Wales: Wandern auf dem Pembrokeshire Coast Path

300 km durch Wales: Der Pembrokeshire Coast Path


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Wales Pembrokeshire Coast Path
Foto: Christoph Jorda

 

Wales Pembrokeshire Coast Path
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300 Kilometer folgt der Pembrokeshire Coast Path der steilen Südwestküste von Wales. outdoor hat die schönsten Etappen des Weitwanderwegs erkundet.

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"Besitzt Wales eine Fußballnationalmannschaft?" - Leider kann ich die Frage von Fotograf Christoph nicht beantworten. Wir stehen am Flughafen von Manchester an einem Autoverleihschalter und stellen fest, dass unsere Kenntnisse über besagten Teil des Vereinigten Königreichs bescheiden ausfallen. Aber zumindest wissen wir, dass uns dort, in der Grafschaft Pembrokeshire, ein nicht nur bei Briten beliebter Trek erwartet: der Pembrokeshire Coast Path.

Auf knapp 300 Kilometern folgt er der Küste im äußersten Südwesten von Wales, verbindet bogenförmig die Dörfer St. Dogmeals im Norden und Amroth im Süden. Dramatische Steilufer sind sein Aushängeschild, unterbrochen von verschwiegenen Buchten, weitläufigen Stränden und Fischerhäfen, von Puppenstubendörfern und lebhaften Badeorten. Offenes Weideland und wenig Wald erwarten den Wanderer, das Meer verliert man nur selten länger als eine halbe Stunde aus den Augen.

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Unser erstes Ziel: der Küstenort St. David's

St. David's liegt ungefähr auf halber Strecke des Pembrokeshire Coast Path. Unterwegs sammeln wir noch meine Schwester Gesche als Begleitung ein. Der Plan: von St. David's aus drei Tage lang den Trek-Abschnitt bis zum nördlich gelegenen Fischerdorf Newport erkunden. Die Wettervorhersage: ein Spätsommertraum. Schon bald grüßt an der Landesgrenze mit erhobenem rechtem Vorderbein »Y Ddraig Goch«, der rote Drache, Wappentier der Waliser. »Welcome to Wales« und »Croeso i Gymru« steht auf dem Schild. Walisisch ist ebenso wie Englisch Amtssprache, und niemals, niemals sollte man Wales als Teil von England bezeichnen. Sogar auf Mülleimern stehen keltische Buchstabenkombinationen, von denen unsereiner ohne Übersetzung kaum etwas verstehen würde.

Blau glitzert am nächsten Vormittag das Meer unter einem fast wolkenlosen Himmel, eine zarte Brise mit Salznote vermischt sich mit dem Duft von sonnenwarmem Gras. Rund 50 Meter unter uns, unweit einer Kapellenruine, klatscht das Wasser an den Fuß der steilen Klippen.Vereinzelt erklingt ein Möwenschrei. »Das ist doch fast zu schön, um wahr zu sein«, freut sich Gesche und zückt ihr Smartphone, um braunweiße Milchkühe vor einer Brombeerhecke zu fotografieren. Auch ich vergesse mein leises Bedauern darüber, dass wir das charmante kleine St. David’s schon nach einer Nacht wieder verlassen mussten.

Allein die riesige normannische Kathedrale, deren Ursprünge im 6. Jahrhundert liegen und die dem 2000-Einwohner-Ort das Recht gibt, sich als Stadt zu bezeichnen, hätte eine ausgiebige Besichtigung gelohnt, ebenso kleine Kunstgalerien, Cafés und Geschäfte. In der Hauptsaison herrsche manchmal etwas zu viel Trubel, haben unsere Gastgeber im Bed&Breakfast (B&B) erzählt, jetzt im September aber fänden sie alles »just wonderful«. Und der vor uns liegende Abschnitt, vorbei am Ramsey-Sund mit Blick auf die kleine Ramsey-Insel bis zum langen Strand von Whitesands Bay, sei mit Sicherheit der schönste Teil des ganzen Treks.

Picknick mit Aussicht

Der Pembrokeshire-Wanderweg ist bestens gepflegt, wir kommen gut voran. Weiden wechseln sich ab mit Heideflächen, kleine Boote dümpeln friedlich in einer engen Bucht. Ab und zu kommen uns andere Wanderer und Spaziergänger entgegen. Wirklich zivilisationsfern fühlt man sich hier nicht, auch wenn wir durch Nationalparkgebiet wandern: 85 Prozent des Treks verlaufen durch den Pembrokeshire Coast National Park. Längst gilt der 1970 eröffnete Coast Path, für den man mindestens 15 Tagesetappen ansetzen sollte, als Klassiker. Entsprechend viele Unterkünfte haben sich auf Wanderer eingestellt.

Auf Tipps, zum Beispiel in welchen Buchten man gute Chancen auf Robbensichtungen hat, können Besucher sich da ebenso verlassen wie auf ein reichhaltiges Frühstück. Nach Kühen und Möwen sind die nächsten Tiere, die wir sichten, allerdings Ponys. »Die leben hier halbwild und halten das Gras kurz«, erzählt Gesche. Streicheln lassen sie sich nicht, und so suchen wir einen Platz, um die Picknickdecke auszubreiten und mit Blick aufs Meer Sandwiches, Tee und leckere Rosinenküchlein namens Welsh Cakes aus den Rucksäcken zu holen. Klein zeigt sich auf einer Tüte wieder einmal der walisische rote Drache, der mindestens 1200 Jahre alt ist, wenn man von der ersten urkundlichen Erwähnung um das Jahr 800 ausgeht.Auf grün-weißem Hintergrund ziert er heute die Landesflagge.

In sanftem Auf und Ab führt der Weg weiter. Die oft bizarren Formen der Küstenfelsen verleiten zum Anhalten und Staunen, ebenso die Unmengen reifer Brombeeren, die immer wieder in dichten Hecken den Weg säumen. Über einer winzigen Bucht tauchen zum ersten Mal tief unter uns die Köpfe großer grauer Seehunde aus dem Wasser. Im Spätsommer bekommen sie hier an steinigen Ufern ihren Nachwuchs, und die Jungtiere würden mit ihrem weißen Fell gute Modelle für Steifftiere abgeben. »Ohne Robbenbaby-Foto fahre ich nicht heim«,verkündet Christoph. Zunächst aber fasziniert ein anderes Naturphänomen: das reißende Wasser am Ramsey-Sund.

Bis zu sieben Knoten, knapp 13 Stundenkilometer, sollen die Gezeitenströme erreichen. Die Möwen, die sich entspannt darauf treiben lassen, sausen geradezu an einem vorbei. Bei Ebbe erreichen wir schließlich den langen Traumstrand von Whitesands Bay, wo sich an diesem Nachsaison-Nachmittag nur wenige Surfer,Angler und Badeurlauber verteilen. Der »Celtic Coaster«, ein gemütlicher kleiner Bus, bringt uns zum Parkplatz des Autos zurück.

Die Küste von Pembrokeshire

Eigentlich aber ist der Mietwagen überflüssig, die Küste von Pembrokeshire besitzt ein top Bussystem – selbst im Minidorf Trefin, wo unser nächstes B&B liegt, gibt es eine Haltestelle. In was für einem Kontrast das 50-Seelen- Nest zum lebhaften St. David’s steht! In Trefin herrscht absolute Ruhe,Treff- und Mittelpunkt ist der urige Dorf-Pub namens »The Ship Inn«. Den steuert zum Pub Quiz, einem geselligen Rätselwettbewerb, auch unsere entzückende Landlady Vivienne an, während wir uns im Gaststubenteil über riesige Mengen Fish and Chips beziehungsweise Gemüsecurry hermachen.

Es mag Zufall sein oder auch nicht: Wie fast alle unsere Gastgeber kommen Vivienne und ihr Mann aus England. Irgendwann hätten sie keine Lust mehr auf Großstadtleben gehabt, erzählt sie, und in dem Idyll mit ihrem B&B, Hühnern und Pferden vermisse sie nur das Gehalt, das sie einst als Ingenieurin verdient hat. Der nächste Tag zeigt: Unsere B&B-Besitzer in St. David’s haben entweder geschwindelt oder keine Ahnung, der Weg von Trefin zu einem mächtigen Leuchtturm namens Strumble Head schlägt unsere erste Etappe um Längen.

Wilder und einsamer die Landschaft, noch dramatischer das Steilufer, unterwegs begegnet uns kein Mensch. Schon nach relativ kurzer Gehzeit fragt man sich am Megalithgrab Carreg Samson, wie die Menschen es vor 5000 Jahren bloß schafften, den riesigen Dachstein auf den Trägerfelsen zu platzieren – kein Vergleich zu Stonehenge, aber trotzdem beeindruckend. Die vielen Schafe, die drum herum das grüne Gras abweiden, fügen sich malerisch ins Gesamtbild ein.

 

Wales Pembrokeshire Coast Path
Foto: Christoph Jorda

Endlich Robbenbabys

Wir sind schon einige Stunden unterwegs, als vom Ufer tief unten ein langgezogener Klagelaut heraufschallt. Robbenbabys? Jawoll! Über einen Steinstrand verteilt sich mehr als ein Dutzend kleine weiße Fellknäuel, manche mit der Mutter neben sich,die meisten allein.»Heuler«,von irgendwo weit hinten in meinem Kopf taucht ein lang vergessenes Wort wieder auf. »So nennt man sie aber nur, wenn sie das Muttertier endgültig verloren haben«, weiß Gesche. Wie auch immer: Wenn der Weg nicht mehr so weit wäre, könnte man stundenlang hier oben sitzen und die Tiere beobachten.

Und sich, wie so oft auf schönen Touren, vornehmen, eines Tages mit mehr Zeit wiederzukommen. Wales besitzt übrigens eine Fußballnationalmannschaft, wie sich viel zu bald beim Abschiedsbier in Newport herausstellt. Eine wichtige Rolle spielt sie international nicht, aber der Herzblutsport der Waliser ist sowieso ein anderer: Rugby. Da liegt ihr Team derzeit auf Platz fünf der Weltrangliste. Dass man es auch als »the Dragons« kennt, hätten wir uns glatt denken können.

Alle Infos für eine Reise nach Wales finden Sie auf Seite 2 ...


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22.12.2015
Autor: Katharina Hübner
© outdoor
Ausgabe 08/2015