Wir zeigen Ihnen jetzt schon die Highlights für die nächste Wintersaison - plus die Gewinner des ISPO Award mehr ...
Wandern am Ledro- und Gardasee
Das Beste aus zwei Welten
Die Berge am Gardasee sind ein Wandertraum. Doch auch nebenan am Ledrosee warten viele schöne Touren. outdoor stellt die beiden recht unterschiedlichen Reviere vor – das Beste aus zwei Welten.
An manchen Tagen begegnet man hier keiner Menschenseele. Am Wetter kann‘s nicht liegen – angenehme Sommersonne und eine leichte Brise: perfekte Wanderbedingungen. Und an mangelnder Naturschönheit auch nicht. Auf dem schmalen Berggrat genießen Wanderer eine Aussicht, wie man sie sich schöner kaum vorstellen kann.
Die schönsten Touren:
Tour 1. Cima Nara und Cima al Bal
Tour 5: Biacesa - Rocchetta - Biacesa
Weit schweift der Blick über Gipfel, Täler und Almen, unten glitzert tiefblau der See. »Stefania, du bist doch von hier. Warum wandert hier denn niemand?« Stefania lächelt und antwortet mit ihrem charmanten italienischen Akzent: »Weil das da unten nicht der Gardasee ist.«
Aha, das ist es also. Stimmt: Am Ledrosee, dem kleinen, nordwestlich gelegenen Bruder des Gardasees, nur 20 Kilometer vom Lago di Garda entfernt, ist von den sportlichen Naturliebhabern nicht viel zu sehen, die allsommerlich in Scharen an dessen Ufern einfallen. Das Mondän-Mediterrane des großen Verwandten fehlt dem Ledrosee. Verwunschen schimmert er zwischen waldigen Hängen hervor und lädt mit seinem klaren Wasser zum Baden ein – vor oder nach den Bergtouren.
Und davon gibt es mehr als genug: Im Norden liegt das stille Conceital, im Süden ragen die aussichtsreichen Gipfel des Ledrogebirges auf, und im Osten führen schmale Pfade auf die steilen Hänge hoch über dem Gardasee. Die Region ist eher etwas für Individualisten, die dennoch auf die Nähe des Gardasees und dessen zugegeben sehr vielfältige und reizvolle Wander-, Mountainbike-, Surf- und auch Klettermöglichkeiten nicht völlig verzichten wollen.
Aber rund um den Ledrosee gibt es ebenfalls zahlreiche Wander- und Ausflugsziele. Vom Uferspaziergang bis zum Klettersteig reicht die Auswahl, hier findet jeder seine Route. Für Familien mit Kindern bieten sich auch liebevoll gepflegte Touristenattraktionen wie die alte Schuhnagelschmiede in Prè di Ledro, die Pfahlbauten bei Molina di Ledro oder der Naturlehrpfad beim Ampolasee als Ausflüge an.
Zwei Seen auf einen Blick
Für den Einstieg am ersten Tag empfiehlt Stefania, die einheimische Bergführerin, gleich eine recht ausgedehnte Tour auf den Cima al Bal und den Cima Nara, zwei Bergrücken zwischen Garda- und Ledrosee. In Pregasina, dem Ausgangspunkt der Wanderung, kann man vor dem Start noch den schon obligatorischen Caffè Latte trinken und den Fachsimpeleien am Nebentisch lauschen: Bunt gekleidete Mountainbiker diskutieren leidenschaftlich über den leichtesten Rahmen, optimale Übersetzungen und die richtige Technik.
Am Anfang der Strecke teilen sich Wanderer den breiten Fahrweg noch mit den strampelnden Bikern, aber bald schon weichen die Fußgänger auf einen romantischen Maultierpfad aus, der durch lichten Buchenwald führt. »Wir müssen unbedingt auf die Lärchenspitze, da hat man einen tollen Blick auf den Gardasee.« Stefania ist kaum zu bremsen. Wie – Lärchenspitze? Muss man hier für eine gute Aussicht Bäume besteigen? Keine Bange: Anstelle eines schaukelnden Wipfels begeistert ein in der Tat grandioser Aussichtspunkt die Bezwinger der Lärchenspitze: die »Punta dei Larici«, aus festem Gestein. Fast 900 Meter fallen die Felswände steil zum Gardasee ab.
Schützengräben und Orchideenpracht
Der Wanderweg führt an einem Almgebäude vorbei. »Siehst du die Fensterstreben? Das sind Eisenstangen, an denen während des Ersten Weltkriegs in den Schützengräben der Stacheldraht befestigt war.« Was Stefania alles weiß ... Ein schmaler Saumpfad führt entlang des wiesen- und strauchbedeckten Bergkamms auf den Cima Nara. Immer wieder passiert er Reste von Unterständen und Schützengräben. Grusel stellt sich ein bei dem Gedanken, dass sich hier vor 100 Jahren Österreicher und Italiener feindselig gegenübergestanden haben.
Die Gegenwart hingegen ist atemberaubend schön. Auf dem Gipfelkamm des Cima Nara stehend, weiß man nicht, wohin man den Blick zuerst wenden soll: Im Westen schimmert geheimnisvoll das grüne Rund des Ledrosees, und im Osten glitzert das Blau des Gardasees im Sonnenlicht. Den Rückweg säumen unzählige Orchideen. Über 1000 Arten wachsen hier in den Wäldern und an den Berghängen. Das Männliche Knabenkraut zum Beispiel, eine purpur leuchtende Blütenpyramide. Und Stefania kennt sie alle beim Namen. Gut, nicht wirklich alle, aber sie weiß unglaublich viele Details über die hiesige Flora. Zu den angenehmen Seiten des Lebens am Ledrosee zählt definitiv auch der abendliche Besuch der Risotteria in Bezzecca. Auch hier unzählige Arten, vorzüglichen Risottos diesmal. Mehr als zwei schafft man trotz Grappa beim besten Willen nicht, selbst dann, wenn es ums Kräftesammeln für den nächsten Tag geht: Da steht die Cima Parí auf dem Programm, mit stolzen 1991 Metern der höchste Berg des Ledrogebirges.
Auf die Cima Parí (1991 m). Vom Gipfelkreuz der Cima Parí genießen Wanderer den Rundblick über Ledro- und Conceital. Ganz in der Nähe zieht der Sentiero della Pace entlang, der über 500 Kilometer dem Frontverlauf des Ersten Weltkriegs folgt. Der Weitwanderweg beginnt in den Sextener Dolomiten und endet am Stilfser Joch.
Verzaubert liegt der See in der Morgensonne
Die frühe Morgensonne zaubert ein wunderschönes Licht auf den Ledrosee. Nach einem aussichtsreichen Aufstieg belohnt der Rundblick vom grasbedeckten Gipfel der Cima Parí für das zeitige Aufstehen. Tief unten, scheinbar unendlich fern, liegt ruhig der See, und der Blick wandert weiter über das stille Conceital. Auf der anderen Seite blitzt sogar lockend ein Zipfel des Gardasees blau herüber.
So verführerisch schimmert der große Bruder des Ledrosees in der Ferne, dass kaum jemand der Versuchung widerstehen wird, einen Abstecher an seine Ufer zu unternehmen. Zum Beispiel als Kurzwanderung, die sich mit spektakulären Aussichten an der Steilküste entlangschlängelt, hoch oben über dem Nordwestzipfel des Gardasees. Riva del Garda ist natürlich ein Muss, ebenso der Caffè Latte mit Seeblick dort. Danach geht es gemächlich nach Pregasina zurück, hoch oben über dem fjordähnlichen See. Auf seinem gleißenden Spiegel ziehen bunte Surfsegel ihre Kreise, und die Sonne zeichnet eine glitzernde Bahn auf das tiefblaue Wasser. Immer wieder taucht der Wanderweg in Tunnel der ehemaligen Küstenstraße ein, um dann unvermittelt ins Sonnenlicht zurückzukehren. Der Ausblick ist so atemberaubend, dass er einen vergessen lässt, dass hier eine renaturierte Straße unter den Sohlen knirscht.
Zu versunken sollte man allerdings nicht sein, sonst gerät man unversehens in die Schusslinie der abwärts bretternden Mountainbiker. Das Szenario ist immer ähnlich: Eine Horde schwitzender mehr oder minder junger Männer, an der Spitze liefern sich die Alphatiere ein rasantes Duell, dann folgt das Mittelfeld und weit abgeschlagen vom Feld ein paar rotgesichtige Nachzügler. Oder aber ein Einzelner zieht ehrgeizig vorbei, zehn Minuten später folgt dann die zugehörige Frau, entweder neben oder auf dem Fahrrad. Wer früh im Jahr oder im Herbst diesen Spaziergang unternimmt, hat die Strecke aber relativ radlerfrei für sich.
Für den Nachmittag bietet sich ein Abstecher zu den Pfahlbauten am Ufer des Ledrosees an. In Molina di Ledro stehen originalgetreu rekonstruierte »Palafitte«: Geheimnisvoll wirken die Pfahlbauten aus der Bronzezeit im warmen Abendlicht. Wahrscheinlich wussten die Menschen damals schon die Schönheit, sicherlich aber den Fischreichtum des kleinen Ledrosees zu schätzen. Nach Kultur und Historie fehlt nur noch eine sportliche Herausforderung, um die Vielfalt des Ledrosees ganz auszuloten: Westlich des Sees lockt eine Klettersteigtour auf den Monte Corno. Stefania liebt schon die sportiv-italienische Anfahrt über die unzähligen Serpentinen auf den Passo Tremalzo. Von hier hat man einen fantastischen Blick auf die umliegenden Täler, und es gibt wieder einmal einen hervorragenden Caffè Latte. Vom Rifugio Garibaldi führt der Weg gemächlich durch Buchen und Lärchen. Bald lichtet sich der Wald und öffnet eine herrliche Aussicht auf die Täler. Hinter jeder Felsnase wartet eine neue Perspektive; unten schlummern vereinzelte Almgebäude auf grünen Matten. Bald wird es ernst, denn kurz hinter dem Gipfel ragt ein Felskamin mit Eisenleiter auf, Klettersteigausrüstung ist jetzt gefragt. Der Kamin macht aber vor allem viel Spaß und ist schnell überwunden.
Leidenschaftlicher Flirt mit dem kleinen Bruder
Stefania strahlt. »Wunderbar, oder?«, fragt sie. Ihr macht es nichts aus, dass die meisten am Gardasee bleiben und sie so ihren Ledrosee oft für sich hat. Im Gegenteil: Sie genießt die Ruhe um das blaugrüne Kleinod in seinem Rahmen aus einsamen Berggipfeln. Mit dem kleinen Bruder zu schäkern, hat eben einen ganz besonderen Reiz.
Weitere Artikel:
Easy Going: Multifunktionsschuh vs. Leichtwanderstiefel Die große outdoor-Tourenübersicht mit interaktiver Karte Mein erster 4000er - das müssen Sie wissen
In diesem Artikel

