Auf dem Palaronda-Trek bei San Martino in den Trentiner Dolomiten

Dolomiten: In 3 Tagen durch die Pala

Über das gewaltige Hochplateau der Pala-Gruppe führt einer der schönsten Treks der Dolomiten: der Palaronda Trek. Unser Autor Franz Güntner ist dort in drei Etappen von Hütte zu Hütte gewandert - alle Infos zur Tour hier ...

Wie ein riesiges Schloss erhebt sich die Pala-Gruppe in den Himmel. Schroff, hoch, abweisend sind ihre Wände, die oben in filigrane Türme und Hörner auslaufen. Hinter ihnen, verborgen vor den Blicken der Menschen im Tal, liegt eine weite, karge Hochebene. Gämsen, Murmeltieren und Auerhühnern bietet diese Dolomiten-Festung Schutz. Hoch über dem Plateau zieht der unbestrittene Herrscher des Gebiets seine Kreise, der Steinadler.

Wer seine Majestät mit eigenen Augen sehen und sein Reich erkunden möchte, wandert auf dem Palaronda-Trek von Hütte zu Hütte. Vom Talort San Martino, etwa 90 Kilometer östlich von Bozen, führt die Runde durch die Pala-Dolomiten im Naturpark Paneveggio – Pale di San Martino. Dabei kann man zwischen zwei Schwierigkeitsgraden wählen: Der "Hard Trek" dauert fünf bis sechs Tage und folgt mal Klettersteigen, mal seilversicherten Wegen. Der "Soft Trek" hingegen erschließt Genusswanderern auf vier relativ kurzen Etappen die schönsten Plätze der Pala-Gruppe.

Leider fehlt mir die Zeit, um eine der beiden Runden ganz zu gehen. Also habe ich mit Giulia, einer guten Freundin und begeisterten Bergsportlerin, aus den Routen ein Dreitageprogramm zusammengestellt: Von San Martino wollen wir zur Rosetta-Hütte (2581 m) aufsteigen und am zweiten Tag zur Mulaz-Hütte am Nordrand der Pala wandern. Dann geht es hinab zum Passo Rolle und per Bus zurück.

Die Etappendetails hier - inklusive GPS-Daten:
1 - Von San Martino zum Rifugio Rosetta
2 - Zum Rifugio Volpi al Mulaz
3 - Zurück ins Tal

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Foto: Jens Klatt Dolomiten Palarunde

Die Pala-Hochebene liegt auf 2500 Metern, umrahmt von zerklüfteten Bergen.

Auf knapp 2500 Metern stehen wir am Rande des gewaltigen "Altopiano delle Pale di San Martino"

Wir hoffen, unterwegs auch die Könige der Lüfte zu sehen: Im Naturpark soll es sechs bis sieben Paare der seltenen Steinadler geben. Das klingt nach wenig, aber nur im ersten Moment: "Jedes Paar beansprucht für sich ein Gebiet von bis zu 50 Quadratkilometern", erzählt Ranger Fabrizio, bei dem wir uns in San Martino nach den Greifvögeln erkundigen. Warum man bei Adlern in Paaren rechnet? Sie zählen zu den Bodenständigen des Tierreichs: "Adler bleiben ein Leben lang zusammen und ziehen gemeinsam zwei oder drei Kinder pro Jahr auf", erklärt der Ranger.

Wie so oft in den Dolomiten führt auch der Weg auf die Pala durch eine natürliche Schwachstelle am Sockel des Bergstocks. Was von unten nach Kraxelei aussieht, entpuppt sich als ein wenig schwieriger Wanderweg. Oben, auf fast 2500 Metern, stehen wir am Rand des Hochplateaus "Altopiano delle Pale di San Martino". Viele Wege durchziehen diese Landschaft aus Mulden, Spalten, Hügeln und Geröll. Einst bildete das Altopiano eine Lagune in einem Atoll. Bei Sonnenuntergang, wenn die Pala sich rot färbt, so sagt man, kehre die Farbe der Korallen zurück. Davon werden wir heute nichts sehen: Gerade rollt die nächste dicke Wolke über einen Kamm.

Kurz vor der Hütte biegen wir ab und erklimmen die 2743 Meter hohe Cima Rosetta, die sich am Rand des Altopiano aufschwingt und einen Tiefblick auf San Martino gewährt. Die Ortschaft gut 1300 Höhenmeter unter uns bereitet sich schon langsam auf die Nacht vor: Licht um Licht leuchtet in den Häusern auf.

Beim Abendessen gibt uns Hüttenwirtin Roberta Secco einen Tipp, wo wir Adler sehen können. Sie bewirtschaftet das Rifugio seit 23 Jahren und kennt die Gegend wie kaum eine andere. "Ein Nest befindet sich auf der Cima Corona, gleich hinter der Hütte" erklärt sie. "Ihr müsst früh aufstehen, weil die Adler häufig morgens fliegen."

Foto: Jens Klatt Dolomiten Palarunde

Enzian, Almrauch & Co. zaubern Farbe in die Grasteppiche des Val Comelle.

Palaronda-Farbenpracht im Val delle Comelle

Gleich nach dem Frühstück brechen wir auf. Zunächst bleiben wir noch ein paar Minuten auf dem Plateau, das langsam von der Sonne erobert wird, während die Berge am Horizont bereits blassgelb leuchten. Der Himmel präsentiert sich wolken-, aber auch adlerlos. Dann biegen wir links in das tief eingeschnittene Val delle Comelle ein. Grüne Hänge mit Felsstufen dominieren bald das Bild, und das Altopiano sehen wir nur noch von weitem.

Dafür zeigen sich in der Ferne zwei der Drei Zinnen – das Wahrzeichen der Dolomiten ragt 50 Kilometer Luftlinie entfernt im Nordosten auf. Über einen Pfad geht es auf der linken Talseite weiter bergan. Enzian, Edelweiß, Glockenblume und Almrausch verwandeln den Grasteppich in ein blau, lila, gelb, weiß und rot blühendes Mosaik. Bald sind die Adler vergessen – wir blicken lieber nach unten, in die imposante Schlucht.

"Mittagspause!" ruft Giulia wenig später an einer windgeschützten Stelle und legt ihren Rucksack ins Gras. Viele kleine Vögel mit rot umrandeten Flügeln schreien aus den sonnenbeschienenen Wänden über uns. Die Mauerläufer verfolgen sich dicht gedrängt, fliegen enge Kurven und lassen sich fallen, nur um wenig später abrupt in einem Felsenloch zu landen. Plötzlich aber herrscht Stille. Dann stößt ein Murmeltier seinen markanten Pfiff aus – ein sicheres Zeichen dafür, dass Gefahr droht. Und auch die Gämsen auf der gegenüberliegenden Seite des Tals machen sich aus dem Staub. Ist ein Adler in der Nähe? Wir suchen den Himmel ab.

Tatsächlich: Über der Schlucht kreist ein schwarzer Vogel. Dann sehen wir noch einen. Und noch einen. "Komisch, ich dachte Adler jagen alleine?" Giulia blickt verwirrt nach oben. Ich muss lachen: "Das sind Bergdohlen!" Wenig später gesellen sie sich zu uns. Dieses Raubtier der anderen Art giert vor allem nach unseren belegten Broten. Die beiden Vogelarten zu verwechseln ist etwas peinlich: Die braunen Steinadler können immerhin einen Meter groß werden, haben weiße Flächen auf den Flügelunterseiten und einen weißen Schwanz. Ganz im Gegensatz zu den ein Drittel so großen, komplett schwarzen Dohlen.

Unter den wachsamen Blicken der "Mini-Adler" packen wir die Brotzeit ein und brechen auf. Nach dem Val delle Comelle steigt die Route nach links an und folgt dem Seitental Val Granda. Langsam umschließen uns wieder die gelgrauen Wände, die Spitzen, die fragilen Türmchen, die Zacken. Das Gras endet bald, und statt dem Summen der Bienen hören wir Steine unter den Sohlen knirschen. Der Pfad führt vorbei an Schneefeldern, über Geröll und hinauf zum Passo delle Farangole (2932 m), dem Höhepunkt der Tour. Oben pfeift ein kalter Wind, und wir stehen in einer Wolke. An Drahtseilen und mit Leitern überwinden wir den Pass, durch die weiße Leere dringt das Läuten von Kuhglocken herauf – Boten der Zivilisation.

Foto: Jens Klatt Dolomiten Palarunde

Scheu und ebenso selten anzutreffen wie der Steinadler: der Auerhahn.

Hütten-Einkehr im Rifugio Volpi al Mulaz

Den Abend verbringen wir im Rifugio Volpi al Mulaz (2571 m). Erst seit diesem Jahr gehört die Hütte zum "Hard Trek" und fügt der bisherigen Ronda eine Schleife nach Norden hinzu. Böen rütteln an den Scheiben, der Regen prasselt auf das Dach. Innen umgibt uns die mollige Wärme des Kaminfeuers. Immerhin sehen wir vom Fenster aus die Focobon-Gruppe, an deren Fuß das Rifugio liegt. Türme, Grate, Wände, alles gelb wie Schwefel. Und große Felsspalten. Eigentlich ein perfektes Terrain für Adler, die in zerklüfteten Mauern ihre bis zu 1,50 Meter großen Nester bauen. Wir fragen nach. "Hier habe ich noch nie einen Adler gesehen", sagt Hüttenwirt Sebastiano.

Am nächsten Morgen besteigen wir den 2906 Meter hohen Monte Mulaz. Dann verlassen wir endgültig den hochalpinen Bereich, und mit jedem Schritt durch das Tal von Venegia mit seinen sprudelnden Bächen und Nadelwäldchen wird das Gebimmel von Kuhglocken immer lauter. An einem Bach bleibt Giulia plötzlich stehen. Ein etwa ein Meter großer Vogel stolziert im hohen Gras am Waldrand umher. Schwarz-braunes Kleid, roter Strich über dem Auge, grün glänzendes Brustschild – nach unserem Adlerpech sehen wir wenigstens einen ebenfalls seltenen Auerhahn.

Weniger gut meint es das Wetter: Es schlägt Richtung Weltuntergang um. Donner grollt bereits durch das Tal. Die letzten Kilometer zum Passo Rolle steigen wir zügig ab und erreichen kurz vor dem Regen ein Lokal. Die Kühe, deren Glocken wir seit zwei Tagen hören, drängen sich unter dem Dach der Liftstation eng zusammen. Tief hängende Wolken ziehen heran. Eine dreieckige Spitze wie aus der Toblerone-Werbung ragt gerade noch über sie hinaus: der Cimon della Pala (3184 m), der zweithöchste Berg der Gruppe. Dann verschwindet auch der Gipfel – und mit ihm das Schloss der Alpentiere.

Reisetipps zum Palaronda-Trek in den Dolomiten

Hinkommen
Das Mittel der Wahl ist und bleibt das Auto: Mit ihm fährt man in rund fünf Stunden von München nach San Martino. Wer mit Bahn oder Fernbus anreist, steigt in Trento aus und nimmt die Buslinien 101 und 122. www.ttesercizio.it, flixbus.de

Rumkommen
In San Martino ist man mit dem eigenen Auto am flexibelsten. Wer darauf verzichtet, kann zwischen Taxen und wenigen Buslinien wählen. Infos: sanmartino.com/DE/taxi/

Orientieren
Sie trotzt dank ihrer Beschichtung jedem Wetter und kennt jeden Steig: die Kompass-Karte Nummer 622, Pale di San Martino, Maßstab 1:25000, Preis: 9,99 Euro.

Informieren
Die Webseite palarondatrek.com gibt Auskunft über Hütten und Wege. Auch die Webseite des Tourismusverbandes, sanmartino.com, bietet viele Infos über die Pala- Gruppe, vermittelt Hotels, beschreibt Aktivitäten und hält ebenfalls Infos zur Palaronda bereit.

Beste Reisezeit
Auf dem Trek bewegt man sich durchgehend in Höhen zwischen 2300 und 2900 Metern. Die ideale Tourenzeit beginnt daher Anfang Juli und endet im Oktober. Im Hochsommer muss man auch mit Gewittern rechnen, in den höchsten Lagen kann es selbst im August schneien.

Foto: Jens Klatt Dolomiten Palarunde

Unterkunft

Hotel
Im Stadtkern von San Martino liegt das Hotel Centrale. Es bietet leckere lokale Gerichte, freundliches Personal und heimelige Zimmer – was will man mehr? Preise pro Person im Doppelzimmer mit Halbpension: 52 bis 80 Euro. hcentrale.it

Pension
Wer es etwas abgeschiedener und ruhiger mag, wählt die Frühstückspension Lanterna Verde, rund 12 Kilometer außerhalb von San Martino. Eine Person im Doppelzimmer mit Frühstück bezahlt rund 40 Euro pro Nacht. lanternaverde.it

Campingplatz
Auch Campingfans finden in der Umgebung von San Martino einige Angebote, zum Beispiel: Castelpietra, bei Tonadico. Der Platz liegt malerisch an einem See, Zelt und Auto kosten etwa 10 Euro, Erwachsene bezahlen zudem zwischen 6 und 7,50 Euro pro Tag. castelpietra.it

Essen

Schlemmen
Das Ristorante da Anita in San Martino erfreut Gaumen mit einer gehobenen Küche, die sich vor allem auf Spezialitäten aus der Region konzentriert. Das spiegelt sich jedoch im Preis wider. ristorante-da-anita.com

Pizza essen
Wer nach der Tour Heißhunger auf mediterrane Gerichte verspürt, sollte ins Restaurant La Vecchia Fornace in San Martino gehen: Die Pizzen sind angemessen groß und kosten maximal zehn Euro. Reservierung: pizzerialavecchiafornace.com

Erleben

Klettern
Die Berge und Felswände der Pala eignen sich hervorragend für ausgedehnte Klettertouren. Wer diese Sportart einmal ausprobieren möchte, bucht am besten einen Kurs bei den einheimischen Bergführern: aquilesanmartino.com

Via Ferrata
Mit der Via Ferrata Bolver-Lugli (C) und der VF Stella Alpina (C/D) beherbergt die Pala zwei der bekanntesten Klettersteige in den Dolomiten. Infos: Klettersteigführer Dolomiten, Rother, 18,90 Euro.

Canyoning
Abkühlung an heißen Tagen? Der Wildbach des Val Noana eignet sich hervorragend für Canyoning-Abenteuer. Inklusive Ausrüstung und Bergführer kostet der Trip 55 Euro. sanmartino.com/DE/canyoningDE/

Foto: outdoor

Franz Güntner – Reisejournalist

Tipps von Autor Franz Güntner

Geschichte erleben
Das Ökomuseum von Vanoi bringt Besuchern die Geschichte und Kultur der einheimischen Bevölkerung näher. Jedes Jahr gibt es zudem einen Veranstaltungskalender. Öffnungszeiten: täglich von 9.30 bis 12 Uhr. ecomuseo.vanoi.it

Bäume besteigen
Action und Nervenkitzel finden Besucher im "Agility Forest", dem Hochseilgarten von San Martino. An 58 verschiedenen Stationen hangeln, schwingen oder balancieren Kinder und Junggebliebene von Baum zu Baum. Weitere Infos: agilityforest.it

Tiere verstehen
Wer sich vor der Tour Infos zu den Alpenbewohnern einholt, sieht Steinadler, Auerhahn, Murmeltier und Co. mit anderen Augen. Bester Ort für eine Nachhilfestunde: der Park-Infopoint in San Martino. Er besitzt auch eine Ausstellung. sanmartino.com

Schnäppchen jagen
Neue Berg- oder Kletterschuhe gefällig? Auf dem Weg nach San Martino fährt man durch Ziano di Fiemme. Dort unterhält La Sportiva einen Werksverkauf. Adresse: Via Ischia 3, 38030 Ziano di Fiemme

Video: Wandern auf dem Palaronda-Trek


Palaronda Trek - Pale di San Martino, Dolomiti UNESCO World Heritage from Palaronda Trek on Vimeo.



22.08.2017
Autor: Franz Güntner
© outdoor
Ausgabe 01/2017