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Aneto
Das Maladeta-Massiv bezaubert durch einsame Bergwelt und lockt mit dem höchsten Gipfel der Pyrenäen: dem Aneto. Eine Gletschertour, optimal für Einsteiger. – Wenn das Wetter mitspielt ...
Piep – piep – piep. Vier rote Digitalziffern blinken im Dunkeln: 0 5 0 0. »Na endlich,« grummelt Frank erlöst und schaltet die Stirnlampe ein. Die Zornesfalten auf seiner Stirn lassen vermuten, dass er nicht viel geschlafen hat. Schuldbewusst schaue ich ihn an. Doch der Grund für seinen Unmut, ein dicker Spanier, schnarcht zwei Plätze weiter.
Fünf Minuten später herrscht im engen Schlafraum des Refugio de la Renclusa Aufbruchstimmung. Plastiktüten rascheln, Steigeisen klappern, Karabiner von Klettersteigsets klimpern: Zwölf Frauen und Männer packen das Tagesgepäck für den Aneto, mit 3404 Metern der höchste Berg der Pyrenäen. Für viele ist es die erste 3000er-Besteigung, für einige zugleich die erste Gletscherüberquerung.
Und draußen regnet es in Strömen – Anfängerpech. Unter dem Vordach der Hütte warten wir darauf, dass es aufhört. Doch um sechs regnet es immer noch.
»Wir gehen trotzdem bis zum Portillon-Pass hoch, vielleicht wird das Wetter ja besser«, entscheidet Josep, der Bergführer. Sein Freund Lambert ist auch Bergführer. Er steht etwas abseits, schaut himmelwärts und wirkt weit weniger optimistisch. Der Spanier zischt etwas in die Dunkelheit. Ich verstehe ihn nicht, aber um ein Morgengebet handelt es sich bestimmt nicht.
Dabei hat das Wetter an den letzten beiden Tagen perfekt mitgespielt und uns noch im September mit T-Shirt-Temperaturen und Panoramablicken verwöhnt. Aus der Traum – Regenjacken an. Im Dunkeln stapfen wir die 700 Höhenmeter zum Pass hoch. Alles, was man erkennen kann, ist unsere Lichterkette aus Stirnlampen, die sich wie eine Schlange den Berg hinauf windet. Zwei Stunden geht es so im Gänsemarsch aufwärts, bis wir an einem großen Felsblock Pause machen.
»Das ist der Roca del Marqués«, erklärt Josep. Der Fels sei nach einem Markgrafen benannt, der bei seinen Anetobesteigungen hier immer Rast gemacht habe. »Aber wahrscheinlich bei besserem Wetter!«, meint Frank. Der bürstenköpfige Sachse hat seinen Rucksack schon wieder geschultert und schaut bergauf. Der Regen wird stärker, auch Lambert drängt zum Weitergehen. Sein Höhenmesser zeigt 2700 Meter. Noch 150 Höhenmeter bis zum Pass. Mittlerweile erlaubt die einbrechende Dämmerung einen Blick auf das Wetter: Tief hängen die Wolken unter uns im Benás-Tal, der Himmel über uns sieht nicht besser aus.
Irgendwie hat sich in den letzten beiden Stunden die naive Vorstellung in mir festgesetzt, oben am Pass werde der Nebel verschwinden, und der Aneto-Gletscher liege dann im gleißenden Sonnenlicht vor uns. So wie wir ihn vorgestern sahen, vom Gipfel des gegenüberliegenden Tuca de Salbaguardia aus. Bei schönstem Wetter waren wir aufgestiegen und konnten von dort das gesamte Maladeta-Massiv überblicken: Pico Sayó, Pico de la Maladeta, Pico de Coronas und Pico de Aneto, darunter die beiden Gletscher Glaciar de la Maladeta und Glaciar de Aneto. Über uns nichts als blauer Himmel, unter uns kreisten die Adler.
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09.08.2004
© Outdoor Ausgabe 07/2004
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