Wandern in den Dolomiten - 4 Tage von Hütte zu Hütte

Viertägige Hüttentour in den Dolomiten

Kein Gebirge in den Alpen hat eine so unverkennbare Gestalt wie die Dolomiten. Eine viertägige Hüttentour von Alta Badia zur Marmolada entführt in die traumhafte Landschaft der Dolomiten.

"Hier soll es hochgehen?" Ich blicke ungläubig auf die steile, fast strukturlose Westwand des Heiligkreuzkofels. Doch es gibt auch hier einen Steig, wie so häufig in den Dolomiten. Mit jedem Meter, den wir der mächtigen Felsbarriere näher kommen, offenbart sich ein weiterer Teil unserer Route. Unterhalb der bis zu 900 Meter hohen Wand führt sie durch den Schutt, quert nach rechts, windet sich in Serpentinen höher und verläuft schließlich über eine Scharte hinauf auf das Hochplateau des Fanes-Massivs. Mit dickem Grinsen blicke ich nach oben – eine viertägige Hüttentour liegt vor uns. Wandern in den Dolomiten, das bedeutet Gipfel und Panoramen, die das Adjektiv atemberaubend tatsächlich verdienen, denn nirgendwo in den Alpen schießen die Felstürme so steil und kühn auf, ist der Kontrast zum lieblichen Grün der Almen größer. Wandern in den Dolomiten bedeutet aber auch: Einblicke in eine bewegte Geschichte. Die heute so friedvoll wirkenden Berge waren Schauplatz des "Gebirgskriegs", der von 1915 bis 1918 zwischen Österreichern und Italienern tobte, als Teil des Ersten Weltkriegs. Deutschland, Österreich-Ungarn und die heutige Türkei kämpften gegen Frankreich, Großbritannien, Russland, die USA und Italien. Die Gefechtslinie verlief vom Gipfel des Kleinen Lagazuoi (2778 Meter) bis zur 3343 Meter hohen Marmolada, dem höchsten Berg der Dolomiten. Unsere Route folgt in weiten Teilen dieser Front: Vom Dorf Badia aus arbeiten wir uns am ersten Tag hinauf auf das Karstplateau des Heiligkreuzkofels und wollen in der Fanes-Hütte schlafen. Danach soll es auf den Gipfel des Kleinen Lagazuoi gehen und von dort durch Kriegsstollen hinab ins Tal, später über die Franz-Kostner-Hütte bis an den Fuß der Marmolada.

Die vier Etappen der Dolomiten-Hüttentour:

Ein weit verzweigtes Wegenetz durchzieht die Dolomiten

Schon nach wenigen Minuten vergeht mir in den steilen Serpentinen am Heiligkreuzkofel das Grinsen, ich sehne mich nach einem Sessel – und einer Sauerstoffflasche. Der Grund für meine Atemnot heißt Giulia Bottos, meine Begleitung. Die stets gut gelaunte Giulia stammt aus dem nahegelegenen Friaul und steht ganz oben auf meiner Telefonliste, wenn ich in der Gegend Tourenpartner suche – noch. Wenn sie weiter so schnell läuft, kündige ich ihr die Freundschaft. Die Idee zu unserem Dolomiten-Hüttentrek stammt von Igor Tavella, dem Mitbegründer des Reiseveranstalters Holimites. Mit seiner Route möchte er "den Gästen vor Augen führen, was sich hier vor hundert Jahren abgespielt hat". Nach einem Probelauf soll die Tour einen festen Platz im Programm bekommen. Mich hat der Weg gereizt, der Landschaft wegen, natürlich, aber auch, weil ich vor Kurzem erfahren habe, dass mein Uropa im Jahr 1915 auf Seiten der Österreicher am Lagazuoi gekämpft hat.

Etwas unterhalb des Fanes-Plateaus leitet der Pfad in eine Scharte – über Felsstufen, Drahtseile, lose Steine. Immer öfter benutzen wir unsere Hände. Der Blick hinab mahnt: Fehler können hier tödlich enden. Wer sich den teils ausgesetzten Steig nicht zutraut, nimmt einen der leichteren Aufstiege. Das weit verzweigte Wegenetz gilt zu Recht als eine Besonderheit der Dolomiten. Es gibt immer einen Pfad, der steiler und schwerer ist – und einen, der sich für normale Wanderer eignet. Igor fällt mir ein. "Die meisten Wege und Klettersteige hier entstanden während des Krieges. Das wissen aber nur die wenigsten", hat er uns noch mit auf den Weg gegeben. Meine Augenbrauen können den Schweiß kaum noch abhalten. "Etwas langsamer bitte", keuche ich. Vielleicht hätte ich letzte Woche lieber trainieren sollen, statt nach Informationen über meinen Uropa zu wühlen. Ich durchforstete alte Fotoalben, quälte mich mit der Sütterlin-Schrift des "Kriegerehrenbuches" meiner Stadt, löcherte meine Mutter mit Fragen. Am Ende wusste ich nicht viel über seine Zeit in den Dolomiten. Die meisten Veteranen redeten ungern über ihre Erlebnisse, und ein Tagebuch gibt es nicht. Giulia stürmt weiter voran und gewinnt leichtfüßig Höhe. Die friaulische Gämse nimmt, wie sie mir jetzt eröffnet, "fast jedes Wochenende an einem anderen Berglauf teil". Na prima. Oben blicken wir über eine Steinwüste – weiße Felsbrocken, Karstlöcher, dazwischen kleine Inseln mit gelbem Gras. Dunkle Wolken hängen über dem fast 2800 Meter hohen Gipfel des Piz Stiga, sie verleihen dem Berg und seinen silbrig glänzenden Steinplatten etwas Mystisches. Wir wandern durch die Mondlandschaft leicht bergab zu den Almen des Kleinfanes.

Kontraste in den Dolomiten - Mondlandschaften und saftig grüne Wiesen

Was für ein Gegensatz: Kühe grasen auf den saftigen Wiesen, Gebirgsbäche plätschern munter, verschwinden kurz unter Brücken und sammeln sich in kleinen Becken und Teichen. Der neue Tag sieht uns auf dem Dolomiten-Höhenweg Nummer 1 in gemütlichem Terrain Richtung Lagazuoi unterwegs. Felsbrocken, Tannen und Latschenfelder durchbrechen den Grasteppich des Hochtals Gran Plan. Neben uns erhebt sich der fast 3000 Meter hohe Piz Taibun, auf seinen Gipfel führt eine geschwungene, gewaltige Steinrampe, die links und rechts scharf abfällt. Anderswo wäre der Taibun ein Star, in den Dolomiten gehört er zu den Unbekannten. Am oberen Eingang der Forcella da Lech, einer engen Rinne, ist wieder Schluss mit bequem. Kühn ragen die gelb-grauen Wände des Piz da Lech (2654 Meter) und des Cima Scotoni (2874 Meter) links und rechts in die Höhe, und dazwischen führen enge Serpentinen 300 Meter nach unten – zum türkisblau funkelnden Lagazuoi-See. Giulias Augen leuchten. "Ein Leben reicht nicht für all die schönen Wege der Dolomiten", sagt sie, und mit guten Wünschen für die Knie machen wir uns an den Abstieg. Den Umstand, dass es hinterher wieder bergauf gehen wird, auf den Kleinen Lagazuoi, verdrängen wir. Aber hoch müssen wir, denn unsere Hütte für die Nacht war tet auf dem Gipfel.

Am Horizont zeichnet sich bereits seine Nordseite ab. Unscheinbar sieht der Lagazuoi von hier aus, fast wie ein Tafelberg. Man könnte ihn glatt übersehen. Die Schauseite liegt im Süden: Hier erhebt sich eine 600 Meter hohe Wand über dem Falzarego-Pass. Die damals strategisch wichtige Felsbarriere gehörte zu den am härtesten umkämpften Orten des Gebirgskriegs. Beide Kriegsparteien legten dort Stollen an, unterminten den Berg und sprengten zwischen 1916 und 1917 wechselseitig Teile des Massivs. Noch heute stößt man am Lagazuoi auf Stacheldraht, künstliche Höhlen und Gänge. Am nächsten Tag entdecken wir nur wenige Meter von der Hütte das Tunnelsystem. Der rund 1100 Meter lange Hauptstollen führt uns etwa 600 Meter hinab, Richtung Falzarego-Pass. In den Gängen ist es kalt. Es ist dunkel. Es zieht. Hin und wieder durchbricht ein Loch im Felsen die Finsternis. Unsere Gespräche verstummen. In der Decke sieht man die Einstichstellen der Meißel, mit denen diese künstlichen Gänge geformt wurden. „Bedrückend“, sagt Giulia. Ob mein Uropa hier war? Unwahrscheinlich. Ludwig Standl, so viel konnte ich herausfinden, wurde 1913 zum Kriegsdienst einberufen. Er diente als Gefreiter im Bayerischen Jäger-Bataillon Kempten, das 1915 am Lagazuoi die österreichische Armee im Kampf gegen die italienischen Gebirgsjäger „Alpini“ unterstützte. Er kehrte unverletzt zurück und unternahm später mit meinem Opa viele Bergtouren. Gemeinsam fuhren sie zum Beispiel mit ihren einfachen Fahrrädern rund 200 Kilometer von ihrem Heimatort Freilassing nach Garmisch-Partenkirchen – und bestiegen die Zugspitze.

Froh, unten im Tal zu sein, wandern wir rund 20 Kilometer in Richtung des Sella-Massivs und steuern die Franz-Kostner-Hütte auf gut 2500 Meter Höhe an. Mit müden Beinen erreichen wir am späten Nachmittag das Haus. Zerklüftete Felswände überragen es himmelhoch, doch nach Süden und Osten öffnet sich der Kessel. In einer kleinen Senke entdecken wir eine geschwungene Holzliege. Jackpot! Ich lasse mich sofort auf sie fallen und streife die Schuhe ab. Giulia folgt nur Sekunden später meinem Beispiel. Das vorgewärmte Holz entspannt unsere Muskeln, die Sonnenstrahlen auf unseren Gesichtern lassen unsere Gedanken abschweifen. Immer schwerer werden die Augenlider, und schon bald dösen wir friedlich. Pünktlich zur Abenddämmerung bewundern wir auf der Terrasse der Franz-Kostner-Hütte ein weitläufiges Panorama, das besonders zu dieser Zeit Postkarten-Charakter bekommt: Die sonst weiße Gletscherzunge der Marmolada leuchtet purpurn im Abendlicht, und auch die Zinnen des Monte Pelmo kleiden sich in einem passenden Rot. "Enrosadöra" nennen die einheimischen Ladiner die in den Dolomiten besonders ausgeprägte Form des Alpenglühens.

"Königin der Dolomiten" - Die Marmolada

Spät am Abend zieht es mich noch einmal vor die Tür: Die Ereignisse des Tages berühren mich stärker als erwartet. Das Leben meines Uropas hatte größeren Einfluss auf mich, als ich vor meiner Recherche dachte. Er begründete die Liebe zu den Bergen in meiner Familie – eine Leidenschaft, die ich teile. Jetzt schäme ich mich, dass ich mich nicht früher für ihn interessiert habe. Stumm reihen sich die nun dunklen Silhouetten der Dolomiten vor mir auf. Auch bei Tag beeindruckt die Kulisse. Gemütlich folgen wir dem Bindelweg durch ockerfarbene Wiesen auf und ab, während sich rechter Hand die vergletscherte Nordseite der Marmolada erhebt – perfekt der Blick auf die „Königin der Dolomiten“ mit ihrem Gipfelgrat und den Steinwänden links und rechts des Gletscherbetts. Der Krieg zog auch an ihr nicht spurlos vorüber: In den Felsen des Piz Serauta, am östlichen Rand des Gletschers, befanden sich die Stellungen der italienischen Soldaten. Der 1990 angelegte Eterna-Klettersteig führt mitten durch sie hindurch und vermittelt mit Infotafeln die Geschehnisse. „Im Gebirgskrieg hätten es die Alpini nicht gewagt, diesen Steig zu gehen, sie wären direkt in die Schusslinie der österreichischen Truppen geraten. Die verbargen sich nämlich im Gletscher und in den Felsen gegenüber“, erklärt Giulia. Zum Glück können Wanderer heute alte und neue Pfade gefahrlos entdecken – in dem weit verzweigten Wegenetz der Dolomiten.

outdoor-Reisetipps für die Dolomiten-Hüttentour

Hinkommen: Von München aus erreicht man Badia über die A8, die A93 und die Brennerautobahn. Kennt das Navigationssystem den Ort "Badia" nicht, sollte man es mit dem Namen "Abtei" versuchen, der deutschen Übersetzung. Bahnreisende fahren bis Brunico/Bruneck und besteigen dann den Bus Richtung Badia, Haltestelle Pedraces. Der nächste Flughafen liegt in Bozen.

Mobil vor Ort: Wer etwas Zeit mitbringt, kommt mit dem Bus von einem Tal ins nächste. Schneller geht es per Taxi, zum Beispiel mit Easy Ride. Das Auto hilft einem auf dieser Hüttentour nicht viel. Info: altabadia.org

Surfen: Alles Wissenswerte zu Anreise, Hotels, Events und Wanderwegen findet man auf der Internetseite von Alta Badia altabadia.org

Beste Reisezeit: Schnee hält sich in den Dolomiten rechte lange. Die Tour sollte man daher nur von Ende Juni (vorher die Schneeverhältnisse checken!) bis Mitte Oktober unternehmen. Ruhiger wird es ab Mitte September.

Anspruch: Obwohl die Dolomiten sehr gut erschlossen sind, führen viele Wege der Tour über schmale, felsige Pfade und steile Pässe. Wanderer sollten sich in dieser Umgebung schwindelfrei und trittsicher bewegen können. Aufgrund der Vielzahl an Routen lassen sich Passagen, die man sich nicht zutraut, umgehen. Trotzdem gilt es nicht zu vergessen, dass sich die Tour oft über der 2000-Meter-Marke bewegt: Winde blasen hier stärker, und Unwetter ziehen schneller auf. Warme Kleidung und eine wasserdichte Jacke sollten in keinem Rucksack fehlen.

Orientieren: Dolomitenwege sind rot-weiß-rot markiert und in der Regel vorbildlich ausgeschildert. Eine Wanderkarte muss trotzdem mit in den Rucksack. Zum Beispiel: Tobacco-Karte Nummer 7, Alta Badia, Maßstab 1:25.000, 8,50 Euro.

Unterkünfte der Dolomiten-Hüttentour

Badia: Das kleine Hotel Ustaria Posta liegt direkt an der Hauptstraße von Badia. Nur wenige Meter hinter dem Haus fährt eine Bahn hinauf zum Rifugio Heiligkreuz, dem Beginn der Hüttentour. Das Doppelzimmer kostet mit Halbpension ab 60 Euro pro Nacht. ustariaposta.it

Rifugio Fanes: Inmitten eines idyllischen Bergkessels auf 2060 Metern liegt diese Hütte. Neben Schlaflager-Betten (ab 17 Euro) gibt es auch Doppel- und Mehrbettzimmer mit eigener Dusche (ab 22 Euro pro Person und Tag). Das Frühstück kostet 10 Euro Aufpreis, Halbpension insgesamt 28 Euro mehr. rifugiofanes.com

Rifugio Lagazuoi (2752 m): Von der großen Terrasse der Hütte aus eröffnet sich ein schier endloses Panorama. Die Aussicht kostet aber auch etwas: ab 30 Euro im Schlaflager, die Zimmer beginnen bei 42 Euro – pro Person und Tag. Wer Frühstück möchte, bezahlt 10 Euro Aufpreis, Halbpension kostet 25 Euro mehr. rifugiolagazuoi.com

Franz-Kostner-Hütte: Die gemütliche Hütte von Bergführer Manuel Agreiter befindet sich am Vallon, auf 2550 Metern Höhe. Gleich gegenüber leuchtet der Gletscher der Marmolada – traumhaft. AV-Mitglieder bezahlen 10 Euro pro Nacht, der Aufschlag für ein Zweioder Vierbettzimmer beträgt 5 Euro. Die Halbpension kostet 39 Euro mehr. rifugiokostner.it

Hotel Dolomia: Am Ziel der Hüttentour können Wanderer noch eine Nacht verbringen, ehe es am nächsten Tag an die Heimreise geht. Das Hotel Dolomia liegt direkt am Passo di Fedaia auf der anderen Seite einer Staumauer. Das Doppelzimmer kostet ab 40 Euro pro Nacht/Person, Halbpension im Preis inbegriffen. hotelrifugiodolomia.com

 

Foto: outdoor Franz Güntner, Reisejournalist

Autoren-Tipps

Skilifte nutzen: In fast allen Orten am Weg fahren Skilifte. Mit ihrer Hilfe lässt man die unspektakulären Passagen unterhalb der steilen Wände schnell hinter sich – und hat noch Kraft für einen Extra-Gipfel.

Ladinien entdecken: Das Val Badia (Gardertal) gilt als Kernzone der ladinischen Sprache, Kultur und Tradition. Das schöne Museum in St. Martin in Thurn widmet sich ihnen. museumladin.it

Schlemmen: Die Küchenchefs des Gourmet-Hotels Grand Ander in Badia interpretieren traditionelle Gerichte neu. Im Bistro können auch Gäste essen, die nicht im Hotel übernachten. granander.it

3000er erklimmen: Fitte Wanderer können am vierten Tag den Piz Boè (3152 m) besteigen. Der Umweg über den Steig 672 verlangt Trittsicherheit.

Geschichte erleben: Im ersten Weltkrieg wurden in den Gletscher der Marmolada Stollen gesprengt, eine regelrechte Eisstadt einstand. Das Museum Grande Guerra erinnert daran. museomarmoladagrandeguerra.com

Mit Guide unterwegs in den Dolomiten

Wer die Dolomiten lieber mit einem Bergführer erkunden möchte, schließt sich am besten einer geführten Gruppe an. Der Anbieter Holimites aus Badia hat sich auf mehrtägige Trailruns und Trekkingtouren durch diese atemberaubende Landschaft spezialisiert. holimites.com

11.07.2016
Autor: Franz Güntner
© outdoor
Ausgabe 05/2016