Gletscher, Fjord und wilde Wege: Norwegens Hardangerfjord

Norwegen: Wandern im Folgefonna Nationalpark


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Norwegen Hardangerfjord
Foto: Ben Wiesenfarth

 

Norwegen Hardangerfjord
Foto: Ben Wiesenfarth

 

Norwegen Hardangerfjord
Foto: Ben Wiesenfarth

 

Norwegen Hardangerfjord
Foto: Ben Wiesenfarth

 

Norwegen Hardangerfjord
Foto: Ben Wiesenfarth
An Norwegens Hardangerfjord ragt die Halbinsel Folgefonna 1600 Meter hoch auf. Pfade führen durch Täler, zu Wasserfällen und Gletscherzungen – ein Traumrevier für Wanderer.

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»Åsmund, wir gehen los!« Mit dem Handy am Ohr stehe ich auf einem Parkplatz im Bondhusdalen. Links und rechts schießt Schmelzwasser in schnurdünnen Wasserfällen die steilen Flanken hinab. Vorne, gut 1000 Meter über mir, schmiegt sich eine schrundige Eismasse in den Talschluss: eine Zunge des Folgefonna-Gletschers. Sie ist so gewaltig, dass man sie schon sieht,wenn man vom eisgrauen Fjord zum Parkplatz abbiegt.

»Gut«, sagt Åsmund. »Viel Spaß. Der Wetterbericht für heute klingt besser als gestern. Brecht ab, wenn ihr euch unsicher fühlt.« Unsicher? Auf einem gut markierten Weg in einem norwegischen Nationalpark? Der Wind bläst ein bisschen, Wolken huschen über den Himmel – aber abbrechen? Åsmund ist Chef einer Firma, die Touren über den Folgefonna anbietet. Norwegens drittgrößter Gletscher ruht auf einer Halbinsel zwischen dem bekannten Hardangerfjord und dem Trekker-Mekka Hardangervidda, und die meisten Wanderer ignorieren ihn auf ihrem Weg zur Hochebene. Ein Fehler, denn der Folgefonna-Nationalpark birgt einen Schatz an beschilderten und mit Steinmännchen versehenen Tageswanderungen zu Seen und Gletscherbrüchen, auf Gipfel mit Blick auf die Fjorde und in Täler voller Wasserfälle. Fotograf Ben und ich sind neugierig auf das in Deutschland eher unbekannte Gebiet und wollen von Sunndal am Hardangerfjord gut 1400 Höhenmeter aufsteigen, am Rand des Gletschers in der Fonna-Hütte übernachten, tags darauf mit einem von Åsmunds Guides über das Eis zur Holmaskjer-Hütte wandern und zum Sørfjord absteigen.

Früher herrschte auf der Strecke Trubel: Um 1850 buchten vor allem Engländer Touren. Sie reisten auf Pferden zur Eiskante, dann in Zweisitzer-Schlitten über den Gletscher und auf der anderen Seite wieder auf dem Pferderücken hinab. Dort wartete ein Schiff und brachte sie wieder zurück. Ben und ich wandern auf ihren Spuren und betreten kurz hinter der Brücke über den schäumenden Fluss Bondhuselva den Keiserstien, den »Kaiserpfad«, einen Reitweg von 1890. Serpentine um Serpentine windet er sich den immer steiler werdenden Hang hinauf, Gras dämpft die Tritte. Berggämse Ben verschwindet bald aus meinem Sichtfeld. Ich stelle für einen Moment den Rucksack ab, in dem neben Fleece und Regenjacke auch mein Schlafsack und Wasser stecken. Weit unten sehe ich den Fjord schimmern, der Bondhuselva eilt silberglänzend durch Wiesen auf ihn zu.

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Norwegen Hardangerfjord
Foto: Ben Wiesenfarth outdoor-Redakteurin Kerstin Rotard im eisigen Wind.

Übernachtung in Hütten

An der Schutzhütte Gardshammar, wo das Gras langsam den Felsen weicht, wartet Ben auf mich. Es zieht zu. Sollte Åsmund mit seiner Warnung doch recht haben? Der Pfad führt jetzt zwischen rundgeschliffenen Kuppen hindurch. Linker Hand baden Gletscherausläufer in vom Wind gekräuselten Seen. Heftige Böen packen uns, der eisige Wind macht die Wangen taub, und ich torkele wie ein Oktoberfest-Besucher nach der dritten Maß. Gerade noch rechtzeitig, bevor der Himmel seine Schleusen öffnet, erreichen Ben und ich die Fonna-Hütte.

Wir poltern hinein, schütteln die Schuhe im Vorraum ab und treten sockig auf die Holzbohlen. Bald glühen Holzscheite im eisernen Ofen. Ben wirft seinen Schlafsack auf ein Stockbett. Wir ziehen klamme Socken und Shirts aus und hängen sie zum Trocknen über Stangen. Dann stöbern wir im Vorratsraum der Selbstbediener-Hütte in den Regalen mit Dosen und Suppenpäckchen und kochen in der kleinen Küche. »Guck mal, jetzt schneit es«, sagt Ben beim Blick aus dem Fenster. Ob unsere Gletscherquerung stattfindet?

Von der Küche aus sehe ich die Hütte Holmaskjerbu in fünf Kilometern Entfernung auf einem Felsgrat über dem Gletscher thronen. Der Folgefonna be- deckt wie eine Kappe die Berge, sein höchster Punkt liegt auf 1638 Metern sieben Kilo- meter südlich von uns. Das ist aber nicht der einzige Höhepunkt der Gegend: Ein Blick aus dem gegenüberliegenden Fenster zeigt neben dem runden Knubbel des Bjørndalstindane den eckigen, 1426 Meter hohen Melderskin. Auf seinen Gipfel führt eine anspruchsvolle Tagestour: Von Rosendal am Hardangerfjord steigt man steil auf den dem Gletscher vorgelagerten Gipfel auf und wieder hinab. Der Pfad ist zwar markiert, aber kein Kinderspiel: 1200 Höhenmeter verlangen einen langen Atem. Weiter süd- westlich ragen Skeidsfjellet und Høgatind auf, beides über 1000 Meter hohe Logenplätze. Bergtouren auf der Folgefonna-Halbinsel verbindet eins: Von oben schaut man auf den Gletscher und mindestens zwei Fjorde gleichzeitig und sieht oft ganz im Westen hinter grauen Bergrippen das Meer wogen.

Folgefonna-Gletschertour mit Guide

Grau sind auch die Wolken, die am nächsten Tag über den Gletscher jagen, grau und dick. Durch die Hüttenfenster pfeift der Wind und lässt das kleine Radio auf dem Küchenbrett tanzen. Åsmunds Guide Julian ist am Abend vorher noch eingetroffen. »Wenn der Wind so stark bleibt, können wir nicht hinübergehen«, sagt er. 11 Uhr: Böen heulen um die Hütte. Ben hat seine Siebensachen längst gepackt und schaut immer wieder nach draußen und zu Julian. »Wir gehen um 12 Uhr los«, sagt der Guide. »Dann soll der Wind abschwächen.« Tatsächlich werden die Pausen zwischen den Böen länger. Wir klettern über Felsblöcke zum Gletscher. Julian hilft mir, die Grödel anzulegen, seilt uns an. Dann betreten wir das knackende Eis. »Das Seil straff zum Vordermann halten«, ruft Julian. »Und geht breitbeinig, sonst bleibt ihr mit den Zacken in den Hosenbeinen hängen!« Es ist, als laufe man auf einem bläulich leuchtenden Gin Tonic. Die Mützen tief im Gesicht stapfen wir mühsam bergauf.

Zwischendurch hält Julian an, lässt uns vorsichtig in eine Gletscherspalte schauen. »Kommt man eigentlich auch ohne Guide an den Folgefonna heran?« frage ich. Er nickt. Und empfiehlt eine Tour zur Gletscherzunge Svelgabreen im Süden. Durch eine bezaubernd wilde Welt aus Bächen und Teichen wandert man in drei bis vier Stunden vom See Blådalsvatnet zum Fluss Svelge, quert ihn auf einer schwankenden Hängebrücke und starrt am Ende des markierten Pfads in tiefe Höhlen aus Eis, aus denen jahrtausendealtes Wasser gluckert.

Das Gehen auf dem Gletscher im norwegischen Fjordland strengt ordentlich an, dazu saugt der Wind mir die Wärme aus den Knochen. Ich bin froh, als wir nach drei Stunden die Holmaskjer-Hütte auf ihrem Sockel aus runden Felsen erreichen. Wir wärmen uns nur kurz auf und verlassen dann die eisige Welt der Gipfel. Ein letztes Schneefeld, ein letzter kühler See, dann bohren erste Blaubeerbüsche ihre Wurzeln in den Hang. Serpentine um Serpentine folgen wir wieder einem Reitweg aus dem 19. Jahrhundert hinab, dem »Riderstien«. Als wir 850 Meter über Tokheim rasten, legt sich endlich der Wind, und die Sonne malt glitzernde Kronen auf den dunklen Sørfjord. Vielleicht sollte ich Åsmund per Handy ein Bild davon schicken.

 

Norwegen Hardangerfjord
Foto: Ben Wiesenfarth

Reise-Infos Norwegen - Folgefonna Nationalpark

Hinkommen
Frühbucher fliegen ab 180 Euro nach Bergen und zurück. Von Bergen fährt man per Mietauto, Bus (skyss.no) oder Schnellboot (rodne.no) nach Rosendal. Wer mit dem eigenen Auto anreist, bucht zum Beispiel bei Fjordline das »Autopaket« von Hirtshals (Auto, zwei Personen, Liegesessel, 95 Euro einfach; fjordline.com).

Herumkommen
Am unabhängigsten reist man mit Mietwagen (ca. 280 Euro/Woche); ein Bus verkehrt sechs bis acht Mal täglich um die Halbinsel; visitsunnhord land.no - Über die Region).

Orientieren
Alle sechs Touren sind auf der Karte Folgefonna-Nationalpark von Statens Kartverk, Blatt 2663, 1:50 000, 26,90 Euro, verzeichnet. Noch mehr Tourentipps auf tursti.kvinnherad.no

Unterkunft
Traditionell im Hotel: Ein gutes Basislager für alle Touren: Das 1887 erbaute Rosendal-Turisthotell verbindet traditionellen Charme mit Upcycling und modernen Elementen. DZ ab 115 Euro (für zwei Personen, reichhaltiges Frühstück inklusive), rosendalturisthotell.no
Hütten am Gletscher: Für die gut gewarteten Hütten auf der Gletschertour (Tour 1) braucht man keinen Schlüssel, sollte aber einen Schlafsack mitbringen. Fonnabu: Selbstbedienung, Gruppen ab zehn anmelden bei bergen-turlag.no. Holmaskjer: Selbstbedienung. Breidablikk: 1 h unterhalb der Fonna-Hütte, voll ausgestattet, aber keine Vorräte.

Außerdem
Ausrüstung: Regenschutz, Fleece, Handschuhe, Mütze, Trekkingstöcke und Sonnenbrille sind bei Bergtouren in Norwegen nie ein Fehler. Und an genug zu trinken und ein paar Snacks denken!

Auf keinen Fall ohne Guide auf den Gletscher gehen! Neben Spalten bilden Steinschlag oder lose Felsen am Rand des Eises eine Gefahrenquelle. Touren über folgefonni-breforarlag.no

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Inhaltsverzeichnis

04.01.2016
Autor: Kerstin Rotard
© outdoor
Ausgabe 06/2015