Langlauf-Traum in Deutschland: Der Fernskiwanderweg im Schwarzwald

Den Schwarzwald auf Langlaufskiern erleben


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Fernskiwanderweg Schwarzwald
Foto: Christian Lampe

 

Fernskiwanderweg Schwarzwald
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Fernskiwanderweg Schwarzwald
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Fernskiwanderweg Schwarzwald
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Der »Fernskiwanderweg« im Schwarzwald ist ein Traum für Langläufer. Doch eignet er sich auch für Anfänger? outdoor-Redakteurin Katharina Hübner wollte es wissen, schnappte sich ihre Langlauf-Ausrüstung und fuhr nach Schonach.

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Wer noch keine zehn Mal auf einfachen Rundloipen unterwegs war, spielt nicht in der Liga erfahrener Langläufer. Ganz egal, wie viel Ausdauersport er sonst betreibt. Deswegen war ich überhaupt nicht für den Fernskiwanderweg Schonach–Belchen qualifiziert, über den es etwas sperrig auf seiner Homepage heißt: »Die Bewältigung kann also nur geübten Skiläufern empfohlen werden.« Aber wenn zwei langlaufbegeisterte Lieblingskollegen geschickt argumentieren, verabschiedet sich die Vernunft manchmal. »Klar schaffst du das!« ermunterte Christian, der jeden Winter beim Rucksacklauf antritt, einem Langlaufmarathon auf dem Fernskiwanderweg. »Wir gehen es ganz gemütlich an«, fügte Nane hinzu, ihres Zeichens seit Kindesbeinen auf jeglicher Art von Brettern zu Hause. Nun gut. Herausforderungen besitzen auch ihren Reiz. So kam es, dass ich mich mit den beiden für ein Wochenende auf dem Fernskiwanderweg im Schwarzwald verabredete.

 

Fernskiwanderweg Schwarzwald
Foto: Christian Lampe

100 Kilometer auf Langlaufskiern durch den Schwarzwald

Die 100 Kilometer lange Langlaufwanderung beginnt im Wintersportort Schonach und endet im Südschwarzwald unterhalb des Belchens. Dazwischen liegen nicht nur Wald, Bilderbuchhöfe und niedliche Dörfer, sondern auch der 1493 Meter hohe Feldberg und andere Schwarzwaldhöhen. So kommen 2300 Höhenmeter im Aufstieg zusammen. Der für Normalsterbliche unfassbare Rekord über die Gesamtstrecke liegt bei fünf Stunden und 51 Minuten, aufgestellt hat ihn 1982 ein Local namens Georg Thoma. Berühmt wurde er als Schwarzwald-Wunderknabe bereits in den 1960er Jahren, mit olympischem Gold und Weltmeistertitel in der Nordischen Kombination. Als Hobbyläufer indes plant man mindestens drei Tage für den Trek ein. Unsere Tour soll nur ein Teilstück umfassen und zwei Tage dauern: 50 Kilometer vom Gasthaus Kalte Herberge bei Vöhrenbach über die Weißtannenhöhe nach Hinterzarten und weiter über Feldberg und Stübenwasen zum Loipenhaus am Notschrei-Pass.

Der Himmel leuchtet blau, und auf der Schneedecke funkeln abertausend kleine Diamanten, als wir an einem Samstagmorgen Anfang März die Kalte Herberge verlassen. Christian strahlt. »Wir haben das beste Wochenende des Winters erwischt!« Der Freiburger verbringt in der kalten Jahreszeit fast jeden freien Tag auf den Loipen um Feldberg und Co., man darf ihm also glauben. Als »Rucksackläufer« kennt er auch den Großteil unserer Strecke. Mit den Skiern in den Händen überqueren wir die Straße vorm Gasthof und sind in wenigen Minuten auf der Loipe. Noch sieht man mir nicht an, dass ich hier eigentlich nichts verloren habe. Klick-klick, schon sitzen die Schuhe in den Bindungen, es geht los. Und zwar gleich mit Steigung – so wird einem trotz Waldschatten im Handumdrehen warm. Von Aufwärmübungen, zu denen Theoriewerke raten, scheinen meine Kollegen nichts zu halten. Dass erfahrenere Sportler sich nicht aufwärmen, stellt man ständig fest, und wenn man diejenige ist, die beim betreffenden Sport die schlechtere Figur macht, fängt man erst recht kein Rumgehüpfe an.

 

Fernskiwanderweg Schwarzwald
Foto: Christian Lampe

Hast du eigentlich letztes Wochenende noch den Pflug geübt?

»Mach den Winkel größer, dann geht es besser!« Nane meint das »V« der Skier beim Grätschritt. Da sie jeden Winter über die Loipen um ihr Heimatdorf auf der Schwäbischen Alb flitzt, ist die Steigtechnik für sie eine selbstverständliche Bewegung. Christian hat uns vorerst hinter sich gelassen, um Fotospots auszukundschaften. Nach einer halben Stunde öffnet der Wald sich dann, und wir gleiten auf ebener Fläche dahin. Vor überzuckerten Bäumen als Kulisse rückt ein Schwarzwaldgehöft mit dicker weißer Mütze näher, die Loipe ist bestens präpariert, und ich fühle mich wohl auf meinen Beinen. Kein anderer Skiwanderer ist uns bisher begegnet, kein Geräusch außer dem sanften Schleifen der Ski und dem leisen Knirschen der Stöcke im Schnee durchbricht die Ruhe.

»Hast du eigentlich letztes Wochenende noch den Pflug geübt?« fragt Nane. Ich weiß zwar, was sie damit meint, nämlich die Skier pfeilförmig zusammensetzen, um langsamer zu werden, schüttele aber ehrlich den Kopf. Immerhin kann ich mittlerweile zum Bremsen einen Ski aus der Spur nehmen. Das hatte noch nicht geklappt, als wir neulich auf der Alb geübt haben. »Skitechnisches Können verlangen insbesondere die Abfahrten«, heißt es auf der Homepage des Fernskiwanderwegs. Das hat mir von Anfang an Sorgen bereitet, aber ich verdränge es, bis wir das erste Schild erreichen, das eine steile Abfahrt ankündigt. »Das Stück ist aber nicht lang, und unten kannst du auslaufen lassen«, sagt Christian fröhlich, bevor er auf dem abschüssigen Waldweg verschwindet. Nane folgt. Ich auch – bis zur Kurve. Das Gute beim Stürzen ist, dass man meistens in weichem Schnee landet. Weniger gut dagegen, dass das Aufstehen mit Skiern so an den Kräften zehrt. Zumal sich dieser Vorgang noch oft, sehr oft, wiederholen soll. Und an einer besonders fiesen Abfahrt kommt der Punkt, an dem ich Loipenregel Nummer 1 breche: »Loipen dürfen stets nur mit Ski benutzt werden.« Trotzig stapfe ich neben der Spur durch den Tiefschnee nach unten, die Skier in den Händen haltend.

»Rastplätze fehlen irgendwie«, bemerkt Nane, als wir wieder nebeneinander über die Loipe ziehen. Stimmt. Um einen Tee zu trinken oder nur die Aussicht zu genießen, wären Sitzmöglichkeiten gut. Extrahoch gebaute Bänke zum Beispiel. Da rückt wie gerufen ein kleiner roter Pistenbully, einsam am Wegesrand, in den Blick. Eine ältere Langläuferin schraubt gerade ihre Thermoskanne zu und überlässt uns den Pausenplatz. Beine ausstrecken, das Gesicht in die wärmende Märzsonne halten, picknicken – das Leben ist schön.

 

Fernskiwanderweg Schwarzwald
Foto: Christian Lampe

Ein Langlauf-Traum mit knallblauem Himmel und glitzerndem Weiß

Verhältnismäßig eben geht es weiter, gestärkt findet sich noch leichter wieder ein Rhythmus. Über uns leuchtet nach wie vor ein knallblauer Himmel, um uns glitzerndes Weiß, alles schon fast zu kitschig, um real zu sein. Bei der Blockhütte am Thurner (1030 m) tummeln sich mehr Langläufer, doch sie verstreuen sich auf der sogenannten Thurnerspur bald. Stetig geht es bergauf zur Weißtannenhöhe (1181 m), über die Freiburger Bucht reicht der Blick hier bis zu den Vogesen. Dann werden die Schatten länger, das Licht des späten Nachmittags verstärkt die Kontraste von Bäumen und Schnee, und könnten die Kollegen ihr gewohntes Tempo an den Tag legen, wären wir schnell im Tal in Hinterzarten. Aber sie hatten ja Gemütlichkeit versprochen, und falls sie vom Anfängertempo doch genervt sein sollten, lassen sie es sich nicht anmerken. Währenddessen wächst mein Vergnügen an Bergabpassagen, die ich auf zwei Beinen beende. Und als wir Hinterzarten erreichen und feststellen, dass unsere Unterkunft zehn Kilometer außerhalb liegt, lassen wir Stolz und Stirnlampen im Gepäck und nehmen ein Taxi zum Gasthaus Jägerheim. Dort erzählt ein sportliches junges Paar, dass es für den gesamten Fernskiwanderweg fünf Tage angesetzt hat. Wie dankbar ich für diese Begegnung bin, behalte ich für mich.

Am nächsten Morgen steht das wildeste Stück unseres Skitreks an: Unpräpariert führt der Fernskiwanderweg vom Rinken (1195 m) durch steiles Waldgelände hinauf zum Feldberg. »Als würde man eine Skitour gehen«, freut sich Freeriderin Nane. »Landschaft wie in Kanada!« behauptet Lokalpatriot Christian und schickt uns fürs perfekte Bild auf dem schmalen Pfad hoch und runter. Trotzdem lassen wir den Wald irgendwann hinter uns, erreichen die weiten, freien Hangflächen des Feldbergs und kühlen die erhitzten Gesichter im meterhohen Schnee neben der Loipe. Vom Gipfel sieht man am Horizont die Alpen, und mich überkommt dieses Glücksgefühl, das nur ein paar Tage in der Natur bescheren, unterwegs aus eigener Kraft. Als mir dann wenig später vor der Stübenwasen-Hütte auch noch eine passgenaue Pflugbremsung gelingt und wir uns drinnen mit Schwarzwälder Kirschtorte für die Reststrecke stärken, hat sich das Langlaufwochenende zu einem der besten Ausflüge des Winters entwickelt. Blaue Flecken verblassen schließlich schnell. Die Eindrücke von zwei Tagen im Winterwunderland nicht.

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22.01.2015
Autor: Katharina Hübner
© outdoor
Ausgabe 12/13