Wandern durch die wilden Wälder und Berge der Vogesen

Elsass: Wandern in den Vogesen


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1115 Wandern Vogesen Elsass Frankreich
Foto: Christoph Jorda

 

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Die Vogesen sind geologisch gesehen mit dem Schwarzwald verwandt - aber eine Spur rauer und wilder, findet outdoor-Autorin Mirjam Milad. Hier alle Infos und Bilder zum Wandern in den Vogesen.

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Dicht stehen die Stämme der Buchen am Hang, krumm und knorrig gewachsen, von Wind und Wetter gebeugt, vom Vieh verbissen. Wie Hände greifen ihre Kronen ineinander, nur einzelne Sonnenstrahlen durchdringen das Laub. Einige tiefhängende Äste beiseiteschiebend, treten wir wie durch eine Pforte aus der Blätterhöhle ins Helle. Vor uns breitet sich eine weite Wiese aus, von der schwarz-weiß gesprenkelte, hörnertragende Vogesenrinder erstaunt zu uns herüberstarren. "Lass uns die mal lieber aus der Entfernung bewundern!" sagt meine Wandergefährtin Julia etwas argwöhnisch. Doch die Tiere widmen sich schnell wieder den Gräsern, und wir setzen unseren Weg fort.

Julia und ich erkunden einige Tage die Vogesen in Frankreich. Genauer gesagt die Südvogesen im Elsass, rund um ihren höchsten Gipfel, den Grand Ballon (1424 m). Das Mittelgebirge erstreckt sich auf der französischen Seite des Rheins 170 Kilometer lang von Nord nach Süd, etwa auf der Höhe zwischen Karlsruhe und Freiburg. Für eine komplette Durchquerung hätten wir mehrere Wochen mitbringen müssen. Ob diese Berge wohl dem Schwarzwald ähneln würden, hatten wir uns gefragt, schließlich bildeten die beiden Gebirgszüge vor vielen Millionen Jahren ein zusammenhängendes Massiv, bis sich der Oberrheingraben absenkte und die Gebirge voneinander trennte.

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1115 Wandern Vogesen Elsass Frankreich
Foto: Christoph Jorda

Doch schon bei der Anreise nach Frankreich haben wir festgestellt: Im Gegensatz zu ihren Verwandten in Sichtweite sind die Hochlagen der Vogesen so gut wie nicht besiedelt. Lediglich kleinere Bergbauernhöfe, die als Fermes Auberges zur Einkehr laden, liegen verstreut auf den Höhen. Ortschaften – beschauliche Dörfer und Industrieorte von vergangener Blütezeit – konzentrieren sich dagegen auf die Täler. Bunte Mischwälder beginnen gleich hinter den Häusern und begrünen die Hänge, das Eis längst verschwundener Gletscher hat die Kuppen der oft über tausend Meter hohen Berge rund geschliffen. Karge Wiesen und Hochmoorflächen überziehen die auch »Belchen« genannten Ballons. Im Herbst, wenn blühendes Heidekraut hier und da violette Teppiche bildet, fühlt man sich beinahe ins ferne Schottland versetzt.

Wer die Aussicht von den Gipfeln der elsässischen Highlands erleben will, muss sich zunächst einmal in die Wälder wagen. So undurchdringlich sie auf den ersten Blick erscheinen mögen, durchzieht sie doch ein ausgedehntes Netz von überwiegend gut beschilderten Wanderwegen mit unterschiedlichem Anspruch. Während eine Gipfeltour aus einem der Talorte meist einen kompletten Tag beansprucht, eröffnen Rundwanderungen auf größerer Höhe auch weniger Ausdauernden den Genuss herrlicher Panoramen. Das funktioniert allerdings nur dort, wo Straßen hinaufführen – wie auf den Grand Ballon, den wir uns gleich für eine mittelschwere, halbtägige Einstiegstour ausgesucht haben. Besucher erreichen ihren Start über die Vogesenkammstraße »Route des Crêtes«. Die Militärstraße aus dem Ersten Weltkrieg ist heute eine beliebte Touristenroute in Frankreich.

In einer anderen Zeit

Etwa vierhundert Höhenmeter unterhalb des Gipfels, unweit vom Wanderparkplatz am Col du Haag, versteckt sich der Lac du Grand Ballon im Wald. Wind spielt mit seiner blau-grünen Wasseroberfläche und verwischt das Spiegelbild seines Namenspatrons. Vom südlichen Ende des Karsees folgen wir einem sanft ansteigenden Forstweg, bis an einer Wegbiegung die Ferme Auberge du Gustiberg vor uns liegt. Vor dem Haus hat es sich eine Entenfamilie bequem gemacht, hinter dem Zaun reckt sich ein stattlicher Ziegenbock.»Tiere sind ja eigentlich nicht so meins«, kommentiert meine Freundin. Doch die Bewohner des Bergbauernhofs stimmen sie schnell um: »Oh, wie süß!« höre ich sie wenige Sekunden später rufen, während sie auf ein frei laufendes Kaninchen zusteuert.

Auf der Wiese, über die wir die Tour fortsetzen, nähert sich sogleich ein neugieriges Pferd. Erst zupft es an den Schnürsenkeln unserer Wanderschuhe, dann folgt es uns gut hundert Meter, bis es zurück zu seinen Artgenossen trottet. Vermutlich weiß es, dass der Pfad nun steiler wird. In kleinen Schritten steigen wir bergan, geraten bald selbst im Dunkel der Bäume ins Schwitzen.

 

1115 Wandern Vogesen Elsass Frankreich
Foto: Christoph Jorda

Nach einem erneuten Wechsel von Schatten zu Licht, von Wald zu Wiesen, schmiegt sich das graue Steinhaus der Ferme Auberge Roedelen vor uns an den Hang. Auch hier begrüßen uns gleich wieder Tiere: Ein großer, in die Jahre gekommener Hirtenhund und prächtig-bunte Hähne, die selbstbewusst zwischen verblichenen Holzbänken umherstolzieren. Der von Rost zerfressene Citroën-Kastenwagen vor dem Stall hat als Fahrzeug lange ausgedient – jetzt erfüllt er einen anderen Zweck: »Die Hühner flüchten sich vor Raubvögeln unter ihn«, erklärt Robert Schubnel, Land- und Hüttenwirt, der auf dem kleinen Hof geboren wurde. Wie zur Bestätigung durchdringt hell der Ruf eines Bussards die Stille. In der warmen Spätsommersonne trinken wir erfrischende Limonade und sind die einzigen Gäste. »Im Hochsommer ist hier deutlich mehr los«, sagt Robert. Hungrigen Besuchern serviert er eine Melkermahlzeit, das klassische, ziemlich deftige Menü der Fermes, bestehend aus Gemüsesuppe, Pastete, Fleisch, Käse und »Roigabrageldis« – mit viel Butter, Speck und Zwiebeln geschmorten Kartoffeln. Bis Oktober reicht die Saison auf der Alm, ehe die Schubnels ihre rund hundert Kühe auf einem fünfstündigen Fußmarsch zurück ins Tal bringen.

Während die Zeit auf Roedelen langsamer zu vergehen scheint als in der modernen Welt, herrscht dreißig Minuten weiter am Berghotel auf dem Grand Ballon Trubel. Leicht entzaubert bewältigen wir die letzten Höhenmeter auf den 1424 Meter hohen Gipfel, den eine gigantische Radarstation für die zivile Luftfahrt ziert. Beim Betreten der Aussichtsplattform fühlt man sich glatt in einen Science-Fiction-Film versetzt, doch der Gang auf dieses Raumschiff lohnt sich sehr. Weit schweift der Blick über das Elsass und die Rheinebene bis zum Schwarzwald im Osten. Bei klarem Wetter sieht man sogar die Alpen am Horizont.

 

1115 Wandern Vogesen Elsass Frankreich
Foto: Christoph Jorda

Ein See wie eine Murmel

Markante Felsen, rauschende Wasserfälle und unzählige Seen – in den Vogesen warten viele Schätze auf ihre Entdeckung. Ein echtes Kleinod Frankreichs ist der Lac des Perches, wie uns am nächsten Tag eine sechsstündige Rundtour zum gleichnamigen Gipfel zeigt.

Vom Weiler Ermensbach nahe Rimbachprès- Masvaux wandert man vorbei an Weihern, durch Wald und offene Wiesen. Büsche voller Blaubeeren verleiten immer wieder zum Anhalten. Auf einem schmalen Steig klettern wir über Felsen und Wurzeln, dringen tiefer und tiefer in einen urwaldartigen Laubwald vor. Mächtige Bergahorne fußen darin, tellergroße Baumpilze besiedeln totes Holz, neben moosüberzogenen Blockhalden wächst Silberblatt. Einige Wegbiegungen später stehen wir schließlich am Ufer des Lac des Perches. Von steilen, bewaldeten Wänden gesäumt, schillert das Wasser des kreisrunden Sees wie eine türkisgrüne Murmel. Seinen zweiten Namen, Sternsee, verdankt er einer Legende, wonach der gläserne Wagen der »weißen Frau« auf dem Grund ruht. Ein Zauberer, heißt es, befestigte die leuchtenden Nägel, welche Achsen und Deichsel zusammenhielten, als Sterne am Firmament. In stillen Nächten steige der Wagen mit der weißen Frau empor, doch mit dem Versuch, sich in die Lüfte zu erheben, versinke sie wieder im Waser. Wir setzen uns auf einen Felsen, der wie ein Sporn in den See hineinragt. Von der weißen Frau keine Spur, nur ein Schwarm Fische tummelt sich knapp unterhalb der Wasseroberfläche. Plötzlich dringen dunkle, kräftig-kehlige Laute durch den Talkessel, und vor den Klippen des Tête des Perches gleiten zwei Kolkraben durch die Luft. »Verwunschene Brüder?« scherzt Julia. Man könnte stundenlang bleiben, doch ehe wir uns vollkommen in Sagenwelten verlieren, brechen wir lieber auf und genießen eine halbe Stunde später im Berggasthof »Le Rouge Gazon« hausgemachte Blaubeer Tarte – ebenfalls sagenhaft.

Rotgolden geht an diesem Abend die Sonne unter, wir verfolgen das Schauspiel weit oberhalb des Tals von Saint-Amarin. Hell leuchten die Spitzen der Gräser im letzten Licht des Tages, kühl legt sich die Luft über die Wiesen und Wälder der Vogesen. »Kein Wunder, dass der Name des Gebirges von Vosegus kommt«, stelle ich fest – der keltische Gott der Berge und Wälder versteckt sich bis heute in den Vogesen. Julia nickt. Denn sicher, Berge und Wälder gibt es auch im Schwarzwald. Doch die Vogesen hier in Frankreich sind irgendwie anders: eine Spur rauer, wilder – und oft ein wenig märchenhaft.

Reiseinfos, Tourenvorschläge und mehr gibts auf Seite 2 »»


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28.07.2016
Autor: Mirjam Milad
© outdoor
Ausgabe 11/2015