Wandern im Trentino

Klänge der Dolomiten

Trentino-Special 2013
Foto: Daniele Lira
Klingendes Trentino: Die Konzertreihe »I Suoni delle Dolomiti« - die Klänge der Dolomiten - bringt jeden Sommer klassische Musik hinauf ins Hochgebirge.

Den roten, überkopfhohen Rucksack sieht man schon von weitem. Aber je näher sein Träger kommt, desto merkwürdiger wird die Form am Rücken. Ein revolutionärer Innengestellrucksack, komplett aus Carbonfasern gefertigt und in Ferrari-Rot? Nein, ein Cello-Koffer! Der Mann, der sein Arbeitsgerät so souverän und trittsicher durch die Trentiner Bergwelt, genauer: durch die Cevedale-Gruppe, schleppt, heißt Mario Brunello. Der 52-jährige Italiener mit den lustigen Augen und dem grau melierten Vollbart ist ein Mann der Berge. Geboren in dem Städtchen Castelfranco Veneto, wuchs er in Sichtweite des Monte Grappa und der Dolomiten auf. Kein Wunder, dass Bergsteigen und Klettern die Leidenschaft des jungen Mario wurde. Sein Leben aber ist die Musik. Genauer: das Cello. Seit Brunello 1986 als erster Italiener den Internationalen Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau gewann, verehrt ihn die Welt der klassischen Musik als Star. Er hat zusammen mit den besten Dirigenten und Orchestern in den größten Opernhäusern dieser Welt alle großen Werke für Cello gespielt

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Trentino-Special 2013
Foto: Andreas Kern Isabelle Faust stimmt an einem namenlosen Bergsee ihre Geige.

Aber warum nur schleppt Mario Brunello dieses Cello – vor über 400 Jahren von Giovanni Paolo Maggini aus Brescia gebaut und heutzutage mit keinem Geld dieser Erde bezahlbar – durch die Cevedale-Gruppe? Warum trägt er eine derart wertvolle und zerbrechliche Fracht auf über 3200 Meter hohe Berge, durch steile Felsflanken und ewiges Eis und übernachtet mit ihm in der Cevedale-, Dorigoni- und Haselgruberhütte – immerhin 2600, 2400 und 2200 Meter hoch? Ganz einfach! Weil Mario Brunello ein Mann der Berge und der Musik ist! Deshalb bringt er sein Cello und damit die klassische Musik ins Hochgebirge, in sein zweites Wohnzimmer. »Bergluft tut dem Menschen und dem Instrument gut«, so das Credo des Profi-Musikers. »Im Auto oder im vollklimatisierten Hotel leidet mein Cello viel mehr als hier in den Bergen. Und wenn ich es selbst trage, ist es sicherer als irgendwo sonst.« Isabelle Faust trägt nur einen kleinen Tagesrucksack. Ihre Geige hat ihr Mann im Softcase lässig außen an seinen Trekkingrucksack geschnallt. Mit der 40-jährigen Konzertviolinistin ebenfalls auf Trekkingtour durch die Trentiner Bergwelt ist Isabelles 14 Jahre alter Sohn. Neben der Faust-Familie und Mario Brunello (»Dank des Carbonkoffers habe ich höchstens zehn Kilogramm am Rücken.«) steigen noch ein Dutzend Bergführer und sechzig geländegängige Klassik-Fans mit durch die Cevedale-Gruppe. Die Route der »I Suoni delle Dolomiti«-Trekkingtour: Am ersten Tag steigen die Musiktrekker vom Val di Sole hinauf zur Cevedale-Hütte. Tags darauf geht’s mit Seil und Bergführerhilfe über einen Gletscher zur 3200 Meter hohen Cima Mezzena und hinab zur Dorigoni-Hütte. Am dritten Tag führt die Klassik-Tour über den Fastdreitausender Gleck und unzählige kleine Bergseen zur Haselgruberhütte und zurück ins Val di Rabbi und ins Val di Sole, wo die drei Tage voller Bergklänge vom Allerfeinsten schließlich enden.

 

Trentino-Special 2013
Foto: Andreas Kern Mario Brunello hat zwei Leidenschaften: Berge und Musik.

Mario Brunello ist von Anfang an, nämlich seit 19 Jahren dabei. Trotz Konzertreisen weltweit sind die »Suoni delle Dolomiti« jedes Jahr einer der musikalischen Höhepunkte für ihn. Geigerin Isabelle Faust ist das zweite Mal mit von der Partie. Die Stimmung wird magisch, wenn sie und Mario am Ufer eines Bergsees auf 2500 Metern zu einem Duett von Maurice Ravel anstimmen. Dabei haben sich die beiden Musiker erst einen Tag vor Beginn der Tour kennengelernt. Aber beide spürten gleich eine gemeinsame Wellenlänge, die sich jetzt auf die Zuhörer überträgt. Vielleicht klingen die Dolomiten in einigen Jahren auch einmal jazzig. Denn nur eines von Brunellos drei Kindern tritt in die Klassik-Fußstapfen des Vaters. Die beiden anderen stehen mehr auf Blues und Jazz.

Video: I Suoni delle Dolomiti 2012




12.03.2013
© outdoor
Ausgabe 4/2013