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Wanderparadies Mallorca

Nur die Ruhe

Mallorcas Berge sind für Wanderer ein Frühlingsrevier der Spitzenklasse: Abwechslungsreiche Sonnen-Touren abseits von Ballermann & Co.


Die Konturen der Berge flimmern in der Sonne, dahinter weitet sich das unendliche Blau des Mittelmeers. Kühlender Sommerwind weht durch das Gestrüpp, der herbe Duft der Sträucher mischt sich mit der salzigen Brise. Es ist still. Ballermann ist woanders, ein böser Traum irgendwo im Süden der Insel. Vom Trubel an den Stränden in der Bucht von Palma ist in der menschenleeren Serra de Tramuntana nichts zu spüren. Der Gebirgszug erstreckt sich von Andratx im Südwesten Mallorcas auf über 90 km Länge bis zur Halbinsel Formentor im Norden.

Die schönsten Wanderungen auf Mallorca

Infos zur Wanderung auf die Massanella Infos zur Trekkingtour auf dem GR 221 Infos zur Wanderung "Klosterruine La Trapa" Infos zur Wanderung durch den Torrent de Pareis Infos zur Wanderung auf dem Reitweg des Erzherzogs Ludwig Salvator

Er wird gekrönt vom 1436 m hohen Puig Major, dessen unverkennbarer Gipfel von dem überdimensionierten Golfball einer Radarstation beherrscht wird. Doch davon abgesehen findet sich in den Bergen eine Ursprünglichkeit, wie sie auf Europas beliebtester Bade­insel die wenigsten vermuten: Nur schwer zugängliche Canyons gruben sich in das einsame Karstgebirge. Der gewaltigste und bekannteste davon ist der Torrent de Pareis, der Wanderern lediglich einen schmalen Durchschlupf zwischen himmelhoch aufstrebenden Wänden freigibt.

Nur acht Kilometer weiter im Osten machen wie von Riesenhand dahingestreute Steingärten um das Wallfahrtskloster Lluc auf sich aufmerksam, ein japanischer Zenmeister hätte sie nicht besser arrangieren können. Am Südrand des Gebirges strahlt der gelbe Fels des Tafelberges von Alaró. Auf dem Plateau wacht eine Burganlage; über Jahrhunderte galt sie als uneinnehmbar.

Bei so viel Auswahl ist es kein Wunder, dass Mallorca als Wanderziel immer beliebter wird. Das milde Klima, das mediterrane Flair, kurze Flugzeiten und erschwingliche Übernachtungen tragen ebenfalls dazu bei. So manchem Fincabesitzer sind die über sein Grundstück wandernden Besucher allerdings zu viel geworden, manch einer verbarrikadiert sich hinter Privado-Schildern und verschlossenen Toren.

Andererseits werden ständig alte Wege von Macchia freigeschnitten und liebevoll restauriert. Eine ganze Mauerbauschule ist inzwischen damit beschäftigt, die teils verfallenen alten Lesesteinmauern aufzurichten und das Pflaster der Pilgerwege, die aus allen Himmelsrichtungen am Kloster Lluc zusammenlaufen, wieder auszubessern.

Das Zauberwort heißt GR 221. Der Fernwanderweg soll einmal von Andratx im Süden durch die ganze Tramuntana bis nach Pollença in der nordöstlichsten Inselecke verlaufen. 150 Wanderkilometer über alte Mulipfade, durch knorrige Olivenhaine, süßlich duftende Orangenplantagen, immergrüne Steineichenwälder und wilde Gebirgslandschaft. Und besonders sympathisch: Das in Türkis- bis Blautönen leuchtende Meer liegt fast immer im Blick. Etwa die Hälfte der auf acht Tagesetappen ausgelegten Strecke ist bereits ausgeschildert, markiert und begehbar.

Der beste Ausgangspunkt für die bereits bestehenden Teile ist Port Sóller, die heimliche Wanderhauptstadt der Insel. Mit Bergstiefeln, Fleece und Teleskopstöcken ausgerüstet, machen sich Wanderer von dem Ort mit dem handtuchschmalen Strand und dem malerischen Hafen zu den nahe gelegenen Routen auf – wunderschön und ganz einfach ist eine Etappe des GR 221 ins Künstlerdorf Deià.

Wahlweise von der Hotelruine Rocamar oder vom Leuchtturm am Cap Gros aus zieht der angenehme Weg ohne größere Steigungen über Schafweiden in gut zwei Stunden durch sorgsam gehegte Olivenhaine, die anschaulich vermitteln, dass die Insel nicht nur vom Tourismus lebt. Nordwestlich von Sóller verlaufen die beiden anspruchsvolleren Etappen des Treks, doch der lange Aufstieg durch die imposante Schlucht von Biniaraix und weiter zum Stausee Cúber gehört mit zum Feinsten, was Mallorca an Wanderrouten zu bieten hat.

Auf einem uralten Pflasterweg geht es steil aufwärts durch eine bizarre Szenerie aus rotem, verwittertem Fels, hinein in ein weltvergessenes Hochtal. Tief unten liegt Sóller, dahinter schimmert blau das Meer. Den Rückweg ab Cúber kann man dann bequem mit dem Linienbus antreten. Als Stützpunkte stehen dem Wanderer auf dem GR 221 derzeit fünf bewirtschaftete Berghütten offen, eine schöner als die andere. Sie wurden aus Naturstein erbaut und mit viel Holz behaglich eingerichtet. Wer in ihren Genuss kommen möchte, muss allerdings vorab buchen und bezahlen.

Die Umgebung des Klosters Lluc ist wie geschaffen für kontemplative Wanderungen.
Foto: Daniel Geiger

Für spontanere Wanderer gibt es genug Ausweichmöglichkeiten, etwa die professionell geführte Klosterherberge Lluc, von der die Wanderwege zu den umliegenden Gipfeln praktisch vor der Klostertür beginnen. Zum Beispiel die Wanderung auf die Doppelspitze der Massanella, den mit 1365 Meter höchsten erwanderbaren Gipfel Mallorcas. Der einst von Schneesammlern und Köhlern angelegte Weg steigt durch einen dichten Grüngürtel aus Steineichen auf ein von Grasfluren überzogenes, aussichtsreiches Hochplateau und gewinnt im letzten Drittel mit mehreren Passüberschreitungen alpines Format. Eine Bergtour für anspruchsvolle Wanderer.

Leichter begehbar sind die Routen im Wandergebiet um Valldemossa, im Südwesten des Gebirges gelegen. In dem Kartäuserkloster des schmuck herausgeputzten Bergdorf s verbrachten 1838/39 die französische Schriftstellerin George Sand und ihr Lebensgefährte Frédéric Chopin sozusagen als Touristen der ersten Stunde einen verregneten Winter. Sand hielt die nicht immer glücklichen Tage in der zum Longseller avancierten wunderbaren Reiseerzählung »Ein Winter auf Mallorca« fest. Noch ein anderer Zugewanderter hinterließ in Valldemossa seine Spuren.

1867 kam der damals 20-jährige österreichische Erzherzog Ludwig Salvator auf die Insel. Er kaufte sich rund um Valldemossa ausgedehnte Ländereien zusammen und ließ darauf feudale Landgüter wie Miramar und Son Marroig errichten. Kaiserin Elisabeth, besser bekannt als »Sisi«, besuchte ihren Cousin zweimal auf Mallorca. Die Regentin konnte allerdings dem weltabgewandten Lebensstil ihres Verwandten nichts abgewinnen und drängte Salvator, »ob er denn um Gottes willen nicht zurück ins zivilisierte Europa wolle.«

Er wollte nicht. Dem Erzherzog war das höfische Leben schlichtweg ein Graus. Heute würde man ihn als ökologisch orientierten Aussteiger bezeichnen – auf seinen Besitzungen durfte kein einziger Baum gefällt werden. Für den Wanderer besonders interessant: Der Pferdenarr ließ ein bis heute gut erhaltenes Netz an Reitwegen anlegen. Die Rundtouren um Valldemossa gehören zu den beliebtesten auf der Insel, mit wunderbaren Aussichtsplätzen, von denen Salvator einst hoch zu Ross sein immergrünes Paradies über der Nordküste überblicken konnte.

Sicherlich hätte der von den Mallorquinern Arciduc genannte und in zahlreichen Straßennamen verewigte Erzherzog seine helle Freude daran, dass, von ein paar Kleinigkeiten abgesehen, vieles noch so wie zu seinen Lebzeiten aussieht. Selbst die Küstenstraße zwischen Valldemossa und Sóller fällt ein bis zwei Nummern schmaler aus als sonst auf der Insel üblich, wo mit Schnellstraßen und Autobahnen geklotzt wird. Man kann sich leicht vorstellen, wie der Erzherzog von seinem Pferd auf die Berge geschaut hat, wie die salzige Brise durch seine Haare streifte und die Zikaden dazu zirpten.

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