Schottland: Wandern auf der Halbinsel Knoydart

Wildes Land: Die schottische Halbinsel Knoydart

Knoydart in Schottland
Foto: Karl Griffin
Die Halbinsel Knoydart im Westen Schottlands gehört zu den letzten großen Wildnissen Europas. outdoor hat die Gegend zu Fuß erkundet - hier der Tourenbericht und jede Menge Reiseinfos.

Nie, nie, nie wieder. Nach meinem letzten Solotrekking durch die Highlands hatte ich mir versprochen, niemals wieder alleine dorthin zurückzukehren. Einsamkeit, schlechtes Wetter, nervtötende Midges und ein schwerer Rucksack – ich war fertig mit Schottland. Doch der Mensch vergisst schnell: Nach nur fünf Jahren Abstinenz bin ich bereit für einen neuen Versuch. Wie hieß doch gleich diese wilde, einsame und wunderschöne Gegend, die ich immer schon besuchen wollte?
Knoydart, eine Halbinsel im Westen Schottlands etwas östlich der Insel Skye, wird als eine der letzten großen Wildnisse Europas gehandelt.

Keine Straße führt hinein, nur zu Fuß oder per Fähre kann man sie erreichen. Die meisten der rund 100 Bewohner leben im Fischerdorf Inverie, am südlichen Ufer. Die Gegend gilt als Outdoor-Paradies: Drei Munros (Berge über 3000 Feet – rund 914 Meter) gibt es hier, unzählige einsame Hügel, Täler und Buchten kann man zu Fuß erschließen. Wer möchte, wandert mehrere Tage am Stück: Die Knoydart-Durchquerung gilt als Klassiker für ambitionierte Trekking-Fans und führt in acht Tagen von Glenfinnan über Inverie nach Shiel Bridge. Ich habe mir viel vorgenommen: Mit dem schottischen Fotografen Karl Griffin will ich mich zunächst rund um Inverie einwandern, und dann den zweiten Teil der Knoydart-Durchquerung unter die Füße nehmen.

Das kleine Boot der lokalen Reederei »Sea Bridge Knoydart« hüpft durch dunkle Wellen und wird dabei von Delfinen begleitet. Mit jedem Blick nach hinten verschwindet der Küstenort Mallaig – und mit ihm auch ein Empfangsbalken am Smartphone. Das Handy fungiert als Gradmesser für Abgeschiedenheit, so scheint es. Nur kurz dauert die Seereise, schon bald fährt man durch den engen Eingang des Loch Nevis und wird von den Landmassen der Halbinsel umschlossen. Sie schützen den Meeresarm vor der rauen See des Sound of Sleat. Inverie sieht man schon von weitem. Weiße, einstöckige Häuser reihen sich am Ufer auf. Heller Rauch steigt aus einzelnen Schornsteinen empor und vereint sich mit der Wolkendecke. Ein kleiner Nadelwald umgibt das Dorf. Darüber erhebt sich der Sgurr Coire Choinnichean (796 Meter) mit seinen dunklen Wiesen und den noch dunkleren Felsen.

Vom Pier aus steuern wir das Bunkhouse an. Ich verliebe mich sofort. Unverputzte Steinwände außen, ein gemütliches Sofa aus altem Leder sowie ein wärmender Kamin innen. Herbergsmutter Fiona erklärt das Zusammenleben im Haus: »WLAN gibt es im Kaminzimmer, dort findet man auch Brettspiele und Bücher.« Wir werfen die Rucksäcke auf unsere Betten und erkunden das Dorf: Café, Mini-Shop, Postamt, Rangerbüro, Restaurant, Campingplatz und ein paar weitere Übernachtungsmöglichkeiten. Alle öffentlichen Einrichtungen liegen auf der einspurigen Straße, die einmal durch Inverie führt und nach rund zehn Kilometern in der Siedlung Airor endet, ganz im Westen der Halbinsel. Auf der Straße verkehren meist Landrover; alte,verrostete, teilweise fensterlose Vehikel.

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Knoydart-Bergtouren ohne Wege

Am nächsten Tag beginnen Karl und ich unsere erste Wanderung. Wir verlassen das Dorf Richtung Westen, das Ziel: der 441 Meter hohe Roinn na Beinne. Kurze Zeit später stehen wir inmitten einer waldlosen Moor- und Hügellandschaft. Immer wieder plätschern Bäche von den Bergen herab, ihr Wasser so braun wie der schottische Whisky. An das Bergwandern in den Highlands muss man sich erst einmal gewöhnen, gibt es doch weder Wege noch Markierungen. Karte, Kompass und aktuelle Infos von Einheimischen sind daher wichtig. Im Bunkhouse liegen Flyer aus, die den ungefähren Routenverlauf beschreiben: »Verlasse die Straße 400 Meter vor der Lagan Bridge, gehe nördlich durch das Moor und in Richtung der offensichtlichen Lücke in den Felsen.« Kein Problem, denke ich.

Über eine Wiese, ein paar Grashänge hinauf, fertig. Falsch. Bei näherer Betrachtung entpuppen sich die Felder als Sumpf. »Es ist der nasseste Sommer seit langem«, hat uns ein Landarbeiter gewarnt. Man merkt es. Auf dem Weg durch das Moor arbeitet sich Karl einen ordentlichen Vorsprung heraus. Ich hingegen stolpere durch die Gegend, als hätte ich zuvor in einem Whisky-Fass gebadet. So sehen dann auch meine Hosenbeine aus: braun. Warum soll ich mich für so einen kleinen Hügel anstrengen? Die Passion der Schotten für »Hillwalking« erscheint mir in diesem Moment völlig übertrieben. Später genießen wir auf einer Anhöhe nahe der Küste die Aussicht auf die Isle of Skye, die kleinen Eilande Eigg und Rum und in den Loch-Nevis- Fjord im Osten. Fischerboote tummeln sich weit entfernt, ein Segler nutzt die steife Brise. Bis auf den Wind in den Ohren, entferntes Meeresrauschen und einen plätschernden Bach, der sich irgendwo unter den Farnen versteckt, hört man nichts. »Warst du schon einmal in Schottland?« fragt Karl. »Drei Mal«, antworte ich.

Schmerzlich an meine Leistung im Moor erinnert, füge ich etwas kleinlaut hinzu: »Aber ich war noch nie weglos unterwegs.« Bereits die elf Kilometer lange Wanderung kostet sehr viel Kraft, obwohl nur ein kleiner Teil des Wegs durch das Moor verläuft. Auf unserer To-do-Liste stehen noch höhere, weiter entfernte Ziele wie der östlich gelegene Meall Buidhe (946 Meter). Dann müssen wir auf 20 Kilometern Strecke rund 1000 Höhenmeter bewältigen. Wie soll ich das bloß schaffen? Abends besuchen wir das Café, um die weiteren Touren zu besprechen. Das »Pottery and Tearoom« ist liebevoll dekoriert, liegt direkt am Ufer und erlaubt beste Blicke auf das Meer und die ankernden Segelschiffe. Es wird von den Schwestern Rhona und Isla Miller geführt. Sie bieten wechselnde Tagesgerichte und selbst gemachte Kuchen an. Heute auf meinem Teller: frisch gefangener Fisch. Eine Schanklizenz besitzen sie nicht, doch Gäste können ihr eigenes Bier mitbringen.

Fotostrecke: Wandern in freier Wildbahn - so gehts

5 Bilder
Wie Sie ohne Wege wandern und Ihre Traktionskontrolle verbessern. Foto: Frank Scholz
Wie Sie ohne Wege wandern und Ihre Traktionskontrolle verbessern. Foto: Frank Scholz
Wie Sie ohne Wege wandern und Ihre Traktionskontrolle verbessern. Foto: Frank Scholz

Wanderung auf den Luinne Bheinn

Für den 939 Meter hohen Luinne Bheinn im Nordosten Knoydarts wechseln wir die Taktik. Gleich 24 Kilometer müssten wir von Inverie aus in Kauf nehmen. Deshalb werden wir nach der Besteigung am Fuß des Berges schlafen. Das Ufer des Loch an Dubh-Lochain eignet sich gut als Basecamp: Der See liegt auf dem Weg zwischen Barrisdale an der Nordküste und Inverie. Da ich sowieso weiter nach Norden will, spare ich mir den Weg zurück nach Inverie. Ab jetzt heißt es Schleppen: Wir folgen einer Forststraße ins wilde Herz der Halbinsel. Hinter dem Dorfwald öffnet sich schon bald das Gleann an Dubh-Lochain, ein weites, grünes Tal, mit hüfthohen Farnen und kleinen Wäldern. Graswiesen breiten sich vor uns aus, dazwischen fließt der Inverie River – flankiert von Büschen und knorrigen Bäumen. Die Forststraße endet nach dem Loch an Dubh-Lochain. An einer halbwegs trockenen Stelle errichten wir unser Lager und beginnen anschließend unseren Aufstieg mit leichtem Gepäck.

 

Schottlands Knoydart
Foto: Karl Griffin Am Ufer des Dubh-Lochain-Sees gibt es halbwegs trockene Zeltplätze.

Hinter dem See steilt der Pfad auf und teilt sich bald mit einem Rinnsal denselben Platz ... Als wir uns dem Luinne Bheinn nähern, rückt von der Seeseite langsam ein grauer Vorhang heran.Leichtes Nieseln. Wir schließen die Regenjacken. Vereinzelt fallen große Tropfen. Wir setzen unsere Kapuzen auf. Am Ende prasselt es richtig. Wind setzt ein. Starker Wind. Schweigend ziehen wir weiter. Ich schaue in Richtung des Gipfels. Ausrutschen oder Umknicken wäre dort oben unvorteilhaft: Außer uns ist kein Mensch unterwegs, und ein Hubschrauber ... Ich schiebe den Gedanken beiseite. Von unten war mir der Gipfelerfolg ziemlich egal. Jetzt, nachdem die Route beschwerlich, irgendwie gefährlich und ein Gelingen unwahrscheinlich ist, sehe ich den Munro in einem völlig anderen Licht. Nun erst verstehe ich, dass diese doch recht niedrigen Berge abenteuerlicher sein können als viele Normalwege auf Alpengipfel.

Knoydart versprach mir Einsamkeit und Wildnis - und die bekomme ich. Über uns sehen wir noch den Sattel von Màm Barrisdale, der Luinne Bheinn versteckt sich bereits hinter Regen und Nebel. Eine Orientierung scheint unmöglich. Keine Sicht. Starke Böen. Gefährlich nasse Wiesen. Karl dreht sich zu mir um. "Ist das noch eine gute Idee?" Ich schüttle den Kopf. Schweren Herzens drehen wir um. Am nächsten Morgen verabschiedete sich Karl. Er muss im Glen Coe Fotokurse geben. Ich hingegen will weitere drei Tage lang nach Norden wandern, nach Shiel Bridge – zur nächsten Bushaltestelle.

Besonderes Highlight der nächsten Tage: der Weg entlang des Kinloch-Hourn-Fjords. Sein klares, dunkelblaues Wasser zieht sich in vielen Windungen durch die Landschaft. Kleine Felsinseln säumen die Ufer. Links und rechts dieses Meeresarms erheben sich bis zu 600 Meter hoch die gras- und felsdurchsetzten Hänge der Berge. Auch der weitere Tourverlauf kann sich sehen lassen: Einsame Täler und dunkle Wälder erwarten mich. Dazwischen bahnen sich wilde Bäche ihren Weg und stürzen in Kaskaden die Felswände hinab. Die Nächte verbringe ich im Zelt oder in idyllisch gelegenen Schutzhütten (engl. »Bothys«).

Romantik pur. Vorfreude kommt auf. Karl begleitet mich noch ein kleines Stück den Pass hinauf. Dann bin ich wieder mal alleine. Es nieselt. Midges fliegen. Die Schuhe versinken knöcheltief im »Bog«. Der Rucksack quetscht meine Schultern. Welches Versprechen habe ich mir vor fünf Jahren gegeben? Ich kann mich nicht mehr daran erinnern.

Unsere Knoydart-Wanderungen im Überblick:

Reiseinfos und mehr:

Knoydart kann man nur per Boot oder zu Fuß erreichen. Der kürzeste Weg führt Trekker in zwei Tagen von Kinloch Hourn (dorthin per Taxi) über Barrisdale nach Inverie. Die längere Tour startet in Glenfinnan. Bequeme Alternative: Die Fähre legt täglich die Strecke zwischen Mallaig und Inverie zurück. knoydartferry.com »

Mobil vor Ort
Öffentliche Verkehrsmittel fahren nicht auf Knoydart. Das wäre auch übertrieben, immerhin gibt es nur eine längere Straße. Die Füße sind daher das Mittel der Wahl.

Sicherheit
Auf der Halbinsel besteht kein Handyempfang. Vor jeder Tour sollte man deshalb sein Ziel und die geplante Rückkehr bekannt geben. Der Umgang mit Karte und Kompass, ausreichend Verpflegung (es gibt keine Einkehrmöglichkeiten), Erste-Hilfe-Set, wetterfeste Schuhe und warme Kleidung sind ein Muss.

Beste Reisezeit
Von April bis August sind die Niederschläge vergleichsweise gering. Als trockenster Monat gilt Mai, mit Durchschnittstemperaturen zwischen 7 und 14 Grad Celsius.

Surfen
Erste Anlaufstelle ist die Webseite (http://www.knoydart-foundation.com knoydart-foundation.com]. Besucher der Seite erfahren viel über das Leben vor Ort, die Knoydart-Foundation und die Einrichtungen in Inverie. Wandertipps und alle Munros der Region findet man auf dem Portal walkhighlands.co.uk

Karte und Führer
Für alle wichtigen Berge gibt es kleine Flyer im Bunkhouse und im Community Enterprise Shop. Kosten: 1 Pfund pro Flyer. Karte: Ordnance Survey Explorer 413 »Knoydart, Loch Hourn & Loch Duich«; Maßstab: 1:25.000, rund 13 Euro.

Restaurants und Unterkünfte:

Am östlichen Ende von Inverie liegt das Bunkhouse. Ein gemütliches Kaminzimmer, WLAN zur Reiseplanung, eine große Küche und saubere Toiletten gehören zur Ausstattung. Die Übernachtung im Schlafsaal kostet 17 Pfund (etwa 25 Euro), eine Reservierung wird empfohlen. knoydart-foundation.com

 

Schottlands Knoydart
Foto: Karl Griffin Gemütliche Tourenplanung: Das Bunkhouse in Inverie verfügt über einen Holzofen - und WLAN.

Die günstigste Übernachtungsmöglichkeit in Inverie stellt der Campingplatz dar. Er liegt etwas außerhalb der Siedlung und verfügt über eine Toilette sowie Feuerstellen. Wunderschön: die Aussicht von der direkt am Meer gelegenen Wiese. Preise: 5,50 Euro (4 Pfund) für eine Person im Zelt, Mitschläfer bezahlen rund 4 Euro (3 Pfund).

Größere Gruppen mieten sich die Druim Bothy im Gleann Meadail. Inmitten der Berge gelegen, gibt es wohl keinen besseren Ort für abenteuerlustige Wandergruppen. Drei Nächte muss man mindestens bleiben, 60 Pfund (rund 85 Euro) kostet die gesamte Schutzhütte pro Nacht. kilchoan-knoydart.com

Direkt in Inverie liegt das Café der Millers: Knoydart Pottery and Tearoom. Täglich gibt es wechselnde Gerichte und selbst gemachte Kuchen.

Doune Dining Room: Abends um halb 8 startet das gemeinsame Abendessen im Weiler von Doune, einige Kilometer westlich von Inverie. Frischer Fisch und selbst gebackenes Brot gehören zum reichhaltigen Buffet. Reservierung notwendig. doune-knoydart.co.uk

The Old Forge: Das Restaurant ist berühmt für seine frischen Meeresfrüchte aus lokalem Fang. Die leckere Seafood-Platte kostet über 30 Euro pro Person. Der Besitzer ist allerdings mit Vorsicht zu genießen und eine Stimmung wie im Pub darf man nicht erwarten. theoldforge.co.uk

outdoor-Tipps:

  • Knoydart in a Nutshell heißt ein beschilderter und eigens für Besucher angelegter Weg. Er beginnt gleich hinter Inverie und erklärt das Leben im Dorf.
  • Größere Gruppen chartern sich ein Boot samt Kapitän – und erkunden die Buchten rund um die Halbinsel. knoydartferry.com
  • Losmarschieren, sich seinen eigenen Weg suchen, der Kreativität freien Lauf lassen: Nirgendwo sonst kann man ungestörter querfeldein wandern als auf Knoydart.
  • Vielleicht besser als jedes Hardrock-Hotel-Shirt sind die Merchandise-Produkte aus dem Community Enterprise Shop. Der kleine Laden liegt im Herzen von Inverie und verkauft auch lokale Erzeugnisse sowie Postkarten und Andenken.
  • Wer gerne aus eigener Kraft und in Ruhe den Loch Nevis erforscht, leiht sich ein Kanu aus – oder nimmt an einer geführten Tour teil. Buchen kann man im »Long House« in Inverie oder unter wilderness-canoe.co.uk

Mehr:

28.04.2016
Autor: Franz Güntner
© outdoor
Ausgabe 01/2016