Appenzellerland in der Schweiz: Wanderungen am Säntis

Bergwandern im Appenzellerland

Vielfalt auf kleinstem Raum bietet das Alpstein-Massiv in der Schweiz. Die Region um den Säntis eignet sich ideal für einen Kurzurlaub.

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Saentis Appenzeller Land
Foto: www.swiss-image.ch

Morgen wandern wir auf den Säntis«, sagt David zu Leonie an einem späten Freitagabend. Die Arbeitswoche war lang, der Stresspegel hoch, der Körper schreit nach Belohnung, Entspannung, Abwechslung. Raus aus der Hektik des Alltags, hinein in die Atmosphäre der Berge. Die Entscheidung für ein Wochenende im Appenzeller Land, im Alpstein-Massiv, war für die beiden Stuttgarter eine naheliegende. Mit dem Auto sind sie in knapp drei Stunden am Säntis. »Da kann man ja fast schon Naherholungsgebiet sagen«, scherzt David, als sie Samstag gegen Mittag kurz vor St. Gallen rechts in Richtung Urnäsch abbiegen.

Je weiter man sich dem Säntis nähert, umso kleiner werden die Dörfer, umso saftiger die Weiden. Wer an Appenzell denkt, dem fällt automatisch auch der aromatische Käse ein, der von hier stammt. Wenn man sich die Landschaft anschaut, kommt Neid auf – auf die Kühe. Sie leben im Paradies.
Aber auch für Wanderer offenbart das Alpstein-Massiv eine unglaubliche Vielfalt: schöne Spaziergänge im Tal oder anspruchsvolle Bergwanderungen – die Möglichkeiten sind fast grenzenlos. Man muss sie nur entdecken. Die Chancen dafür stehen sehr gut. Denn das Alpstein-Massiv ist eine eigene, vor allem aber überschaubare Welt: Gerade mal zehn Kilometer misst es in der Länge. Noch dazu ist das Wegenetz gut erschlossen.

Leonie und David wollen bei ihrem Kurztrip hoch hinaus. Ihr Ziel: der Säntis-Gipfel, mit 2502 Metern der höchste Berg des Alpsteins, der dem Säntis nördlich vorgelagert liegt. Dadurch wirkt er noch mächtiger. Von oben blickt man nicht nur in sechs Länder (Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien, Liechtenstein und Frankreich), auch der Säntis selbst fällt auf. Sogar im Schwarzwald gibt es Häuser mit dem Namen Säntisblick.

 

Saentis Appenzeller Land
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Aufstieg auf den Säntis

Der Alpstein bietet viel - von der Wohlfühl-Wanderung bis zum alpinen Abenteuer.
Ausgangspunkt für den Aufstieg ist die Schwägalp, von der aus auch die Säntisbahn in Richtung Gipfel schwebt. Auf dem Parkplatz ahnt man allerdings nur, wohin die Seile der Bahn zielen: Der Säntis präsentiert sich im Hochnebelkleid – ein mystischer Anblick. Die beiden Stuttgarter haben sich für den klassischen und kürzesten Aufstieg entschieden: den Säntisweg. Bis zur Musfalle führt der Weg über Alpgelände und geht dann in eine Felslandschaft über. Der Pfad windet sich nach oben, Drahtseile und Tritte erleichtern hier und da den Aufstieg.

Zu einer Pause animiert normalerweise der Tiefblick auf die Schwägalp sowie ins Toggenburg. Doch heute verschleiert der Nebel die Sicht. »Aber darüber wird es gigantisch werden«, sagt David. Bis in 1800 Meter Höhe reicht der Hochnebel, nicht unüblich im Spätsommer oder Herbst. Doch der Säntis lockt zu jeder Jahreszeit Touristen an; die meisten nehmen die Säntis-Schwebebahn. Im Rekordjahr 2000 nutzten mehr als eine halbe Million Passagiere die Bahn, die seit dem 31. Juli 1935 den Gipfel für jeden zugänglich macht. Die Geschichte des hiesigen Bergtourismus geht aber noch weiter zurück.

Es war der Appenzeller Johann Jakob Dörig, der 1846 an der Stelle des heutigen »Alten Säntis« eine einfache Bretterbude errichtete, der er den klangvollen Namen »Grand Hôtel Thörig« gab. Schon damals kamen an einem schönen Sonntag hunderte Bergwanderer. Heute ist es ein Vielfaches. Und häufig trifft man Seilbahntouristen in Sandalen und Bermudashorts auch auf den alpinen Wegstrecken – trotz Warnhinweisen. So sucht jeder sein eigenes, wenn auch unvernünftiges Abenteuer.

 

Saentis Appenzeller Land
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Auf die Tierwis-Hütte im Appenzeller Land

Leonie und David suchen die Ruhe. Kein Problem: Sie treffen kaum andere Bergwanderer unterwegs, denn der Nebel hat viele abgehalten. Schritt für Schritt durchbrechen sie das Grau, bis sie schließlich über der Decke stehen. Wattegleich dehnen sich Schwaden, treiben Fetzen dahin, alles in gleißendem Sonnenlicht. Endlich Weite nach der Enge des Alltags, so hoch oben ist plötzlich Raum zum Durchatmen. »Allein dafür hat sich der Weg gelohnt«, sagt Leonie.

Nach zwei Stunden erreichen die beiden das traditionsreiche Berggasthaus Tierwis mit den rot-weißen Fensterläden. Bei einem »Milechkafi im Beckeli«, einem Milchkaffee in einer kleinen Schale, lassen sie ihren Blick über die Gipfel schweifen, die aussehen wie auf Watte gebettete Tobleronestücke. Auf und ab steigen die Wolken, lassen fast Tiefblicke zu, verdichten sich wieder – ein endloses Spiel aus Licht, Nebel und Bergspitzen.

Die Tierwis-Hütte liegt genau auf dem Sattel zwischen dem Grau- und dem Grenzchopf. So hat man nach Norden bei gutem Wetter einen Blick bis nach Süddeutschland, auf der anderen Seite grüßen viele Alpengipfel - zum Beispiel solche Promis wie Piz Bernina und Piz Palü. Kurios wird die Lage des Berggasthauses aus geographischer Sicht: die Kantonsgrenze von Ausserrhoden und St. Gallen verläuft genau mitten hindurch. Da die Küche aber auf dem Gemeindegebiet von Wildhaus liegt, gilt die Tierwis-Hütte offiziell als eine St. Gallener Bergwirtschaft.

Über den Wolken haben David und Leonie den Stress der letzten Tage vergessen: Abendessen in der Hütte, romantischer Sonnenuntergang auf den Felsen oberhalb des Gasthauses. Leonie wirkt entspannt. »So tief und gut habe ich lange nicht geschlafen«, sagt sie. Zum Säntis brauchen sie jetzt nicht mehr lange, eine gute Stunde noch führt sie der Weg nach oben. Über den Girensattel, vorbei an der Blauschnee-Lücke und über die Felsentreppe »Himmelsleiter« auf den Gipfel.

Heute, ganz ohne Nebel, sieht man den Bodensee und die faltigen Hauptkämme des Alpsteins, die sich über die Jahrmillionen immer enger aneinander geschoben haben. Fälensee, Seealpsee und Sämtisersee liegen idyllisch zwischen den Ausläufern des Säntis. Eine Wanderung führt an allen drei Seen vorbei und zeigt das weniger alpine Gesicht des Alpsteins: weite Almwiesen, weidende Kühe, farbenprächtige Blumen, duftende Kräuter. Doch diese Seite heben sich David und Leonie für das nächste Mal auf. Heute suchen sie lieber noch ein wenig Abenteuer und steigen über den Lisengrat in Richtung des Altmanns ab, des kleinen Bruders des Säntis (2435 Meter). Schwierige Passagen sind mit Drahtseilen gesichert, hier und da sorgen Eisentritte für zusätzliche Sicherheit.

Der leise Nervenkitzel geht auf Kosten eines Einblicks in das Älplerleben, denn für einen möglichen Abstieg zum kleinen Sennendörflein Meglisalp bleibt David und Leonie keine Zeit mehr, leider. Doch der Rotsteinpass bietet einen herrlichen Blick auf das Idyll, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Von Juli bis August leben auf der Alp 200 Kühe, 50 Sauen und zwei Pferde. Die beiden Stuttgarter stärken sich im Berggasthaus Rotsteinpass mit einer Gerstensuppe für den Rückweg. Sie müssen rasch aufbrechen, weil die letzte Bahn zur Schwäg­alp sie um 18.30 Uhr wieder ein Stück zurück in den Alltag bringt, allerdings erholt und mit der Gewissheit, dass es am nahen Säntis auch künftig noch genug zu entdecken gibt.


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