Wandern im Schwarzwald rund um Baiersbronn

Baiersbronn: Wanderzentrum im Nordschwarzwald

Um Baiersbronn im Nordschwarzwald führen fabelhafte Wege durch das Reich der Waldgeister. Hier gibt es jede Menge Infos, Bilder und die schönsten Wanderungen in der Region.

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Früh am Morgen ist die Luft kühl, aus der Murg steigt Feuchtigkeit auf, ein Vogel begrüßt verhalten die ins Tal lugende Sonne. Über dem Baiersbronner Teilort Schönmünzach stehen die Tannen dunkel auf den Hängen, feiner grauer Dunst schwebt über den taubenetzten Wiesen – perfektes Wetter zum Wandern. Dafür gibt es hier im Nordschwarzwald genug Möglichkeiten: Gut markierte Weitwanderwege, Tages- und Halbtagestouren führen durch Wälder, auf aussichtsreiche Hochflächen und zu Karseen. Unterwegs liegen Hütten und Berggasthäuser in genau richtigem Abstand für eine gemütliche Einkehr. Und wer will, lässt das Auto in Baiersbronn oder einem der Teilorte stehen und fährt mit der S-Bahn oder dem Bus zu den Touren und am Ende wieder zurück.

Auch nach Schönmünzach, zum Start der vierten Etappe der fünftägigen Murgleiter, kommen Wanderer bequem mit der S-Bahn. Sie steigen gleich zu Beginn des 25 Kilometer langen Wegs nach Baiersbronn durch einen würzig duftenden Nadelwald aufwärts. Wie Säulen ragen die geraden Stämme in den Himmel, hier und da leuchten Fichtenspitzen in einem verirrten Sonnenstrahl unwirklich grün auf. Die Schuhe knirschen über feinen Schotter, und bald entlässt der Wald den Weg auf einen freien Hang, der zur Murg hinunterzieht. In die Wiesen schmiegt sich das Örtchen Schwarzenberg, das den Stoff für das berühmte Schwarzwald- Märchen »Das kalte Herz« stiftete.

Sein Autor Wilhelm Hauff besuchte zwischen 1817 und 1820 oft seinen Verwandten Johann Gottlieb Hauff, den Pastor von Schwarzenberg. Der Dichter sah, wie Glashütten im Schwarzwald entstanden, Holzhändler reich wurden und Köhler den wachsenden Energiehunger stillten. »Das kalte Herz« handelt vom jungen Köhler Peter Munk, der dem Dreck und der Armut seines Standes entkommen will und einen Pakt mit einem der hiesigen Waldgeister schließt, dem Holländer Michel. Er tauscht sein Herz gegen eins aus Stein und 100.000 Gulden. Bald häuft er hartherzig mit Holz-, Getreide- und Geldhandel ein Vermögen an und heiratet das schönste Mädchen des Schwarzwalds. Im Zorn erschlägt er sie vor den Augen des Glasmännleins, eines guten Waldgeists. Das Glasmännlein gibt ihm acht Tage Zeit, sein Leben zu ändern, und verrät ihm eine List, mit der er sein Herz vom Holländer Michel zurückholt. Jetzt begreift Peter, wie er die letzten Jahre gelebt hat, und weil er das bereut, bekommt er nicht nur seine Frau zurück, sondern auch eine zweite Chance: Er arbeitet wieder als Köhler, zufrieden und mit bescheidenem Erfolg.

Auf der Terrasse von Löwen’s Panoramastüble versenkt man sich einen Kaffee lang in den Anblick des unterhalb liegenden Schwarzenbergs, der Heimat des Kohlenpeters. Verstreut baden noch immer die Höfe im Sonnenlicht, und reiche Lehensbauern und mächtige Holzhändler genossen hier ihren Wohlstand. Jenseits der Murg steht der Wald schwarz und schattig. Dort wohnten zu Hauffs Zeiten Köhler, arme Leute und Tagelöhner. Die Murg trug damals gewaltige Tannen nordostwärts dem Rhein zu, und auch heute sehen Wanderer den Fluss von Schwarzenberg nach Schönmünzach gurgeln.

Fotostrecke: Im Wanderhimmel rund um Baiersbronn

10 Bilder
Wandern im Schwarzwald Baiersbronn Foto: Ben Wiesenfarth
Wandern im Schwarzwald Baiersbronn Foto: Ben Wiesenfarth
Wandern im Schwarzwald Baiersbronn Foto: Ben Wiesenfarth

Rundwanderung im Nationalpark Nordschwarzwald

Wer dort das Schönmünztal nach Südwesten hinauffährt, erreicht am Ende der Straße Hinterlangenbach. Am Forsthaus Auerhahn beginnt eine Rundwanderung mitten ins Herz des 2014 gegründeten Nationalparks Schwarzwald. Ein schmaler, teils sehr steiler Pfad führt Wanderer durch Tannenwald zu einem stillen Schatz, dem Wildsee. In seiner moorbraunen Oberfläche spiegeln sich abgestorbene und lebende Baumriesen, mancher Ast ist ins Wasser gestürzt und vermodert langsam. Auf den toten Stämmen wuchern Pilze, Farne und Baumschößlinge – die nächste Waldgeneration. »So könnte der ganze Nationalpark in 100 Jahren aussehen«, erklärt Ranger Charly Ebel, der Wanderungen zum Wildsee führt und vom Zusammenwirken von Tieren und Pflanzen erzählt. Der Bannwald um den See herum wächst und vergeht schon seit 1911 unberührt von Menschenhand, und so deutlich wie hier erlebt man nirgends sonst im Schwarzwald, wie sich die Natur langsam einem Urzustand annähert.

Der Weg führt vom See in engen Serpentinen unter uralten, bleichstämmigen Tannen hinauf. Der Atem geht schwer, hin und wieder liegt ein Baum quer, und man muss über ihn hinwegklettern oder sich unter ihm durchbücken. Die Restfeuchte des vergangenen Winters macht den Boden glitschig und reduziert das Marschtempo – gut so, denn jetzt entdeckt man links und rechts des Pfads Flechten und Moose. »Riech mal an dem Pilz«, sagt Charly Ebel und deutet auf einen Knubbel auf einem Baumstumpf. »Erinnert an Fenchel, oder?«

Video: Pilze im Baiersbronner Wald




Bannwald-Runde

Oben öffnet sich eine freie, sonnige Hochmoorfläche. Hier ruht Julius Euting in seinem Urnengrab. Er war ein Pionier des Schwarzwald-Tourismus und ein großer Orientreisender. Noch heute wird an seinem Geburtstag am 11. Juli jedes Jahr umsonst an seinem Grab Mokka ausgeschenkt.

Zu Kaffee und Kuchen führt auch die Bannwald-Runde: Gut einen Kilometer nach Eutings Grab kann man in der Darmstädter Hütte einkehren oder man wandert noch ein Stück weiter, schaut in die Rheinebene, die sich in diffusem Grüngrau in der Ferne verliert, und macht am Seibelseckle Rast. Oder kostet am Ende der Tour eine Torte im Forsthaus Auerhahn.

Gewaltige Bäume wie am Wildsee wurden zu Hauffs Zeiten abgeholzt und als bis zu 600 Meter lange Flöße nach Köln oder Rotterdam gebracht – eine harte, gefährliche Arbeit. Erschwert wurde das Flößerhandwerk durch Streit zwischen Baden und Württemberg: Schönmünzach lag auf der Grenze, und Baden verweigerte Württemberger Flößen die Durchfahrt. In Huzenbach, von Schwarzenberg etwas murgaufwärts, baute eine Holzcompagnie die »Huzenbacher Maschin«, eine Art Holzlift, die bis zu zehn Stämme täglich über den Berg zur schwäbischen Nagold transportierte. Heute ist von der Maschin nichts mehr übrig, und so wenden sich Wanderer auf der Murgleiter von der Aussicht auf Huzenbach ab und lieber den Schönheiten der Gegenwart zu: dem Huzenbacher See zum Beispiel. Er ist einer der vielen geheimnisvollen Karseen des Schwarzwalds. Steil geht es durch den Wald hinauf zu seinen Ufern und noch höher und nicht minder steil zu einer Plattform, von der aus man nicht nur das Seeauge in den Himmel starren sieht, sondern auch über die Murg hinweg bis ins Peter-Munk-Dorf Schwarzenberg zurückblickt.

Eine Wanderung führt über den Rinkenkopf (759 m)

Zum Ende der Murgleiter-Etappe lernen Wanderer das Tonbachtal kennen. Nach einem Abschnitt durch den Wald empfängt es sie voller Licht, dicke Hummeln umsummen gelbe Blüten. Rechter Hand unten liegt der Baiersbronner Ortsteil Tonbach, und voraus direkt am Weg lädt die »Blockhütte« zu einer Einkehr ein. Den Rucksack absetzen, auf eine der rustikalen Bänke auf der Terrasse sinken, ein frisches Radler vor sich – welche Wohltat nach gut drei Vierteln der Strecke! Jenseits des Tals erhebt sich der Rinkenkopf, um den eine weitere Tour führt. Außerdem wandert man dort im Reich eines anderen sagenhaften Peters: Das Petermännle soll im Dienst der Reichenbacher Mönche gestanden und die einfachen Leute furchtbar gepiesackt haben. Auf den Spuren der Mönche gibt es natürlich auch eine Wanderung. Ein andermal. Für heute führt die Murgleiter nach Baiersbronn zurück.


Inhaltsverzeichnis

12.01.2016
Autor: Kerstin Rotard
© outdoor
Ausgabe 05/2015