Wandern im Tessin: Die 5 schönsten Frühjahrstouren

Saisonauftakt in der Schweiz: Wandern im Tessin

Im Frühling erfüllt der Klang der Wasserfälle und Wildbäche die engen Täler des Tessins. outdoor stellt die fünf schönsten Touren für einen Saisonauftakt in der Sonne vor.

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Fotostrecke: Schweiz: Frühlingstouren im Tessin

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Schweiz Tessin Frühlingstouren Foto: Ben Wiesenfarth
Schweiz Tessin Frühlingstouren Foto: Ben Wiesenfarth
Schweiz Tessin Frühlingstouren Foto: Ben Wiesenfarth

Der längste Eisenbahntunnel der Welt, die höchstgelegene Bahnstation Europas, gigantische Wasserkraftwerke, die Energie bis in die entlegensten Ecken liefern: Die Schweiz ist ein Paradies für Ingenieure und Fortschrittspropheten – eigentlich. Denn daneben gibt es dort eben auch Winkel wie das Tessiner Bavona-Tal, dessen Bewohner sich hartnäckig einem Stromanschluss verweigern. »Na und?« meint Guido Mafli, der Wirt der gemütlichen Grotto Bavona in Sonlerto, wenn man ihn darauf anspricht. Ob Tradition, Überzeugung oder einfach nur Trotz der Grund für die Verweigerungshaltung ist, kann er nicht sagen.

Seine Gartenwirtschaft versteckt sich in viel Grün und wird von einem Bächlein eingefasst, in dem sich Forellen tummeln. Ein verrostetes Blechschild an der schmalen Straße weist die wenigen Häuser als Dorf aus, und ein handgemaltes Bild mit Tessiner Leckereien darauf macht auf die Wirtschaft aufmerksam. »Seit 20 Jahren lebe ich hier oben, und mir fehlt es an nichts.« Der stämmige Wirtsmann wischt seine Hände an der Schürze ab und legt die Grillgabel auf den steinernen Gartentisch. Im Hintergrund weht eine Schweiz-Fahnen-Girlande aus Plastik im Wind und ein Radio jodelt italienische Volksmusik. Den Strom erzeugt ein Generator, gekocht wird mit Gas oder auf dem Holzgrill. Andere Talbewohner behelfen sich mit Solarzellen, kleinen Wasserturbinen oder setzen auf Kerzen oder Petroleum.

 

Schweiz Tessin Frühlingstouren
Foto: Ben Wiesenfarth Die Steindächer der Tessiner Rustici tragen sich durch ihr eigenes Gewicht.

Wandern im Bavona-Tal

Wer sich aufmacht und die Wanderwege rund um das Dorf erkundet, versteht den Willen der Bewohner, das Bavona-Tal so zu lassen, wie es ist. Hier zeigt sich, wie sehr Mensch und Natur verschmelzen können: Auf der rund zehn Kilometer langen Talsohle von San Carlo (938 m) bis Cavergno (465 m) zum Beispiel haben große Erdrutsche steile und steinige Kegel gebildet. Zahlreiche Felsblöcke liegen quer in dem Gletschertal verstreut und wurden oftmals direkt mit den typischen Tessiner Häusern – den Rustici – verbaut. Ein gut ausgeschilderter Talweg führt von Norden kommend von San Carlo durch Sonlerto. Südlich des Dorfes biegt er nach links auf eine kleine Wiese. Dort türmt sich ein über zehn Meter hoher Felsbrocken neben dem Weg auf, eine alte Steintreppe führt auf den vollkommen zugewucherten Stein.

Pittoresk geht es weiter: Über eine Holzbrücke gelangt der Wanderer über den Fluss Bavona. In den Sommer- und Herbstmonaten unscheinbar klein und harmlos, führt er nach der Schneeschmelze oft reißendes Wasser. Ein angenehm schattiger Wanderweg, teils von Steinmauern eingefasst, folgt seinem Lauf entlang der Dörfer Sèrta, Faèd und Rosèd nach Foroglio. Mit immer mächtiger werdendem Rauschen macht sich der Wasserfall gleich neben dem Dorf schon von weitem bemerkbar. Aus 80 Metern Höhe prasselt das Wasser auf einen Felsengrund, der von blühenden Wiesen gesäumt wird. Von dort zweigt ein Abstecher ins Val Calnègia.

Bis ins 16. Jahrhundert war das Bavona-Tal ganzjährig bewohnt. Dann wurden die Winter in dem über 900 Meter hoch gelegenen Seitental des Maggia-Tals immer strenger. Erdrutsche und Lawinen machten das Leben noch gefährlicher, als es in den Bergen ohnehin schon war. Heute lebt hier nur noch im Sommer jemand im Tal. Auch Guido kehrt seiner Gaststätte im Winter den Rücken. »Im Schnee ist es hier oben nicht so idyllisch, wie sich das die Touristen im Sommer vorstellen.« Manchmal bleibt Sonlerto wochenlang eingeschneit. Als Wintergrenze der Zivilisation, wenn man so möchte, gilt deshalb seit jeher der Ort Cavergno, wo sich Val Bavone und Maggia-Tal treffen. Übersetzt heißt Cavergno (Casa d‘inverno) so viel wie »Winterhäuser«.

 

Schweiz Tessin Frühlingstouren
Foto: Ben Wiesenfarth

Im Frühling verirren sich nur wenige Menschen in das kleine Seitental, an dessen Nordflanke steil die blanken Felsen in die Höhe schießen. In ihrem Schatten geht es auf verwunschenen Wegen zur kleinen Siedlung Puntid, wo sich der Fiume Calnègia tosend hinabstürzt. Über das Geröll seines Bachbettes erreicht man die Alm Gerra (1045 m). Die direkt an die Felsen gebauten Hütten sind Musterbeispiele der Tessiner Rustico-Kultur. Harmonisch fügen sich die Häuser mit den charakteristischen Steindächern in die Landschaft ein, als seien sie ebenso natürlich entstanden wie der glasklare Bach und die glatt geschliffenen Felsen.


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22.03.2011
Autor: Uta Leidenberger
© outdoor
Ausgabe 03/2011