Hessen: Wanderungen in den wilden Wäldern rund um den Edersee

Urwaldsteig: Die besten Touren am Edersee

Auf dem Urwaldsteig am Edersee durchstreifen Wanderer einen der wildesten Wälder Deutschlands. Reiseinfos und die vier schönsten Etappen des Urwaldsteigs im Detail gibt es hier - auch mit gpx-Download.

Förster Hüppe steht hoch über dem Ufer des Edersees, Dackeldame Mücke bei Fuß. Wie eine glitzernde Schlange liegt der See im stark gewundenen Tal des früheren Flusses Eder. Im Südosten durchschneidet eine gewaltige Staumauer die Idylle, aber das vergisst man sofort wieder, wenn man durch die Wälder an den Ufern wandert. »Die Talsperre regelt die Wassermengen von Oberweser und Mittellandkanal «, erklärt Förster Hüppe. Kaiser Wilhelm II. wollte das Bauwerk, nicht nur für den Schiffsverkehr, sondern auch zum Wohle des Volks: Die Menschen sollten sich am 27 Kilometer langen Edersee rund 35 Kilometer südwestlich von Kassel erholen. Die Natur hier ist wie geschaffen dafür: An den steilen Nordufern recken verdrehte, verwachsene Eichen ihre Äste empor; im Süden des Sees prägen die kerzengerade in den Himmel strebenden Buchen des Nationalparks Kellerwald das Bild.

 

Edersee
Foto: Pixaby

Rund um den See führt der Urwaldsteig mit seinen unzähligen Nebenpfaden und Extraschleifen. Wer sich vier Tage Zeit nimmt, schafft die gut 70 Kilometer der Hauptroute locker und lernt einen der urwüchsigsten Wälder Deutschlands kennen. Am besten quartiert man sich in Waldeck am Nordosteck des Sees ein; das Waldhotel Wiesemann zum Beispiel bietet Transfer zu den Startpunkten der einzelnen Etappen an. Mücke zuckt mit der Nase und hopst an ihrer Leine. Förster Hüppe und sie sind erst seit zwei Monaten ein Team, und hier an der Mühlecke kann Mücke den verlockenden Gerüchen kaum widerstehen. Heide und Flechten baden in den Sonnenflecken, Winterlinden suchen zwischen den losen Felsen Halt. »Sie haben elastische Wurzeln. Wenn der Hang ins Rutschen kommt, stürzen sie nicht sofort um«, erklärt Hüppe und schaut zwischen gedrungenen Bäumen hindurch auf die ruhige Wasseroberfläche hin ab. »Die Mühlecke ist für mich der schönste Abschnitt des Urwaldsteigs.«

Der Weg schlängelt sich am Nordufer hoch über dem See durch die Wälder seines Reviers. Knorrige Eichen rauschen im Wind; nicht umsonst heißt ein Teil des Steigs weiter westlich Knorreichensteig. Förster Hüppe schätzt aber auch einen anderen Teil seines Reviers. Von Waldeck führt der Urwaldsteig auf kleinen, verschlungenen Pfaden am Ostufer entlang zu Aussichtspunkten wie Hexenkopf, Hermannshöhe oder Kanzel. Von der 399 Meter hohen Erhebung schweift der Blick über den See zurück nach Waldeck, über dem das imposante Schloss thront. Man kann das Gebäude aus dem 12. Jahrhundert besichtigen; außerdem beherbergt es ein Museum und ein Hotel mit Restaurant.

Der Boden federt sanft unter den Füßen, am Pfad leuchtet die knallrote Beerentraube eines verblühten Aronstabs, an manchen Bäumen haben Waschbären gescharrt. Seit 1934 bevölkern die aus Nordamerika stammenden Kleinbären die Wälder am Edersee. »Natürliche Feinde haben sie nicht«, erklärt Hüppe. Plötzlich nimmt Mücke Witterung auf. Der ganze Dackel steht unter Spannung, kläfft los und zerrt wie wild an der Leine. Ein Reh schießt in weitem Sprung aus einem Gebüsch. »Komm, lass gut sein!« ermahnt Hüppe den Dackel. Mücke kläfft weiter. Wildschweine gibt es hier auch, sagt Hüppe, Hirsche aber nicht. Ihre gewaltigen Geweihe tragen Hirsche lieber durch den Nationalpark Kellerwald im Süden des Edersees. Waschbären, Wildkatzen und Luchse streifen ebenfalls umher. Und man hört Schwarzspechte klopfen. Sie lieben gerade, hohe Stämme, in die sie ihre Bruthöhlen hämmern. Aus der regen Bautätigkeit ziehen auch andere Nutzen: Bis zu 63 Tierarten nutzen die Höhlen, darunter auch Fledermäuse.

Im Nationalpark bleibt der Wald sich selbst überlassen. Unterholz wuchert und nimmt einem die Sicht, Buchen aller Altersstufen wachsen dort, wo sie wollen. Einige Baumveteranen sind schon gestürzt, an den morschen Stellen der Stämme schlagen oft die eigenen Nachkommen ihre Würzelchen. Steinharte, knochentrockene Zunderschwamm- Pilze wuchern in Form von Alptraumgestalten auf den Stämmen. Der Pfad unterhalb des Peterskopfs schmatzt unter den Sohlen. Der 506 Meter hohe Berg liegt ziemlich genau gegenüber von Waldeck auf der Südseite des Sees. Der Urwaldsteig folgt hier der Markierung »Wildschweinkopf«, und aufgewühlte Mulden verraten, wie der Weg zu seinem Symbol kam. »Bis 200 Kilogramm kann ein ausgewachsener Keiler auf die Waage bringen«, sagt Förster Hüppe. Das entspricht etwa 20 Dackeln wie Mücke. Die dichten Wälder spenden im Sommer schön Schatten, aber die beste Jahreszeit für den Urwaldsteig ist zweifellos der Herbst. Das Laub färbt sich bunt, fällt ab und gibt die Sicht auf den See frei. Am Nordufer erwärmen sich die steil nach Süden abfallenden Hänge rasch und fangen die goldensten Stunden des Herbsts perfekt ein.

Jetzt sollte man unbedingt den stark durchwurzelten Pfaden des Knorreichensteigs folgen, der die Urwaldsteig-Runde schließt. Karge Felsnasen voller urwüchsiger Eichen schieben sich hier als Landzungen weit in den See hinein – erstklassige Picknickplätze. Auf der Halbinsel Lindenberg zetern Eichelhäher in den Wipfeln; vom Nationalpark gegenüber tönt das Röhren der Hirsche herüber, und ein Roter Milan schwebt über dem Wasser. Mückes Ohren zucken unruhig. »Sogar Fischadler kommen hier auf ihrem Weg von der Nordsee vorbei«, sagt Förster Hüppe. Der Edersee gleicht einem Paradies. Nach genau 100 Jahren Talsperre muss man sagen: Danke, Wilhelm!

 

Knorreichen
Foto: Axel Hindemith

Die Etappen des Urwaldsteigs

Reiseinfos Edersee und Urwaldsteig

Hinkommen: Am besten reist man mit dem Auto an. Die Bahnverbindung ist schlecht, aber ab Mitte 2015 sollen Züge Herzhausen, Schmittlotheim und Frankenberg von Korbach aus anfahren.

Rumkommen: Eine gut ausgebaute Landstraße führt am Nordufer des Sees entlang. Aufpassen: Man darf meist nur 50 km/h fahren, und es wird geblitzt! Wer nicht selber fahren will, nutzt Busse bzw. Sammeltaxis: nvv.de; Sammeltaxi (mind. 30 Min. vorher anmelden): Tel. 0 56 31/5 06 20 88. Zusätzlich verkehren Schiffe: per sonenschiffahrt-edersee.de

Orientieren: Wanderführer: Kellerwaldsteig mit Urwaldsteig Edersee, Stein, 10,90 Euro; Weitwandern Hessen, pmv, 16 Euro; Urwaldsteig Edersee, Cognitio, 9,90 Euro. Karte: Edersee, Rad-/Wanderkarte, KKV, 4,50 Euro.

Informieren: www.edersee.com

Übernachtungsmöglichkeiten am Edersee

Ein optimales Quartier für Urwaldsteigwanderer bietet das Waldhotel Wiesemann am See: gemütliche Zimmer, leckeres Essen. Für die sehr kleine Sauna entschädigt der Innenpool mit Blick auf den Edersee. Zu den Startpunkten der Etappen nutzt man den Transfer-Service. Das Hotel hält Tüten für ein Vesperbrot vom Frühstück bereit. Preis: ab 80 Euro/2 Pers. + 40 Euro für Einzelübernachtung. Pauschalen (Transfer, Lunchpaket, Abendessen) ab 210 Euro. waldhotel-wiesemann.de

In Harbshausen (liegt nicht am Urwaldsteig) wohnen Wanderer in Zimmern oder Appartements auf dem Bauernhof. Man kann Selbstverpflegung bis Vollpension buchen – die Speisen stammen vom Hof oder aus lokaler Produktion. Bei nur einer Übernachtung werden Aufschläge fällig. Preis: ab 16 Euro inkl. Frühstück. edersee-bauernhof.de

Soll der Urwaldsteig eine Campingtour werden, muss man die Etappen individuell anpassen. Auf der Hälfte der ersten Etappe: camping-asel-sued.eu. Am Beginn der zweiten: Herzhausen, camping-teichmann.de. Gegen Ende der dritten: Halbinsel Scheid, edersee-camping.com. Wer kürzer wandern will, kann von Asel per Fähre nach Asel-Süd übersetzen und wieder auf dem Camping Asel-Süd übernachten. Auf der vierten Etappe: campingplatzwaldeck.de, in Hemfurth: campingplatz-rehbach.de.

Am Schluss/Anfang: www.campingplatz-bringhaeuser-bucht.de

Gut essen & trinken am Edersee

Ideal? Regional! Im Nationalparkzentrum kommen möglichst regionale Speisen auf den Tisch. Hirschgulasch zum Beispiel oder heimischer Fisch. 10–17 Uhr, nationalparkzentrum-kellerwald.de

Zwischen Basdorf und Vöhl kann man auf Kaffee und Kuchen im Biergarten des Maislabyrinths einkehren oder im Bauernladen für die Tour einkaufen. maislabyrinth-edersee.de

Erleben: Bei Niedrigwasser sieht man das Edersee-Atlantis: Als das Tal 1914 geflutet wurde, versanken drei Dörfer. Bei »Ebbe« tauchen die Grundmauern der Häuser auf, und man kann von Asel-Süd auf der früheren Brücke zum anderen Ufer hinüberwandern. Unter edersee.com/atlantis.html sieht man, bei welchem Pegel welche Gebäude auftauchen.

Wer sich für Fledermäuse interessiert, sollte unbedingt eine kostenlose Führung auf dem 2,5 Kilometer langen Fledermauslehrpfad in Asel buchen! (www.fledermauslehrpfad.de)

outdoor-Tipp: Einen Teil des 27 Kilometer langen Sees erlebt man auf der zweistündigen Edersee-Rundfahrt (Waldeck – Sperrmauer – Halbinsel Scheid und zurück, 11 Euro) aus neuer Perspektive. (www.personenschiffahrt-edersee.de)

TreeTopWalk: Baumwipfelpfad am Edersee:

Fotostrecke: Baumkronenweg am Edersee in Hessen

7 Bilder
Baumkronenweg am Edersee in Hessen Foto: TreeTopWalk
Baumkronenweg am Edersee in Hessen Foto: TreeTopWalk
Baumkronenweg am Edersee in Hessen Foto: TreeTopWalk
19.04.2015
Autor: Kerstin Rotard
© outdoor
Ausgabe 11/2014