Die besten Wander-Tipps für die Färöer-Inseln

In einer neuen Welt: Wandern auf den Färöern


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Wandern auf den Färöer Inseln
Foto: Christoph Jorda

 

Wandern auf den Färöer Inseln
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Wandern auf den Färöer Inseln
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Wandern auf den Färöer Inseln
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Wandern auf den Färöer Inseln
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Die Färöer-Inseln sind ein Geheimtipp für Outdoorer. Reiseredakteur Gunnar Homann hat die Eilande im Atlantik erkundet und stellt hier die schönsten Wanderungen auf den Färöern vor ...

Der Wind weht fast immer auf den Färöern, und so schnell, wie er feuchte Nebelschwaden herantreibt, verscheucht er sie auch wieder. Er fegt und pfeift und säuselt um die achtzehn Inseln, die sich wie mit der Schere geschnitten gegen den Himmel abzeichnen: Tafelberge, Gipfelpyramiden und taumelnde Klippen, dreitausend Meter tief verankert im Nordmeer, mitten im Nirgendwo zwischen Schottland, Norwegen und Island. Gras, Moos und Geröll bedecken die Flanken, Wasserrinnen furchen in sie. Bäume finden in der dünnen Erdschicht keinen Halt, nichts versperrt die Sicht, es sei denn ein anderer der 340 Gipfel. Wanderer, die auf einen von ihnen hinaufwollen, haben an klaren Tagen ihr Ziel immer vor Augen. Die Pfade, manchmal kaum erkennbar, führen steil und gerade hinauf. Sanft ansteigende Serpentinen, Schilder und andere Annehmlichkeiten, wie man sie aus den Alpen kennt, fehlen. Es ist wild auf den Färöern.

Ich bin hier, weil ich neugierig war. Ein einziges Foto hatte gereicht, mich auf die Inseln zu locken. Es zeigt einen Wasserfall, der über eine Klippe ins Meer stürzt, dahinter ein Dorf, über dem ein Tafelberg mit querlaufenden Felsbändern aufragt. Ich bin kein großer Fantasy-Fan, das Beste, was das Genre hervorgebracht hat, war für mich immer Liv Tyler als die Elbin Arwen in »Herr der Ringe«, und die hätte mir auch ganz ohne die spitzen Ohren gefallen. Doch diese Wasserfall-Szenerie hatte wirklich etwas Fantastisches. Ich wollte auf diese Inseln und wandern.

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Wandern auf den Färöer Inseln
Foto: Christoph Jorda

Das Dorf an der Klippe, fand ich heraus, heißt Gásadalur. Es liegt weit im Westen auf der Insel Vágar und war lange einer der Orte auf den Färöern, die sich am schwierigsten erreichen lassen. Gipfel kesseln Gásadalur an drei Seiten ein, an der vierten rauscht der Atlantik. Bis weit ins 19. Jahrhundert hatte der Ort keinen Friedhof, weswegen Tote im Sarg über den Berg Gásadalsbrekkan ins Nachbardorf Bøur geschleppt wurden, sechs Kilometer weit. Dieselbe Strecke wanderte bis ins Jahr 2006 zwei- bis dreimal pro Woche der Postbote Hendriksen, so lange, bis sie einen 1700 Meter langen Tunnel durch den Berg bohrten und Hendriksen nach 50 Jahren Dienst in Rente ging. Seine Route ist eine schöne Wanderung, und wer sie geht, kriegt im Aufstieg Respekt vor der Kondition des alten Hendriksen und im Abstieg vor der Widerstandskraft seiner Knie.

Ich komme spätabends in Gásadalur an. Die Sonne taucht das Meer in Gold, und ich lasse mich gegenüber dem Wasserfall an der Klippe nieder. Ab und zu setzt ein Papageientaucher zu einem seiner kolibrihaften Flüge an, hinter mir in den Steilhängen lärmen Küstenseeschwalben. Sie kommen im Nordsommer den weiten Weg aus der Antarktis und fliegen dabei über 300 Kilometer am Tag. Während der Reise schalten sie eine Hirnhälfte ab, die andere navigiert. Probieren Sie das nicht in Ihrem Auto aus. Ein Stück weiter an der Klippe entlang entdecke ich ein Tor, ein verrostetes Schild verbietet den Durchgang. Ich gehe hindurch und stoße auf bröselige Betonstufen, die steil hinab ans Meer führen. Die Brandung, eigentlich kaum vorhanden heute, klatscht in Höhlen, unten am Wasser tänzele ich über Geröll. Hinter mir weist eine Klippe in die Höhe, 400, vielleicht 500 Meter. Über dem Meer färbt sich der Himmel violett, helle Streifen aus weichem Orange ziehen darüber. Ich schaue auf die Uhr, es ist längst nach Mitternacht. Gásadalur ist ein guter Ort, um die Zeit zu vergessen. Es leben 18 Leute dort. Durch den 1700-Meter-Tunnel, der sie mit der Welt verbindet, gehe ich zurück zum Start meiner Tour – 94 Meter pro Einwohner. Insgesamt gibt es siebzehn Straßentunnels auf den Färöern, einige von ihnen führen durch die Berge, andere unter dem Meer hinweg auf die nächste Insel.

 

Wandern auf den Färöer Inseln
Foto: Christoph Jorda

Färöer Inseln: Schafe, Wolle, Fischfang

Wer sich von Gásadalur Richtung Nordosten hält, gelangt nach Stremoy, mit einer Länge von 45 Kilometern die größte Insel, und durch einen weiteren Tunnel auf die Nachbarinsel Esturoy. In ihrem Norden schraubt sich der den Färöern weit häufiger begegnen als anderen Wanderern. Ehe die Färinger begannen, den Fischfang industriell zu betreiben, etwa ab 1880, war Wolle das Hauptprodukt der Inseln, Wollstrümpfe galten sogar als Währung. Wie viele Schafe heute auf den Färöern leben, weiß keiner so genau, manche sagen siebzig-, andere hunderttausend.

Einhundertzwanzig von ihnen gehören Archibald Biskupsstøð Black, den meisten der 50.000 Färinger bekannt als Archie. Black, 60, sieht ein bisschen aus wie der Romancier Heinz Strunk. In den Siebzigern spielte er Bass bei »Straight Ahead« (»eine EP, zwei Singles und eine LP«), dann brachte er sich das Malen bei, aber hauptsächlich betreibt er eine Schaffarm am Haraldssund auf der Insel Borðoy. Sein Land beginnt in Klaksvík, mit fast 5000 Einwohnern die Nordmetropole der Färöer, und endet einige Kilometer weiter auf dem 450 Meter hohen Bergrücken Áarskarð, im Wesentlichen ein schroffe Flanke, unten torfbedeckt, oben gekrönt von einem grauen Felsriegel. Black begleitet mich auf den Áarskarð und wird mich dann allein meines Weges ziehen lassen, der mich hinab zum Weiler Árnafjørður unten am Meer auf der anderen Seite des Berges führen wird. Die Tour wird vier Stunden dauern beziehungsweise acht, wenn man zurück nicht den Bus nehmen mag. Über uns ballen sich Wolken, es nieselt. Während wir über dem Sund in die Höhe steigen, gegenüber die grünen Pyramiden der Insel Kunoy, findet Black genug Luft, mir von seinem neuen Projekt zu berichten: Er lässt die Pinsel ruhen und konzentriert sich darauf, unten am Wasser in Klaksvík das Haus des färingischen Nationalhelden Nólsoyar Páll (1766–1809) zu rekonstruieren. Black hat die Originalpläne ausfindig gemacht und ein Unternehmen gegründet, um das 700.000-Euro-Projekt zu stemmen. Die Sache liegt ihm am Herzen, was damit zusammenhängen mag, dass er in sechster Generation vom schneidigen Nólsoyar Páll abstammt. »Er war Bootsbauer, Farmer und Kapitän, und er ist weit herumgekommen. Er hat die Ideen der Aufklärung auf die Färöer gebracht«, sagt Black. »Und er hat sich immer wieder mit der dänischen Regierung angelegt.« Die hatte ein Handelsmonopol eingerichtet, was bedeutete, dass die Färinger zu Pálls Zeiten ihre Wolle nur an dänische Kaufleute verkaufen und dringend benötigte Güter nur über sie importieren durften – zu willkürlich festgelegten Preisen. Páll forderte die Aufhebung dieser Regelung, er schmuggelte, und ganz nebenbei brachte er von seinen Fahrten den Impfstoff gegen Pocken auf die Inseln. Anno 1809 sank sein Schiff, die »Royndin Friða«, unter ungeklärten Umständen. Das Handelsmonopol wurde erst 1856 aufgehoben, und erst seit 1948 sind die Färöer teilautonom – Außenpolitik, Justiz und Bankwesen kontrolliert nach wie vor das Parlament in Kopenhagen, in dem auch zwei Färinger sitzen.

Oben auf dem Áarskarð fährt uns kalter Wind in die Jacken, und wir schauen hinab auf die andere Seite, auf der es so sportlich hinabgeht wie vorher hinauf. Black weist auf ein kleines Plateau im oberen Drittel des Hanges. »Dort drüben haben sie bis ins 17. Jahrhundert Thing gehalten, immer im Frühjahr kamen sie zusammen. Schwerverbrecher wurden über die Kante gestoßen « Gut, dass mir von denen heute keiner mehr auf den Kopf fallen kann auf meinem Weg hinunter nach Árnafjørður.

 

Wandern auf den Färöer Inseln
Foto: Christoph Jorda

Zum Schluss will ich zum nördlichsten Punkt der Färöer, Kap Enniberg auf der Insel Viðoy. Mein Guide Pól Sundskarð, kurze Hose, Panzerwaden, schaut zufrieden zum knallblauen Himmel auf. »Bei Nebel würde ich keinem raten, dort hinaufzugehen, der den Weg nicht kennt.« Dabei scheint der Plan vollkommen klar: immer gerade hinauf auf den pyramidenartigen Villingardalsfjall, mit 841 Metern die Nummer drei auf den Inseln. Sundskarð steigt mir voran bergan, zum Glück schlägt er für unsere sechsstündige Tour ein verträgliches Tempo an. Im richtigen Leben installiert er Alarmanlagen, aber seit elf Jahren rennt er in jeder freien Minute auf die Berge der Färöer. Neulich hat er in 33 Stunden alle 55 Gipfel der Insel Suderøy geschafft, 123 Kilometer, 7000 Höhenmeter. Er ist jetzt 58, und weil er ohnehin jede seiner Trainingstouren auf dem GPS-Gerät speichert, arbeitet er auch als Wanderguide. Oben bin ich froh, dass ich ihn dabeihabe. Kap Enniberg fällt siebenhundertfünfzig Meter tief ab, eine der höchsten Klippen Europas. Sie ragt hinter dem Gipfel des Villingardalsfjall als etwa vierzig Meter breiter Steg in den Atlantik hinaus, und man muss die Abzweigung kennen, um gefahrlos ans Ende zu kommen. Auf dem Weg legen wir eine Rast ein, und ich bette mich in ein Moospolster gleich an der Kante. Ich höre, wie hunderte Meter unter mir die Brandung rauscht, über mir kreischen die Möwen, die Sonne scheint mir ins Gesicht. Es ist schon erstaunlich, wohin ein einziges Foto einen führen kann.

Reisetipps für die Färöer-Inseln

Hinkommen
Atlantic Airways fliegt mindestens zweimal täglich von Kopenhagen den Flughafen Vágar an (2 h), im Sommer bis zu fünfmal (atlantic.fo). Direktflüge von Deutschland gibt es nicht. Insgesamt muss man mit etwa 350 Euro für den Flug rechnen. Wer mit dem eigenen Auto anreisen will, nimmt die »M/S Nörrona« der Smyril Line ab Hirtshals in Dänemark, Fahrzeit etwa 35 Stunden. Preis: ab 1492 Euro in der Hauptsaison 2017 (PKW und zwei Personen). smyrilline.com

Herumkommen
Obwohl fast alle Orte ans Busnetz angeschlossen sind, tun Wanderer sich mit einem Mietwagen am leichtesten, denn die Einstiege zu den Touren sind oft abgelegen. Direkt am Flughafen verleiht 62n.fo Autos. Preisbeispiel: Ein Opel Corsa kostet für eine Woche etwa 600 Euro.

Beste Reisezeit
Die meisten Sonnenstunden hat man im Juni, dann ist es auch am längsten hell. Zu heiß wird es auf den Färöern nicht: durchschnittlich 11 Grad im Juli. Mit Regen und Nebel muss man immer rechnen.

GPS/Literatur
Das färöische Fremdenverkehrsamt gibt eine brauchbare Wanderbroschüre mit 23 Touren heraus. Zu jeder von ihnen gibt es auch GPSDaten. Diese erhält man bei den Touristeninformationen vor Ort oder per E-Mail von der Touristeninformation in der Hauptstadt Tórshavn, torsinfo@torshavn.fo Reiseführer: Standardwerk ist »Färöer« von Alexander Wachter, Edition Elch, 2015, 20,95 Euro. Enthält alles, was man wissen muss, und beschreibt vierzehn Wanderungen.

Surfen
Allgemeine touristische Informationen unter visitfaroeislands.com

Orientieren
Die Färöer sind in einem 37-teiligen Kartensatz im Maßstab 1: 20 000 erfasst. Einzelne Karten erhält man für 14,50 Euro zum Beispiel über arktisversand.de. Allerdings sind längst nicht alle Wanderpfade eingezeichnet. Wegweiser, wie man sie aus den Alpen kennt, gibt es nicht, und nicht alle Wege besitzen durchgehend Steinmännchen als Markierung. Dafür liegt der nächste Gipfel meist ohnehin klar vor Augen. Das gilt allerdings nur bei guter Sicht – auf den wetterwendischen Färöern keineswegs garantiert.

Wander-Guide
Der Langstreckenläufer Pól Sundskarð kennt die Pfade der Färöer in- und auswendig. Wenn er als Wander-Guide arbeitet, legt er auch ein verträgliches Tempo vor. Tel. 0 02 98/28 64 36, ab November 2016 im Netz unter hiking.fo.

Unterkunft
Hotel Gjáargarður: Das grasgedeckte Hotel Gjáargarður im Bilderbuchort Gjógv auf Eysturoy nennt sich »das charmanteste Hotel « der Färöer, und wahrscheinlich ist es das auch. DZ ab 945 DKK (126 Euro), gjaargardur.fo
Hotel Klaksvík: Von außen ist es keine Schönheit, aber die Zimmer im Hotel Klaksvík sind zweckmäßig eingerichtet und geräumig – eine gute Basis für Touren auf den Nordinseln. DZ 995 DKK (135 Euro), hotelklaksvik.fo
Zelten: Wild zelten darf man auf den Färöern nicht. Aber es gibt einige Campingplätze. Tipp: Beim Hotel Gjáargarður auf Eysturoy schlägt man sein Zelt für 200 DKK (27 Euro) pro Nacht auf. Dusche, Waschmaschine und Trockner vorhanden. gjaargardur.fo

Essen
In der Haupstadt Tórshavn serviert »Smakka« vegetarische Gerichte und guten Fisch (smakka.fo). In Klaksvík geht man ins prima »Café Friða«, Nólsoyar Pálls Gota 7.

 

Gunnar Homann - outdoor Redakteur
Foto: outdoor Archiv

Tipps von Autor Gunnar Homann

Heimablidni
Wer weder kochen noch in ein Restaurant gehen will, lädt sich für etwa 45 Euro in einen färingischen Haushalt zum Essen ein. Adressen und Telefonnummern finden sich auf visitfaroe islands.com – Suchbegriff »Heimablidni« eingeben.

Vogelinsel
Auf der acht Kilometer langen Insel Mykines leben dreizehn Leute und tausende von Vögeln, darunter auch viele Papageientaucher und eine Kolonie von Basstölpeln. Die Anreise per Fähre dauert eine Dreiviertelstunde – ob sie stattfindet, hängt vom Wetter ab, am besten die Fährgesellschaft anrufen, Tel. 0 02 98/34 30 30).

Von Dorf zu Dorf
Die beiden Küstendörfer Saksun und Tjørnuvík auf Stremoy gehören zu den schönsten der Färöer. Das Gute: Man kann sie zu einer Wanderung über den 520 Meter hohen Tjørnuvíksgarð verbinden (vier Stunden hin und zurück)

Mit Schafsaugen
Wie die Färöer aus Sicht eines Schafes aussehen? Einfach mal visitfaroeislands.com/sheepview360/ in den nächsten verfügbaren Browser eingeben.

23.11.2016
Autor: Gunnar Homann
© outdoor
Ausgabe 11/2016