Wilder Kaiser: Die schönsten Wandertouren im Kaisergebirge

Unter hohen Wänden: Wandern im Kaisergebirge

Im Wilden Kaiser wurde Alpingeschichte geschrieben. Man kann dort aber auch einfach auf Wandertour gehen – und wie!

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Fotostrecke: Österreich: Traumtouren im Wilden Kaiser

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Wilder Kaiser wandern Trekking Foto: Heiko Mandl
Wilder Kaiser wandern Trekking Foto: Heiko Mandl
Wilder Kaiser wandern Trekking Foto: Heiko Mandl

In luftiger Höhe hängt er in der mächtigen grauen Wand. Seine rechte Hand trägt sein ganzes Gewicht; er hat sie zu einer Faust geballt und in den schmalen Riss geklemmt. Blut verschmiert seine Finger, der Schweiß rinnt ihm über die Stirn in die Augen. Der in Heidelberg geborene Reinhard Karl, einer der größten Alpinisten Deutschlands, denkt nicht daran, dass er gerade Klettergeschichte schreibt. Mit seiner Begehung der »Pumprisse« im Jahre 1977, in der berühmt-berüchtigten Fleischbank am Wilden Kaiser, hat der Freidenker und Fotograf die alpine Schwierigkeitsskala gesprengt. »Helmut, Stand«, ruft er seinem Seilpartner Helmut Kiene zu, ebenfalls eine Legende der Klettergeschichte. Dann haben sie es geschafft: Sie haben soeben zum ersten Mal den siebten Grad geklettert, und mit dem Namen Reinhard Karl sollen auch der Wilde Kaiser und seine Kletterrouten in die Bergmemoiren eingehen.

Das gewaltige Felsmassiv an der Grenze von Österreich zu Deutschland ist jedoch nicht nur in der Alpinszene bekannt geworden. Auch Wanderer zieht das Gebirge mit magnetischer Kraft an. Neulinge, die am Fuße der mehrere hundert Meter hohen Kalkwände stehen, ahnen oft nicht, dass auf fast alle Gipfel recht einfache Wege führen. Wer einmal im Wilden Kaiser wandern war, trägt Eindrücke nach Hause, die in der nächsten Saison als Sehnsucht wiederkehren. Deswegen pilgern jeden Sommer die Wanderer hierher. Vielleicht liegt es auch ein bisschen an der Nähe zu Bayern. Die Süddeutschen lieben das Kaisergebirge: Oft kommen sie als Tagesausflügler aus München – der Gebirgsstock liegt gleich hinter Kufstein und nur eine gute Stunde mit dem Auto von der Hauptstadt Bayerns entfernt.

 

Wilder Kaiser wandern Trekking
Foto: Heiko Mandl Kurz vor dem Ellmauer Tor öffnet sich ein Traumblick.

Alpen­idylle am Wilden Kaiser

Aber hauptsächlich lockt wohl die Gebirgslandschaft in den Kaiserwinkl. Am Fuße der jähen Wände baden Wiesen und Almen im Sonnenlicht, mit kühl schimmernden Bergseen und gemütlichen Bauernwirtschaften – eine Alpen­idylle. Kein Skilift, keine kahlen Pistenstreifen durchziehen die Hänge am Wilden Kaiser, denn seit beinahe fünfzig Jahren stehen seine Gipfel unter Naturschutz, und die Einheimischen hüten ihr Juwel seither wie einen Goldschatz.

Eine der schönsten Wanderungen führt hinauf zum aussichtsreichen Bergsattel Ellmauer Tor (1995 m), und zwar ganz ohne Seil und Haken und über einen normalen Wanderweg, der mitten ins Herz der kleinen Gebirgsgruppe zieht – der Wilde Kaiser misst 20 Kilometer in der Ost-West-Ausrichtung und 14 Kilometer von Norden nach Süden. In weiten Kehren zieht der Weg zum Sattel, zuerst noch über saftig grüne Wiesen und dann Meter für Meter weiter hinein in die Geröllhalden und Schotterpfade weiter oben. Immer tiefer dringen Wanderer so in das »Reich des Kaisers« vor.

Das Kalkmassiv wirkt wie von einem anderen Ort hierher versetzt: Zwischen den Grasbergen und den fast bis oben hin bewaldeten Gipfeln der Chiemgauer Alpen im Norden oder der Kitzbüheler Alpen im Süden sticht der Wilde Kaiser sofort ins Auge. Zwar reichen die höchsten Gipfel nur bis knapp über 2300 Meter, doch die steilen Felswände lassen das Kaisergebirge majestätisch wirken. Und leuchten die Wände am Ende schöner Sommertage im Abendrot, in starkem Kontrast zu den dunklen Wäldern und dem blauen Himmel, fühlt man sich fast schon an die Dolomiten erinnert.


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05.10.2011
Autor: Heiko Mandl
© outdoor
Ausgabe 07/2011