Irland-Rundreise

Einmal über die Grüne Insel: Ein Roadtrip in Irland

Irland - Kerry Way
Foto: Tourism Ireland
Wogende Hügel, steile Felsküsten und ­malerische Ruinen: Irland überrascht Wanderer hinter jeder Biegung von Neuem. ­Eine Entdeckungsfahrt von Alex Krapp.

An nur wenigen Gräbern herrscht ein solcher Andrang, dass sie einen eigenen Parkplatz brauchen. Eines von ihnen ist das von William Butler Yeats. Der irische Dichter und Nobelpreisträger spricht selbst noch im Tod zu seinem Publikum. In seiner Grabinschrift, die er in »Under Ben Bulben« entwarf, einem seiner letzten Gedichte, richtet er sich direkt an Reisende, die seinen Friedhof im Ort Drumcliff nahe der Stadt Sligo im Nordwesten Irlands besuchen: Cast a cold eye/on life, on death/ horseman pass by.

Doch längst kommt der Reisende nicht mehr mit dem Pferd, sondern erkundet Irland mit dem Mietwagen auf einer Rundtour von Dublin aus. Und nachdem er an Yeats Grab einen kühlen Blick auf Leben und Tod geworfen hat, wird sein Auge unwillkürlich auf die steilen Flanken des Ben Bulben fallen. Die grauen Abbrüche des Tafelbergs schimmern zwischen den Blättern der Bäume hinter der Friedhofsmauer durch. Yeats wollte am Fuß dieses Berges begraben sein, der wie der Bug eines riesigen Schiffes nach Westen zeigt und dessen verwitterte Kalkwände zunächst senkrecht zum ebenen Küstenstreifen abfallen. Erst im unteren Drittel fängt sie ein grasiger Sockel auf, der selbst im Regen in jenem seltsamen Grün leuchtet, das der Insel ihren Beinamen gegeben hat.

Irland-Rundreise: Auf den Ben Bulben

Sofern es sich bei dem Reisenden um einen Wanderer handelt, steht er vor der Frage: Wie komme ich da bloß hinauf? Die Antwort hält die Nordflanke des Berges bereit. Hier gewährt ein Geländeeinschnitt einen recht gefahrlosen, wenn auch anstrengenden Zugang auf das Hochplateau, denn wie so oft in Irland gibt es keinen ausgetretenen Pfad, sondern man geht über Grasmatten. Oben wandert man dann auf Sicht und in gerader Linie auf den spitzen Keil des Ben Bulben. Unter einem erstreckt sich Yeats Country – die Iren haben gleich den ganzen Landstrich nach ihrem Dichter benannt, der seine Jugend im nahe gelegenen Sligo verbrachte.

Doch manchmal verhüllt der Ben Bulben sein Haupt auch in dichten Wolken. Potenzielle Besteiger sollten das respektieren, denn einerseits wandern sie dann aussichtslos, andererseits auch gefährlich, zu viele verloren im Nebel schon die Orientierung und gingen einen Schritt zu weit.

Irland-Rundreise: Bricklieve Mountains

Glücklicherweise gibt es in Irland immer eine Schlechtwetteralternative, in diesem Fall das Carrowkee Megalithic Cementery in den Bricklieve Mountains, das nur eine halbe Stunde Autofahrt entfernt liegt. In den Hügeln stehen einsam und verlassen 14 Gräber aus der Steinzeit. Ein brüchiges Teersträßchen bringt Ungeduldige mit dem Auto dorthin, Wanderer mit etwas mehr Zeit gehen auf dem Historical Trail von Castlebaldwin aus, der die Nordflanke der 317 Meter hohen Erhebung erschließt.

Von der Seite blöken Schafe, die Farbmarkierungen auf ihrer Wolle wirken, als seien sie in ein Paintball-Gefecht geraten. Dann, und wirklich erst dann, wenn man fast schon vor ihm steht, schälen sich aus dem Hügel die Umrisse des ersten Grabhügels heraus. Unter einer Steinplatte öffnet sich ein dunkler Gang, man kriecht ein paar Meter und steht in der Kammer. Der kühle Blick auf Leben und Tod reicht hier noch weiter als am Grab von Yeats, bis in die Zeit vor dem Bau der Pyramiden vor 5000 Jahren. Nachdem man in drei oder vier dieser Gräber gekrochen ist, verebbt der Entdeckerdrang, und der Blick wandert über den Lough Arrow. Der Wind treibt eine löchrige Wolkendecke über den Himmel, wie Suchscheinwerfer tanzen Lichtkegel auf dem See.

 

Klippenwandern in Irland
Foto: Christian Lampe Die Steilklippen Cliffs of Moher brechen bis zu 200 Meter tief zum Meer hin ab.

Irland-Rundreise: Von Glen zu Glen

Zwei Fahrstunden weiter die Westküste hinab liegt die irische Landschaftsattraktion schlechthin: die Cliffs of Moher. Bis zu 200 Meter tief brechen hier, zwischen den Orten Doolin und Liscannor, satte Weiden auf 9 Kilometer Länge jäh zum Meer hin ab – eine Wand aus dunklem Schiefer, bewohnt von Papageientauchern, Falken und Möwen.

Rund eine Million Touristen finden jährlich den Weg hierhin, die meisten steuern das Besucherzentrum am O’Brien‘s Tower an – der runde Steinturm markiert etwa die Mitte der Steilküste und liegt unweit der Straße. Wanderer zog es schon seit jeher zu Fuß vom Turm nach Süden oder Norden, immer am Abgrund entlang - ein Albtraum für den lokalen Rettungsdienst, der bis zu 12 Tote im Jahr vom Fuß der Klippen bergen musste, und ein Ärgernis für die ansässigen Farmer, die jedes Jahr aufs Neue Trockenmauern und Weidezäune ausbesserten.

Ordnung in die Sache hat Pat Sweeney gebracht. Der Mann aus Doolin führt eine Farm oberhalb der Klippen. Er vollbrachte in jahrelangen Verhandlungen und unter Zuhilfenahme von unzähligen Pints of Guinness das Wunder, 50 Landbesitzern die Zustimmung für den Ausbau eines befestigten Weges direkt über den Klippen abzuringen. Auf 17 Kilometern wird er von Doolin nach Liscannor führen. Das erste Teilstück wurde schon 2012 fertig, und wer vom alten Ortskern in Doolin den Schildern folgt, hat gute Chancen, von einem großen Iren angesprochen zu werden. "I am Pat Sweeney", stellt er sich vor, und jedem, der ihm begegnet, berichtet er von seiner Großtat und überreicht einen Flyer - für ein paar Euro kann man eine geführte Wanderung mit Pat oder seinem Sohn unternehmen. Teilnehmer bekommen unzählige Geschichten zu hören, für die, wie so oft in Irland, der Spruch gilt: Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden.

 

Irland - Kerry Way
Foto: Tourism Ireland Das Muckross House.

Irland-Rundreise: Kerry Way und Wicklow Way

Wer die Insel zum ersten Mal bereist, wird nach den Cliffs of Moher den Südwesten ansteuern, wo auf der Iveragh-Halbinsel in der Grafschaft Kerry sowohl der Kerry Way als auch der höchste Berg Irlands, der 1039 Meter hohe Carrauntoohil, locken. Ähnlich wie auf dem Ring of Kerry, der Touristen in Autos und Bussen einmal um die Halbinsel führt, umrunden Wanderer sie auf dem Kerry Way, allerdingt meist in den Hügeln des Hinterlandes. Für die gesamten acht Etappen nehmen sich die wenigsten Zeit, aber viele picken sich eine oder zwei heraus. Empfehlenswert sind die beiden Tage durch den Killarney Nationalpark. Vom Muckross House, das in einer riesigen Parklandschaft am Lough Leane bei Killarney liegt, steigt man neben dem Torc Waterfall hinauf auf das Esknamucky Glen. Aus diesem Hochtal geht es am zweiten Tag hinab ins Black Valley, der Weg führt vorbei an Menhiren, alten Farmhäusern und Aussichten auf die Seenkette von Killarney.

Noch etwas Zeit? Dann empfiehlt sich auf dem Rückweg nach Dublin ein Abstecher in die Wicklow Mountains bei Dublin. Moor- und Heidelandschaften wechseln hier mit kahlen, abgeflachten Kegelspitzen, von denen der Great Sugarloaf Mountain mit 501 Metern die markanteste ist. Durch das 60 Kilometer lange Gebirge zieht der älteste Weitwanderweg Irlands, der Wicklow Way. Die ersten sechs Etappen führen durch eine abgeschiedene Bergregion. Wer eine Tageswanderung unternehmen will und auf Kultur nicht verzichten möchte, verbindet die dritte Etappe des Wicklow Ways mit einem Besuch der ehemaligen Klostersiedlung Glendalough. Von dort braucht man nur 1,5 Stunden bis zum Flughafen von Dublin, ideal also, um den letzten Tag auszukosten. Die Reise endet dann, wie sie begonnen hat, auf einem Friedhof, vielleicht der schönste in ganz Irland.

Fast möchte man meinen, man ist in der Kulisse eines Vampirfilmes gelandet, so unglaublich krumm stehen die Grabsteine, so üppig quillt Moos aus den Mauerfugen der Klosterruinen, so malerisch überziehen Flechten die Steine. Lilafarben sprießen die Fingerhüte, rot die Fuchsien, über allem wacht ein grauer, schlanker Rundturm aus dem 11. Jahrhundert. Und wie so oft in Irland weiß man bald nicht mehr, wo die Realität aufhört und die Dichtung anfängt, und je länger man auf der Grünen Insel bleibt, desto stärker wird der Verdacht, dass das am Ende vielleicht gar nicht so wichtig ist.

Fotostrecke: Impressionen aus Irland - Kerry Way

21 Bilder
Irland - Kerry Way Foto: Tourism Ireland
Irland - Kerry Way Foto: Tourism Ireland
Irland - Kerry Way Foto: Tourism Ireland
12.09.2013
Autor: Alex Krapp
© outdoor
Ausgabe 5/2013