Wandern im Allgäu

Die schönsten Wanderungen im Oberallgäu

Hohe Gipfel, weite Almen: Die Oberallgäuer sind stolz auf ihre Heimat und zeigen sie gerne. outdoor hat sich von der Begeisterung anstecken lassen.

Lesen Sie in diesem Artikel:


 

Foto: Ben Wiesenfarth Teils sanft, teils schroff: Das Oberallgäu bietet eine abwechslungsreiche Landschaft.

Wir sind kaum in Sont­hofen angekommen, da legt Peter Melchin schon los. "Unglaublich schöne Täler, das Hintersteiner Tal, das Gunzesrieder Tal ... Da glaubt ihr, ihr seid am Ende der Welt. Ringsherum nur die steilen Felsgrate, oft bis zum Gipfel grasbedeckt. Und die wilden Tobel. Und die urigen Alpen in den sattgrünen Almwiesen. Und mei, erst die Brotzeiten. Aber das Allerbeste sind ja eigentlich die Oberallgäuer selbst.

Ein ganz eigener Menschenschlag ...." An dieser Stelle muss Peter zum Glück schon selbst grinsen. Doch der Lobpreis der Heimat bleibt das Referatsthema des Abends. Ben und ich hören zu, nicken bestätigend und werfen gelegentlich ein "Ja doch, Peter, es ist wirklich sehr schön bei dir im Oberallgäu" ein. Was seine Heimat betrifft, ist Peter nicht nur stolz, sondern bisweilen auch ein wenig empfindlich. Und schließlich wollen wir unseren Guide und Wirt nicht gleich am ersten Abend vergraulen.

Fotostrecke: Wanderparadies Allgäu – die schönsten Bilder

14 Bilder
Foto: Ben Wiesenfarth
Foto: Ben Wiesenfarth
Foto: Ben Wiesenfarth

Die schönsten Wanderungen im Allgäu

 

Foto: Ben Wiesenfarth Der Hindelanger Klettersteig verläuft am Hauptgrat der Daumengruppe.

Kleiner Zipfel, großes Panorama

Eine Woche lang möchte der Sportlehrer uns die schönsten Flecken des Oberallgäus zeigen. Einfache Wanderungen sollen dabei sein, aber auch recht ausgesetzte Klettersteige und anspruchsvolle Höhenwege.

Für die geografisch nicht ganz Sattelfesten: Das Oberallgäu hängt als kleiner Zipfel Bayerns unten mittig an Deutschland. Südlich liegen Österreich und das Kleine Walsertal, westlich beginnt schon Baden-Württemberg. Im Osten liegt das Ostallgäu, von dessen Bewohnern sich die Oberallgäuer ab der Linie Nesselwang–Pfronten freundlich, aber entschieden abgrenzen.

Die Oberallgäuer haben allen Grund, ihre Heimat zu lieben: im Süden die hohen, oft grasbedeckten Gipfel der Allgäuer Alpen, nach Norden hin das Alpenvorland mit abgeschiedenen Tälern und weiten Almen. Fast 40 Prozent davon sind Schutzgebiet. Mit einer leichten Schluchtentour an der Hörnergruppe, einer Ansammlung unschwieriger, aber lohnender Gipfel westlich der Iller, hat Peter einen freundlichen Einstieg gewählt. Auf schmalen Straßen geht es durch das Gunzesrieder Tal zu unserem ersten Ziel, dem Ostertaltobel.

Elegant schlängelt sich der Wanderweg am Osterbach entlang. Überal gurgelt, zischt und rauscht es. Mal drückt sich das Wasser durch einen engen Spalt, mal ergießt es sich über eine Felsbank, kommt in Gumpen kurz zur Ruhe, nur um sich eine neue Kaskade herabzustürzen. Peter kennt die zahlreichen Wasserfälle und einladenden Naturpools in- und auswendig – was ihn nicht daran hindert, deren Schönheit immer wieder aufs Neue zu preisen.

 

Foto: Ben Wiesenfarth Über dem Seealpsee ergeben sich schöne Blicke auf die 2259 Meter hohe Höfats.

Große Kulisse jenseits der Iller

Durch Buchen- und Fichtenwald wandern wir über die Oberalpe und weiter über offene Almflächen auf das Rangiswanger Horn. Oben öffnet sich der Blick auf die Allgäuer Alpen. Als ob er die Berge eigenhändig erschaffen hätte, weist Peter voller Stolz über das Illertal und zeigt uns das Rubihorn und das dahinter aufragende Nebelhorn. Die mächtigen Schuttflanken der sonst grasigen Berge fallen nach Norden hin jäh ab. In diesen nur zehn Kilometer entfernten Bergen verläuft der Hindelanger Klettersteig und warten weitere Touren; die Peter in den nächsten Tagen für uns vorgesehen hat.

Verheißungsvoll locken sie am Horizont. Doch bevor wir uns in die alpinen Gefilde aufmachen, führt Peter uns noch in eine weitere Schlucht, denn der Ostertaltobel ist längst nicht der einzige Ort im Oberallgäu, an dem das Wasser seinen Weg im Kalk gefunden hat. Als bekanntester gilt die Breitachklamm, doch Peter schüttelt locker weitere, weniger frequentierte Tobeltouren aus dem Ärmel.

Die Starzlachklamm zum Beispiel, am Fuß des Grünten, einige Kilometer nördlich von Sonthofen. "Wildromantisch" und "eindrucksvoll", wie uns unserer Oberallgäuer beredt ankündigt. Und er verspricht auch diesmal nicht zu viel. Der Steig folgt auch hier dem tief in die Felswände eingeschnittenen Flussbett, vorbei an Wasserfällen und mächtigen Felsbrocken. Auf engen, in den Fels geschlagenen Wegen gelangt man von dort zu überhängenden Kletterfelsen und schließlich auf den grasigen Buckel des Grüntens, den Wächter des Allgäus.

Der Blick reicht von hier tief in das Illertal hinein, 15 Kilometer entfernt liegt wie ein vor Anker liegendes Schiff die riesige Daumengruppe mit dem Nebelhorn (2224 m), ganz am Talschluss, 30 Kilometer weit entfernt, thront das "Dreigestirn am Allgäuer Hauptkamm: die markanten Gipfel von Mädelegabel (2645 Meter), Trettachspitze (2595 Meter) und Hochfrottspitze (2649 Meter). Unser Tag indes wird gekrönt von einem Berg Allgäuer Kässpatzen – selbstverständlich handgeschabt und von Peters Freundin in Mengen serviert, die es schier unmöglich erscheinen lassen, morgen in aller Frühe und mit komplettem Klettersteigset auf dem Nebelhorn zu stehen.

Dank der Nebelhornbahn gelingt es uns dann aber doch. Sie bringt uns zum Ausgangspunkt des Hindelanger Klettersteigs, der zu den beliebtesten seiner Art im Allgäu gehört. Die mit Leitern und Drahtseilen gesicherte, fünf Kilometer lange Strecke über die Wengenköpfe zum Gro­ßen Daumen (2280 Meter), immer entlang des Grats, sollte man nicht unterschätzen und nur bei stabiler Wetterlage gehen.

Nicht alle Passagen sind gesichert, und der zum Teil schon blank getretene Fels kann bei Regen gefährlich rutschig werden. Die meisten Klettersteiggeher steigen vom Großen Daumen auf den Koblater Höhenweg ab, der zurück zur Mittelstation der Nebelhornbahn führt. Nicht so Peter.

 

Foto: Ben Wiesenfarth Überall gurgelt, zischt und rauscht das klare Wasser zwischen den Felsen.

Der Senn vom Entschenkopf

Unser Guide führt uns weiter ins Retterschwanger Tal und dann – zum Leidwesen unserer müden Füße, aber zur Erbauung unserer Augen – auch wieder hinauf zum Edmund-Probst-Haus an der Bergstation der Nebelhornbahn. Unterwegs treffen wir an der Entschenkopfalpe auf die Älplerfamilie. Der Senn scheint mit seinem weißen Bart einem Heidi-Film entsprungen zu sein. Er steht mit seinem Sohn ehrfurchtsgebietend und recht einsilbig im Türrahmen, während seine Frau gerne mit uns plaudert. "Das sind die typischen Älpler von hier", schwärmt Peter, "selbstbewusst und traditionsverbunden."

Selbstbewusst bleibt auch Peter. Nicht weniger als die "schönste Tour im Oberallgäu" hat er uns zum Abschluss versprochen: Eine Höhenwanderung vom Nebelhorn über das Laufbacher Eck zur Käseralpe und durchs Oytal wieder zurück nach Oberstdorf. "Und, mei, erst die Brotzeit auf der Käseralpe." Hört sich gut an. Und tatsächlich, der Höhenweg geizt nicht mit Ausblicken: der über dem Oytal funkelnde Seealpsee, die vier Gipfel der Höfats, der Königin der Grasberge, und die stolze Pyramide des Hochvogels, der lange das Panorama am Horizont dominiert.

Und auch die Brotzeit mit Käse, Brot und Butter aus Eigenproduktion hält, was Peter versprochen hat. Nebenbei erfahren wir, dass die verschiedenen Käsesorten des Oberallgäus zum Teil sogar die Ehre einer geschützten Herkunftsbezeichnung erhalten haben. Darunter "Allgäuer Emmentaler", "Allgäuer Bergkäse" und seit neuestem "Allgäuer Parmesan". Wir genießen sie auf Peters Empfehlung mit einer Portion Feigensenf und geraten ins Schwärmen, obwohl das eigentlich sein Job wäre.

Vorbei am 15 Meter hohen Stubenwasserfall gelangen wir zum Oytalhaus. Sollte sich hier erweisen, dass die Wanderpläne größer als die Kondition gewesen sind, kann man einen Downhill-Roller ausleihen, um den langen Ziehweg nach Oberstdorf etwas kurzweiliger zu gestalten. Der Roller wird dann bei Radsport Heckmair – geführt vom Sohn des berühmten Eiger-Erstbesteigers Anderl – gleich bei der Talstation der Nebelhornbahn wieder abgeben.

Wo das Allgäu schroff wird
Nach so vielen landschaftlichen Höhepunkten muss Peter eigentlich keine Überzeugungsarbeit mehr leisten. Trotzdem will er uns noch unbedingt noch eines der ursprünglichsten Täler des Oberallgäus zeigen, das östlich von Hindelang gelegene Hintersteiner Tal. Hier tritt das Kalkgestein viel häufiger an die Oberfläche und verdrängt die sonst allgegenwärtigen Grasmattenberge. Am Ende des Tals finden die schroffen Felsenberge in der Felspyramide des Hochvogels ihren Höhepunkt. Vom 2044 Meter hohen Ponten aus, im vorderen Tal gelegen, genießen wir eine geniale Sicht auf diesen abgeschiedenen Teil des Allgäus. Er hat schon recht, der Peter: Das Allgäu, Verzeihung, Oberallgäu, ist wirklich schön. Und wir geraten schon wieder ins Schwärmen: vom satten Grün der Bergwiesen, von schroffen Graten und abgeschiedenen Tälern, den Brotzeiten und nicht zuletzt, ja mei, von seinen Bewohnern.





Inhaltsverzeichnis

15.07.2011
Autor: Kathrin Wüst
© outdoor
Ausgabe 03/2008