Zelten in freier Natur: Trekking in der Pfalz

Naturzeltplätze Pfalz: Wildniscamps im Pfälzerwald


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Foto: Ben Wiesenfarth

 

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Zelten in der Pfalz
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Zelten in freier Natur: Der Pfälzerwald feiert eine Deutschlandpremiere - die ersten Wildniscamps für Trekkingfans.

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Die Sonne steht schon tief über den dicht bewaldeten Bergkuppen. Noch dringen ihre Strahlen durch das lichte Blätterdach und zeichnen tanzende Muster auf das Laub, doch bald schon hüllt sich der Wald in den Mantel der Dunkelheit. Das nächste Dorf liegt nicht weit entfernt, dort locken Gasthäuser mit umfangreichen Speisekarten und weichen Betten. Doch wäre es nicht viel schöner, jetzt einfach das Zelt aufzuschlagen, den Kocher anzuwerfen und noch ein Weilchen am knisternden Lagerfeuer zu sitzen? Zu den Geräuschen der Nacht einzuschlafen und am Morgen mitten der Natur aufzuwachen?

Auf dem Fjäll oder in den Highlands wäre das kein Problem: Dort bleibt die Natur 24 Stunden am Tag für Besucher geöffnet - auch Zelten mitten in der natur ist erlaubt. Doch wer hierzulande in freier Landschaft übernachtet, schläft oft in einer legalen Grauzone, und im Wald ist Zelten nicht erlaubt - außer im Pfälzerwald: An sieben Stellen dürfen Naturfans dort für eine Nacht ihr Lager aufschlagen. Jeder dieser Trekkingplätze, gelegen zwischen der Ruine Guttenberg im Süden und dem höchsten Berg des Pfälzerwalds, dem Kalmit (673 m), im Norden, bietet Platz für maximal sechs Zelte, die Einrichtung beschränkt sich auf eine Feuerstelle mit Holzbänken und ein etwas abseits gelegenes Toilettenhaus.

Wer sie auf einer einwöchigen Tour abwandert, schläft mal zwischen knorrigen Kiefern auf einem aussichtsreichen Bergrücken, mal auf einer Wiese an einem gurgelnden Bach, mal in der Nähe der Pfälzer Sandsteinfelsen – auf dem Weg dazwischen beschränkt sich die Zivilisation meist auf alte Burgruinen und urige Winzerdörfer. Auch kürzere Touren sind möglich. Mithilfe eines Planers auf trekking-pfalz.de kann sich jeder seine individuelle Trekkingtour entlang der Zeltplätze zusammenstellen. Man lädt sie sich als PDF-Dokument samt Karte, Wegbeschreibung, Fotos, Einkehrmöglichkeiten, Höhenprofil und GPS-Daten herunter.

 

Zelten in der Pfalz
Foto: Ben Wiesenfarth Waldhotel für eine Nacht: Die Pfälzer Camps bieten Platz für jeweils sechs Zelte.

Wild Zelten in der Nähe der Wege

Die genaue Lage der Zeltplätze erhalten Wanderer, nachdem sie sich auf der Internetseite angemeldet haben. So liegt eine unbeschwerte Nacht in der Natur meistens nicht mehr als eine halbe Stunde Fußweg vom nächsten offiziellen Wanderweg entfernt - wie etwa am Kalmit. Der markante Schrei eines Eichelhähers empfängt Neuankömmlinge im Waldhotel. Nach ein paar geübten Handgriffen steht das Zelt, bald liegen Isomatte und Schlafsack bereit, und der gemütliche Teil des Abends kann beginnen. Spätes­tens, wenn der Widerschein des Feuers die Baumstämme erhellt, kommen Wildnisgefühle auf.

Naturerlebnis in der Pfalz

Der Anstoß zu dem hierzulande bisher einzigartigen Angebot stammt von den Landesforsten, dem größten Waldbesitzer im fast 1800 Quadratkilometer umfassenden Naturpark. "Immer wieder haben Leute im Wald gezeltet, auch unwissentlich in den verschiedenen Schutzgebieten", erklärt Armin Osterheld, Förster für Umweltbildung und Initiator der Trekkingplätze. "Das waren einfach nur Menschen, die die Natur erleben wollten. Und nun kann man das, ohne dabei vor den Augen der Kinder von einem Jäger lautstark in den Senkel gestellt zu werden."

Es ist nicht leicht, den geeigneten Standort für Wildniszeltplätze in Deutschland zu finden. Einerseits müssen Naturschutzaspekte berücksichtigt werden, andererseits gilt es, möglichst ursprüngliche Plätze in attraktiver Lage zu finden, abseits der Straßen und nur zu Fuß erreichbar. Um ihrem Zweck als Etappenziel gerecht zu werden, müssen sie sich zudem in Tagesmärschen verknüpfen lassen, dürfen also nicht weiter als jeweils acht bis zehn Kilometer Luftlinie voneinander entfernt liegen.

Wildniscamp mitten in Deutschland

Wenn sich dann noch der Untergrund zum Zeltaufbau eignet, der Platz hell und trocken ist und im Idealfall eine frische Quelle in der Nähe sprudelt, dann sind erst die wichtigsten Kriterien für ein Wildniscamp mitten in Deutschland erfüllt. Und so dauerte es im Pfälzerwald seine Zeit, bis alle sieben Trekkingplä­tze gefunden, von den beteiligten Behörden und Gemeinden genehmigt und eingerichtet waren: vier Jahre. 2009 wurden dann Deutschlands erste legale Trekking-Camps eröffnet. Und nun umfängt nachts würziger Kiefernduft den Wanderer, und die Geräusche des Waldes lullen ihn in den Schlaf. Im April sind die Trekkingplätze im Pfälzerwald in die mittlerweile vierte Saison gegangen. Wie groß der Bedarf an den Schlafstellen in der Natur ist, verdeutlichen die Besucherzahlen: Nach rund 150 Zeltnächten im ersten Jahr überschritt die Zahl der Buchungen 2010 bereits die Tausendermarke, 2011 waren es dann noch mal rund doppelt so viele.

Das Konzept geht auf - Wanderer sind begeistert

Es gibt zwei Gruppen von Benutzern, erklärt Uta Holz, die Geschäftsführerin Tourismus des Vereins Südliche Weinstraße: "Es kommen einerseits viele Familien, die meist kurze Touren machen, um den Kleinen mal die Natur zu zeigen. Oder aber erfahrene Trekker, die zum Beispiel schon in Australien, Kanada oder Schweden unterwegs waren und es toll finden, so eine Tour auch mal in Deutschland machen zu können."

Doch eine Gruppe, deren Erscheinen die Kritiker der Trekkingplätze vorausgesagt hatten, blieb bis heute aus: die der schwarzen Schafe. Zwar hatte auch Geschäftsführerin Uta Holz Befürchtungen, dass sich womöglich nicht alle Pfalz-Besucher an die Spielregeln halten. Doch einerseits hat sich die Annahme bewahrheitet, dass man bei den Benutzern der Trekkingplätze die Liebe zur Natur und damit ein entsprechendes Verhalten durchaus voraussetzen kann. Andererseits ermöglicht das Buchungssystem eine Kontrolle über die Nutzung des jeweiligen Camps. Und zusätzlich schaut bei jedem Platz ein sogenannter Kümmerer mindestens zweimal in der Woche nach dem Rechten und steht als direkter Ansprechpartner für die Gäste zur Verfügung. Das Konzept geht auf, die Wanderer sind begeistert: »Ich hätte nicht gedacht, dass man sich in Deutschland so in der Wildnis fühlen kann«, sagt Bernd Reuter, ein Gymnasiallehrer aus Köln.

Glückliche Wanderer, zufriedene Anbieter, verstummte Kritiker – die Trekkingplätze an der Südlichen Weinstraße zeigen, dass auch in Deutschland ein Wildnistrip nicht zwangsläufig am Abend enden muss. Eine Idee, die Schule macht. Im Pfälzerwald soll das Angebot künftig nach Norden erweitert werden, und auch Interessenten aus Schwarzwald und Soonwald haben sich bereits bei Uta Holz über Naturzeltplätze informiert.

Was sie von etwaigen Nachahmern hält? "Es ist natürlich schön, dass wir die Trekkingplätze bisher als Alleinstellungsmerkmal haben, aber ich hätte damit kein Problem. Das beweist ja nur, dass es eine gute Idee war, so etwas zu machen." Da kann man nur hoffen, dass auch in anderen Ecken Deutschlands die Natur bald 24 Stunden am Tag geöffnet bleibt. Dann kann man vielleicht auch im Bayerischen Wald oder in der Eifel den Tag damit beginnen, die Glut vom Vorabend zu schüren, die noch müden Knochen am Feuer aufzuwärmen, Kaffeewasser aufzusetzen und dem Wald beim Erwachen zuzuschauen.


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13.09.2012
Autor: Niko Dohmen
© outdoor
Ausgabe 08/2012