La Gomera: Wandern auf der Kanareninsel

Die schönsten Wanderungen auf La Gomera


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Foto: Gerhard Eisenschink

 

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La Gomera ist ein Eldorado für abenteuerlustige Wanderer. Hier finden Sie alle Informationen für einen Wanderurlaub auf der Kanaren-Insel. Und die fünf schönsten Wandertouren auf La Gomera.

Die Sicht reicht nur wenige Meter. Im Nebel zeichnen sich krakenartige Gebilde wie Scherenschnitte ab. Man könnte annehmen, wir befänden uns auf hoher See – beäugt von Riesenkalmaren, die mit ihren Fangarmen nach uns greifen. Doch wir streifen durch den Nationalpark Garajonay – einen grünen Dschungel, der gespickt ist mit knorrigen Baumgestalten. Hier, in der Wolkenzone La Gomeras, entlädt der Nordostpassat mitunter seine feuchte Fracht und hüllt den Waldbestand, der gut elf Prozent der Insel einnimmt, in dichten Nebel. Auf 1065 Metern Höhe, am Raso de la Bruma, durchqueren wir im Nordwesten von La Gomera den sogenannten Zauberwald. Mit Bartflechten behangene Lorbeerbäume bauen sich am Wegesrand auf. Mal trifft der Blick auf hüfthohe Farne, mal auf Heidekrautgewächse, die sich auf La Gomera zu zwanzig Meter hohen Baumungetümen entwickeln.

In dieser Urzeitkulisse wäre keiner von uns überrascht, um die nächste Ecke einem Dinosaurier zu begegnen. Doch die Fauna des Nationalparks beschränkt sich auf kleinere Tiere: »Fledermäuse, Buchfinken und Lorbeertauben«,nennt Susanne Braack, mein Guide auf dieser Tour, einige Beispiele. Doch sie kennt auch La Gomeras Meeresbewohner. Direkt vor der Küste ziehen Große Tümmler und Pilotwale ihrer Wege, hier und da werden Schwert-, Pott- und Finnwale gesichtet, ja sogar der bis zu 30 Meter lange Blauwal zieht gelegentlich an den Kanarischen Inseln vorbei. Über Wurzeln und glitschige Steine steigen wir zu einem Aussichtspunkt hinab und blicken auf eine grau schattierte Nebelwand. Während wir inmitten der Passatwolken im Schummerlicht stehen, beschreibt Susanne ihr Leben auf La Gomera in leuchtenden Farben.

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Rund um La Gomera

Nach ihrem ersten Kontakt mit Pilotwalen vor rund 20 Jahren ist sie auf die Insel ausgewandert, forscht, hält Lehrvorträge und setzt sich gemeinsam mit Meeresbiologen und dem Verein M.E.E.R. für den Schutz der Meeressäuger vor den Küsten der Kanarischen Inseln ein. Als die Nebelwand völlig unvermittelt aufreißt, trifft der Blick auf den tiefblauen Atlantik, grüne Schluchten und weiße, wie zufällig in die Landschaft gewürfelte Häuschen – bei Sonne präsentiert sich der nördliche Teil der Insel um Vallehermoso in seiner ganzen Pracht. Irgendwo dort unten verläuft der erst kürzlich offiziell fertig gestellte Weitwanderweg GR 132, auf dem man La Gomera in acht Tagesetappen komplett umrunden kann. Zusammengesetzt aus vielen alten Wegen, seit 2015 neu vernetzt, beschildert und markiert, soll die rund 130 Kilometer lange Route der mit Wanderwegen ohnehin schon gut bestückten Insel eine neue Qualität verleihen.

Einmal rundherum – so einfach konnten das bislang nur Wale, Delfine und Co. Susanne begleitet mich auf meiner insgesamt siebenstündigen Tour bis in das Örtchen Las Hayas, wo sich unsere Wege trennen. Morgen werden wir uns zu einer meeresbiologischen Bootstour wiedersehen. Doch heute will ich die Insel weiter zu Fuß erkunden – mein Weg soll mich vom Nebelwald in den Höhenlagen bis hinunter zur Westküste führen. In Las Hayas wende ich mich aber zunächst Richtung Süden und folge dem GR 131. Er zwirbelt sich eine Weile am Hang entlang und führt dann über Steine und Felstreppen steil hinauf nach El Cercado. Von dort geht es im kontinuierlichen Auf und Ab weiter nach Chipude – ein unscheinbares Dorf mit ehemals großer Bedeutung am Fuß des Tafelberges Fortaleza (1243 m).

 

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La Gomera: Ein Paradies für Wanderfreunde

Zu Zeiten der Ureinwohner der Insel La Gomera – der Guanchen – lag bei Chipude einer der Siedlungsschwerpunkte und das unzugängliche Hochplateau der Fortaleza diente als Rückzugsgebiet, als die Spanier die Insel im 15. Jahrhundert eroberten. Schon auf dem Weg dorthin wird mir klar, dass diese Eroberung kein leichtes Unterfangen gewesen sein kann. Zunächst idyllisch mit Terrassenfeldern verziert, auf denen Dattelpalmen, Weinreben und Feigenoppuntien wachsen, präsentiert sich die Landschaft hinter Las Hayas zunehmend wilder, steiler und felsiger. Eidechsen huschen über den Pfad, der sich bergab an einer schwindelerregenden Schlucht entlangschlängelt: dem Valle Gran Rey. Wie ein gewaltiges Amphitheater breitet sich der steil abfallende Talkessel nach Südwesten hin vor mir aus, durchzogen mit einem Netz uralter Pfade. Vorerst bleibe ich aber oben. Auch der rot-weiß markierte GR 131, dem ich gerade ein Stückchen folge, ist nicht neu, wurde aber in den letzten drei Jahren neu beschildert, teilweise von Bewuchs freigeschlagen und an einigen Stellen zusätzlich gesichert. Insgesamt rund 40 Kilometer lang, führt er von der Ostküste in drei Etappen über die Höhenrücken der Insel und lässt sich mit dem Küsten-Rundwanderweg GR 132 prima kombinieren.

Die Markierung ist top, die Beschilderung fast schon überfürsorglich, denn sie zeigt mir nicht nur präzise Richtung und Entfernung an, sondern weist mich mit Großbuchstaben und rot umrandeten Warnschildern auf mögliche Gefahren wie Steinschlag und nahende Verkehrsstraßen hin. Eigentlich kaum zu glauben, dass hier so viele lange Wanderwege Platz finden, denn mit einem Durchmesser von nur etwas über 20 Kilometern ist La Gomera die zweitkleinste der Kanarischen Inseln. Doch die vielen tief eingeschnittenen Schluchten, die von dem bis zu 1487 Meter hohen Inselinneren zur Küste hin abfallen, machen das Eiland zu einem Tummelplatz für Wanderer – auch für solche, die nur Tagestouren planen. Im grünen Norden beispielsweise, dort, wo der Atlantik an die Küste brandet, lockt das schönste Dorf der Insel: Agulo. Im Hinterland sprießen Bananenstauden und tropische Obstbäume in Schluchten, die zu Fuß meist nur mit Schwindelfreiheit und Trittsicherheit zu bewältigen sind. Ein weiteres Muss sind die mystisch anmutenden Felsformationen »Los Roques« im Zentrum La Gomeras, die von den Ureinwohnern der Insel kultisch verehrt wurden. Besonders schön: der Weg vom wie ein Zuckerhut aufragenden Roque de Agando in Richtung Süden, der auch das für seine Vielfalt gerühmte Naturreservat Benchijigua streift. Eins steht fest: Langweilig wird es auf dieser kontrastreichen Insel sicher nicht. Für Abwechslung sorgt auch das Wetter. Als ich auf dem Kirchplatz von Chipude einen Kaffee zu mir nehme, strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel, und ich kann den aus dem Hochplateau emporragenden Tafelberg Fortaleza ausgiebig betrachten. Kurze Zeit später steige ich in eine Schlucht hinab und stehe unvermittelt in dichtem Nebel.

La Gomera: Wechselhaftes Atlantikwetter

Oberhalb von 600 Metern müssen Wanderer immer mit abrupten Wetteränderungen rechnen. Mal schleicht sich eine Wolke heran, mal fegt ein unvermutet kalter Wind um die Ecke. Die Schlucht, in die ich steige, weitet sich, gibt den Blick auf eine Seitenschlucht frei, macht eine Biegung und teilt sich hinter La Matanza in zwei Schluchten auf, die immer tiefer, breiter und wilder werden. Und als ich bei dem Kirchlein von Guadelupe von der einen in die andere Schlucht gewechselt habe und am felsigen Hang emporgewandert bin, öffnet sich unvermittelt der Blick in den Talgrund einer dritten, die noch größer, wilder und felsiger als die vorherigen ist: das Valle Gran Rey. Wie bei einer ineinander schachtelbaren russischen Puppe tun sich im Inneren dieser Insel Schluchten um Schluchten um Schluchten auf. Noch gut eineinhalb Stunden und 650 Höhenmeter fehlen bis zum Ende der Tour in La Calera. Küste und Atlantik rücken schon in Sicht. Wenn man bedenkt, dass der unter dem Meeresspiegel verborgene Teil der Insel 4000 Meter in die Tiefe reicht, ist davon auszugehen, dass es auch bei der morgigen meeresbiologischen Bootstour einiges zu entdecken geben wird.

Reisetipps für Ihren La Gomera Wanderurlaub

Hinkommen
Es gibt keine Direktflüge von Deutschland nach La Gomera. Man fliegt über Teneriffa,beispielsweise mit Condor ab 170 Euro, von Teneriffa weiter mit der spanischen Regionalfluggesellschaft Binter Canarias (bintercanarias.com) nach Playa de Santiago im Süden von La Gomera. Alternativ mit der Fähre ab dem Hafen in Los Cristianos auf Teneriffa nach San Sebastián de La Gomera. Die Fährgesellschaft Fred Olsen (fred olsen.es) fährt Express in 40 Minuten nach La Gomera (ab 34 Euro einfach), Naviera Armas (navieraarmas.com) braucht eine Stunde (32 Euro), verursacht den Meeresbewohnern aber weniger Stress.

Herumkommen
Am flexibelsten ist man mit dem Mietwagen, ab 11,50 Euro pro Tag. autospluscar-lagomera.com

Beste Zeit
Oktober bis Juni. Beim Packen bedenken: In den Bergen wird es im Winter auch mal kalt und feucht.

Organisierte Touren
Eine Kombination aus Wander- und Meerestouren bietet der Veranstalter Oceano Gomera an (man spricht u.a. Deutsch). Zum Programm gehören Felswatt- und Küstenführungen mit einem Meeresbiologen. oceano-whalewatching.com

Karte & Literatur
Kompass-Wanderkarte Nr. 231 »La Gomera«, Maßstab 1:30000, 8,95 Euro. Der Rother Wanderführer »La Gomera« beschreibt 63 Touren, dazu gibt es Kartenausschnitte im Maßstab 1:50000 und GPS-Tracks zum Herunterladen, 14,90 Euro.

Informieren
Allgemeine Reiseinformationen geben die offizielle Tourismusseite von La Gomera, lagomera.travel, und das Spanischen Fremdenverkehrsamt spain.info.

Unterkünfte auf La Gomera

Mini-Hotel
Das familiär geführte Hotel Jardín Concha im malerischen Ort La Calera (Valle Gran Rey) verfügt über acht Zimmer, zum Teil mit typisch kanarischen Holzbalkonen. Zum Frühstück gibt es jede Menge selbst gezogene Bio-Früchte. Neben den Hotelzimmern stehen vier Pensionszimmer und drei Apartments zur Verfügung – außerdem ein restauriertes Landhaus im typisch kanarischen Baustil für zwei bis vier Personen im nahe gelegenen Dorf Vizcaína. hotelconcha.net, Tel. 00 34/6 20 95 75 46.

Zelten
Einer von nur zwei Orten, an denen Zelten erlaubt ist: Camping la Vista im Weiler El Cedro mitten im Lorbeerwald. Neben Stellplätzen für Zelte gibt es auch Zimmer zu mieten. camping-lavista.jimdo.com

Turismo Rural
Fünf typische kanarische Landhäuser sowie drei Zimmer stehen im Jardín Las Hayas zur Verfügung. Das Bergdorf Las Hayas liegt direkt am Nationalpark Garajonay. efigenianatural.com, Tel. 00 34/6 59 80 74 58.

Essen & Trinken auf der Kanareninsel

La Montaña
Die vegetarischen Menüs von Efigenia haben Kult-Status. Für zehn Euro serviert sie in ihrem Restaurant La Montaña typische kanarische Leckereien wie Almogrote (mit Öl, Paprika, Tomate und Knoblauch vermischter Ziegenkäse), Gofio (Brei aus geröstetem Getreidemehl) mit Gemüse und Salat sowie eine mit Palmhonig verfeinerte Nachspeisenkreation. Adresse: Carretera General, Las Hayas, casaefigenia.com

Spätes Frühstück
Das Valle Gran Rey ist das berühmteste Tal von La Gomera. In der gleichnamigen Ortschaft, im Hafenviertel Vueltas, findet sich das »Bistro«. Das köstliche Frühstück – zum Beispiel »El Guanche« mit Palmhonig und Ziegenkäse – gibt es bis 13 Uhr 30. Außerdem Crêpes sowie eine große Auswahl an Kaffeesorten. cafederanderenart.de

Tipps von Autorin Sylvia Lischer

Hirtensprung
Die Ureinwohner der Kanaren - die Guanchen - bewegten sich im Gebirge mittels langer Holzstäbe fort. Die Kunst des Hirtensprungs »Salto del pastor«) wird noch heute ausgeübt und kann – je nach Geschick – in gut zwei Stunden erlernt werden. Für Fortgeschrittene gibt es geführte Touren (gomeraactiva.com).

Wildkräuter
Auf La Gomera wächst eine Fülle heilkräftiger Wildpflanzen. Im Nationalpark Garajonay finden dazu jeden Freitag Exkursionen durch den Lorbeerwald statt – Info unter reservas parquesnacionales.es. Außerdem bieten die Veranstalter Ökotours (oeko-tours.com) und Timah (timah.net) geführte Kräutertouren im Park an.

Energy Food
Bio-Bauer Pedro Chinea verkauft Obst und Gemüse aus biologischem Anbau. In seinem Hofladen finden sich vitamin - und mineralstoffreiche Bio-Snacks für unterwegs. Wer mag, kann sich die Plantage ansehen, die von gerade mal zwei Leuten bewirtschaftet wird. Finca Ecologica Lomo del Riego, neben dem Busbahnhof in La Calera.

17.03.2017
Autor: Sylvia Lischer
© outdoor
Ausgabe 02/2017