Wandern in der Lüneburger Heide - Heidschnuckenweg

Lüneburger Heide: Auf dem Heidschnuckenweg

Lüneburger Heide
Foto: Bernd Jonkmanns
Der Wilseder Berg misst kaum 170 Meter. Trotzdem ist er der höchste Punkt auf Deutschlands flachster Weitwanderung, dem Heidschnuckenweg. 223 Kilometer weit führt er einmal durch die Lüneburger Heide.

"Begib dich einmal im Jahr an einen Ort, an dem du noch nie gewesen bist", hat der Dalai Lama mir empfohlen. Zwar nur via Glückskeks, aber der Spruch brachte mich ins Grübeln. Ein Tapetenwechsel, so viel stimmte auf jeden Fall, war mal wieder an der Zeit. Nur: wohin sollte es gehen? Vielleicht, überlegte ich, musste ich etwas ganz Neues ausprobieren. Vor meinem Fenster im oberbayerischen Freilassing reihen sich die Gipfel der Berchtesgadener und Chiemgauer Alpen auf, und eigentlich war für mich auf Tour gehen immer gleichbedeutend mit Ab-in-die-Berge, egal, ob zu Hause oder in Übersee.

Und wenn ich jetzt zur Abwechslung mal eine ganz flache Landschaft aufsuchte? Eine, in der noch die höchste Erhebung niedriger liegt als jeder Keller in Freilassing? Das Emsland vielleicht oder – die Lüneburger Heide! Die zählt, wie ich schnell herausfand, mit einer Fläche etwas größer als Berlin immerhin zu den größten zusammenhängenden Heidegebieten Europas. Außerdem ist sie gut erreichbar – die Lüneburger Heide breitet sich nur einen Wimpernschlag südlich von Hamburg aus. Mitten hindurch führt der Heidschnuckenweg. Wanderer, die den ganzen Trail nach Celle bestreiten möchten, brauchen zwei Wochen und legen dabei 223 Kilometer zurück. Ganz so hart wollte ich mein Kontrastprogramm dann nun doch nicht fahren, für den Anfang reicht mir eine Wanderung durch den nördlichen Teil der Lüneburger Heide, von Hamburg bis Bispingen, vier Tage und 89 Kilometer.

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Lüneburger Heide - Heidschnuckenweg
Foto: Bernd Jonkmanns

Der Heidschnuckenweg - Wandern auf Deutschlands flachstem Weitwanderweg

Der Einstieg in den Heidschnuckenweg fällt leicht: Mit der S-Bahn geht es von Hamburg-Mitte in den Stadtteil Fischbek. Ich wandere durch eine Wohnsiedlung – und finde mich fast übergangslos inmitten schienbeinhoher Gewächse mit rosa Blüten wieder. Anfang September ist ein guter Zeitpunkt, um in der Lüneburger Heide zu wandern: "Die Heide blüht vom 8.8. bis 9.9.", sagt die Bauernregel. Der Pfad lockt durch leicht gewellte Landschaft südwärts, Richtung Buchholz. Heutige Weglänge: 26 Kilometer. In den Bergen ein ziemlicher Hammer, in der Lüneburger Heide eine normale Distanz. Zu Hause würde mir längst der Puls in den Ohren klingeln, auf der sanft geschwungenen Ebene komme ich ohne große Anstrengung voran.

Es duftet würzig und süß, aber schon nach einer halben Stunde habe ich das Gefühl für meine Position verloren. In den Alpen kenne ich sie anhand markanter Gipfel und Täler wenigstens ungefähr, doch hier in der Lüneburger Heide sehe ich nur Heide und Wald. Zum Glück ist der Weg gut markiert. Und wo sind eigentlich die vielen Schafe, die dem Wanderweg seinen Namen gegeben haben?, frage ich mich, als ich anderntags die Höllenschlucht passiere. Allein im Nordteil der Lüneburger Heide sollen sieben Herden à 700 Tiere leben, und hier blökt kein einziges. Vielleicht schreckt sie das alpine Gelände, die Ränder der Höllenschlucht ragen immerhin fast zehn Meter in die Höhe.

 

Lüneburger Heide - Pietzmoor
Foto: Bernd Jonkmanns Zwischen Niederhaverbeck und Behringen liegt das Pietzmoor

Die Lüneburger Heide überzeugt auch Bergfans

Im anschließenden Büsenbachtal gerate ich dann aber doch ins Schwärmen: Ein klarer Bach gluckert am Grund der Senke, links und rechts davon bedecken Myriaden von kleinen, lila schimmernden Blättern die sanften Hänge. Die Wendung "ein Meer von Blüten" könnte nicht besser passen. Dichter Wald umschließt das idyllische Tal. Von einer kleinen Anhöhe aus, dem Pferdekopf, versuche ich hinter die Baumkronen zu blicken. Vergeblich. Die Welt, so stelle ich mir vor, könnte auch 30 Meter hinter den undurchsichtigen Bäumen enden. Kein Berg in der Ferne beweist einem hier das Gegenteil.

Nach der Ortschaft Handeloh erreiche ich Undeloh, eine Art Flachlandversion von Berchtesgaden: Hier verkaufen sie Lüneburger-Heide-Produkte und Lüneburger-Heide-Souvenirs statt Enzianschnaps, Lederhosen und Wolpertinger-Figuren, Reisebusse verladen ihre Passagiere auf Pferdekutschen statt in die Elektroboote der Königssee-Schifffahrt.

An meiner Seite wandert jetzt Jan Brockmann, seines Zeichens diplomierter Biologe und freiberuflicher Ranger. Der 50-Jährige kennt die Lüneburger Heide wie kein anderer, allerdings auch mir vollkommen unbekannte Ausdrücke. Calluna oder Erica zum Beispiel hätte ich wohl eher für Frauenmagazine gehalten. Jan klärt mich auf: "Ericaceaen nennt man Pflanzen, die zur Familie der Heidekrautgewächse gehören, und Calluna vulgaris ist der Name für die Besenheide, die hier überall blüht."

 

Lüneburger Heide
Foto: Bernd Jonkmanns Der perfekte Guide: Jan Brockmann ist Biologe und freiberuflicher Ranger.

Ich überlege, ob ich mit Bergvokabular kontern soll und Jan ein paar Takte von ausgeaperten Gletschern, schrofigen Pfaden und Brettljausen in den Alpen erzählen soll. Lasse ich aber. Ich verkneife mir auch die Frage, wieso auf dem Heidschnuckenweg immer noch keine Heidschnucken auftauchen. Einverstanden bin ich damit aber nicht: Sie lassen auf dem König-Ludwig-Weg bei mir in Bayern ja auch nicht plötzlich Neuschwanstein weg. Trotzdem, ich muss es zugeben, komme ich langsam in den Heide-Swing – ich genieße den mühelosen Bewegungsfluss auf dem Heidschnuckenweg.

Die Lüneburger Heide ist Kulturlandschaft

Wir queren das Radenbachtal, weit und breit leuchtet der ansonsten sandige Boden der Lüneburger Heide in einem intensiven Lila. Wacholderbäume wachsen als elegante Säulen in den Himmel und verbreiten ihren holzigfrischen Duft über den Feldern. "Für mich ist das Besondere an der Lüneburger Heide, dass sich hier Mensch und Natur gemeinsam entwickelt haben", sagt Jan: "Die Lüneburger Heide ist keine Natur-, sondern eine Kulturlandschaft."

In der Jungsteinzeit, vor etwa 8000 Jahren, begannen die Heidebauern der Lüneburger Heide mit Holzwirtschaft und Ackerbau. Weil Düngemittel fehlten, musste man ausgelaugte Felder allerdings der Natur überlassen – das genügsame Heidekraut eroberte diese Flächen. Die Bewohner erkannten schnell den Vorteil der neuen Pflanzen und nutzten sie für die Imkerei. Die Schafe sorgten dafür, dass die Sträucher nicht von anderen Bäumen oder Gräsern verdrängt wurden: Die humusreiche Bodenschicht, vermischt mit dem Kot der Heidschnucken, lieferte einen guten Dünger für die Ackerfelder.

 

Lüneburger Heide
Foto: Bernd Jonkmanns

"Wusstest du, dass der Begriff Plackerei aus dieser Region stammt?", fragt Jan. Wusste ich natürlich nicht. "Plaggen bedeutet, die humusreiche Erde der Heide abzutragen, um sie später als Dünger zu verwenden. Von dieser harten Arbeit leitet sich der Ausdruck ab." Wenig später erreichen wir Wilsede, ein Dorf mit alten, reetgedeckten Fachwerkhäusern. Steinmauern umgeben die Höfe, hohe Bäume spenden Schatten, dazwischen verlaufen die gepflasterten Straßen und Wege – ein Ort zum Verlieben. Seit Urzeiten bestreiten hier Heidebauern ihr Leben, heute finden sich in den Ställen und Bauernhäusern aber auch Restaurants und sogar ein Heide-Museum.

Lüneburger Heide: Flachlandvergnügen statt Gipfelglück

Und dann geht es ans Eingemachte. Wir verlassen das Dorf auf einer Allee. Dahinter, eine halbe Stunde zu Fuß entfernt, soll er aufragen, der 169,2 Meter hohe Wilseder Berg. Heißt es. Sehen kann ich den Koloss nämlich nicht, sondern nur Bäume und Sträucher. Aber Hauptsache, wir besteigen endlich mal einen Berg. Das heißt: Momentan wandern wir durch ein Wäldchen, auf einem sandigen Pfad. Mag sogar sein, dass es ein wenig bergauf geht. Schritt für Schritt setzen wir, immer darauf bedacht, für alle Fälle noch ein paar Reserven in den Waden zu behalten.

Irgendwann verlässt mich das Zeitgefühl. Wie lange wandern wir schon? Zehn Minuten, zwölf? "Wir sind oben", reißt mich Jan aus meinen Gedanken und deutet in die Ferne. Die Aussicht von diesem, na ja, sagen wir Hochplateau: andere Hügel, Wälder, Wacholder- Säulen, kleine Grasinseln und natürlich "weit und breit alles Calluna", wie ich fachmännisch anmerke. "Man möchte die Heideblüte nicht auf einem LSD-Trip erleben", scherzen zwei Teilnehmer einer Klassenfahrt neben mir. An besonders klaren Tagen soll man von hier die Kirchtürme von Hamburg erkennen können. Immerhin.

Dann, nach der Nacht in Niederhaverbeck, an meinem letzten Tag auf dem Heidschnuckenweg, erspähe ich sie schließlich. Jan und ich wandern auf einem Forstweg durch die Behringer Heide, in einiger Entfernung springen ein paar weiße Knäuel herum, das geduldige, beruhigende "mäh", "määäääh" dringt immer deutlicher an unsere Ohren. Sie knabbern am Gras, nagen am Holz der Büsche, trinken aus einem kleinen Graben, silbergraues Fell, schwarzer Kopf, Hörner – Heidschnucken, die norddeutsche Antwort auf die dicke bayerische Milchkuh. Am Rand der Herde lehnt Clemens Lippschus entspannt auf seinem brusthohen Schäferstock. Der 24-Jährige wacht über 550 Schafe. Immer dabei: Seine beiden perfekt abgerichteten Bordercollies Flip und Shepp.

 

Lüneburger Heide
Foto: Bernd Jonkmanns

Ein kurzes Kommando, und je ein Hund läuft auf einer Seite der Wiese entlang und treibt die wild verstreuten Schnucken zu einem runden Haufen zusammen. Beeindruckend. Mit leuchtenden Augen erklärt Clemens die Bedeutung der Schafe: "Mit ihrem Verbiss sorgen sie dafür, dass andere Hölzer oder Gräser nicht überhand nehmen und die Heide niedrig bleibt." Vereinfacht gesagt: ohne Schnucken keine Heide. Und wieso heißen sie Schnucken und nicht einfach Schafe? "Schnucke kommt vom plattdeutschen Wort Schnökern – Naschen", erklärt Jan. Schäfer Clemens ergänzt grinsend: "Die Heide-Nascherin."

Eine Weile schauen wir den Tieren schweigend zu. Ob es mir in der Lüneburger Heide gefalle, möchte Clemens plötzlich wissen. "Ja", sage ich. "Ich freue mich jetzt zwar wieder auf meine Berge. Aber schön habt ihr es hier oben auch." Und ertappe mich bei dem Gedanken: Ich sollte demnächst auch die zweite Hälfte des Heidschnuckenwegs wandern. Immerhin empfiehlt der Dalai Lama jedes Jahr so einen Tapetenwechsel.

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03.11.2016
Autor: Franz Güntner
© outdoor
Ausgabe 09/2016