Portugal: Outdoor-Traum Algarve

Via Algarviana - Auf dem Weg der Pilger

Wer die Algarve wirklich kennen lernen will, muss ihr Hinterland besuchen. Der Fernwanderweg Via Algarviana führt mitten hindurch.

 

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Foto: Ben Wiesenfarth Bis zum Atlantik sind Wanderer auf der Via Algarviana gut 14 Tage unterwegs.

Wie ein gewaltiger Schiffsbug ragt die bis zu 70 Meter hohe Steilküste des Cabo de São Vicente in den Atlantik – ein dramatischer Anblick, der sich am südwestlichen Ende des europäischen Kontinents bietet. Schon vor Jahrtausenden galt das Kap als mythischer Platz, wie zahlreiche Hünensteine aus der Jungsteinzeit belegen. Auch die ers­ten schriftlichen Quellen aus dem 4. Jahrhundert vor Christus beschreiben die meerumtosten Klippen als einen heiligen Ort, an dem die Götter wohnen. So nannten die Römer das Cabo de São Vicente »Promontorium Sacrum«, heiliges Vorgebirge, es galt ihnen als »Finis Terrae«, als das Ende der Welt. Seinen heutigen Namen erhielt das Kap erst von den Christen: Der Legende nach wurde dort im Jahr 304 der Leichnam des Märtyrers Vinzenz von Saragossa an Land gespült. Die Stelle wurde zum bedeutenden Wallfahrtsort, zu dem die Vinzenzverehrer über viele Jahrhunderte vom portugiesischen Mértola aus quer durch die Algarve pilgerten.

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outdoor Portugal Algavre Foto: Ben Wiesenfarth
outdoor Portugal Algavre Foto: Ben Wiesenfarth
outdoor Portugal Algavre Foto: Ben Wiesenfarth

Zwar geriet der alte Pilgerpfad im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit, doch es gibt einen Wanderweg, der genau wie er quer durch die südlichste Region Portugals führt: die 300 Kilometer lange Via Algarviana, die sich vom portugiesisch-spanischen Grenzfluss Rio Guadiana im Osten bis zum sagenumwobenen Cabo de São Vicente im Südwesten schlängelt, mitten durch das touristisch wenig erschlossene Hinterland. Der Start der Tour, das charmante Städtchen Alcoutim, liegt nur rund 25 Kilometer vom Ausgangspunkt des alten Pilgerpfads in Mér-tola entfernt, und der Streckenverlauf orientiert sich in groben Zügen am historischen Weg. Doch da heute nicht religiöse Motive, sondern Landschafts- und Kulturerlebnisse im Vordergrund stehen, nimmt die Via Algarviana des öfteren Umwege – und ist somit 80 Kilometer länger als die alte Pilgerroute.

Gleich zu Beginn geht es damit los: Statt direkt auf das Landesinnere zuzuhalten, folgt der Weg erst ein Stück dem blauen Band des Rio Guadiana, anschließend dreht er eine weite Nordschleife durch mit Mandel-, Feigen- und Olivenbäumen bestandene Wiesen, bevor er Kurs auf Südwest nimmt. Auf offene Kulturlandschaften folgen bald Korkeichenwälder, die Strecke gewinnt allmählich an Höhe und steuert auf die Bergkette Serra do Caldeirão zu. Immer wieder säumen kleine, authentische Dörfer den Weg. Im wohl schönsten endet die siebte Etappe: im »weißen Dorf« Alte, das mit seinen verwinkelten Gässchen und den weiß getünchten Häusern wie gemalt wirkt.

In Alte hat man die Hälfte der Via Algarviana geschafft. Aber die größten Anstrengungen warten noch. Bezeichnenderweise auf einem Umweg, denn statt in Silves den direkten Weg zur Südwestküste einzuschlagen, klettert die Via Algarviana in ihrer Königsetappe auf den schönsten Aussichtsgipfel der Region, den 774 Meter hohen Picota in der Serra de Monchique. Noch weiter hinauf geht es am nächsten Tag: Der Foía ist mit 902 Metern der höchste Gipfel der Algarve. Beim Abstieg von der Serra de Monchique macht sich dann langsam die Nähe zum Atlantik bemerkbar: Korkeichen weichen Pinien, bald würzt der aromatische Duft der Macchia die Luft. Steht man dann auf den Klippen des Cabo de São Vicente, lässt sich die Faszination des Unbekannten, die die Menschen einst am Ende der damals bekannten Welt verspürten, leicht nachvollziehen. Da ist es gut zu wissen, dass es auch heute noch wenig besuchte Landstriche zu entdecken gibt. Man muss nur der Via Algarviana folgen.

 

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Foto: Ben Wiesenfarth Die Via Algarviana ist durchgehend ausgeschildert – Kilometerangaben inklusive.

Die Etappen der Via Algarviana

Für die gesamte Via Algarviana vom Rio Guadiana bis zum Atlantik sollten Wanderer vierzehn Tage einplanen.

1. Alcoutim – Balurcos
Flache, aber recht lange Einstiegsetappe durch den milden Osten; zwei Snack-Bars am Weg. (24 Kilometer, 7 Stunden)

2. Balurcos – Furnazinhas
Einfacher Halbtagesmarsch, der längste Anstieg (200 Höhenmeter) wartet nach acht Kilometern. (14,5 Kilometer, 4 Stunden)

3. Furnazinhas – Vaqueiros
Nach kurzem Abstieg geht es teils steil auf 300 Meter, unterwegs keine Versorgungsmöglichkeiten. (20,5 Kilometer, 6 Stunden)

4. Vaqueiros – Cachopo
Kurze Etappe, die mit fünf kleineren, aber steilen Anstiegen aufwartet. Einkehrmöglichkeit in Casas Baixas. (15 Kilometer, 4 Stunden)

5. Cachopo – Barranco do Velho
Langer Wandertag mit insgesamt über tausend ansteigenden Höhenmetern, einer der anstrengendsten der Tour. (29 Kilometer, 8 Stunden)

6. Barranco do Velho – Salir
Gemütliche Etappe, die meist eben oder absteigend verläuft. Wasser und Proviant gibt‘s nur am Start- und Endpunkt. (15 Kilometer, 4 Stunden)

7. Salir – Alte
In ständigem Auf und Ab geht‘s zum Ort Benafim und weiter nach Alte, dem hübschen Etappenziel. (16 Kilometer, 4–5 Stunden)

8. Alte – Messines
Die Strecke führt ins geografische Zentrum der Algarve: Messines mit seinen Häusern aus dem 17. Jahrhundert. (19,5 Kilometer, 5–6 Stunden)

9. Messines – Silves
Hinter Messines folgt der Weg dem Rio Arade, dann einem mit Eukalyptus bestandenen Tal nach Enxerim. (27,5 Kilometer, 8 Stunden)

10. Silves – Monchique
Die Königsetappe wartet mit dem längsten Einzelanstieg (Picota) und insgesamt rund 1300 Höhenmetern. (28 Kilometer, 8 Stunden)

11. Monchique – Marmelete
Vom schönen Etappenort geht‘s hinauf auf den Foía (902 m) und zum Schluss recht steil hinab zum Tagesziel. (14,5 Kilometer, 4 Stunden)

12. Marmelete – Bensafrim
Die lange, aber fast durchgehend absteigende Etappe führt durch wilde, unbewohnte Natur nach Bensafrim. (30 Kilometer, 8 Stunden)

13. Bensafrim – Vila do Bispo
Durch üppige Hügellandschaften und Täler leitet die Via Algarviana in den Costa Vicentina Nationalpark. (30 Kilometer, 8 Stunden)

14. Vila do Bispo – Cabo de São Vicente
Das genussvolle Finale durch den einzigartigen Nationalpark endet am Klippenbug des Cabo de São Vicente. (16,5 Kilometer, 5 Stunden)


21.10.2010
Autor: Niko Dohmen
© outdoor
Ausgabe 09/2010