Inselhopping vor Irlands Westküste

Irlands Westküste - Inselparadies für Wanderer

Foto: Jens Klatt Irland Westküste

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Fast schon unwirklich schön: Die kleinen Inseln vor der irischen Westküste halten ungeahnte Schätze für Entdecker bereit. Wir waren an der Westküste Irlands unterwegs - Wandern und Inselhopping!

Die »Queen of Pirates« öffnet das Bugtor und entlässt einen Schwung Passagiere auf den Kai von Clare Island. Ein paar Tagesausflügler, eine Hand voll Insulaner mit ihren Einkäufen. Rebecca Moran hat gleich neben dem Schiff geparkt und begrüßt ihre Gäste. Dass die drei Deutschen eine Fähre früher als verabredet ankommen würden, wusste die junge Frau bereits, das Buschtelefon funktioniert gut auf der kleinen Insel, die mit kaum sieben Kilometer Länge ungefähr drei Meilen vor der Küste des Countys Clare liegt. Rebecca beginnt ihre Inselführung gleich an Ort und Stelle. »Das war der Stammsitz von Grace O‘Melly, der Piratenkönigin«, sagt sie und deutet auf einen alten Turm nur einen Steinwurf vom Hafen. Weiter liegt in Irland eine interessante Geschichte selten entfernt.

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Wer richtig wandern will, muss auf den Knockmore

Grace O’Melly, in irischen Liedern auch Granuaile, die Kahlköpfige genannt, wurde 1530 auf Clare als Tochter eines Clanchefs geboren, lernte die Seefahrt von der Pike auf. Sie fuhr später äußerst erfolgreich auf Raubzüge, eroberte viele Burgen, ließ neue bauen und wurde so in Irland zum Machtfaktor. Unweigerlich geriet sie in Konflikt mit einer anderen großen Frau ihrer Zeit. Königin Elisabeth I. von England, die damals die Kolonialisierung Irlands vorantrieb, setzte ein Lösegeld auf sie aus. O‘Melly kam nach einem Gefecht in Gefangenschaft, konnte sich aber befreien. Nach einer Audienz bei der Queen durfte sie ihre Kaperfahrten fortsetzen – unter englischer Flagge. Als Rebecca mit der Geschichte der Piratenkönigin zu Ende ist, hat sie längst die paar Häuser am Hafen hinter sich gelassen und fährt einmal um die Kuppe des Knocknaveen, eine von zwei Erhebungen auf der Insel.

»Ein schöner Spaziergang für Leute mit wenig Zeit«, sagt sie und rollt langsam über ein Schafsgitter. »Wer richtig wandern will, muss natürlich auf den Knockmore«, fährt sie fort, löst ihren Zeigefinger vom Lenkrad und weist auf den mit 482 Metern höchsten Inselberg. Spricht man Rebecca auf ihr akzentfreies Deutsch an, stellt sich heraus, dass sie aus Norddeutschland kommt und ursprünglich als Aupair auf die Insel kam. Ihr Gastvater habe sie dann nach und nach den Junggesellen der Insel vorgestellt. »Was schon ein bisschen nervig war – aber naja, es war dann doch auch der Richtige dabei«, erinnert sich die junge Mutter und gelernte Gymnasiallehrerin und lächelt. Ihre Inselführung schiebt sie heute zwischen Kinderbetreuung und die Beerdigung eines entfernten Verwandten. Sie zeigt schnell noch die Fresken in der Zisterzienserabtei des Ortes, fährt zum Westende der sechs Kilometer langen Teerstraße, weist auf den Knockmore, wendet schwungvoll und verschwindet hinter der Biegung.

Foto: Jens Klatt Irland Westküste

Wunderbare Wanderinseln an der irischen Westküste

Das Leben auf einer kleinen Insel kann zuweilen bemerkenswert hektisch werden. Und im nächsten Moment himmlisch ruhig. Die Schotterpiste verläuft sich nach ein paar hundert Schritten im Grün. Zur Linken verfällt malerisch ein alter Signalturm vor einem tiefblauen Atlantik, rechts zieht die grasige Flanke des Knockmore in einen wolkenlosen Himmel. Man wandert auf Sicht dem Gipfel entgegen, nach zwei Dritteln baut man freiwillig ein paar Serpentinen ein, der Hang wird sonst zu steil. Oben erstreckt sich der Blick über die Clew Bay, auf das benachbarte Achill Island, auf die Spitze des 20 Kilometer entfernten Festlandberges Croagh Patrick, der mit seinen 764 Metern die Bucht nach Süden hin abschließt.

Es sind Ausblicke wie dieser, die Wanderungen auf den Irland vorgelagerten Inseln so interessant machen, mögen die Mühen der Anfahrt auch etwas im Missverhältnis zu den wanderbaren Kilometern stehen: Mehr als eine Tagestour halten die einzelnen Inseln kaum bereit. Es ist der Reiz der Abgeschiedenheit, der Menschen von weit her anzieht.Auf Inishmore, der größten der drei Aran-Inseln etwa 80 Kilometer weiter südlich, lebt man sogar fast ganz vom Tourismus. Zum einen verdichtet sich hier mit der gälischen Sprache, den bunten Häusern und den vielen vorchristlichen Steinbauten die Kultur Irlands wie nirgendwo anders, zum anderen lockt auch die Natur: Die für die Insel typischen Karstplatten fallen nach Westen hin jäh in einer Steilküste ab, die sich viel weniger überlaufen zeigt als die nur 20 Kilometer östlich gelegenen Cliffs of Moher am Festland. Auf Inishmore hat man den Abgrund noch für sich, hier hindert kein Zaun und keine Mauer Wagemutige daran, sich mit dem Bauch auf den Boden zu legen und den Kopf langsam über den Abgrund zu schieben.

Von solch Nervenkitzel sind Wanderer auf dem Knockmore weit entfernt. Träge räkeln sie sich in der Sonne und genießen einen der wenigen Tage in Irland, in denen das Gras so trocken ist, dass man sich ohne Unterlage daraufsetzen kann. Immer wieder schweift der Blick über die Bucht. Es mag größere Inseln geben, entlegenere Inseln und wildere Inseln, doch keine von einem so strahlenden Grün, keine so heiter wie die irischen an einem sonnigen Junitag.

Foto: Jens Klatt Irland Westküste

Skellig Michael: Eine Mini-Insel als Weltkulturerbe

Noch kleiner, noch entfernter, noch mehr Inselgefühl findet man im Südwesten Irlands. 13 Kilometer vor der Küste Kerrys trotzt ein geradezu archetypisches Eiland dem Atlantik. Vom Festland so eben noch auszumachen, ragt es mit Felsspitzen am Horizont auf, der Magnetinsel von Jim Knopf nicht unähnlich. Als Sehnsuchtsort zog sie schon seit Urzeiten Menschen an. Die Rede ist von Skellig Michael, nicht mehr als ein Fels in der Brandung: Kaum 800 Meter misst er, an der höchsten Stelle ragt er 217 Meter über den Atlantik.

Wahrscheinlich im siebten Jahrhundert gründeten Mönche hier ein Kloster, sie bauten eine Treppe mit über 600 Stufen hinauf zu einem kleinen Plateau auf 170 Metern Höhe. Die damals üblichen Trockensteinkuppeln, in Irland Beehive huts genannt, also Bienenkorbhütten, existieren noch heute. Sie wirken so aus der Welt gefallen, dass sie im letzten Starwars-Film »Das Erwachen der Macht« als Kulisse herhalten mussten. Seitdem ist der Run groß, allerdings haben nur zwölf Boote mit je zwölf Passagieren die Lizenz, die Weltkulturerbeinsel für wenige Stunden anzufahren. »A little bit choppy, but save« – als ein bisschen unruhig, aber sicher bezeichnet der Skipper im Hafen von Portmagee die Bedingungen für die Überfahrt.

Foto: Jens Klatt Irland Westküste

Von Papageientauchern und verrückten Leuchtturmwärtern

Das verheißt für das Irish Breakfast, das man gerade erst gegessen hat, nichts Gutes. Zwanzig Minuten später stampft das kleine Boot durch die Dünung, die Hautfarbe der zwölf Passagiere changiert ins Grünliche, der Blick klammert sich krampfhaft an die Felsspitzen am Horizont. Kaum auszudenken,wie es den Mönchen in ihren Ruderbooten gegangen sein muss. Der Trip dauerte damals keine 60 Minuten, sondern 4 Stunden. Der Sprung an Land kostet indes immer noch Überwindung, und wer auf dem Uferweg die wenigen hundert Meter bis zur Treppe entlang- wankt, weiß nicht recht, ob er sich freuen soll, nun endlich festen Boden unter den Füßen zu haben, oder sich jetzt vor der Rückfahrt fürchten soll. Doch weltliche Sorgen geraten auf den 600 Stufen der mehr als tausend Jahre alten Steintreppe Stufe für Stufe mehr in Vergessenheit. Dafür sorgen nicht nur der Ausblick, sondern auch Abertausende von Papageientauchern, die jetzt im Frühsommer ihre Nesthöhlen in die dünne Erdkrume gegraben haben.

Aus allen Löchern gluckt, grunzt und kräht es, lugen die roten Zangen der Schnäbel aus dem Dunkel der Höhlen. Man folgt der Treppe in schwindelerregende Höhen, bis man ganz oben schließlich das Kloster betritt. Zwischen den grauen Steinkuppeln steht wie ein Magier ein Mann mit wehendem weißen Haar und schwarzem Fleecepulli, Bob Harris. Der 62-jährige Mittelalterhistoriker leitet das Weltkulturerbe von Mai bis Oktober vor Ort. Er hat wohl einen der ausgesetztesten und schönsten Arbeitsplätze Europas. Auf die Frage, ob er sich dessen bewusst ist, antwortet er vieldeutig: »You came on a beautiful day.«

Und wirklich, die Vorstellung, hier bei dem oft launischen irischen Wetter auf diesem Fels zu sitzen, nimmt ein bisschen von dem Hochgefühl, das einen an diesem Ort überkommt. Bis 1987 hat die Insel noch Leuchtturmwächter gehabt, mindestens einer ist Bob Harris zufolge verrückt geworden. Vielleicht sollte man die Einsamkeit einer kleinen Insel nur in Dosen genießen – die Stärke kann man sich in Irland aussuchen.

Foto: Jens Klatt Irland Westküste

Alle Infos zum Inselhopping vor Irlands Westküste

Hinkommen
An der Westküste befinden sich die Ryan-Air-Flughäfen Shannon und Killarney. Direktflüge gibt es ab Frankfurt Hahn, Memmingen und Berlin. Günstige Flüge (ab 200 Euro) auch von Airlingus nach Dublin. Von dort am besten mit dem Leihwagen an die Westküste (etwa 3–4 Stunden).

Auf die Aran-Inseln
Am einfachsten geht es vom Pier der kleinen Ortschaft Doolin gleich neben den Cliffs of Moher. Nach Inishmore zahlen Passagiere hin und zurück 25 Euro. Zeiten und Buchung bei doolinferries.com

Nach Clare
Der Ableger nach Clare Island befindet sich ein paar Kilometer westlich von Louisburgh am Roonah Point. Die Überfahrt dauert je nach Boot etwa 10 bis 20 Minuten. Buchbar unter clareislandferry.com, hin und zurück 17 Euro pro Person. Ein eigenes Fahrzeug lohnt sich auf Clare Island nicht. Am Festland parken.

Nach Skellig MichaeL
Nur wenige Anbieter haben eine Lizenz, die Weltkulturerbeinsel anzufahren. Die Fahrt dorthin dauert je nach Wetter 45 bis 60 Minuten und kostet 60 bis 70 Euro. Trips vermittelt The Moorings in Portmagee, Valentia Island. moorings.ie/skelligs Tel. 00 353/66/9 47 71 08 Orientieren Ausgezeichnete Wanderkarten liefert die Discovery Series des irischen Landesvermessungsamtes Ordnance Survey im Maßstab 1:50 000 für etwa 9 Euro pro Blatt.

Beste Zeit
Am meisten Spaß macht das Wandern im Burren während der Blütezeit von Mai bis August.

Informationen
Allgemeine Reiseinfos auf der offiziellen Seite der Irland-Touristik: ireland.com. Eine große Auswahl an Wanderungen mit interaktiver Karte gibt es auf irishtrails.ie

Essen & Übernachten an Irlands Westküste

Essen gehen in Louisburgh
Eine Speisekarte, die weit über das übliche Fish & Chip Barfood hinausreicht und trotzdem preislich im Rahmen bleibt, bietet The Derrylahan an der Hauptstraße in Louisburgh, Clare. derrylahan.com

Restaurant am Ring of Kerry
Pub und gehobene Gastronomie vereint Jacks Coastguard Restaurant in Cromane. Dazu hinter Killorglin von der N 70 (Ring of Kerry) rechts abbiegen. jackscromane.com

Hostel auf Clare
Einfach und preiswert kommt man im Go explore Hostel auf Clare unter. Einen Schlafplatz in den Gemeinschaftsräumen gibt es ab 20 Euro pro Person. Abends lockt die Terrasse der integrierten Sailor‘s Bar.

Camping Clare
Mit dem Zelt kann man direkt neben dem Pier in Clare für 10 Euro pro Person übernachten. clareisland.ie

Unter dem Leuchtturm
Luxusklasse: Hoch über den Klippen schlafen die Gäste des Clare Island Lighthouse. Allerdings nicht ganz billig: Zwei Nächte inklusive Dinner und Frühstück kosten pro Person 400 Euro. clareislandlighthouse.com

Bed & Breakfast
Ganz Irland ist überzogen mit einem Netz aus Frühstückspensionen. Eine Suchmaske gibt es auf ireland.com - Unterkünfte

In Portmagee
Direkt vor dem Ablegepier der Boote nach Skellig Michael in Portmagee übernachten Gäste des The Moorings Guesthouse. Ab 70 Euro pro Person. moorings.ie

Hotel mit Flair
Stilecht übernachtet man in dem direkt am Kai gelegenen Royal Valentia Hotel in Knightstown, Co. Kerry. Ab 90 Euro pro DZ. Bis Portmagee sind es 7 Kilometer. Tel. 0 03 53/ 66/ 9 47 61 44, royalvalentia.ie

Foto: Jens Klatt Irland Westküste

outdoor-Tipps für die Westküste Irlands:

Skellig Museum
Gleich am Ortseingang von Portmagee kann man dem Skellig Experience Visitor Centre einen Besuch abstatten, was sich vor allem für alle lohnt, die die Reise nach Skellig nicht selbst antreten wollen. skelligexperience.com

Silver Beach
Einen Clare-Island-Aufenthalt sollte man auf jeden Fall mit einem Abstecher zum Silver Strand verbinden. Der wunderschöne Sandstrand liegt etwa 12 Kilometer südlich des Fähranlegers in Roonagh und ist über eine kleine Straße erreichbar.

Lost Valley
Ein Relikt aus Zeiten der großen Hungersnot erwandert man im »Lost Valley« am Ende des Silver Strand. Die geführte Tour (15 Euro) führt zu den überwucherten Dörfern und zum Eingang des einzigen Fjordes Irlands. Im Netz thelostvalley.ie

Retro-Camper
Wie in den 70er Jahren ist man mit einem der VW-Busse (Modell T2) des Anbieters retrocamper.ie unterwegs. Die liebevoll renovierten Campervans kosten für eine Woche ab 1150 Euro.

Die Top-Touren:

Ausrüstung:

28.08.2017
Autor: Alex Krapp
© outdoor
Ausgabe 04/2017