Irland: Wanderinfos County Clare - Burren

Wandern in Irlands Karstlandschaft Burren

Foto: Jens Klatt Irland

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Ganz im Westen Irlands liegen die wilden Karstflächen des Burren. Wanderer erleben hier unverfälschte Natur mit rauem Charme.

Katharina heftet ihren Blick auf den Fels. Grau und faltig ist er, wie die Haut eines Riesenelefanten. Bis zu einem Meter tief graben sich die Runzeln des imaginären Dickhäuters in den Grund. An einigen Stellen klaffen sie so weit auseinander, dass locker ein Fuß hineinpasst. Abrutschen – eine eher unangenehme Vorstellung. Zu dritt besteigen wir den Turlough Hill an der irischen Westküste. Er liegt einige Kilometer südlich des Städtchens Galway. Gerade einmal 230 Meter erhebt sich der Hügel über den Meeresspiegel, er wirkt aber doppelt so hoch. Katharina dreht sich um und blickt den Hang hinab. Eine riesige Fläche aus Steinfurchen und Felsplatten breitet sich unter ihr aus und erstreckt sich, so weit das Auge reicht. In der Ferne zerschellen die Wellen des Atlantiks am rissigen Kalk. Zwusch!

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Irland - "The Burren"

So heißt die 250 Quadratkilometer große Karstlandschaft, die vor vielen tausend Jahren ein eiszeitlicher Gletscher in das irische Grundgestein geschliffen hat. Seit 2011 hat die Region den Status eines UNESCO-Geoparks, zu dem auch die berühmtesten Klippen Irlands zählen, die Cliffs of Moher.

Katharina geht weiter, sucht sich ihren Weg nach oben, eine vorgegebene Strecke gibt es nicht. "Im Burren gibt es nur wenige ausgeschilderte Wege", erklärt Christy, unser Guide. Die meisten davon führen durch den kleinen Burren-Nationalpark, der ganz im Osten des Karstmeeres liegt. Außerhalb seiner Grenzen wandert jeder dort entlang, wo es ihm am besten gefällt. So nimmt Katharina an einigen Stellen bergauf die Hände zu Hilfe, dabei geht es ein paar Meter weiter rechts viel einfacher, doch sie klettert eben gerne. Auch ohne solche Einlagen hat es die Mondlandschaft ganz schön in sich. Unvermutet öffnen sich kleine Gräben, oder Steine türmen sich zu Verblockungen auf. Gehzeiten abzuschätzen, fällt Nicht-Ortskundigen hier schwer. Das müssen Wanderhungrige wissen, bevor sie ohne Guide losziehen.

Auch die Maxime des Geoparks Burren sollte man kennen: Leave no trace. Dies bedeutet neben Müllvermeidung auch Blumen stehen lassen, keine Fossilien einsammeln oder archäologische Denkmäler zerstören. Auf Letztere stößt man im Burren auf Schritt und Tritt, nur erkennt sie der Laie nicht immer sofort.

Foto: Jens Klatt Irland

Im Westen Irlands auf Frodo Beutlins Spuren

„Ist das ein Hügelgrab?“ Katharina zeigt auf einen meterhohen Steinhaufen. „Nein, der markiert nur den Gipfel des Turlough Hill“, sagt Christy. Dann deutet der drahtige Ire mit den blauen Augen nach Nordosten. „Aber da hinten, etwas hügelabwärts, steht ein großer, fünftausend Jahre alter Steinring. Könnt ihr ihn sehen?“ Katharina kneift die Augen zusammen. Man erkennt ihn nur schwer, der Steinkreis verschmilzt mit der Umgebung. Und die kann sich hier sehen lassen. Grünes Gras, das in den Felsritzen wächst, wiegt sich im Wind. Der Wechsel von Sonne und Wolken wirft Lichtflecke auf den Karst, der in einem unwirklich phosphorisiernden Graugrün schimmert. Melancholie macht sich breit. Gedanken an „Herr der Ringe“ drängen sich auf. Frodo, der sich auf dem Weg nach Mordor durch eine Landschaft wie diese hier kämpft, den quengelnden Golum im Schlepptau. – Nicht ganz aus der Luft gegriffen, J.J.R. Tolkien verbrachte im Burren mehrere seiner Urlaube.

Christy holt uns in die Realität zurück. „Wer eine längere Wanderung auf den Turlough Hill machen will, beginnt am besten dort hinten“, sagt er und deutet mit dem Kinn zum etwa drei Kilometer entfernt liegenden Graim Chailli. Der Weg, den er mit dem Finger in der Luft nachzeichnet, führt mehrmals die rissigen Hügel hinauf und hinab – eine sportliche Tagestour. „Doch morgen zeige ich euch erst einmal die grüne Seite des Burren“, kündigt er an. Was er dann auch macht.

Zwischen Seen und Geröllfeldern in Irland

Am Morgen führt er uns in die Täler. Hier konnte sich über dem Fels eine durchgehende Grasmatte bilden. Viele Quellen treten hier zutage, nach Regentagen bilden sich an einigen Stellen sogar Seen. Die Wanderung beginnt nahe dem Weiler Carran, etwa 12 Kilometer südwestlich des Turlough Hill. Eine Kirchenruine ragt in den Himmel. Christy biegt nach einigen hundert Metern auf einem Feldweg rechts ins Gebüsch ab. Lichtes Hasellaub schlägt über den Köpfen zusammen. Ein winziges, verfallenes Haus kommt in Sicht. Moos krallt sich fingerdick an seinen Mauern fest. Die Bewohner wurden Mitte des 19. Jahrhunderts vertrieben, weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnten. Ein Schicksal, dass sie mit Tausenden anderen Iren teilten, wie Christy berichtet. Durch Ernteverluste und politische Fehlentscheidungen verarmten damals viele Iren, und es brach eine große Hungersnot aus, die als Great Famine in die irische Geschichte einging.

Über schmale Pfade und wegloses Gelände erreichen wir ein Geröllfeld, auf dem mannshohe Steinplatten aus dem Boden wachsen – die Reste einer jungsteinzeitlichen Grabkammer. Weiter geht es über Wiesen und Weidezäune. Vögel zwitschern, Blumen duften am Wegesrand. Auf einer saftigen Wiese weidet eine neugierig meckernde Ziegenherde. Als wir schon wieder am Auto sind, fällt Katharina ein, dass sie auf dem Weg nach Carran ein großes Werbeplakat für eine Schauhöhle gesehen hat, die Aillwee-Cave. Sie fragt Christy, ob es eine gute Idee sei, ihr morgen einen Besuch abzustatten. Christy verzieht ein wenig den Mund und wackelt unentschieden mit dem Kopf. Er hat einen besseren Tipp: Höhlenwandern.

Unter Tage in Irland

Etwa 200 Höhlen hat das Regenwasser im Laufe der Jahrtausende in den Kalkstein des Burren gefressen, viele davon kann man zusammen mit einem erfahrenen Höhlenführer erkunden. Das Burren Education Center, das ganz in der Nähe des Turlough Hill liegt, bietet solche unterirdischen Wanderungen an. Bevor es losgeht, werden die Besucher mit Gummistiefeln, Neoprenanzug, Helm und Stirnlampe ausgestattet. „Da müssen wir rein“, sagt Christian, der Höhlenführer, und zeigt in einen kleinen, von Felsen verblockten Trichter. Katharina sieht skeptisch in die schmale Öffnung. „Kommt da jeder durch?“, will sie von Christian wissen. „Nur die Dünnen“, antwortet der etwa dreißigjährige Mann lächelnd und betritt die Höhle, die einige Kilometer in die Erde hineinführt. An einigen Stellen geht es nur noch seitwärts weiter, auf zwei Meter Strecke sogar nur noch kriechend. Im Licht der Stirnlampen schimmern die Wände feucht, ihre Farbe erinnert an Karamellbonbons. Man fühlt sich wie der Erde stapft. Nach drei Stunden treten wir wieder ins Tageslicht. Alle sind erschöpft und haben nur noch einen Wunsch: ein Bier.

Foto: Jens Klatt Irland

Gut, dass es in Irland in jedem noch so winzigen Dorf einen Pub gibt. Im „The Roadside Tavern“ in Lisdoonvarna braut der Wirt sogar selbst. In dem rotgestrichenen Haus sitzen die Gäste an kleinen Holztischen. Vor ihnen steht das Hausgebräu: ein dunkles Stout mit cremiger Schaummütze. Ein perfekter Zeitpunkt, die nächsten Tage zu planen. Die kargen Höhen des Burren haben wir gesehen, seine grünen Täler, seine steinernen Eingeweide, jetzt fehlt nur noch die Küste. Wir beschließen, zu den Cliffs of Moher zu fahren – wie etwa 700 000 andere Menschen im Jahr auch. Eine abschreckende Zahl, doch es gibt einen guten Weg, dem Trubel zu entrinnen. Von dem kleinen Dorf Doolin aus führt seit einigen Jahren eine Wanderung 20 Kilometer an der Steilküste entlang. Immer wieder lockt der Abgrund. Katharina geht auf die Knie und kriecht bis zur Hangkante vor. Unten schlagen die Wellen an den Fels. Möwen kreischen. Hoffentlich bricht der Fels nicht ab. Lieber wieder einen Schritt zurück.

Nach acht Kilometern erreichen wir den höchsten Punkt der Küste, die eigentlichen „Cliffs of Moher“. Sie haben sich bereits durch eine zunehmende Menschendichte angekündigt. Doch selbst der riesige Parkplatz und die meterdicke Steinbrüstung können den Klippen nicht ihre Schönheit nehmen. Wie ein zweihundert Meter hoher Vorhang fallen sie zum Meer hinab. Es sieht so aus, als sei hier tatsächlich die Welt zu Ende, zumindest die von Tolkiens Mittelerde.

Reisetipps für Ihre Irlandreise

Hinkommen
Ganz in der Nähe des Burren befindet sich der Ryan-Air-Flughafen Shannon. Direktflüge ab Memmingen und Berlin. Günstige Flüge auch von Airlingus nach Dublin. Von dort kommt man bequem mit dem Leihwagen oder Zug in den Burren.

Herumkommen
Über Galway und Ennis gelangt man bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln in den Burren. Quer durch die Region jedoch wird der Transport mit Bus und Bahn eher schwierig. Am besten benutzt man hier einen PKW oder ein Rad.

Beste Zeit
Am meisten Spaß macht das Wandern im Burren während der Blütezeit von Mai bis August.

Surfen
Geopark Burren: burrenbeo.com
Nationalpark: burrennationalpark.ie
Allgemeine Informationen unter ireland.com

Unterkunft

High-End-Hostel
Das preisgekrönte Aille River Hostel in Doolin besitzt Cottage-Charme und viel Gemütlichkeit. Alle Gäste sind Selbstversorger. Läden liegen ebenso um die Ecke wie verschiedene Pubs und das Meer. Auch der Wanderweg zu den Cliffs of Moher startet hier. Ca. 20 Euro pro DZ.

Oldschool
Bereits seit 140 Jahren empfängt das altehrwürdige Hydro Hotel in Lisdoonvarna Gäste. Ausgestattet mit dicken Teppichen, dunkler Wandvertäfelung und uriger Bar im Erdgeschoss, fehlt nur doch das Tigerfell in der Lobby. Ab 40 Euro/ DZ.

Glamping
Auf der Bio-Farm von Eva Hagerty bei Kilfenora haben es nicht nur die frei laufenden Schweine gut. Die Farmerfamilie vermietet außerdem einen höchst komfortabel umgebauten Pferdewagen als Ferienwohnung. Preis: ca. 45 Euro pro Pers.

Kulinarik

Slainte!
Der Wirt der Roadside Tavern in Lisdoonvarna braut sein Bier selbst. Drei Sorten stehen auf der Karte: goldenes Lager, rotes Ale und schwarzes Stout.

Ziegenglück
In Ennistymon wird der köstliche Öko-Ziegenkäse St. Tola hergestellt. Die vierbeinigen Milchlieferanten streifen das ganze Jahr über die Weide. Besucher sind jederzeit willkommen. Wer mit dem Rad vorbeikommt, erhält 10 Prozent Rabatt.

Orientierung

Karten
The Burren: Two Inch Map of the Uplands of North-West-Clare (Maßstab 1:31 000), Folding Landscapes, 19,00 Euro. Discovery Series, Blatt 51, Maßstab 1:50 000, Ordonance Survey Ireland, 10,90 Euro.

Geführte Touren
Adventure Burren: Individuelle Führungen, Flughafen-Shuttle Shannon, adventureburren.com
Burren Outdoor Education Center: (Höhlen-)Wanderungen, Kletter- und Kajaktouren, burrenoec.com

Tipps von Autorin Karin Krapp

Aran Islands
Nicht zu verwechseln mit Arran Island sind die winzigen Arans in der Bucht von Galway. Bekannt wurden die Inseln durch die gleichnamigen Strickpullis. Bestrickend schön sind sie außerdem. Deshalb empfehle ich dringend, ihnen einen Besuch abzustatten. Schiffstransfer ab Doolin oder Galway.

Pflanzenduft
Mitten im Burren liegt die Burren Perfumery, ein idyllisches Anwesen, in dem heimische Pflanzen in wohlriechende Cremes, Seifen und Parfums verwandelt werden. Sensationell lecker: die regionalen Snacks in Bioqualität aus dem hiesigen Tearoom.

Galway
Zweitgrößte Stadt Irlands und mit zwei Universitäten die jüngste der Insel. Damit bietet Galway mit seinen vielen quirligen Pubs das ideale Kontrastprogramm nach beschaulichen Wandertagen im Burren.

Dom Kilfenora
Kilfenora besitzt keine 200 Einwohner, aber einen Dom. Dieser beherbergt unter anderem eines der seltenen irischen Hochkreuze. Pflichtbesuch für jeden Burrenreisenden.

Irische Unterwelt
Im Burren gibt es zwei sehenswerte Schauhöhlen: Aillwee Cave und Doolin Cave. In Letzterer hängt der größte freihängende Stalaktit der Nordhalbkugel. Außerdem erwartet den Besucher dort ein wunderbarer Geschichtenerzähler als Führer.

19.10.2016
Autor: Karin Krapp
© outdoor
Ausgabe 04/2016