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Zu Fuß von Champéry zum Montblanc

Ein starkes Stück

Der Fernwanderweg GR 5 führt vom Genfer See bis nach Nizza. Sein spektakulärster Abschnitt beginnt im Wallis und endet in Chamonix am Fuß des Montblanc – sechs Traumtage in den Alpen.


Steil hinauf kriecht die Bummelbahn aus dem breiten Rhonetal ins sich verjüngende Val d’Illiez. Der Blick durchs Fenster lässt erahnen, was für eine grandiose Bergwelt Wanderer im Südwesten der Schweiz erwartet, nur 30 Kilometer südlich des Genfer Sees.

Über dem saftigen Grün der Wiesen verbeißen sich imposante Felszähne im Himmel: Die Dents du Midi werfen ihre Schatten auf Champéry. Das Dorf ganz hinten im Illiez-Tal mutet an wie aus einer längst vergangenen Zeit. Dunkle Holzchalets prägen nach wie vor das Bild, kaum eine Bausünde stört dazwischen. Wandert man von Champéry zur Alp Lapisa auf 1788 Meter hinauf, rückt im Südwesten die Kette der Dents Blanches ins Blickfeld. Der dreistündige Aufstieg ist der würdige Auftakt zu einem Trek, der in sechs Tagen aus dem Wallis durch die zerklüfteten Kalkalpen zum König der Alpen führt, dem Montblanc.

Infos und Routenplan zur Trekking-Tour Champéry - Montblanc

In sechs Etappen vom Wallis nach Chamonix

Die Route folgt zum größten Teil dem Weitwanderweg GR 5, hält sich in moderaten Höhen zwischen 1000 und 2500 Metern und bietet atemberaubende Ausblicke auf eine sich stetig wandelnde Bergwelt.

Am schönsten ist es auf der Alp Lapisa abends. Dann glühen die mächtigen Dents Blanches im letzten Sonnenlicht, und auch kulinarisch weiß man sich bestens versorgt. Belegte Brote und Suppen, Hauptspeisen, aber auch Fruchtkuchen stehen auf der Speisekarte.

Mit ihren altgedienten Holzgebäuden wirkt die Alp fast so urig, wie sie es bei ihrem Bau im Jahr 1840 gewesen sein muss, und auf den Tisch kommen auch heute nur eigene Produkte wie der handgemachte Ziegenkäse. Dass sich solche Traditionen halten können, hängt mit der Nähe der Alp Lapisa zum GR 5 zusammen. Auch »La Grande Traversée des Alpes« genannt, verbindet dieser Fernwanderweg den Genfer See mit Chamonix und Nizza. Er wurde 1971 ins Leben gerufen, um der Abwanderung aus den Alpentälern entgegenzuwirken. Es funktionierte: Der Wandertourismus blühte auf, Alpen konnten gehalten und für die Bedürfnisse von Wanderern ausgebaut werden.

Wer von der Alp Lapisa aus das Teilstück des GR 5 nach Chamonix unter die Füße nehmen will, hat knapp 60 Kilometer vor sich. Am nächsten Tag bleibt noch Zeit, um sich langsam auf die Wanderung einzulassen und die Muskeln auf die Routine vorzubereiten. Dreieinhalb Stunden nur braucht man zum Etappenziel Refuge de la Golèse. Am besten packt man noch rasch einen guten Handvorrat von dem leckeren Käse ein, denn ab dem dritten Tag wird die Tour anstrengender.

Der Weg zum Refuge de la Golèse führt über den 1993 Meter hohen Col de Coux. Immer mehr beeindrucken beim Aufstieg die Blicke auf die spitzen Dorne der über 3000 Meter hohen Dents du Midi. Am Pass, dem Übergang zwischen dem Wallis und dem französischen Departement Haute-Savoie, trotzt noch ein altes Zollhaus dem Wetter, doch heute belagern nur vespernde Wanderer das Gemäuer. Am Horizont reihen sich Berggiganten formatfüllend auf, und eine Schautafel enthüllt klingende Namen.

Im Refuge de la Golèse erfahren Wanderer, was Franzosen unter alpiner Gastlichkeit verstehen: Die Küche verwöhnt mit französischen Spezialitäten, allen voran Tartiflette – ein herzhafter Auflauf, auf dem eine knus­prige Kruste aus heimischem Reblechonkäse dampft.

Das ist dann aber auch das Ende der Gemütlichkeit, denn der nächste Tag steht im Zeichen ungezähmter Karstlandschaften. Sollte auf der Nordseite des Corne au Taureau (2629 m) allerdings viel Restschnee liegen, kann das Stück an der Rinne unterhalb des Gipfels zum Vabanquespiel werden. Dann ist die Talvariante vorzuziehen. Sie kürzt den Trek um einen Tag ab und führt gemütlich über das Walserdorf Les Allamands nach Samoens hinab.

Liegt wenig oder kein Schnee, sollte man sich den anspruchsvollen Weg in den wilden Grenzkamm aber nicht entgehen lassen. Nach der steilen Rinne hinauf zum Pas au Taureau (2550 m) geht es abenteuerlich in Serpentinen wieder hinab und hinein in ein Hochtal. In die einmalige Karstszenerie aus grauem Fels und schüchternem Grün bettet sich der Lac de la Vogealle, der sich für ein Bad eignet. Fassen Sie Mut, und springen Sie in das eiskalte Wasser, denn das nahe Refuge de la Vogealle bietet keine Duschmöglichkeiten.

Doch wer hier schon meint, außerhalb der Zivilisation zu sein, wird am nächsten Tag eines Besseren belehrt: Es geht jetzt ans »Ende der Welt«, le Bout du Monde, wie die Felsenarena im Schluss des Giffre-Tals heißt. »Cirque« nennen die Franzosen solche Amphitheater aus gewaltigen Felsabbrüchen, und der Cirque am »Ende der Welt«, der berühmte Cirque de Fer-à-Cheval, gehört zu den Höhepunkten des Treks. Seine Hufeisenform gab ihm den Namen; seit 1993 trägt er das Prädikat »Grand Site National«, das Frankreich Plätzen mit besonderer nationaler Bedeutung verleiht. In seinen schwindelerregenden Felsbändern soll Jacques Balmat im Jahr 1834 zu Tode gekommen sein. Als 24-Jähriger hatte er gemeinsam mit dem Arzt Michel-Gabriel Paccard 1786 den Montblanc erstbestiegen. Noch mit 72 Jahren suchte er unermüdlich Kristalle; im Cirque befand er sich auf der Suche nach Gold, wie Andeutungen seiner später entdeckten Aufzeichnungen vermuten lassen. Geriet ihm etwa ein unglücklicher Tritt zum Verhängnis? Seine Leiche jedenfalls wurde nie gefunden.

Auch dem Wanderer von heute können gruselige Gedanken an einen Absturz kommen, wenn er auf schmalem Felspfad und immer auf der Höhe bleibend ans Ende der Welt vorstößt. Spätestens jedoch an der Felsterrasse im Talschluss, wo ein Wasserfall hinabdonnert. Welch ein Blick! Das Trogtal liegt einem zu Füßen, das man eine halbe Stunde später ganz bequem durchwandert. Wasserfälle strudeln gischtend herab. An Schönwettertagen ballt sich hier die Hitze. Dann gibt es keine bessere Adresse als das Hotel Le Petit Tétras mit seinem Schwimmbad. Es liegt im charmanten Weiler Savagny oberhalb von Sixt-Fer-à-Cheval. Vom Außenpool lässt sich mehr als angenehm das imposante Kalkriff der Chaîne des Fiz bestaunen, das Ziel für morgen.

Den Weg hinauf begleiten wieder herrliche Wasserfälle, wie die Cascade du Rouget und die Cascade de la Sauffaz, die breitflächig über waldbestandene Felsen ins Tal stiebt. Schweißtreibende Höhenmeter führen auf das weite Plateau von Anterne. Kleine Bächlein mäandern durch die idyllische Hochebene im Herzen des Naturreservats Sixt-Passy. In einer Gruppe von Alpgebäuden ist das Refuge Alfred Wills untergebracht und verführt zu einer willkommenen Rast.

Eine Etage oberhalb schimmert der Lac d’Anterne zwischen der Chaîne des Fiz und dem Gipfel des Mont Buet (3096 m). Ab dem Anterne-Pass löst der Montblanc den Blick ab, dessen monströse Eiskappe den Kamm der Aiguilles Rouges überragt.

Doch vor dem letzten Stück schöpft der Wanderer im Refuge Moede-Anterne noch Kraft – erst mal die Beine weit von sich strecken und die Abendstimmung genießen, lautet die Devise. Denn am nächsten Morgen führt der Weg erst tief hinunter, nur um danach wieder hoch hinaufzusteigen, das allerdings bei herrlicher Aussicht, die für die Mühen vollauf entschädigt. Am Brévent-Pass schließlich steht er einem dann ganz dicht vor Augen, der Montblanc, ein Gigant, mit 4810 Metern der höchste Gipfel der Alpen. Seine gewaltigen, schimmernden Gletscherflanken fließen von seinem Haupt bis weit ins Tal.

Einen letzten Höhepunkt setzt die Besteigung des Brévent (2525 m): Abgesichert wie ein Klettersteig geht es am Kamm entlang zum Gipfel. Dass dieses Ausflugsziel per Seilbahn von Chamonix erreichbar und sehr begehrt ist, daran trägt Horace Bénédict de Saussure eine gewisse Mitschuld. Der Genfer Naturforscher gilt als Entdecker des Montblanc und hat durch seine begeisterten Berichte auch den Tourismus gehörig angekurbelt. Nach seiner Brévent-Besteigung, damals im 18. Jahrhundert natürlich ohne Aufstiegshilfen, schrieb er: »Ich war noch nicht an so ein großartiges Schauspiel gewöhnt ... diese Sicht hat in meinem Gedächtnis einen unvergänglichen Eindruck hinterlassen ...«

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