Einsteiger-Hochtour am Piz Morteratsch

Kühl und abweisend wirken die Eispaläste der Bernina. Doch auf einer Besteigung des Piz Morteratsch rückt ihre kristallene Schönheit auch für Hochgebirgsneulinge ganz nah. Alles, was man braucht, ist etwas Kondition und einen Guide.


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Zweifellos wäre er in jeder anderen Berggruppe der Star, Blickfang und Kulminationspunkt: der Piz Morteratsch, eine 3751 Meter hohe, eisbedeckte Pyramide in der Bernina-Gruppe im Oberengadin. Doch hier gelten andere Maßstäbe. »Festsaal der Alpen« nannte einst Führerautor Walther Flaig die Bernina, als »Silberschloss über dem Engadin« ist es mit Luis Trenker in die Filmgeschichte eingegangen. So fällt der Piz Morteratsch unter all den Bergdiven kaum auf, seine prominenten Nachbarn stehlen ihm schlichtweg die Schau. Da wäre zum Beispiel der Piz Bernina, der einzige Viertausender der Ostalpen, ein eisgepanzerter Koloss, dessen Nordgrat – der so genannte Bianco-Grat – als schönster Eisgrat in den Alpen gilt. Wie eine kristallene Himmelsleiter zieht er sich zum Piz Alv, der mit Eis überkrustete Vorgipfel des Piz Bernina. Oder der Piz Palü, jener scheinbar auf drei Säulen getragene Eisdom, ein perfekter Berg, dessen Architektur von einer geradezu unnatürlichen Harmonie zeugt. Schon vom Tal aus wird beim Anblick der Berge das Herz weit, doch wer die Berninagruppe auf Augenhöhe betrachten will, muss auf den Morteratsch. Er ist der beste Aussichtsgipfel weit und breit und dabei relativ leicht zu besteigen: Mit etwas Kondition und einem Guide kommen auch Bergwanderer ohne Hochtourenerfahrung in seinen Genuss.
Schon der Start begeistert. Kaum an der Station Morteratsch der Bahn entstiegen, wandert man in eine Traumlandschaft. Uralte Zirbenbäume, blühende Bergblumen und haushohe rotbraune Granitklötze, das alles vor der Kulisse der Gletscherwelt – ein Auftakt ohnegleichen. So erreicht man die Boval-Hütte auf 2495 Meter, den eigentlichen Startpunkt der Morteratsch-Besteigung. Bei einem kühlen Bier mit Blick auf die eisigen Pfeiler von Palü und Bellavista lässt man den Tag auf der Hüttenterrasse ausklingen. Was der nächste Tag wohl bringen wird? Früh ruft der Wecker zum Aufbruch, der Ernst des Hochgebirges beginnt. Denn auch wenn der Weg markiert ist – Schotter, Schnee oder einfach nur der nackte Fels bestimmen den Untergrund; rund vier Stunden heißt es konzentriert stehen, treten, Gleichgewicht halten und gelegentlich auch die Hände einzusetzen. Dann erst ist die Fuorcla Boval auf 3347 Metern erreicht, ein Pass, dessen Panorama bereits die große Schau vom Gipfel andeutet. Andeutet! Wer jetzt umdreht oder zur Tschierva-Hütte absteigt, verpasst das Beste. Voller Ungeduld legt man daher den Gurt an, schnallt die Steigeisen unter die Schuhe steigt auf den Tschierva-Gletscher und in die vereiste Nordflanke des Piz Morteratsch. Spannung liegt in der Luft, denn unterhalb der Schneeoberfläche lauert die größte Gefahr des Hochtourengehens: Gletscherspalten. Selbst, wenn man noch nicht erlebt hat, wie plötzlich der Boden unter einem nachgibt, eine gewisse Urangst vor den lauernden blauen Mäulern befällt jeden. Aber dann geht es dem Gipfel entgegen, immer kleiner wird der verbleibende Restberg, und irgendwann gibt es nichts mehr, wo man noch hinaufsteigen könnte. Die Sicht weitet sich zu einem 360-Grad-Panorama, und was für eines: Von den bleichen Felsenburgen des Rätikons über das Massiv des Ortlers bis zu den Granitgipfeln des Bergell reicht die Schau. Aber all das sieht man erst auf den zweiten Blick, denn in der unmittelbaren Nachbarschaft dominieren die gleißenden Eisdome. Die elegant schlängelnde Himmelsleiter des Bianco-Grats streckt sich dem Gipfelturm des Piz Bernina entgegen. Sie erscheint geradezu mit der Hand greifbar, fast glaubt man, ein winziger Schritt würde reichen, um an seinem Fuß zu stehen. Die drei Riesenpfeiler des Piz Palü streben parallel in den Himmel. Mächtige Eisbalkone bestimmen überall das Bild, es glitzert und glänzt das ewige Eis. Und auch, wenn sich der Himmel noch über einem wölbt, man fühlt sich dem kalten, unendlichen Weltraum schon ein Stückchen näher.
Die schönsten Stimmungen vom Piz Morteratsch erlebt man entweder bei Sonnenauf- oder
-untergang. Zu diesen Stunden erscheint der Bianco-Grat wie mit einem Messer aus dem Eis geschnitten. Es bleibt Zeit für die Aussicht, denn der Abstieg vom Piz Morteratsch geht relativ schnell und fällt leicht. Rund drei Stunden Tageslicht reichen für den Weg zur Tschierva-Hütte. So kann man, sofern Zeit und Wetter es zulassen, Stunden am Gipfel verbringen, ohne wirklich in Hektik zu geraten. Später dann, nach so einem Gipfelwochenende wieder zu Hause im Sessel sitzend, wird man das Gefühl haben, Monate des Glücks in sich zu tragen. Nur die kribbelnden Waden erinnern daran, dass es zwischendurch auch mal anstrengend war. Aber das ist fix vergessen, was bleibt, sind andere, größere Einsichten.

© Outdoor : Ausgabe 06/2006

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