Schneeschuh-Touren im Schwarzwald

Weiße Welt: Schneeschuh-Touren im Schwarzwald

Schonach: Schneeschuhtouren im Schwarzwald
Foto: Ben Wiesenfarth
Schonach ist die Wintersportzentrale im Schwarzwald. Mit Schneeschuhen lässt sich die Gegend perfekt erkunden. Die besten Tourentipps für die weiße Jahreszeit.

Etwas verstohlen schaut sich Dagmar um. An ihren Füßen baumeln unförmige Plastikteller, die sie noch etwas ungelenk auf den Waldweg setzt. Der Schonacherin ist es ein wenig peinlich, direkt oberhalb ihres Heimatortes auf Schneeschuhen unterwegs zu sein.

Tourentipp: Schneeschuhtour rund um Schonach

Schneeschuhtour - Rundwanderung auf den Brend

Zwei-Quellen-Rundtour im Schwarzwald

Der Fernskiwanderweg im Schwarzwald

»Ginge das nicht auch auf Ski ...?«, fragt sie Markus. Ginge es. Schließlich steht der Schwarzwald um die Orte Schonach, Triberg und Schönwald im Ruf, ein ausgezeichnetes Mittelgebirgs-Skigebiet zu sein. Auf fast 1000 Meter Höhe bestehen auch in wärmeren Wintern beste Chancen auf ausreichend Schnee. Allein elf Lifte finden sich an den Skipisten, ein Loipennetz von über 130 Kilometern überzieht die Gegend. Schon Kleinkinder stehen hier auf Ski, hier werden Weltmeister und Olympioniken geboren. Klar, dass Dagmar als waschechte Schonacherin zunächst etwas skeptisch auf den neuen Untersatz reagiert, zumal sie mit ihrem Mann Flori Kern von dem 4000-Einwohner-Ort aus Skireisen veranstaltet. Warum also jetzt ausgerechnet Schneeschuhe? Weil Schneeschuhe die Eintrittskarte in die Einsamkeit sind. Weil Wanderer mit ihnen keine geräumten Winterwanderwege brauchen, sondern dieselben Strecken einschlagen können, die sie auch im Sommer gehen. Weil sich auf Schneeschuhen Querfeldein-Routen eröffnen, die zu anderen Jahreszeiten durch Zäune und Hecken verbaut sind. Und vor allem: Weil es riesigen Spaß macht.

 

Schneeschuhtouren im Schwarzwald
Foto: Ben Wiesenfarth Schneeschuh-Wanderer erleben die eisige Schönheit der weißen Welt.

Bei so vielen guten Gründen war Dagmar einverstanden, als Markus Spitz, ein Freund der Kerns, eine gut vierstündige Rundwanderung zur Wilhelmshöhe bei Schonach vorschlug. Man könne die Schneeschuhe ja wenigstens »mal zur Sicherheit« an die Rucksäcke binden. Und jetzt, im kniehohen Schnee, ist sie froh, die Plastikteile unter den Füßen zu haben. In zügigem Tempo geht es durch tief verschneiten Wald, kleine Lawinen rutschen von den Wipfeln. »Seit Dezember liegt jetzt schon Schnee hier«, sagt Dagmar. Neben der Bergschule vermieten die Kerns Ferienwohnungen, und so freut sie sich über jeden Tag, an dem die Tourismusämter »Ski und Rodel gut« melden.

Am stärksten wirkt die eiskalte Kristallwelt dort, wo der Wald etwas lichter wird. Bäume ragen vereinzelt aus der weißen Fläche, die der Wind so glatt wie ein Bettlaken gestrichen hat. Unter gut einem Meter Schnee liegt hier eines der letzten Hochmoore des Schwarzwaldes begraben: das Naturschutzgebiet Blindensee. Letzterer gibt sich jetzt im Februar nur als kahle, zugeschneite Stelle zu erkennen. Birken und Zwergkiefern umstehen die kreisrunde Lichtung. Der See verdankt seine Existenz dem moorigen Untergrund. Seine Tiefe lässt sich nicht exakt messen, die erste dünne Schlammschicht beginnt schon nach 60 Zentimetern. Und er hat keinen Abfluss.

Einer Sage zufolge soll hier eine Kuh ertrunken sein, die Wochen später wieder in der Donau aufgetaucht ist. Eine unterirdische Verbindung ist zumindest theoretisch denkbar, denn die Quelle der Donau, genauer gesagt die ihres längsten Quellflusses, der Breg, liegt keine vier Kilometer vom Blindensee entfernt.
Am anderen Morgen statten die beiden Schneeschuhgeher der Quelle einen Besuch ab. Die kleine blaue Kuckucksuhr über dem Esstisch der Kerns zeigt schon halb elf, als Dagmar und Markus zu einer Wanderung auf den 1149 Meter hohen Brend aufbrechen. Die Strecke soll auf geräumten Winterwanderwegen verlaufen, doch für alle Fälle sind die Schneeschuhe wieder mit dabei.

Schon die kurze Autofahrt von Schonach zum Parkplatz Escheck, gleich hinter dem Nachbarort Schönwald gelegen, macht Lust, sich in den Schnee zu stürzen. Der Schwarzwald präsentiert sich ganz in Weiß. Neuschnee überzuckert alles und kontrastiert mit einem wolkenlosen Himmel. Klare, kalte Luft schlägt Dagmar und Markus entgegen, als sie das Fahrzeug verlassen. Ein breiter Waldweg führt sie zunächst nach Norden. Nach einer halben Stunde eröffnen sich Blicke auf den engen Taleinschnitt namens Katzensteig. Am Talgrund windet sich malerisch ein Flüsschen durch die verschneiten Auen. Bis zum Ursprung des längsten Quellflusses der Donau dauert es nur eine weitere halbe Stunde, nicht weit von hier entspringt auch die Elz. Sie fließt nordwärts Richtung Rhein, während die Breg im Süden zur Donau wird. Wanderer überqueren auf den 600 Metern zwischen den beiden Quellen die Europäische Wasserscheide.

Unscheinbar liegen sie heute fast ganz unter der Schneedecke verborgen. Doch auf dem Parkplatz an der nahe gelegenen Martinskapelle herrscht reger Betrieb. Viele parken hier, um kurz die Quellen in Augenschein zu nehmen, und verschwinden dann in einem der Gasthäuser. Andere schwingen sich auf die Loipe, die zum etwa zwei Kilometer entfernten Brendturm führt. Neidisch schaut Dagmar auf die Skilangläufer. »Bis hierhin hätten wir auch auf Ski ...«, sagt sie.

Hätten sie. Von Schonach führt eine Loipe entlang des Schwarzwald Westwegs an den Brend. Sie ist Teil des 100 Kilometer langen Fernskiwanderwegs, der von Schonach über Furtwangen und Hinterzarten bis an den Belchen führt. Auf ihr brauchen Langläufer von Schonach zum Brend nur drei Stunden. Neben der Loipe führt ein geräumter Winterwanderweg zum Gipfel, doch Dagmar und Markus ziehen sich die Schneeschuhe an und biegen in den unberührten Winterwald. Schwitzend aber einsam arbeiten sie sich von hinten auf das Gipfelplateau des Brend. Hier oben hat der Wind den Schnee so verdichtet, dass er auch ohne Schneeschuhe trägt. Der Aussichtsturm bleibt bei der Witterung geschlossen, doch bis zum baumlosen Buckel des Feldbergs sieht man von hier oben auch so. Am östlichen Horizont ragen die Vogesen aus dem Nebeln über dem Rheintal. Und im Süden grüßen die ersten Alpengipfel. Ein Winterpanorama zum Niederknien. Durch den Vordergrund schieben sich zwei Langläufer. »Morgen können wir ja auch mal Ski fahren«, sagt Dagmar. »Können wir«, sagt Markus.

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22.01.2009
Autor: Alex Krapp
© Outdoor
Ausgabe 01/2009