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Wandern rund um Oberstdorf

Durchs grüne Allgäu

Durch grüne Täler auf wilde Gipfel – das Allgäu ist ein Traumrevier für Bergtouren. outdoor präsentiert die schönsten Wanderungen - und die Sage vom hartherzigen Senn.


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Der Weg übers Fellhorn endet an der
Fiderepasshütte genau auf der Grenze zwischen Deutschland und Österreich.

Ein armer, alter Mann wanderte einst über das Ifenkar im Kleinwalsertal. Inmitten üppig grüner Wiesen erblickte er eine schöne, von der Sonne beschienene Alpe. Da ihn großer Hunger plagte, bat er den Senn, dessen Kuhherde zu den ertragreichsten weit und breit gehörte, um ein wenig Schmalz. Doch der Wohlstand hatte das Herz des Sennen verhärtet. So füllte er den Napf des alten Mannes mit Mist und strich nur eine dünne Schicht Schmalz darauf. Kaum hatte der hungrige Wandersmann die ungastliche Hütte verlassen, da erschütterte ein gewaltiges Beben den Erdboden, weite Risse und Spalten taten sich auf und verschluckten die Alpe samt Mensch und Vieh. Wo vorher Weideland in vollem Saft stand, erstreckte sich nun eine karge, zerklüftete Felswüste – der sogenannte Gottesacker.

Schon beim Aufstieg beeindruckt das Panorama am Rubihorn. Oben wird es dann noch besser.

So erklärt eine alte Sage die Entstehung der mit Sicherheit ungewöhnlichsten Landschaftsform der Allgäuer Alpen. Die Bezeichnung Gottesacker, ein etwas antiquierter Ausdruck für Friedhof, spiegelt deutlich wider, wie lebensfeindlich und gefährlich die steinerne, zerschrundete Hochebene den Menschen früher erschien. Doch die Zeiten haben sich geändert. Der Gottesacker trägt zwar immer noch diesen Namen, sein Anblick löst heute aber nicht mehr Angst und Beklemmung, sondern Faszination aus – nicht umsonst gehört er zu den beliebtesten Zielen im Wandergebiet Oberallgäu–Kleinwalsertal. Und arm an großartigen Natureindrücken ist die Region wahrlich nicht: Mächtige Gipfel, wilde Schluchten und abgeschiedene Täler prägen hier eine Landschaft, die viele als das schönste Ende Deutschlands bezeichnen. Nicht unverständlich, aber auch nicht ganz korrekt, denn der bayerische Landkreis Oberallgäu ist zwar der südlichste der Republik, das benachbarte Kleinwalsertal jedoch gehört bereits zu Vorarlberg in Österreich – selbst wenn von österreichischer Seite keine Straße hineinführt.

Am Hohen Ifen wird die Landschaft langsam karger. Wanderer stimmen sich so auf das verkarstete Gottesackerplateau ein.

Mit dem Auto erreicht man die Enklave nur von Oberstdorf aus. In Riezlern, dem ersten Ort im Tal, weisen Schilder den Weg zur Ifenbahn. Dort startet die eindrucksvolle und abwechslungsreiche Wanderung zum Gottes­acker und auf den Gipfel des bizarr geformten Hohen Ifen. Schon der Aufstieg durch den Kürenwald und die romantische Felsschlucht des Gottesackerlochs bietet vielseitige Eindrücke – und das nicht nur landschaftlicher Art: Auf halbem Weg liegt ein Jägerlager aus der Steinzeit, das 1998 entdeckt und rekonstruiert wurde. Am Ende des langen Anstiegs erreicht man schließlich die Reste der verfallenen Oberen Gottesackeralpe, den Schauplatz der sagenumwobenen Entstehung des Gottesackers. Von dort öffnet sich auch erstmals der überwältigende Blick auf seine von unzähligen Spalten und Löchern durchzogenen Steinwellen. An schönen Frühlingstagen kommt einem der Friedhofsvergleich weit hergeholt vor. Dann leuchtet der Schrattenkalk des rund zehn Quadratkilometer großen Hochkars hell in der Sonne, und auf den Stellen mit einer dünnen Erdschicht blühen Alpenpflanzen wie wilder Schnittlauch und Steinbrech. Bei Nebel oder Unwetter hingegen sieht es schon anders aus: Dann darf man die Gefahr, sich zu verlaufen, keinesfalls unterschätzen. Und das kann in dem zerfurchten Gelände böse enden – manche Spalten sind metertief. Selbst bei guter Sicht ist der Weg nicht ganz leicht zu finden, auch wenn das nächste Ziel, der unverwechselbare Gipfelaufbau des Hohen Ifen, schon zum Greifen nah scheint.

Beim Gipfelanstieg aufs Rubihorn stecken schon 1100 Höhenmeter in den Wandererwaden.

Vom 2230 Meter hohen Gipfel zeigt sich der Gottesacker aus der Vogelperspektive, und auch die umliegende Bergwelt bietet einen prächtigen Anblick. Wanderer, die ins Tal absteigen möchten, folgen der Aufstiegsroute und wandern zur Ifenhütte hinab. Empfehlenswerter aber ist es, die Strecke zur Zweitagestour auszubauen und über den Eugen-Köhler-Weg zur Schwarzwasser-Hütte zu gehen. Von dort lohnt am nächsten Tag ein Abstecher auf den Gipfel des Steinmandl (1982 m), bevor es durch das malerische Schwarzwassertal und den märchenhaften Reuhewald zurück zum Ausgangspunkt geht.

Von Riezlern führt die Straße tiefer ins Kleinwalsertal; es geht vorbei an Hirschegg und Mittelberg, bevor mit Baad der letzte Ort im Tal erreicht ist. Seinen Namen hat das Dorf von einer Thermalquelle, die aber nach einem Erdrutsch im Jahr 1860 versickerte. Heute locken vor allem die großartigen Wandermöglichkeiten Besucher hierher. Das Ziel der wohl beliebtesten Tour ist nicht zu übersehen: 2533 Meter hoch ragt der mächtige Große Widderstein in den Himmel. Sein Gipfel ist der höchste des Kleinwalsertals. Auf einer gut fünfstündigen Umrundung kommen Wanderer ihm ganz nah. Das Plätschern und Gurgeln des Bärguntbachs begleitet den gemütlichen ersten Teil der Strecke, an der Bärgunthütte bietet sich dann die Möglichkeit, den Energiespeicher mit hausgemachten Leckereien noch einmal aufzufüllen. Sicher keine schlechte Idee, denn nun wird die Tour anstrengender. Steil schraubt sich der Pfad zum 1938 Meter hohen Hochalppass empor und gibt den Blick frei auf die stolzen Berggiganten des Allgäuer Hauptkamms. Mit einem noch besseren Überblick werden schwindelfreie und trittsichere Wanderer belohnt, die drei weitere Stunden für den Abstecher auf das Haupt des Widdersteins investieren. Doch Vorsicht: Dem Bergkönig des Kleinwalsertals brechen hin und wieder Zacken aus der Krone – vor allem, wenn auf dem Steig viel los ist, droht Steinschlaggefahr.

Die Runde um den Widderstein schließt sich mit dem reizvollen Abstieg durch das Gemsteltal, wo gleich mehrere gemütliche Alpen zur Verkostung ihrer Milch- und Käseprodukte einladen. Diesen Teil der Strecke teilt sich die Widdersteinrunde mit einem weiteren Wanderhighlight im Kleinwalsertal: der knackigen Tour zur Mindelheimer Hütte und auf das Walser Geißhorn. Wer den anspruchsvollen Gipfelanstieg auf den Widderstein gescheut hat, kann die Panoramaschau über das Kleinwalsertal hier ganz gut nachholen – das Walser Geißhorn zählt zu den besten Aussichtsbergen der Region. Und auch die Chancen, Murmeltiere und Steinböcke zu Gesicht zu bekommen, sind am Walser Geißhorn besonders hoch.

Allzu viel Proviant muss meist nicht in den Rucksack – oft laden im Allgäu unterwegs Berghütten zur Einkehr.

Für ihren Reichtum an Alpenflora hingegen ist die spektakuläre Gratwanderung vom Söllereck zum Fiderepass bekannt: Trollblumen, Enziane und Hahnenfuß säumen den Weg. Von der Bergstation der Söllereckbahn nahe Oberstdorf folgt der luftige und oft steile Panoramaweg dem Grenzkamm zwischen Deutschland und Österreich. Dabei erklimmt er auch den Gipfel des 2038 Meter hohen Fellhorns, das vielen als schönster Blumenberg der Allgäuer Alpen gilt. Wenn der Bergfrühling die grünen Grasmatten in duftende Felder von blühenden Alpenrosen verwandelt, von tief unten das Kleinwalser- und das Stillachtal grüßen und sich rundherum die Bergwelt in den blauen Himmel reckt, scheint man direkt durch eine Postkarte zu wandeln. Nach dem Gipfel verlässt die Strecke den Kamm und leitet unterhalb der Kanzelwand zum Etappenziel Fiderepasshütte. Deren Besucher können entscheiden, ob sie ihr Feierabendbier lieber in Österreich oder Deutschland trinken möchten – die Staatsgrenze verläuft genau über die Terrasse. Ihre idyllische Lage verdankt die Hütte übrigens keinem Geringeren als Anderl Heckmair, dem Bezwinger der Eiger-Nordwand: 1935 stieg er allein zum Fiderepass auf und schlief dort bei einer Rast ein. Als Heckmair aufwachte, war es bereits dunkle Nacht. Da kam ihm der Gedanke, dass hier eine Hütte stehen müsste. Drei Jahre später wurde seine Idee umgesetzt. Zwar hat die Eiger-Nordwand Heckmair berühmt gemacht, doch seine Liebe galt dem Allgäu und seiner Wahlheimat Oberstdorf, wo er 2005 verstarb.

Auch das Rubihorn, das den Ort im Nordosten überragt, hat der berühmte Bergführer sicher unzählige Male bestiegen. Der Weg auf den 1957 Meter hohen Aussichtsberg führt von der Mittelstation der Nebelhornbahn durch Bergwiesen und Wald, dann steil zwischen niedrigen Latschen empor zum Niedereck-Sattel, wo sich unvermittelt die Sicht auf das Nebelhorn öffnet. Noch mehr Weit- und Tiefblicke lassen sich am Gipfelkreuz des Rubihorns genießen: Wanderern liegt der Oberstdorfer Talkessel und das Illertal zu Füßen. Unten glitzert schon der Untere Gaisalpsee in der Sonne. Im Sommer lädt er zum Bad, bevor an der Unteren Richteralpe oder der Gaisalpe noch eine Brotzeit wartet.

Wer hier etwas bestellt, bekommt zünftige Kost, unter der garantiert kein Mist versteckt liegt wie in der Sage von der verwunschenen Alpe am Gottesacker – die in Wirklichkeit übrigens durch ein verändertes Klima und zunehmende Verkarstung schrumpfte, bis sie im 19. Jahrhundert schließlich aufgelassen wurde. Vielleicht hatte dort wirklich einmal ein armer, alter Mann um eine Brotzeit gebeten. Wahrscheinlich aber zog er dann satt weiter durch die grandiose Bergkulisse der Allgäuer Alpen. Ein anderes Ende der Geschichte kann man sich kaum vorstellen.

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