Gebirge und Meer: Wander- und Trekkingparadies Korsika

Vive la Corse: Korsikas schönste Wanderrouten


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Wandern auf Korsika
Foto: Ben Wiesenfarth

 

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Wandern auf Korsika
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Wandern auf Korsika
Foto: Ben Wiesenfarth

 

Wandern auf Korsika
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Korsika ist die schönste Trekkinginsel der Welt, findet outdoor-Redakteurin Katharina Hübner - und erklärt auch gerne, warum. Reiseinfos, Bilder, Tourentipps und die zehn Etappen des Weitwanderwegs Mare e Monti Nord gibt es hier.

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Gibt es eine Formel, mit der sich die Schönheit eines Wanderweges bestimmen lässt? In Deutschland verleiht der Wanderverband besonders ansprechenden Wegen immerhin das Siegel »Qualitätsweg wanderbares Deutschland«. Die Wege werden dazu auf Kriterien wie Wegführung, Naturattraktionen und kulturelle Besonderheiten geprüft und, wenn sie der Prüfkommission gefallen, »zertifiziert«. Auf Korsika kennt man so etwas nicht. Dennoch gebührt der ganzen Insel eine Eins mit Sternchen. Mag sein, dass dieser Behauptung die Beweiskraft eines kompliziert ausgetüftelten Kriterienkatalogs fehlt, vielleicht macht Liebe auch ein bisschen kurzsichtig. Aber es kann auch kein Zufall sein, dass Korsika sich einer stetig wachsenden Fangemeinde erfreut, und das spätestens seit 1972.

In diesem Jahr haben die Korsen den berühmten Sentier de Grande Randonnée 20 eingeweiht, allgemein als GR20 bekannt. Vom Nordwesten der Insel führt er in zwei Wochen quer durchs Gebirge in den Südosten, abwechslungsreich, rau und einsam. Einsam zumindest mit Blick auf die Landschaft: Seine 10.000 Höhenmeter wollen jedes Jahr bis zu 10.000 Wanderer meistern ... Doch neben dem Kronjuwel GR20 besitzt die Insel mit ihren drei Ost-West-Querungen Mare a Mare und den zwei Küstengebirgsrouten Mare e Monti noch mehr schöne Etappentouren. Sie fallen leichter als der GR20, einige bieten für die Nächte kleine Hotels statt einfacher Hütten oder Etappenlager, einige locken mit Badebuchten – jede ist auf ihre Weise ein Kleinod. Darüber hinaus verläuft hier eine Fülle herrlicher Tagestouren.

 

Wandern auf Korsika
Foto: Ben Wiesenfarth Gebirge und Meer - Wandern auf Korsika bietet reichlich Abwechslung.

Wandern auf Korsika: Unterwegs auf alten Hirtenpfaden

Im Grunde genommen reicht das Brauchtum des Wanderns auf Korsika sehr viel weiter zurück als in die 1970er: Die Wege, auf denen man heute durch die Bergwelt wandelt und kraxelt, schwärmend und schwitzend und auch mal fluchend, existieren größtenteils schon seit Jahrhunderten. Alte Hirtenwege sind es, denen man folgt: Im Spätfrühling verließen die Männer mit ihrem Vieh die Küstenebene, trieben Schafe, Ziegen, aber auch Schweine, Kühe und Esel zu kühleren Gebirgsweiden und verbrachten den Sommer in einfachen Steinhäuschen, den »Bergeries«, zu Deutsch Schäfereien. Ursprünglich und traumhaft schön präsentieren diese Wege das »Gebirge im Meer«, wie Korsika auch genannt wird. Fast 90 Prozent der Insel prägen Bergland beziehungsweise Gebirge.

Die höchsten Gipfel ragen weit über 2000 Meter auf und teilen, gemeinsam mit einer Reihe von Fastzweitausendern, die Insel in West- und Osthälfte. Wanderern, die es in die Nähe der Inselspitzen zieht, seien der Mare a Mare Nord oder der GR20 empfohlen. Wer weniger hoch hinaus will, ist mit dem Mare a Mare Sud oder dem Mare e Monti Sud gut bedient. Und wer sich viel am Wasser erholen möchte, nimmt den Mare e Monti Nord – oder nur seine ersten sechs Etappen, entlang der Nordwestküste von Calenzana nach Serriera, um von dort zum Küstenort Porto weiterzugehen. Mit Galéria und Girolata liegen zwei Etappenziele direkt am Meer. Und für mehr Meer plant man einen Pausentag ein, einzulegen spontan an einem schönen Ort.

Korsika erwandern: Aufbruch in Calenzana

Früher Morgen, Aufbruch in Calenzana. Die Rucksäcke wiegen schwer, dorfauswärts führt der Weg, schnell geht es bergauf. Und es liegt etwas in der Luft, ein würziger Duft, intensiv und belebend: die vielbesungene Macchia, sprich Buschwald und Kräuter, verströmt ihr Parfüm. Plötzlich versteht man, warum Napoléon Bonaparte seine Heimat am Geruch erkannte! Und versteht außerdem, warum die Wildschweinsalami so gut schmeckt, dass selbst Vegetarier sich ein paar Ausnahmen gestatten: Erstens ernähren sich die glücklichen Tiere von dieser duftenden Natur, zweitens werden sie mit ihr gewürzt ... Ähnlich wie die Wanderwege entstand auch die Macchia aufgrund der Hirtenkultur, denn Jahrhunderte der Brandrodung führten dazu, dass in vielen Gegenden keine richtigen Wälder mehr wachsen konnten. Doch nicht nur Bergland, Macchia und Wald machen die Magie Korsikas aus – auch Flüsse und Bäche spielen gerade für Wanderer eine Rolle.

Das stellten wir gleich auf der ersten Etappe des MMN fest, unterwegs beim Rasten auf glatten Felsen am unglaublich klaren und erfrischenden Figarella- Bach. Und gleich wieder am Ende der zweiten Etappe, bei der Ankunft in Tuarelli, wo eines der schönsten natürlichen Schwimmbäder überhaupt wartet: Das Becken des Fango-Flusses weitet sich hier, seine Strömung ist kaum spürbar, und nach dem Bad im Wasser entspannt einen das Bad in der Abendsonne noch weiter, auf warmen Steinen am Ufer. Ein Traum! Und dann das Meer. Vorfreude auf die Küste begleitet den Wanderer auf allen korsischen Etappenwegen, mit Ausnahme vom GR 20. Sie enden an Küstenorten, und die drei Ost-West-Routen – der Name »Mare a Mare« verrät es – beginnen auch am Meer. Anführer in Sachen Küstenberührungen ist jedoch der MMN, und weil der Naturstrand in der Bucht von Galéria jedes Bilderbuch übertrifft, legen wir dort unseren Ruhetag mit Schwimmstrecken statt Wandern und mit Roman- statt Kartenstudium ein.

 

Wandern auf Korsika
Foto: Ben Wiesenfarth In Straßencafés können müde Wanderer sich erholen und austauschen.

Zauber der ersten Begegnung

Diese Tour auf dem Mare e Monti Nord ging auch ich bei meinem ersten Wanderurlaub auf Korsika. Und obwohl man die Schönheit der Insel immer wieder neu entdecken kann: Nichts wird jemals den Zauber des ersten Mals wiederbringen können. Weil jedem Anfang ein Zauber innewohnt? Vielleicht. Vielleicht auch, weil wir immer Glück hatten, sogar Glück im Unglück, bei Gewitter und Sintflutregen, was einen manchmal noch glücklicher macht, als wenn alles nach Plan läuft. Unser Trip begann am späten Vormittag mit der Ankunft am Flughafen von Bastia. Klein und übersichtlich ist der, und am Kofferband scheint es, dass mindestens die Hälfte der Ankömmlinge wandern will. Riesenrucksäcke, Schlafsäcke, Trekkingstöcke – kein Vergleich zu Mittelmeerinseln wie Mallorca oder Kreta! Und im Handumdrehen hat man Mitfahrer für die Taxifahrt zum Bahnhof in Casamozza, von wo es per Zug weiter nach Calvi geht. Der Nordwestküstenort liegt bei Calenzana, wo Mare e Monti Nord (MMN) und GR 20 starten.

Am Bahnhof bleibt noch Zeit, Zeit für einen Caféabstecher. Im Fünfertrupp sitzen wir um den runden Plastiktisch. Interessant, wer hier so auf Tour geht! Medizinstudent Manuel ist überzeugter Sologänger, will auf den GR 20 und hat nicht die geringsten Sorgen. Harald dagegen, ebenfalls Novize mit Kurs auf Korsikas berühmtesten und härtesten Wanderweg, hofft, dass er unterwegs Anschluss finden wird. Er wirkt so schmächtig und unerfahren, dass man ihm den deutlich leichteren Mare e Monti ans Herz legen möchte – wenn man Lust auf seine Gesellschaft hätte ... Und dann sitzt da Inga, die wie Mitte 20 aussieht und schon fertige Anästhesistin ist. Ihre Begleitung wird sie in Calvi treffen, wie wir wollen sie den MMN gehen. Allerdings mit Übernachtungen in »Gîtes«, einfachen Etappenlagern, während wir mit Zelt unterwegs sind.

Autofreies Küstenparadies auf Korsika

Mit viel Auf und Ab geht es am Tag darauf weiter. Auf felsigen Passagen wollen ein paar Mal die Hände eingesetzt werden, und umso überraschter sind wir, als wir eine Gruppe mit einer Frau überholen, die eindeutig die 70 überschritten hat. »Raten Sie mal, wie alt ich bin?!« Bei allem Respekt: Angeberin! Vermutlich hätte sie gerne noch ihren Ausweis gezeigt, um ihre 80 Jahre zu beweisen. Kein Alter sind 80 Jahre nach geologischen Maßstäben: Auf rund 250 Millionen Jahre schätzt man die roten Küstenfelsen im Naturschutzgebiet Scandola, das zum Unesco-Welterbe gehört. Autos sind auf dieser Halbinsel verboten, und auch das Etappenziel Girolata kann nur zu Fuß oder per Boot erreicht werden. 100 Einwohner, zehn Häuser, eine alte genuesische Festung – hier geht es ruhig zu. Am hübschen kleinen Strand kann man auch diesen Wandertag mit einem Bad im Meer beenden.

Später dann, wenn es dunkel ist, legt man sich auf dem hölzernen Bootssteg auf den Rücken, bestaunt die Sterne, genießt die Stille. Ajaccio, knapp eine Woche später, letzter Korsika- Urlaubstag. Die Sonne scheint, wir stehen glücklich und erholt an einer Supermarktkasse, denn korsischer Kaffee und Kastanienkekse sollen mit nach Hause. »Le Monsieur va payer pour vous«, sagt die Kassiererin. Der alte Herr vor uns mit dem Rieseneinkauf will unsere Sachen zahlen? Aber nein, das geht doch nicht! Er lächelt freundlich. Sagt, dass er zwei Enkelinnen habe, die aber noch viel, viel kleiner seien als wir. Zahlt alles. Geht. Und das kann man nicht zertifizieren.

Weitere Impressionen aus Korsika:

Fotostrecke: Pirelli Kalender 2012

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Pirelli-Kalender 2012 - Fotoshooting auf Korsika Foto: © Pirelli Kalender 2012, Mario Sorrenti
Pirelli-Kalender 2012 - Fotoshooting auf Korsika Foto: © Pirelli Kalender 2012, Mario Sorrenti
Pirelli-Kalender 2012 - Fotoshooting auf Korsika Foto: © Pirelli Kalender 2012, Mario Sorrenti

Inhaltsverzeichnis

05.04.2013
Autor: Katharina Hübner
© outdoor
Ausgabe 08/2012