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Die schönsten Wanderungen im Piemont

Auf wilden Pfaden

Im Norden des Piemont schlummern weltvergessene Berge. Einsame Pfade führen den Wanderer mitten in die ungezähmte Natur.


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Piemont heißt übersetzt: "Am Fuße der Berge" - ein treffender Name.
Foto: Iris Kürschner

Piemont kommt von "al piè dei monte", am Fuße der Berge. Ein treffender Name, denn im Norden und Westen umschließt der gewaltige Alpenbogen die zweitgrößte Region Italiens. Gletscher haben diese Landschaft geformt und Seen wie den Lago Maggiore und den Orta entstehen lassen. Die Gewässer bilden einen riesigen Wärmespeicher, und davon profitiert die Vegetation: An den Hängen über den Seen gedeiht mediterrane Pflanzenpracht, während eine Etage höher oft noch ausgedehnte Schneefelder in der Sonne glitzern.

Die schönsten Wanderungen im Piemont

Von der Alpe Devero zur Alpe Veglia Cascata del Toce-Lago Vannino (2194 m) Auf den Monte Cimone (2453 m) Zur Cima della Laurasca

Hinter Jasmin und Palmen, Azaleen und Zitrusbäumen ragen die Berge in den Himmel. Im Tal laden die Seen zum Baden ein. Mit einem cremigen Eis in der Hand taucht man in das quirlige Leben der Uferpromenaden ein, flaniert durch Parks und Gärten, wie beispielsweise in Stresa, Verbania oder Cannobio am Lago Maggiore.

Die Alpe Veglia bietet viel Raum für Streifzüge durch die Natur.
Foto: Iris Kürschner

Dem Monte Rosa so nah

Im Hinterland hingegen ziehen Wanderer durch entvölkertes Gebirge vorbei an verlassenen Almen und genießen Tage voller Stille –mit einem Wahnsinnsblick auf die Seen und hinüber zur eisgepanzerten Viertausenderkette der Walliser Alpen. Und während die Berge am schweizerischen Teil des Lago Maggiore vom Wandertourismus mitunter stark in Beschlag genommen werden, bleiben sie auf piemontesischem Grund nahezu unberührt.

Naturbegeisterte finden jenseits der Schweizer Grenze ein einsames und wildes Paradies. Eine Portion Pioniergeist gehört dabei ebenso mit ins Gepäck wie Orientierungssinn. Auch die Bequemlichkeit muss etwas zurückstecken. Wo weder Seilbahnen den Aufstieg erleichtern noch Berghütten immer wieder eine Einkehr ermöglichen, wird aus einer normalen Wandertour schnell ein kleines Outdoor-Abenteuer. Die weitläufigen Wiesen unterhalb der Bergspitzen sind wie geschaffen zum Zelten. Und beim Fauchen des Kochers kann man dabei zuschauen, wie der Sonnenuntergang die Gipfel und Hänge in rote Schleier hüllt.

Nur wer die Region im Sommer bereist, fragt sich mitunter, wo sich die Berge verstecken. Dichter Dunst drückt dann wie eine weiße Leinwand an den Südrand der Alpen und verschluckt das beeindruckende Relief – weil so viele Italiener ihre Pasta kochen, wie dann gerne gewitzelt wird. Wer nicht in diesem konturlosem Nichts wandern möchte, kommt am besten im Herbst. Dann verschwinden selbst an den Promenaden die Touristen, und zu keiner Zeit des Jahres leuchtet der Himmel über den Bergen so klar.

Am einsamsten ist es im Valle d‘Ossola. Mit seinen zahlreichen Seitentälern schiebt es sich als Keil in die Schweiz und trennt so das Wallis vom Tessin. Im Herzen des Traumdreiecks zwischen Monte Rosa, Lago Maggiore und Griespass liegt Domodossola – von hier haben Wanderer es nicht weit zu den schönsten Wanderungen der Region.

Am besten lässt sich Domodossola, der Hauptort des Ossolatals, von Norden über den Simplonpass oder von Locarno durch das Centovalli erreichen. Die Stadt römischen Ursprungs liegt am Fluss Toce, der das Tal formt. Er entspringt etwa 45 Kilometer nördlich auf 3500 Meter Höhe, um 35 Kilometer weiter südöstlich von Domodossola auf 200 Meter Höhe in den Lago Maggiore zu münden. Westlich der Stadt ragt in nur etwa 30 Kilometer Entfernung der Monte Rosa auf. Sein Massiv bildet nach dem Mont Blanc mit 4634 Metern das zweithöchste der Alpen. Die hohen Berge sorgen für vielfältige Wandermöglichkeiten, die Natur- und Nationalparks der Region für geschützte Idylle, wie etwa die Alpe Veglia ganz im Norden.

Seit 1978 wird der verträumte Alpkessel durch einen Naturpark geschützt. 1990 schloss sich die benachbarte Alpe Devero dem Naturpark an. Beide Alpen sind über einen sensationellen Höhenweg miteinander verbunden. Die Wanderung dauert zwar acht Stunden, begeistert aber auf jedem Meter: verwunschene Hochplateaus, durch die türkisfarbene Bäche mäandern, Tümpel und Moorbiotope zwischen Lärchenhainen, dann wieder wilde Felspartien, durch die sich der Pfad hautnah am Grenzkamm zur Schweiz windet. An beiden Endpunkten der Wanderung laden rustikale Unterkünfte zum längeren Bleiben ein, nicht zuletzt, weil die frische Hausmannskost so lecker schmeckt. Vor allem aus dem Bettelmatt-Käse steigt die Würze der vielfältigen Pflanzwelt auf, die auf dem mineralreichen Boden der Region gedeiht.

Eine Etage tiefer hat der Oberlauf des Toce das Val Formazza geformt. Hier liegen die charmanten Dörfer der Walser. Viel wurde gerätselt über dieses Bergvolk der Alpen, Bauernfamilien aus dem Wallis, die im Hochmittelalter zu expandieren begannen: nach Graubünden, Liechtenstein, Vorarlberg und ins Piemont. In mehreren Vorstößen nahmen ganze Sippen den beschwerlichen Weg über hohe Pässe auf sich, um in den entlegensten Gebirgswinkeln eine neue Heimat zu finden. Auch auf der Südseite des Monterosamassivs haben sich die Walser niedergelassen. Doch viele ihrer Dörfer sind nur noch im Sommer bewohnt, manche gar ganz verlassen – denn mit der Industrialisierung setzte die Landflucht ein.

Wanderer nutzen heute die alten Verbindungspfade von Talschluss zu Talschluss und stöbern archaische Weiler auf, die von einer fernen Zeit erzählen. Am besten pickt man sich einige der schönsten Abschnitte des großen Walserwegs heraus. Er ist auf fünf Etappen identisch mit der legendären GTA, der Grande Traversata delle Alpi: vom Val Strona westlich des Lago d´Orta bis zum Talschluss der Val Sesia am Südfuß des Monte Rosa.

Im Val Vogna hilft die Napoleonbrücke über den Wildbach.
Foto: Iris Kürschner

Ohne störende Liftmasten

Der größte Teil der Weitwanderung führt durch den "Parco Naturale Alta Valsesia". Der 1979 gegründete "höchste Naturpark Europas" erstreckt sich ab einer Höhe von 930 Metern über dem Meer bis hinauf zur 4554 Meter aufragenden Signalkuppe und beherbergt die Talschlüsse von Val Sesia, Val Sermenza, Valle d´Egua und Val Mastallone. Er bewahrt das Gebiet vor Seilbahnen und Skiliften, wie sie sich in den Nachbartälern von Gressoney und Macugnaga breitgemacht haben; die Chancen für Wanderer stehen gut, dass sie am Weg Gämsen und Steinböcke entdecken. Eine weitere Attraktion auf dieser Tour sind einige Exemplare typischer Walserarchitektur: prächtige Bauernhäuser mit auskragenden Lauben, die zum Trocknen von Heu und Getreide dienten. Manche wurden zu sehenswerten Museen hergerichtet, wie zum Beispiel in Rimella und in Pedemonte bei Alagna.

Eine ganze Reihe Bilderbuchweiler finden sich auch im Val Vogna, einem Seitental bei Alagna, wo sich die Monte-Rosa-Südfront am mächtigsten auftürmt. Eine Wanderung durchs autofreie Val Vogna wird so zu einem erholsamen Kulturschmaus. Wer das Tal von oben sehen möchte, muss auf 900 Höhenmetern die steilen Flanken hinauf zum Rifugio Abate Carestia bewältigen. Oben wartet ein bequemer Höhenweg, der zu versteckten Seen führt – kleine kristallklare oder türkisfarbene Perlen, eingebettet in die umgebenden Berggipfel.

Auch der Nationalpark Val Grande zwischen Domodossola und .dem Lago Maggiore ist altes Kulturland. Doch seit 1969 die letzte Alp aufgegeben wurde, blieb das Gebiet sich selbst überlassen, hat sich die Natur alles zurückgeholt. Die kleinen Siedlungen sind verfallen, von Unkraut überwuchert, und dichte Wälder bedecken nunmehr die Bergflanken der Täler Val Grande und Val Pogallo, die sich durch einen schroffen Gebirgskranz von der Außenwelt abschotten. Heute zählt der Nationalpark zu den einsamsten Winkeln der Alpen. In den letzten Jahren wurden einige Alphütten renoviert und stehen als Selbstversorgerhütten, sogenannten Bivacchi, jedem Wanderer offen. In den rustikalen Steinhäusern, wie auf der Alpe Scaredi, kann man herrlich übernachten und am flackernden Kamin den Abend verträumen. Da stört es dann wenig, dass Schlafsack, Matte und Kochutensilien mitgenommen werden müssen. Die Einsamkeit in den Bergen des Piemont entschädigt für alle Entbehrungen, und der Aufstieg von Scaredi zur Cima della Laurasca bietet Traumblicke über den Nationalpark zum Lago Maggiore, wo manch ein Wanderer dem Luxus erliegt.

Wen es nach stillen Tagen zwischen Alpenseen und verlassenen Almen wieder hinunter ins Tal zieht, der hat verstanden, warum das Piemont "al piè dei monti" heißt – am Fuße der Berge.

Autor: Iris Kürschner

© Outdoor : Ausgabe 10/2007

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