Lamatrekking in Osttirol

Bergtouren mit Lamas: Lamatrekking in den Alpen

Lamatrekking in Osttirol
Foto: Norbert Eisele-Hein
In den Anden dienen Lamas seit jeher als Lasttiere und Wolllieferanten. Heute erobern sie die Herzen von Alpenwanderern - nicht nur, weil sie deren Gepäck tragen.

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Charlos meint es ernst. Keinen Schritt geht er weiter. Will das plüschige Andentier mit seinen lang bewimperten Kulleraugen die Umgebung nach Snacks abscannen? Nein, mein Lama hat angehalten, um sein Geschäft zu erledigen. Hand heben, »haaalt« rufen: Unsere kleine Karawane aus acht Lamas samt Lameros, ihren Führern, kommt zum Stoppen, während Charlos einen Bach auf den Pfad plätschern lässt. Und weil Geschäfte unter Artgenossen ansteckend wirken, ruft es zwei Lamas hinter uns: »Loriot muss auch!« Macht nichts, wir haben es nicht eilig auf unserer Wanderung in den Osttiroler Dolomiten, hoch über dem sonnigen Lienz. Vorausgegangen ist der Tour auf Lienz‘ Hausberg, den Hochstein, ein erstes Bekanntmachen mit den Lamas auf ihrer Alltagsweide, unten im Tal im kleinen Ort Oberlienz.

 

Lamatrekking in Osttirol
Foto: Norbert Eisele-Hein

Besitzer Karl-Peter Schneeberger hat 2002 mit der Lamahaltung begonnen und besitzt heute neun Tiere: Billy, Charlos, Fernando und Gregorio, allesamt sogenannte »Classic-Lamas «. Dazu die »Medium-Lamas « Orlando, Guy, Dario und Cusco sowie Loriot als einziges »Wooly«. Die Bezeichnungen beruhen auf der unterschiedlich starken Bewollung der Tiere, die in den Anden schon seit über 6000 Jahren gezüchtet werden und deren Wolle sich hervorragend zum Stricken und Filzen eignet.

Lamatrekking in den Alpen - los geht's

Zum Start unserer Lamawanderung sind wir in halbstündiger Autofahrt mit Hänger über die Pustertaler Höhenstraße und die Mautstraße zum Parkplatz Hochsteinhütte gefahren. Zum Glück stand niemand in der Schusslinie, als ein paar Lamas beim Entladen um die Rangordnung stritten und sich kurz zuvor verspeiste Körner sowie grünlichen Mageninhalt um die Ohren spuckten. »Keine Sorge«, so der halbwegs beruhigende Kommentar ihres 56-jährigen Besitzers, »auf Menschen spucken Lamas so gut wie nie.« Dann brachte er Decken und eiserne Rückengestelle, an denen die Rucksäcke befestigt wurden. Unser Gepäck für das Wochenende bleibt mit rund zehn Kilogramm weit unter dem Maximalgewicht von 50 Kilo, das manches »Pferd der Armen« in Südamerika auch heute noch schleppen muss.

 

Lamatrekking in Osttirol
Foto: Norbert Eisele-Hein

Die Lama-Karawane zieht weiter

Mittlerweile steuert unsere kleine Alpen-Karawane die Baumgrenze an. Karl-Peter, seines Zeichens auch Bergführer, führt mit seinem 14-jährigen erfahrenen Wallach Gregorio den Trek an. »Nehmt die Leine locker«, lautet die Order. »Wir Lameros gehen voraus und halten zum Lama vor uns immer einen bis zwei Meter Abstand.« Das ist leichter gesagt als getan, denn immer wieder locken duftende Kräuter, und die langen Plüschhälse tauchen hinab zu Alpenrosen, Schneeröschen, Enzian und Küchenschellen, zu Heidelbeer- und Preiselbeer-Grün. Man zieht, greift ans Halfter, geht flotter weiter und landet - schwupps - am Hinterteil des Lamas vor einem. Dieses Tier wiederum wird nervös und bleibt stehen. Gut, dass Karl-Peter stets die Lage im Blick hat: »Geht gleichmäßig, schaut nach vorne, haltet die Leine nicht zu kurz oder zu lang. Druck erzeugt nur Gegendruck. Versucht euer Lama zu spüren, seid freundlich und geduldig zu ihm.« Tatsächlich scheint sich meine Stimmung auf Charlos zu übertragen. Je gelassener ich bin, desto ruhiger folgt er mir.

 

Lamatrekking in Osttirol
Foto: Norbert Eisele-Hein

Lamas bewegen sich sehr elegant

So findet die ganze Karawane schließlich ihren Rhythmus, und ich stelle fest: Lamas bewegen sich sehr elegant. Wir ziehen an Tümpeln vorbei, in denen wir uns mit den Felsgipfeln um die Wette spiegeln, stapfen durch Bergwiesen voller Blumen und über sanfte Gratrücken. Nicht lange, nachdem sich Lamas und Lameros auf ein Tempo geeinigt haben, höre ich hinter mir einen sanften Gurgellaut. Charlos singt! Von tief unten aus dem Hals steigen die fremdartigen, glucksenden Töne herauf, während der Kopf des Tieres ganz ruhig bleibt. »Groommmm«, kommt Schriftsprache den Lauten halbwegs nahe, »urgloooommm. « Ich lausche fasziniert, verschwende keine Gedanken mehr aufs Gehen, schaue in die Ferne mit den schneebedeckten Dreitausendern. Wenn uns jetzt ein Inka in farbenfrohen Gewändern entgegenkäme, würde das perfekt zu meiner Stimmung passen. Lama sei Dank! Am liebsten würde ich Charlos an seinen weichen Ohren kraulen, doch das mögen die Tiere ebenso wenig wie Hinterteil-Streicheleinheiten. Über einenlanggezogenen, grasbewachsenen Sattel gehen wir einträchtig hinauf zum flachen Hochsteingipfel, und unter dem Gipfelkreuz auf 2025 Meter Höhe kommt es mir vor, als würde mein vierbeiniger Wanderkamerad das Abendschauspiel ebenso genießen wie ich: Die untergehende Sonne taucht die hellen Kalkmauern der Lienzer Dolomiten in glühendes Rot. »Jetzt schaut euch mal die Wiese an!« In der Stimme von Ober-Lamero Karl-Peter schwingt am nächsten Morgen so etwas wie Stolz mit. Wir haben auf der Hochsteinhütte übernachtet, und beim Blick von der Terrasse auf die weidenden Lamas sehen wir weder Trittspuren noch verletzte Grasnarbe, wie Kühe sie auf Almen hinterlassen. Tatsächlich sind Lamas die besseren Landschaftspfleger, denn sie laufen nicht auf Hufen, sondern auf zwei Zehen mit weichen Schwielensohlen. Das macht sie auch sicher auf Felsuntergrund und selbst im Schnee. Gut so, denn gleich werden wir mit ihnen auf das »Böse Weibele « hinaufmarschieren, weitere 500 Höhenmeter.

 

Lamatrekking in Osttirol
Foto: Norbert Eisele-Hein

Mit Lamas auf den 2521 Meter hohen Gipfel

Gemächlich zieht die Karawane voran, mit bedächtigen Schritten suchen sich Charlos und seine Artgenossen ihren Weg durchs Gestein. Wenn es richtig steil wird, machen sie kleine Sprünge von Felsblock zu Felsblock. Nach drei Stunden stehen wir am 2521 Meter hohen Gipfel. Leider nur mit drei Lamas, mehr passen nicht hinauf, und ein halbes Dutzend anderer Wanderer ist kurz vor uns angekommen. Statt des Panoramas mit den gewaltigen Lienzer Dolomiten direkt gegenüber, den eisgekrönten Häuptern der Glockner- und Venediger-Gruppe, der Bergwelt des Alpenhauptkamms und der Südtiroler Dolomiten mit ihren Drei Zinnen, sind jetzt die Tiere die Attraktion. Neugierige Fragen, Streicheleinheiten, Fotos – Karl-Peter kennt das Programm schon und steht freundlich Rede und Antwort. »Schaut den Tieren aber nicht zu tief in die Augen«, gibt er scherzhaft ein Sprichwort der Quichua wieder, eines Bergvolks aus den Anden. »Es besteht die Gefahr, dass man sich verliebt.« Für mich kommt diese Warnung viel zu spät.

Lamatrekking-Anbieter und Wissenswertes zu den Tieren auf Seite 2


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13.01.2015
Autor: Beate Hitzler
© outdoor
Ausgabe 9/2014