Hüttentour in Norwegen: Wanderung vom Hallingskarvet zum Aurlandsfjord

Wandern durchs wilde Aurlandsdalen in Norwegen


Zur Fotostrecke (19 Bilder)

Aurlandsdalen Norwegen
Foto: Fredrik Lewander
Der Weg vom Hallingskarvet-Gebirge durch das wilde Aurland-Flusstal in Norwegen führt Wanderer in eine andere Welt - Skandinavien von seiner schönsten Seite im Aurlandsdalen!

Ein verschneites Mordor. Da bin ich gelandet. Oder in einem anderen Fantasy-Reich, karg und rau, mit schwarzen Bergen und Geröll, mit Schnee und Nebel. Plötzlich, als hätte ein unsichtbarer Zauberstab diese Welt ohne Farben berührt, liegt da ein kleiner hellblauer See neben dem Pfad, halb zugefroren - wie kann er derart intensiv leuchten? Der Eindruck, in einer Traumwelt unterwegs zu sein, verstärkt sich noch. Und die stille Begeisterung über nie zuvor Gesehenes wächst ins Unbeschreibliche.

"Expect snow." Wo habe ich den Satz gehört? In der norwegischen Hauptstadt Oslo wahrscheinlich, am Schalter für das Ticket nach Finse, Norwegens auf 1222 Metern höchstgelegenen Bahnhof, etwa 170 Kilometer östlich von Bergen. Auch der Wanderführer erwähnt einige Dauerschneefelder für die erste Etappe dieser Dreitagetour, die vom Hallingskarvet-Gebirge durch das Tal Aurlandsdalen hinab in die Nähe des Aurlandsfjordes führt. Aber die Winterlandschaft, durch die es heute Morgen gleich nach dem Aufbruch von der Finsehütte zu stapfen galt, überraschte doch. Die angeblich faszinierenden Blicke auf den Hardangerjökulen, neben dem Finse liegt, lassen sich so nicht bestätigen: In all dem Schnee hebt sich der berühmte Gletscher nicht mehr von der Umgebung ab.

"Excuse me, could you take a picture of us?" Eine fröhliche Stimme mit amerikanischem Akzent reißt mich aus Tagträumen am hellblauen Wasser. Die kleine Digitalkamera will nicht in diese Welt passen, hält aber fest, wie in Mordor eine junge Amerikanerin von ihrem frierenden Freund in den Arm genommen wird. Die Schneeverhältnisse würden für Anfang Juli einen 40-jährigen Rekord brechen, erzählen die beiden. Aha! Knöcheltief, manchmal sogar bis zu den Knien bin ich beim steten Anstieg des Tourauftakts versackt, fand alles furchtbar anstrengend, obwohl die 15 Kilometer und 550 Höhenmeter von Finse zur Geiterygghytta eigentlich als einfache Wanderung gelten. Fit fühle ich mich erst seit der Mittagspause auf halber Strecke, vor der kleinen Klemsbu-Hütte, in der man leider nur während der Skisaison Kaffee und Waffeln bekommt. Immerhin gibt ihre Holzwand Windschatten, und nun zeigen Käsebrot und Mousse au Chocolat aus der Tüte Wirkung: Der Rucksack trägt sich leichter, die Beine wollen laufen.

Aurlandsdalen im Video:

Zur Darstellung des Videos benötigen Sie aktiviertes JavaScript sowie den Adobe Flash-Player.

Aurlandsdalen: Blumenwiesen und glucksende Bäche

Der Nebel hat das Pärchen wieder verschluckt, und damit rückt auch die Realität, in die der Smalltalk führte, wieder weiter weg. Über anthrazitfarbene Geröllpfade geht es weiter, hohe Holzstangen erleichtern die Orientierung. Ringsum scheint das Nichts zu liegen, aber anders als in Michael Endes Unendlicher Geschichte übt es keinen vernichtenden Sog aus, und traurig stimmt es auch nicht. Im Gegenteil: Diese unwirtliche Bergnatur Norwegens, deren sanft gerundete Kuppen man vorhin noch sehen konnte, ihre ebenmäßigen Muster von dunklem Gestein und hellem Schnee, macht den Kopf klar und heiter.

Noch kurz bergauf, dann ist die Scharte unterhalb des norwegischen Berges Sankt Pål erreicht. Mit seinen 1695 Metern gibt der norwegische Berg einen guten Aussichtsgipfel ab, bis zur Hardangervidda und den spitzen Gipfeln des Jotunheimen soll der Blick bei klarer Sicht reichen. Das kann man jetzt allerdings vergessen, auch wenn der Abstecher in der Natur Norwegens nur 50 Höhenmeter extra bedeutet. Leichter Regen setzt ein, während der Weg langsam bergab führt und sich nach und nach mehr Löcher in der Schneedecke auftun. Wenn man anhält und die bemoosten Steinflächen genauer betrachtet, fällt einem vielleicht ein kleines gelbes Blümchen ins Auge. Dann noch eins. Dann ein lilafarbenes. Und plötzlich ist es eine Blumenwiese im Miniaturformat. Winzige Elfen spielen wahrscheinlich darin Fangen, zu klein und zu schnell für Menschenaugen, und auch ihr Kichern vernimmt nur, wer die Ohren dafür zu spitzen weiß ...

Was dagegen immer wieder deutlich die Luft erfüllt, ist der Klang von Wasser. Allenthalben bahnen sich glucksende kleine Bäche über dunkle Felsen ihren Weg gen Tal, an Trinkwasser herrscht kein Mangel. Es schmeckt wunderbar frisch und mineralisch, so dass sich Erzählungen von im Schmelzwasser verrottenden Lemmingen nicht wie eine ernstzunehmende Gefahr anfühlen.

"There is no reservation." Gleichmütig schaut mich der grauhaarige Hüttenwirt im holzverkleideten Eingangsbereich der Geiterygghytta an. Was ist da beim E-Mailen schiefgelaufen?! Fantasiereisen hin oder her, auf den letzten Kilometern durchs Tal der Geiteryggvatnet-Seen, mit nassen Füßen auf matschigen Wegen – da habe ich mich sehr auf die Zivilisation gefreut. "Don‘t worry, you‘ll get a bed." Leise Enttäuschung, dass es das Matratzenlager statt einem Zimmer wird, verschwindet unter der heißen Dusche und bei drei bodenständig-leckeren Gängen mit Seeblick.

 

Aurlandsdalen Norwegen
Foto: Fredrik Lewander Traumhafte Aussichten im Märchenland.

Durch Norwegens Grand Canyon: Wandern im Aurlandsdalen

Früh am nächsten Morgen füttern Hüttenwirt Jan und sein Gehilfe draußen eine Schar mutterloser norwegischer Lämmer mit Flaschen. Eins der Tiere ist etwas größer, hat schöne, rehartige Augen ... Da kommt sein Ebenbild um die Ecke getrabt. Mit braunem Fell statt weißem. Fell! Nicht Wolle. Warum hat Jan nur von einem Rentierbaby statt zweien erzählt? Der Anblick der zwei Waisen, die hungrig und zugleich ängstlich an ihren Flaschen saugen, geht jedenfalls ans Herz. Zu schnell muss ich mich davon losreißen, von dem Wunsch, ihnen in die Hügel zu folgen und sie den ganzen Tag zu beobachten: Der Weg zum Etappenziel meiner Wanderung durch Aurlandsdalen: Østerbø. Dieser Wanderweg ist mit acht Stunden Gehzeit sehr weit.

Wieder eine andere Welt. Friedlich liegen die zwei großen Hütten von Østerbø am Beginn der dritten Aurlandsdalen-Etappe, im hier noch lieblich grünen Aurlandsdalen. Eben und gleichmäßig geht es zunächst um den See Aurdalsvatnet herum, Schafe weiden saftiges Gras, und am Wegrand blühen üppige Wildblumen. Es dauert nicht lange, bis die Jacke in den Rucksack wandert: Hier herrscht Sommer. Bald ist Schluss mit lieblich, das Tal verengt sich, hunderte Meter ragen die Wände auf. Obwohl dieser Weg hinab ins Fjordland fast 1000 Abstiegsmeter umfasst, steigt der Pfad anfangs immer wieder gut an, wurzel- und steindurchsetzt. Atemberaubend schön soll der Wanderweg durch Norwegens Grand Canyon führen. Doch man liest sie oft, solche Beschreibungen, und den Atem rauben einem öfter Anstrengungen als schöne Anblicke.

Hoch über den Dingen sitze ich etwas später auf einem bemoosten Felsvorsprung, ruhig atmend und doch restlos überwältigt vom Aurlandsdalen. Senkrecht fällt zu meiner Rechten die Felswand ab, während auf der anderen Talseite und in seinem weiteren Verlauf immer wieder Teile der Bergflanken abgesackt sind. Allerdings muss das lange her sein, denn diese zerrütteten, gigantischen Felsbrocken und -türme sind grün überwuchert. Weit unten schäumt der Fluss, und würden darüber jetzt wie bei Ronja Räubertochter menschenjagende Wilddruden- Vögel aufsteigen, müsste ich diese Aussichtsloge verlassen und mich verstecken – aber zur Szenerie würden sie perfekt passen.

 

Aurlandsdalen Norwegen
Foto: Fredrik Lewander Trinkwasser findet man überall - nicht immer ist es leicht zugänglich.

Aurlandsdalen: Wunder im Phantasialand

Während Fabelwesen Sagenstoff sind, steht fest, dass Menschen im Aurlandsdalen schon seit Jahrhunderten siedeln. Erste Berghöfe soll es im Aurlandsdalen zu Wikingerzeiten gegeben haben, ganzjährig bewohnt war der letzte bis 1921. Der Weg, den Wanderer heute nutzen, mit teilweise in den Fels gesprengten Passagen, existierte damals nicht. Über Leitern und unglaublich mühsame Pfade bewegten sich die Norweger damals durch das Tal, waren im Winter monatelang vom Rest der Welt abgeschieden. Sinarheim heißt einer der Höfe, und schon von weitem sieht man ihn hoch über dem Flusstal thronen. Beim Näherkommen dann ein lustiger Anblick: Auf dem Grasdach eines Gebäudes liegen Zwanzigjährige in der Sonne, zwei Mädchen machen Yogaübungen. Es sind Landwirtschaftsstudenten, die hier im Sommer lernen, wie Bergbauern vor 100 Jahren hier im Aurlandsdalen arbeiteten. Wochenlang in diesem Land vor unserer Zeit leben – fast beneide ich sie.

Ein akutes Problem im Jetzt zeigt beim Rasten auf Sinarheims Almwiesen die Karte: Der Weg nach Vassbygdi ist noch viel länger als gedacht. Und dort gilt es einen Bus zu bekommen ... Wenn es nicht enden will, kann selbst das traumhafteste Tal der Welt mit all seinen märchenhaften Wasserfällen zum Alptraum werden. Wenn einem Tränen in die Augen steigen, weil sich an hastig abgerupften Walderdbeeren ein Wurm kringelt, ist man fertig mit der Welt. Aber wenn eine halbe Stunde nach der offiziell letzten Abfahrt noch ein Bus kommt, weiß man, dass auch jenseits von Phantasia Wunder passieren.

Inhaltsverzeichnis

Autor: Katharina Hübner
© Outdoor
Ausgabe 10/2012