verheißung liegt gegenüber auf halber Höhe des Hangs die Skogadalsbøen.
»40 Tonnen!«, sagt Hüttenwirt Kjell, während ich eine Brücke und eine Schlammpassage später ein wohlverdientes Bier schlürfe, »40 Tonnen Lebensmittel lassen wir jedes Jahr per Heli einfliegen.« Keine Straße führt hierher, und die Belegung der Hütte schwankt unvorhersehbar zwischen 10 und 150 Gästen pro Nacht. Gestern lauschten rund 80 Wanderer dem Konzert des Fannaråken Kvintett.
18 Kilo ermittelt die Waage vor der Skogadalsbøen bei meinem Rucksack. Hätte ich die Cafetiera doch zu Hause lassen sollen? Heute scheint die Sonne auf den schmalen Pfad. Gesäumt von Hängebirken und Ebereschen, windet er sich immer am munter plätschernden Skogadøla entlang. Gut gelaunt hüpfe ich von Stein zu Stein; Wasser teilt sich mit dem Pfad das Revier. Noch ahne ich nicht, dass die strengste Etappe vor mir liegt. 25 Kilometer und 700 Meter Aufstieg – ach, das wird schon gehen, nach dem Fannaråken. Den alten Wald löst weiter oben Moor ab, aus dem sich Mücken auf Wanderer stürzen. Dann tauche ich ein ins Reich von flechtenbewachsenen Felsbrocken, Altschneefeldern und Gletscherseen. Furt Nr. 2 kostet mich die trockenen Socken. Zwar liegen Steine im Wasser, aber leider reichen die Stiefel nicht bis zum Knie. Es suppt von oben hinein.
Der Wind wird schneidender, und Wolken ziehen auf. Hier oben hängt sich Geländewelle an Geländewelle – sanfte Formen, gletschergeschliffen, in einer rauen Eiswelt. Bei jedem Aufstieg glaube ich den höchsten Punkt erreicht, nur um noch eine Welle zu sehen, und noch eine und noch eine. Es wird zäh. Doch am See Store Mjølkedalsvatnet mischt sich beim Abstieg verhalten das Summen einer ersten Hummel in das Lied aus Wind und Plätschern. Der restliche Weg zur Hütte Fondsbu am Bygdin-See gleicht nach dem monochromen Schnee- und Eisreich der Rückkehr in ein mildes grünes Paradies. Jetzt, am Ende des dritten Tags, meldet sich mein linker Knöchel. Irgendwas drückt empfindlich und reizt und quält die Sehne. Zähne zusammenbeißen und weiter.
Aua! Am Morgen fühlen sich meine Waden an wie Wassermelonen, in Größe, Schwere und Härte. In der Hütte falle ich fast die Treppe zur Toilette hinab, so nachgiebig sind die Knie. Und mein Knöchel sticht immer noch. Ungünstig, denn die nächsten beiden Etappen stehen im Zeichen von langen Märschen durch zwei Hängetäler. In beiden weisen die Steinmännchen unnachgiebig den Weg aufwärts, hinein in Niesel und Kälte, denn Wolken drängen sich dicht im Scheitelpunkt der Täler.
Doch auch, wenn mein Knöchel schmerzt, genieße ich die Schönheit, die mich umgibt. Beide Täler enden an einem See: das erste am unwirklich türkisgrün leuchtenden Gjende, der sich wie ein Fjord zwischen steile Flanken schmiegt. Das zweite am Bygdin-See, der bleigrau und geheimnisvoll heraufschimmert. Bergab zu den Seen wird es wärmer. Jeder Schritt hinunter macht gefühlte 1 °C aus. Über den grauen Uferwänden heben sich immer wieder Wolken und Nebel – ein berückender Mix aus weißem Altschnee, sattgrünen Moosen und dunklem Gestein. Darüber blitzen Stücke hellblauen Himmels. Langeweile kommt bei so viel Naturschauspiel nie auf, und der Weg stellt mich immer wieder vor neue Aufgaben. Einmal fehlt eine komplette Brücke. Nur zwei Bretter klemmen noch im rasch fließenden Fluss. Bleibt nur eins: Schuhe aus, Hose hochkrempeln und barfuß hinein. Auge in Auge mit einem Altschneefeld taste ich mich voran und bin wieder einmal froh über die Trekkingstöcke. Denn der Fels ist glitschig, das Wasser zerrt, und in der Mitte des Flusses melden meine Zehen Verkühlungen.
Zum Schlafen legt man sich in Jotunheimen früh, denn Mücken verleiden das Entspannen vor dem Zelt. Es wird im Sommer nur kurz dunkel, zwischen zwei und drei Uhr nachts. Um acht Uhr, also gegen Mittag, wenn man von Sonnenaufgang an rechnet, bin ich auf den Beinen, brodelt der Espresso in der Cafetiera, während ich inzwischen routiniert meinen Rucksack packe. Stöcke, Zelt und Matte festschnallen, dann schwinge ich die Last auf den Rücken, die mich längst nicht mehr so sehr drückt wie die ersten Tage über.
Auf dem Rückweg zum Bygdin-See flüchtet ein hellbrauner Schemen vor mir, eine Gämse. Oberhalb der Hütte Torfinnsbu baue ich das Zelt auf. Hübsch sieht sie aus, aus dunklem Holz mit hellblauen Fensterrahmen. Ich wackle auf ein Bier hinunter, aber der Abstieg gibt meinem angeschlagenen Knöchel den Rest. Unter dem Rentiergeweih am First beschließe ich, dass morgen geschummelt wird. Die letzte Etappe führt am Ufer des Bygdin entlang und verspricht, mückenverseucht zu sein. Nein, ich gönne mir eine Fahrt mit dem Fährboot über den blau schimmernden See. Skål.
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