Wandern im Trentino

Dolomiti Brenta Trek

Trentino-Special 2013
Foto: A. Cristofoletti
Touren durch die Brenta gehören zum Eindrucksvollsten, was Wanderer in den Dolomiten erleben können. Niko Dohmen hat sich auf den Weg gemacht.

Brenta-Dolomiten, 22. Juli 1864: Der irische Bergsteiger John Ball verlässt die Osteria Giacomo am Nordufer des Lago di Molveno und macht sich auf einen Weg, den noch niemand zuvor gegangen ist: die Überschreitung der damals noch weitgehend unbekannten Brenta-Kette. Mit Hilfe des einheimischen Gamsjägers Bonifacio Nicolussi findet Ball die Aufstiegsroute zur 2552 Meter hoch gelegenen Scharte Bocca di Brenta, die ihm einen Durchschlupf zwischen den abweisenden Steilwänden des Felsenlabyrinths gewährt. Balls Pionierleistung öffnet das Tor zur alpinistischen Erschließung der westlichsten Dolomitengruppe. Bereits im nächsten Jahr folgen ihm seine britischen Bergkameraden Francis Fox Tuckett und Douglas William Freshfield, denen später die Erstbesteigung der 3151 Meter hohen Cima Brenta gelingt.

In seinem 1875 erschienenen Buch »The Italian Alps« beschreibt Freshfield seinen ersten Eindruck des »geheimnisvollen Bergzugs«, der »völlig anders als alles in den Westalpen« sei: »Vor den Augen des Reisenden erheben sich Türme, Hörner, Kuppeln, Pfeiler, Spitzen, versammelt in endloser Vielfalt.« Auch wenn sich die Zeiten in der Brenta seit den Erkundungen dieser ersten Pioniere geändert haben: Freshfields Begeisterung beim ersten Anblick des Massivs lässt sich auch heute noch leicht nachvollziehen. Umringt von grünen Tälern ragt der rund 45 Kilometer lange und bis zu 25 Kilometer breite Gebirgsstock über 3100 Meter hoch in den Himmel der norditalienischen Provinz Trentino, eine mächtige Phalanx aus senkrechten Felsfluchten und eisigen Flanken, zersägten Graten und kühnen Zinnen. Waren die ersten Erschließer im rauen Obergeschoss der Brenta noch vollkommen auf sich allein gestellt, begann der Trentiner Alpenverein SAT im Jahre 1881 schon mit der Errichtung von Hütten, 1893 folgte die erste Drahtseilsicherung, dann entstanden ganze Eisenwege, die der Brenta schnell den Ruf eines Eldorados für Ferratisten und Kletterer einbrachten.

Trekking-Fans können sich seit 2009 über gute Nachrichten aus dem Trentino freuen: Im gleichen Jahr, als das Komitee der Unesco die Brenta als eine von neun Dolomitengruppen zum Weltnaturerbe erklärte, wurde der Dolomiti di Brenta-Trek (DBT) eröffnet. Auf ihm lässt sich das Massiv in einer Woche umrunden, zwei Varianten stehen dabei zur Auswahl: Der DBT Country verläuft auf mittlerer Hanglage, kommt ohne große Anstiege aus und richtet sich vor allem an Genusswanderer und Familien, die am Abend den Komfort eines Hotels im Tal schätzen. Wer aber die Faszination der Brenta hautnah erleben und ihrer steinernen Wunderwelt auf Augenhöhe begegnen möchte, folgt der anspruchsvollen Hüttenrunde DBT Expert. Ihren Namen trägt sie nicht umsonst: Die rund 90 Kilometer lange Runde schlägt mit fast 8200 Höhenmetern zu Buche, schraubt sich dabei über neun Pässe, durch-quert mehrere Firnfelder und leitet teilweise durch überhängende Klettersteigpassagen – jedoch nur, wenn man der gesamten Originalroute folgt. Denn durch ihre Einbindung in das gut ausgebaute Wegenetz lassen sich die kniffligsten Etappen durch ausgeschilderte Alternativen problemlos umgehen, dazu erlauben viele Verbindungswege Abkürzungen sowie eine flexible Wahl des Start- und Endpunkts. Die beliebteste Eingangspforte in die Bergwelt der Brenta ist seit jeher Madonna di Campiglio.

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Urige Bergromantik sucht man in dem mondänen Ort heute allerdings vergebens. Wer dem Tal schnell entfliehen möchte, schwebt mit der Seilbahn hinauf zum Grostè-Pass (2438 m). Einsamkeit darf man dort zunächst nicht erwarten: Die Strecke zum Rifugio Brentei teilt sich der DBT Expert mit einer der klassischen Tageswanderungen der Region. Bei herrlichem Blick hinab ins Val Rendena und hinüber zu den Schneeriesen der Adamello- Presanella-Gruppe geht es in leichtem Auf und Ab über karstige Mondlandschaften und durch saftige Wiesenmatten. Zu guter Letzt warten noch einige etwas ausgesetzte, versicherte Passagen sowie ein kleiner Stollen. An der von stolzen Steilwänden umringten Brentei- Hütte machen die Tagesausflügler kehrt. Wer nun auf dem DBT weiter ins wilde Herz der Brenta vordringen möchte, muss eine Entscheidung treffen: Die Ausschilderung der Originalroute schickt schwindelfreie Klettersteigenthusiasten auf die beiden technisch anspruchsvollsten Etappen der Tour, bewertet mit dem italienischen Schwierigkeitsgrad MD – »molto dificile«.

 

Trentino-Special 2013
Foto: Pio Giminiani Ein exzellent ausgebautes Netz an Hütten und Unterkünften erleichtert die Tourenwahl.

Als Knackpunkt wartet vor allem der spektakuläre und sehr ausgesetzte Sentiero Ettore Castiglioni, eine lange Reihe kühn angelegter Leitern. Ganz ohne Einsatz des Klettersteigsets kommt hingegen die leichtere Variante aus, die den Spuren von John Balls historischer Brenta-Überschreitung folgt. Auch hier haben Wanderer an einer kurzen, fast senkrechten Kraxelstelle mal alle Hände voll zu tun, bevor das schmale Felsentor der Bocca di Brenta erreicht ist. Ein kleines Stück unterhalb, am spektakulär zwischen dem schroffen Felszacken des Croz del Rifugio und der Cima Brenta Bassa gelegenen Rifugio Pedrotti, treffen sich beide Wege wieder. Es folgt einer der eindruckvollsten Abschnitte des DBT Expert: der legendäre Sentiero Osvalo Orsi. Offiziell als Klettersteig ausgewiesen, aber auch für Wanderer ohne entsprechende Erfahrung problemlos machbar, folgt er den Felsbändern unterhalb der imposanten, etwa 600 Meter hohen Ostwand der Cima Brenta Alta. Bald öffnet sich der Blick auf das unbestrittene Filetstück der vielen Landschaftsperlen am Weg: die 300 Meter in den Himmel emporstrebende Felsnadel Campanile Basso, unstrittig die markanteste aller Brenta-Zinnen.

Den ersten Versuch, das »Welträtsel aus Stein« zu besteigen, unternehmen die drei Trentiner Bergsteiger Antonio Tavernaro, Carlo Garbari und Nino Pooli im August 1897, doch nach dramatischem Kampf muss der Vorsteigende Pooli nur fünfzehn Meter unterhalb des Gipfels aufgeben – trotz Garbaris Versuch, ihn mit einem gezückten Revolver zum Weiterklettern zu zwingen. Doch auch Wanderer auf dem DBT finden sich bald in einer Steilwand wieder: bei der luftigen Querung auf »La Sega Alta«, einem breiten, in den Stein gehauenen Felsband. Nach dem schweißtreibenden, steilen Aufstieg zum Passo del Clamer (2164 m) zeigt sich die Brenta in ihrem nördlichen Teil dann von einer ganz anderen Seite: Die felsgraue Dramatik des zentralen Hauptmassivs weicht saftigen Almwiesen und grünen Tälern, klaren Seen und einsamen Wäldern. In dieser wenig besuchten Wildnis fühlen sich auch die berühmtesten Bewohner der Brenta wohl: die Braunbären.

Chancen auf eine Sichtung sind jedoch äußerst gering, denn nur etwa 20 Exemplare durchstreifen das Gebiet. Einen Tagesmarsch später schließt sich die Runde am Grostè-Pass, es geht wieder nach Madonna di Campiglio. Zwei Jahre nachdem Ball das Tal nach seiner historischen Überschreitung der Bocca di Brenta erreichte, stellte er in seinem »Alpine Guide« fest: »Wegen seiner außergewöhnlich kühnen und einzigartigen Formen fasziniert diese Gruppe alle Alpinisten, die sich ihr nähern.« Wer den DBT Expert gegangen ist, wird ihm da zustimmen.

 

Trentino-Special 2013
Foto: Pio Giminiani Die Brenta-Gruppe ist nicht nur Weltnaturerbe, sondern auch Kultur- und Lebensraum.

Top-Tipp 1: Pian della Nana

Profil: 7–9 h, 19 km, 1200 Hm

Die Highlights der Brenta lassen sich auch auf Tageswanderungen erschließen. So führt zum Beispiel eine Tour durch das grüne Tal Pian della Nana und vorbei an den steilen Flanken des Cima Uomo und Pale della Valina. Vom Ort Miralago steigt man zum Bivacco Sandri hinauf und umrundet zunächst den Cima Uomo. Dann verläuft der Pfad direkt durch die felsigen Hänge und über den Passo dell‘Uomo (2395 m) ins Pian della Nana. Dort trifft die Route auf den Brenta-Trek Expert, der über das Plateau und dann durch die Flanken des Pale della Valina zurück führt.

Top-Tipp 2: Sentiero Orsi

Profil: 7–9 h, 15 km, 1300 Hm

Ein besonderes Wandererlebnis ist die Umrundung des Brenta-Gipfels auf dem Sentiero Orsi. Vom Rifugio Vellesinella steigt man immer weiter dem schroffen Gipfelaufbau der 3151 Meter hohen Cima Brenta entgegen und umrundet ihn dann Richtung Norden. Nun beginnt ein teils schwieriger Klettersteig, der durch die kompakten Felsbänder der Cima-Brenta-Ostwand führt. Anschließend leitet der Weg auf der Südseite des Massivs entlang, vorbei an den Felswänden des Cima Mandron (3042 m). Auf dem Sentiero Bogani, einem Normalweg und Teil des Brenta-Treks, wandert man schließlich zurück ins Tal.

Top-Tipp 3: Sentiero Palmieri

Profil: 7–8 h, 15 km, 1650 Hm

Eine der am eindrucksvollsten gelegenen Hütten der Brenta ist das Rifugio Tosa, das auf einem Bergrücken erbaut wurde. Eine Tagestour führt von Molveno Richtung Val Daino zum Rifugio Tosa. Hier ergibt sich ein hervorragender Blick auf die umliegenden Felsmassive. Weiter verläuft der Weg nach Westen, bis er schließlich in den Sentiero Palmieri alto, einen Steig für geübte Wanderer, übergeht. Die felsigen Gipfel der Cima Ceda Bassa und Cima Ceda thronen über dem Steig. Im Tal erblickt man den Lago di Molveno, der funkelnd das Ziel der Tour verkündet. Nach dem Steig geht es nach links und zurück zum Normalweg nach Molveno.


12.03.2013
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Ausgabe 4/2013