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Auf Trekkingtour in Südnorwegen

Quer durch die Hardangervidda

Die Hardangervidda in Norwegen ist die größte Hochebene Europas. Sie zu durchqueren, kann ein raues Vergnügen sein – vor allem, wenn das Wetter nicht ganz mitspielt.


Holde wagt einen Blick aus dem Hüttenfenster. Das Wetter hat sich seit gestern nicht nennenswert verändert: Schneeregen treibt über die Hardangervidda, die mit 8000 Quadratkilometern größte Hochebene Europas. Der Schmuddel begleitet uns, seit wir vor zwei Tagen in Ustaoset aus dem Zug gestiegen und zu unserer auf sechs Tage angesetzten Wanderung aufgebrochen sind. Ob es wirklich eine gute Idee war, jetzt noch, mitten im September, loszuziehen?

Ende der achtziger Jahre habe ich die Hardangervidda von Süden nach Norden durchwandert. Seitdem hat mich das riesige Felsplateau mit seinen unzähligen kalten Seen, die auch im August zufrieren können, der kargen Vegetation und dem rauen Klima nicht mehr losgelassen. Man muss das Herbe mögen, um sich hier wohlzufühlen. Dieses Mal wollen wir von Ost nach West gehen; ich hoffe immer noch, Holde vom Zauber des Fjells überzeugen zu können, der oft in den kleinen Dingen liegt und in der allmählichen Veränderung der Landschaft. Etwas Sonne wie beim ersten Mal könnte da nicht schaden.

»Nützt ja nichts«, sagt Holde und reißt mich aus meinen Gedanken. Schneeflocken stieben uns entgegen, versuchen, sich am Gesicht vorbei in die zugezurrten Kapuzen zu mogeln. Es ist nass von oben und nass von unten, viel zu kalt und ungemütlich, um in der ungeschützten Landschaft den Kocher auszupacken und einen Körper und Psyche wärmenden Tee zu kochen. Der einzige Farbfleck im grau-grünen Einerlei sind die roten »T«, die der norwegische Wanderverein DNT, »Den Norske Turistforening«, an kleine Steinpyramiden malt. So sind in Norwegen 20?000 Kilometer Wanderweg markiert.

Aussicht auf warme Suppe

Sanfte, krautbewachsene Hügel prägen das Bild im Osten der Hardangervidda. Ihre Humus-Deckschicht saugt sich bei anhaltendem Regen wie ein Schwamm voll und gibt diese Nässe allzu gern wieder an Bergstiefel ab. »Erinnerst du dich noch an den ersten Abend?«, frage ich Holde zwischen zwei Böen. »Als die Hüttenwirtin von dem älteren Herrn erzählt hat, der einfach verschwunden ist?« Holde schaut mich mit leichtem Unbehagen an: »Glaubst du, der liegt jetzt in einem der Sümpfe hier?« Danach sprechen wir nicht mehr viel. Doch selbst bei Nebel besitzt das Fjell seinen unheimlichen Reiz. Man rüttelt an den eigenen Grenzen, wenn man gegen das Wetter ankämpft, lernt, sich an Details zu freuen, an der Aussicht auf eine warme Suppe zum Beispiel. Und bei jedem Stopp spürt man der Weite nach, lauscht dem Wind, fühlt sich einsam und ein bisschen verwegen.

Als im Schneegestöber die Rauhellern-Hütte auftaucht, ist der Plan, im Zelt zu schlafen, schnell vergessen. Zu verlockend ist die Aussicht auf ein Abendessen an einem wärmenden Holzofen, über dem die Klamotten trocknen. Die Hütte ist eine Selbstversorger-Unterkunft, für die man sich als DNT-Mitglied vor der Tour den Schlüssel holt. Innerhalb von Minuten brennt ein Feuer aus dem Holzvorrat im Ofen, dampfen der Eintopf in den Tellern und die nassen Socken über dem Herd.

Während der vergangenen neun Wegstunden haben wir den Begriff »Norweger-Stunden« kreiert, denn Entfernungen werden in den DNT-Karten zwar in Gehstunden angegeben, beziehen sich aber auf normale Witterung, den fjellgestählten norwegischen Wanderer und leichtes Gepäck. Wir hingegen haben typisch deutsch alles und mal wieder viel zu viel dabei, balancieren 30 Kilo schwere High-End-Backpacks auf dem Rücken und kämpfen mit dem aufgeweichten Boden, der uns immer wieder im Zickzack um Wasserlöcher schickt. Deswegen nehmen wir die angegebenen Stunden mal 1,5.

Magisches Licht

In unverändert ungemütlichem Wetter arbeiten wir uns stetig gen Nordwesten vor, verlassen die sanft geschwungenen Hügel und sehen das erste Mal blauen Himmel – die Wolken reißen auf. Sonnenstrahlen malen helle Flecken auf die weite Ebene, heben hier und da bunte Moose und Flechten hervor. Wolken huschen über die Fläche und malen Schatten auf Fels und Eis – ein Spiel aus Hell und Dunkel. Tümpel und Bäche glitzern plötzlich verführerisch, die ganze Ebene erstrahlt in magischem Licht. »Wahnsinn!«, sagt Holde ehrfürchtig. Doch eine halbe Stunde später hüllt uns wieder Niesel ein, nur im Geist schimmert das Licht noch nach.

Gegenverkehr ist hier draußen selten

Nur wenige Wanderer sind zu dieser Jahreszeit unterwegs. Viele bewirtschaftete Hütten haben jetzt geschlossen, die Jagdsaison hat begonnen. Einmal sehen wir am Horizont Männer mit geschulterten Gewehren und orangefarbenen Westen.

Am Hardanger Jökulen, dem Gletscher, der den Norden der Hardangervidda dominiert, steigt das Gelände an, wird felsiger und alpiner. Es ist noch kälter geworden, und wir freuen uns über jede Schicht der Funktionskleidung. Drei Stunden später sitzen wir in einer der drei Hütten von Kjeldebu und schauen entspannt in die Dämmerung hinaus.

Entlang der Gletscherzungen

Der Abschnitt von den Kjeldebu-Hütten nach Finse um den Hardanger Jökulen herum gehört zu den eindrucksvollsten Wanderstrecken Norwegens: Immer wieder öffnen sich Blicke auf die mächtigen Zungen des Gletschers, der 1862 Meter hoch aus dem grauen Fels und Geröll wächst. Bei diesem Wetter wollen wir auf der kürzeren Strecke gegen den Uhrzeigersinn wandern und dabei den Gletscher von Süden her östlich umgehen. Jetzt müssen wir das erste Mal auf dieser Tour unsere Hände zum Aufstieg nutzen, um die felsigen Trails Richtung Norden zu durchsteigen.

Im Schatten des Eismassivs baue ich das Zelt auf, während Holde das Gebiet fotografiert, in dem im Winter Expeditions-Teams bei minus 40 Grad ihre Ausrüstung einem harten letzten Test unterziehen. Zwei freundliche wettergegerbte Norweger mit Minimalgepäck kommen vorbei, ein bis in die Zehenspitzen motivierter Tscheche hält für einen Plausch, am Ende fachsimpeln wir mit dem vom Scheitel bis zur Sohle in Fjällräven gewandeten Tillmann aus Freiburg über Trails, Wetter und die gefriergetrockneten Eintöpfe. Um diese Jahreszeit scheinen nur die Trails rund um den Gletscher noch relativ gut besucht zu sein.

Am letzten Tag gewinnen wir weiter an Höhe, um dann über Schnee- und Geröllfelder das Finale nach Finse in Angriff zu nehmen. Eine gut gelaunte Dänin kommt uns allein wandernd entgegen und spricht uns Mut fürs letzte Stück zu. Drei Stunden, bevor man Finse erreicht, sieht man es in der Ferne schon im Modelleisenbahnmaßstab da liegen.

Auf den letzten Metern wird es dunkel. Wir sind froh, im Hotel »1222« anzukommen, duschen und laufen in Socken zum Abendessen. Die Beinmuskeln murren, Tage später wird Holde feststellen, dass sie sich beide großen Zehennägel blau gelaufen hat. Beim Essen sind die strapaziöse Witterung und die all­abendliche Erschöpfung noch präsent, aber schon jetzt malt die Erinnerung mit einem goldenen Pinsel ein faszinierendes Bild von der Weite und Stille des Fjells.

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Autor: Christoph Beyer

© Outdoor : Ausgabe 03/2009

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