Südtirol - Grödental - Gröden

Curona de Gherdëina: Traumhafte Hüttentour in den Dolomiten

Wer die berauschende Pracht der Dolomiten erleben will, ist auf der "Curona de Gherdëina" in Südtirol genau richtig. In vier Etappen führt der Hüttentrek durch die wild und fantastisch zerklüfteten Berge rund um das Grödental.

Gegen Ende der Wandersaison stellt sich plötzlich diese vertraute Sehnsucht wieder ein. Jetzt noch einmal etwas Großartiges starten, richtig hohen Bergen ganz nahe kommen, auf steilen Pfaden den Puls rasen spüren, zwischendurch fluchen – um abends erledigt, aber zufrieden in gemütlichen Hütten zu sitzen, reichlich zu essen und zu plaudern. Im klaren Morgenlicht wandert man dann wieder los, zu neuen Zielen, freut sich über die Welt und das Jetzt und die Energie des eigenen Körpers.

 

Curona de Gherdëina
Foto: Jens Klatt Wie aus einer anderen Welt wirken die Pieralongia-Felsen.

Für das ganz große Alpenkino in der Übergangszeit vom Sommer zum Herbst bieten sich keine Berge besser an als die Dolomiten, deren wilde, bizarr geformte Spitzen und Zacken, Türme und Steilwände Wanderer und Kletterer seit jeher begeistern.

Das Grödental in Südtirol, ein 25 Kilometer langes Seitental des Eisacktals, lockt nicht nur mit namhaften Massiven wie der Puez-Geisler-Gruppe, dem Sellastock und dem Langkofel, sondern auch mit reichlich Sonnenstunden und einem noch recht neuen Weitwanderweg: der "Curona de Gherdëina", auf Deutsch "Krone des Grödentals".

Der Name ist sozusagen Programm, denn in großer Höhe führt die Route als viertägige Rundtour mit Start in St. Ulrich im Uhrzeigersinn um den östlichen Teil des Tals herum: erst zur Geislergruppe, die das Grödental im Norden vom Villnösstal abgrenzt, über die Puez-Hochebene zum Sellastock im Osten und dann weiter durch das Langkofelmassiv, das sich zusammen mit dem Plattkofel südlich des Tales erhebt. Über die Seiser Alm, Europas größte Hochalm, nähert man sich St. Ulrich an Tag vier schließlich wieder von Süden her. Das viele Auf und Ab, das die Tour zur Herausforderung macht, kann man dabei durchaus als die zahlreichen Zacken dieser Krone betrachten.

Curona de Gherdëina - Mächtige Wände & Traumaussichten

Immerhin: Die ersten 850 Höhenmeter, vom Talort St. Ulrich (1236 m) bis zur Bergstation Raschötz (2093 m) im Naturpark Puez-Geisler, lassen sich bequem mit der Standseilbahn zurücklegen. Und das genießt man am besten bewusst, denn bis mit der Puez-Hütte das erste Etappenziel erreicht ist, stehen gute 17 Kilometer und fast 1200 Höhenmeter bevor, darunter zwei steile Scharten.

Die Kabinentür öffnet sich, um ein paar Grad frischer als der Talgrund heißt der Naturpark Puez-Geisler Wanderer willkommen. Rucksack schultern und los geht es, schnell sind die Baumgrenze und die weiten Grasflächen der Innerraschötzer Alm erreicht – entspanntes Einwandern mit ersten Prachtaussichten.

Weit im Süden scheint die markante Locomotiva (2405 m) gleich losdampfen zu wollen, daneben strecken sich die Sellatürme (2598 m) in den blauen Himmel. Fast zum Greifen nah dagegen ragt rechter Hand die Nordwestflanke der Seceda (2518 m) auf, zerklüftet, brüchig und steil, ein paar niedrige Wolkenfetzen umspielen sie. Sie gehört zu den westlichsten Gipfeln der Geislergruppe, deren langgezogenes Massiv das Grödental im Norden begrenzt. Der Name Seceda wurde, wie zumindest Sprachinteressierten auffällt, nicht unschön übersetzt: Wie hart Deutsch im Vergleich zum Italienischen und der hier noch lebendigen Minderheitensprache Ladinisch wirkt, fällt beim direkten Vergleich immer wieder auf. Raschötz versus Rasciesa und Resciesa, Grödental versus Val Gardena und Gherdëina …

 

Curona de Gherdëina
Foto: Jens Klatt Auf der Innerraschötzer Alm weiden zutrauliche Bilderbuchesel.

"Oh, wie süß!" Ein begeisterter Ausruf lenkt die Aufmerksamkeit auf andere Dinge beziehungsweise Tiere. Ein halbes Dutzend Esel weidet links vom Weg, freundlich ausschauende kleine Gesellen in Schattierungen von Weiß über Grau bis fast Schwarz. Sie lassen sich gerne streicheln, fotografieren, und auch im eigenen Garten würden sie wahrscheinlich gut aussehen. Da Esel in den vergangenen Jahrzehnten kaum noch als Nutztiere eingesetzt wurden, drohten sie ganz aus dem Landschaftsbild zu verschwinden. Jetzt bekommen Bauern als Eselbesitzer Zuschüsse vom Staat, und man sieht die Tiere wieder häufiger auf den Südtiroler Bergweiden.

Wenig später grüßen an der Brogleshütte freundlich die draußen auf der Terrasse sitzenden Wanderer. Wie nett es doch wäre, sich hier ebenfalls im Sonnenschein hinzusetzen, mit Blick auf braunweißes Fleckvieh, dessen Halsglocken hin und wieder läuten. Aber der Weg ist noch weit und die erste echte Herausforderung in Sichtweite: das steile Zickzack, das durch die Geröllhänge hinauf zur Panascharte (2447 m) führt, dem Weg von der Nord- auf die Südseite des Geislermassivs. Umso gemeiner, dass es zunächst noch durch etwas Kiefernwald bergab geht, selbst als Fan unverbauter Berge denkt man plötzlich, dass hier ein Flyingfox ganz praktisch wäre.

 

Curona de Gherdëina
Foto: Jens Klatt Unfassbar schön: der Weg über die Cisles-Alm.

Und dann beginnt der Puls zu rasen, während der Schweiß wie bei einem Brauereipferd rinnt, die Füße fühlen sich schwer an, die Höhenluft trägt vermutlich auch dazu bei – aber ja, das alles hatte man sich gewünscht! Seilversicherte Passagen und Stufen erleichtern im oberen Teil den Aufstieg, und endlich angekommen, gibt es für jene, die sich nicht gründlich auf die Tour vorbereitet haben, eine Überraschung. Denn vor einem breitet sich nicht etwa eine felsige Mondlandschaft aus, sondern die ausgedehnten, lieblich gewellten Weiden der Aschgleralm.

Spielzeugkleine Holzhütten verteilen sich darüber, aber auch auf Lifte fällt der Blick. Man ist eben nicht in der Wildnis unterwegs, sondern in einem der beliebtesten Wander- und Skigebiete der Dolomiten. Zum Glück lässt sich das beim weiteren Weg Richtung Osten schnell wieder vergessen, und beim Anblick der zwei eselsohrähnlichen Pieralongia-Felsen, die das Spielzeug eines Riesen sein könnten, tut sich kurz eine Fantasy-Welt auf. Den würdigen Hintergrund bilden die leuchtend hellgrauen Südhänge der Geislergruppe. Dass man diese Schönheit mit anderen teilen muss, spürt man umso deutlicher beim ersten Etappenziel, der Puez-Hütte. Sie ist ein populäres Ziel von Tagestouren, und an sonnigen Wochenenden herrscht ziemlicher Rummel. Umso schöner, wenn am Abend Ruhe einkehrt.

 

Curona de Gherdëina
Foto: Jens Klatt Immer wieder beeindruckt der Anblick des Sellamassivs.

Und wer dann am nächsten Morgen trotz steifer Beine früh in Richtung Grödner Joch aufbricht und die fantastische Felslandschaft auf dem Dolomiten-Höhenweg Nummer 2, auf dem die Route hier verläuft, ganz für sich hat, am Ufer des klaren Crespëina-Sees die erste kleine Pause macht und sich mit ein paar Keksen für den Anstieg zur Crespëina-Scharte (2528 m) stärkt, der spürt wieder: "Alles richtig gemacht." Das Gleiche denken sich auch manche Wanderer, wenn sie an Tag drei in der Langkofelscharte bei der Toni-Demetz-Hütte aus der urigen Standseilbahn steigen. Ja, man hätte den steilen Weg vom Sellajoch wieder hinauf in die schroffe Gipfelwelt auch zu Fuß gehen können, aber nach einem sehr langen Abstieg aus der Sellagruppe, davon das letzte Stück auf Asphalt, fühlt sich das sanfte Hinaufschaukeln mehr als verdient an.

Die Toni-Demetz-Hütte ist mit 29 Schlafplätzen angenehm klein. Gegründet hat sie ein Bergführer namens Giovanni Demetz im Jahr 1954 – nachdem sein Sohn Toni, ebenfalls Bergführer, 20-jährig auf dem Langkofel verunglückt war. Hüttenwirt Enrico »Heini« Demetz, der Bruder von Toni, betreibt das Schutzhaus heute mit Frau und Tochter. »Die ganze Saison sind wir hier, freie Tage gibt es eigentlich nicht«, sagt er über das passionierte Familienteam. Im Holzofen lodert ein Feuer. Und während Heini Geschichten von Bergrettungen erzählt, zu denen es hier vor allem in Kletterrouten oft kommt, und von den aufwendigen Arbeiten im Frühling, wenn der Boden der Hütte stets unter Wasser steht, verschiebt sich die geplante Schlafenszeit immer weiter nach hinten. Aber was macht das schon – man lebt im Jetzt.

outdoor-Reisetipps zum "Curona de Gherdëina"

Fakten
Der Curona de Gherdëina ist ein anspruchsvoller viertägiger Hüttentrek und verläuft oberhalb des Südtiroler Grödentals. Auf 60 Kilometern sind 4155 Hm im Aufstieg und 3936 Hm im Abstieg zu bewältigen.

Hinkommen
Auto: Über A 7, Fernpass und Brenner erreicht man St. Ulrich von Stuttgart aus in fünf Stunden.
Bahn: nach Bozen (ab Stuttgart 6,5 h), dann per Bus weiter nach St. Ulrich (1 h 10).

Beste Zeit
Wegen der hohen Lage der Route (bis fast 3000 m) beginnt die Saison, je nach Schneelage, Anfang Juli und dauert bis zur Schließung der Hütten Anfang Oktober.

Surfen
valgardena.it. Buchung von Pauschalen: info@valgardena.it

Orientieren
Der Trek ist nicht ausgeschildert, verläuft aber auf gekennzeichneten Wegen. Kurzbeschreibung: PDF unter valgardena.it. Karte: Tabacco Wanderkarte "Gröden-Seiser Alm/ Sella Runde", 1:25.000, 10,90 Euro.

Schlafen
Wer mehr Komfort wünscht, als Puez-Hütte, Boé-Hütte und Toni- Demetz- oder Langkofelhütte bieten, bucht die fünftägige "Deluxe"-Variante mit Übernachtung in Almhotels.

Essen
Viele Einkehrmöglichkeiten am Weg. Tipp: Kuchen auf der Terrasse des Almhotels Col Raiser (colraiser.com).

01.10.2016
Autor: Katharina Hübner
© outdoor
Ausgabe 11/2015