Alpencross zu Fuß

Alpencross per Pedes - die besten Touren

Warum überqueren Menschen die Alpen - zu Fuß und freiwillig? Ein Erklärungsversuch von Andreas Kern.

 

Foto: Mammut / Robert Boesch

Seit der Mensch aufrecht steht, wandert er. Um Nahrung, Wärme, Schutz und Sicherheit zu finden. Um zu fliehen. Um anzugreifen. Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte waren unsere Vorfahren Nomaden, Jäger und Sammler. Keine Schritte, kein Fortschritt. Ich wandere, also überlebe ich.
Dann kam Ötzi. Der wanderte vor 170 Generationen - als Babylon noch ein Kuhdorf war - schnurstracks über die Alpen. Nicht über einen namenlosen Hügel, sondern direkt über den Hauptkamm. Der erste nachgewiesene Alpenüberquerer war für seine Gletschertour erstaunlich gut ausgestattet – Außengestellrucksack, wärmende Socken, Leggings, Schuhsohlen und Mütze aus Bärenfell, Erste-Hilfe-Set, Feuerzeug und Isomatte. Dennoch war der Berg (und die Pfeilspitze in seiner Schulter) stärker als der Mensch. Was aber um alles in der Welt hatte der Gletschermann vor 5500 Jahren auf 3200 Meter Höhe zu suchen? Darüber sind sich die Gelehrten auch 20 Jahre nach seiner Entdeckung uneins.

Uneins ist sich die scientific community auch, wo Hannibal vor 2200 Jahren genau die Alpen überquert hat. Am Montgenèvre? Am Clapier? Am Mont Cenis? Man weiß es nicht. Sicher ist nur, dass er um die 50.000 Soldaten und drei dutzend Kriegselefanten auf seiner Alpentournee dabeihatte, um einem römischen Angriff auf Spanien zuvorzukommen. Im Winter, wohlgemerkt. Das Motto des ersten Winteralpenüberquerers der Weltgeschichte: Ich wandere, also siege ich.

1600 Jahre lang schwieg die Geschichte zum Thema Alpenüberquerungen. Bis sich Napoléon Bonaparte der Hannibalschen Kriegslist besann und vom 17. bis 20. Mai 1800 mit seinen Truppen den Grand St. Bernard überquerte, den Österreichern in den Rücken fiel und die so Überraschten besiegte.

Ab Mitte des 19. Jahrhundert stiegen Menschen erstmalig nicht mehr in jagender, Handel treibender, pilgernder oder kriegerischer Absicht über die Alpen. Sondern erstmalig freiwillig. Der einzige, der besiegt werden sollte, war nun der Gipfel. Neben der vertikalen Sieg-über-den-Berg-Mentalität entwickelte sich ab 1900 aber auch eine völlig anders gestrickte, sehr viel horizontalere Bewegung: das Wandern. Ob Wandervögel oder Naturfreunde – die Jugend zog es wie ihr großes Vorbild, den Philosophen und Naturforscher Jean-Jacques Rousseau, zurück zur Natur.

Wo werde ich diese Nacht schlafen?

"Einerlei! Was macht die Welt? Einerlei! Sind neue Götter erfunden, neue Gesetze, neue Freiheiten? Einerlei! Aber dass hier oben noch eine Blume blüht und dass der leise süße Wind dort unten zwischen den Bäumen singt und dass zwischen meinen Augen und dem Himmel eine dunkelgoldene Biene schwebt und summt – das ist nicht einerlei!"

Das schrieb ein Mann namens Hesse. 1918 überquerte er die Alpen von Bern über den Grimsel- und Nufenenpass bis zum Lago Maggiore. Hermann wanderte freilich nicht ganz freiwillig, sondern innerlich getrieben von der Idee, aus gesellschaftlichen Zwängen auszubrechen. Auch Albert Einstein war ein früher Alpenüberquerer. Mit Ehefrau, Sohn – und Kollegin Marie Curie – wanderte er 1913 an den Comer See. »Was ich wissen möchte, ist, was genau den Passagieren in einem Aufzug widerfährt, wenn dieser ins Leere fällt.« Er beschäftigte sich beim Alpenüberqueren wohl mehr mit der allgemeinen Relativitätstheorie, an der er gerade arbeitete, als mit benachbarten Gletscherspalten oder Felsabbrüchen. Die Fernsicht erhellt die Innensicht.

Warum aber wandern Jedermänner und -frauen im dritten Jahrtausend über die Alpen? Ist es die Jagd nach verloren gegangenen Urphänomenen? Oder das Sammeln der im Alltag verschütteten Sensationen? Ist es die Suche nach Einfachheit, nach unmittelbaren Reizen, nach neuen Horizonten? Fordern und fördern Facebook, Google Earth und Datenflats vielleicht unser Bedürfnis nach schöpferischen Pausen, nach (R)auszeiten? Will ich nicht mit jedem Schritt gen Süden den Abstand zum Alltag vergrößern? Um erschöpft und gestärkt mein Ziel zu erreichen? Der Autor Ulrich Grober spricht in seinem lesenswerten Buch "Vom Wandern – neue Wege zu einer alten Kunst" vom Gehen im Allgemeinen und Alpenüberqueren im Speziellen als "Einspruch gegen das Diktat der Beschleunigung".

Weitere Wege über die Alpen

Innerliche Beschleunigung durch äußerliche Entschleunigung: Ob Mountainbike, Ballon, Schneeschuhe, Mofa, Pferd, Einrad oder Ski - heutzutage nutzen Menschen alle möglichen und unmöglichen Gefährte, um in den Alpen zu entschleunigen. Die meisten vertrauen aber wie Ötzi und Hesse nach wie vor den eigenen Beine für den tagelangen Weg über alle Berge. Und jedes Jahr werden es mehr.

"Um die 200.000 Bergwanderer sind bis heute von Oberstdorf nach Meran gegangen", weiß Udo Zehetleitner. Hüttenübernachtungszahlen lügen nicht. Der Bergführer aus Burgberg im Allgäu hat 1976 eine Wanderroute von Oberstdorf nach Meran ausgekundschaftet und im Jahr darauf für Gäste angeboten. In 35 Jahren ging er selbst etwa 150-mal gen Süden, manchmal sechs-, siebenmal pro Saison.

Alwin Müller dachte quer - und überquerte 2002 die Alpen nicht von oben nach unten, sondern von rechts nach links. Der Weitwanderer aus Neustadt an der Weinstraße startete am Stephansdom in Wien und kam nach 76 Wandertagen, vier Ruhetagen, einem Zwangsruhetag und 2000 Wanderkilometern an der Kirche Notre Dame in Nizza an. Ein weiter Weg, um den Süden in sich zu entdecken.

Fotostrecke: Ski-Alpencross 2011: Das große Finale

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Skitouren Team Alpecin Alpencross Foto: Ben Wiesenfarth
Skitouren Team Alpecin Alpencross Foto: Ben Wiesenfarth
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Fotostrecke: Von Garmisch nach Riva - Alpencross per Bike

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MTB-Alpencross - Transalp per Rad Foto: Ben Wiesenfarth
MTB-Alpencross - Transalp per Rad Foto: Ben Wiesenfarth
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30.12.2012
Autor: Andreas Kern
© outdoor
Ausgabe 02/2012