Harzer Hexen-Stieg: Ganz schöner Brocken

Wandern auf dem Harzer Hexen-Stieg

Der Harzer Hexen-Stieg entführt Wanderer auf gut 100 Kilometern durch grüne Wälder, die spektakuläre Bodetalschlucht und natürlich auf den Brocken. Reiseinfos Harz und Impressionen vom Harzer Hexen-Stieg gibt es hier.

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Fotostrecke: Wander-Impressionen vom Harzer Hexen-Stieg

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Wandern auf dem Harzer Hexen-Stieg Foto: Lars Schneider
Wandern auf dem Harzer Hexen-Stieg Foto: Harzer Tourismusverband
Wandern auf dem Harzer Hexen-Stieg Foto: Lars Schneider

Da hat sich der Harz aber eine feine Dramaturgie ausgedacht. Ganz zum Schluss, am letzten Tag des Hexen-Stiegs, wenn die Beine schwer, die Zehen geschunden und die Gedanken eigentlich schon beim Weißbier sind, genau dann beginnt das große Finale dieser Wanderung. Der Schlussakkord setzt in Treseburg recht unvermittelt ein. Die Hexen-Stieg-Wanderer überqueren eine Straße, einen Parkplatz, eine Brücke und steigen ein in das letzte Teilstück des Weitwanderweges quer durch den Harz. Nach rund 85 Kilometern und einer 35-Stunden-Wanderwoche geht es das letzte Mal hinein ins Tal, entlang am Fluss, durch den Wald, vorbei an Felsen und bergab Richtung Ort. So weit, so typisch für Wege in deutschen Mittelgebirgen.

Harz-Highlight: Bodetalschlucht

Aber wer so denkt, hat offensichtlich noch nichts von der Bodetalschlucht gehört, auch der Grand Canyon Deutschlands genannt. Weil die Felswände so hoch, die Wasserfälle so berauschend, die Brücken so waghalsig sind. Aber bevor man sich von diesem spektakulären Finale überraschen und überwältigen lässt, bleibt man am besten an einer Wegbiegung ohne ablenkende Aussicht einfach mal stehen, schließt die Augen, atmet die Luft tief ein, riecht den Wald. Und lässt in aller Ruhe die vergangenen Tage Revue passieren.

Vor fünf Tagen führte der Stieg aus der Kleinstadt Osterode westlich des Mittelgebirges über Stock und Stein, wie es so schön heißt, aber auch vorbei an Seen und Wiesen. Folgte Bachläufen, zog über Holzplanken und Brücken, über Baumstümpfe und Wurzeln und immer den Schildern "Harzer Hexen- Stieg" nach, die darauf abgebildete kleine grüne Hexe im Blick. Kurzum: Schon nach wenigen Kilometern liegt der Alltag weit zurück, und die Wander- und Waldendlosigkeit verdrängt jeden Gedanken an die Arbeit. Am Abend sinkt man in Altenau angemessen erschöpft ins Bett. Es fühlt sich gut an.

Aber Tag eins, das lehrt Tag zwei, fungiert nur als eine Art Prolog. Denn es geht jetzt richtig bergauf mit dem Weg, und man hat noch einen "echten Brocken" vor sich. Nach einem Abschnitt auf dem Magdeburger Weg durch den Wald ist in der Steilen Wand sogar ein wenig Trittsicherheit gefragt. Links erheben sich Felsformationen wie auf den mystischsten Gemälden von Caspar David Friedrich und rechts – kunstgeschichtlich natürlich weniger interessante – kahle Funkmasten. Fliegenpilze säumen den Waldrand, und die Stiefel schmatzen an entwurzelten Bäumen vorbei bis zur Ortschaft Torfhaus. Hier, an der Bavaria Alm, hat einen die geballte Zivilisation plötzlich wieder: Motorradfahrer und Mountainbiker drängen sich, Familienausflügler und Bustouristen – und verstellen den ersehnten ersten Blick auf Norddeutschlands höchsten Berg. Vor dem Nationalparkhaus stehen Hexenfiguren und Schokolade in Brockenform zum Verkauf.

 

Wandern auf dem Harzer Hexen-Stieg
Foto: Harzer Tourismusverband, M. Gloger

Der Brocken: höchster Berg Norddeutschlands

Frisch aus dem Bus lesen einige interessiert auf der großen Hexen-Stieg-Infotafel. Die werden doch nicht etwa...? Schnell weiter. Erst durch die Ebene, dann durch den Todesstreifen, dann leichtfüßig über die vor 20 Jahren noch unüberwindbare innerdeutsche Grenze nach Osten, von Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt und immer weiter hinauf Richtung Gipfel, auf den 1141 Meter hohen Brocken, den höchsten Punkt der Tour. Schnaufend erreicht man das Gipfelplateau, wischt sich den Schweiß von der Stirn – und ist sofort mit den Strapazen versöhnt. Denn der Blick schweift über zerfurchte Felsen und zerzauste Birken, von der gerade untergehenden Sonne in einen Hauch aus orangefarbener Glut gehüllt. Diese Aussicht! In jede Richtung 100 Kilometer in die Ebene, und die Wolken ziehen auf Augenhöhe vorbei.

Harzer Hexen-Stieg-Wanderer gehen meist gebeugter

In der Harzer Bodetalschlucht hingegen, rund 1000 Meter tiefer, folgt am letzten Tag des Wegs der Blick dem dunklen Waldweg, den gelb leuchtende Blätter überziehen. Der Fluss rauscht leise, Altholz dümpelt am Ufer. Langsam, wie in Zeitlupe, senkt sich ein weiteres rotgelb schimmerndes Blatt herab, schwebt schaukelnd durch die kühle Herbstluft und landet sanft auf einem Felsen, auf dem sich dicht an dicht torfig duftende Pilze und leuchtend grünes Moos und Farne angesiedelt haben. Die Schlucht zeigt sich, da sind sich die Einheimischen einig, im goldenen Herbst von ihrer schönsten Seite. Dann nämlich zieht der Indian Summer in den Grand Canyon ein und mit ihm Wanderfreunde aus der ganzen Nation. Dann schleppen Spaziergänger unförmige Rucksäcke, die aussehen, als hätten sie Hirschgeweihe hineingepackt, vereinzelt staksen Frauen in Stöckelschuhen über die Felsen, Junioren quengeln gegen ihre Eltern an. Manche haben sich nur die paar Kilometer von Thale über den Serpentinenweg hoch zur Aussicht gequält, andere sind seit Tagen auf dem Hexen-Stieg unterwegs.

Den Unterschied sieht man: Hexen-Stieg-Wanderer gehen meist gebeugter, tragen schmutzigere Schuhe, mehr Gepäck – aber eben auch ein Leuchten in den Augen. Sie haben einsame Momente erlebt, schöne Begegnungen in den heimeligen Ortschaften, weite Blicke über den Harz. Und sich ehrlich angestrengt, was das letzte Stück durch den Grand Canyon noch wertvoller macht. Fast mitleidig schauen sie auf die Schönwetterwanderer, die an einem sonnigen Sonntagnachmittag nur drei Stunden lang einen Höhepunkt mitnehmen. Die Schlussaussicht aber genießen alle gemeinsam, beugen sich vorsichtig über den Abgrund. Während die Menschen von silbernen Absperrungen gesichert werden, lehnen sich die altehrwürdigen Eichen furchtlos und weit über die Schlucht hinaus. 100 Meter unter den Füßen und Wurzeln rauscht der Fluss entlang. Auf der anderen Seite erhebt sich die Felswandwölbung der Rosstrappe, und mit ein bisschen Fantasie meint man den Halfdome im kalifornischen Yosemite Valley zu erspähen – eine Granitwand sieht eben überall imposant aus, auch wenn die hier zugegebenermaßen nicht ganz so hoch ist.

Harz-Wandern: Hinab ins Tal mit der Brockenbahn

Die Aussicht vom Brocken drei Tage zuvor kann einen übrigens ebenso gefangennehmen, teils so sehr, dass man die Zeit vergisst. Wer hier zu spät dran ist für einen sauberen Abstieg, der nimmt einfach den Zug. Bergab sollte das ja wohl erlaubt sein. Zumal die Fahrt mit der Brockenbahn, die sich vom Brocken hinab nach Schierke windet, ein Erlebnis für sich ist. Das erste Stück rattert sie sogar parallel zum Goethe-Weg dahin und erinnert an die Kultur- und Literaturgeschichte, die mit dem Harz verbunden ist. Die Walpurgisnacht im „Faust“ spielt hier oben, und von Heinrich Heine bis Manuel Andrack wanderten deutsche Geistesgrößen und Promis durch dieses Mittelgebirge. Das Fenster des Waggons steht weit offen, und der Ruß der nostalgischen Dampflok legt sich auf die Jacken. Mit inzwischen einigermaßen schweren Beinen zieht man am dritten Tag vom Wintersportort Schierke, dem, nun ja, „St. Moritz des Nordens“, zum Etappenziel Königshütte – der kürzeste Wandertag bei dieser Streckeneinteilung. Lebewesen trifft man eher selten, und so taucht der Weg tief ein in Vogelstimmen und Wipfelrauschen. Tourismustrubel und Totaleinsamkeit liegen auf dem Harzer Hexen-Stieg eng beisammen.

 

Wandern auf dem Harzer Hexen-Stieg
Foto: Lars Schneider

Nach geschaffter Strecke warten Weißbier und Kuchen

Und ab dann zieht das Ziel stetig nach Osten: noch 30 Kilometer, Rübeland, noch 25 Kilometer, Wendefurther Talsperre (mit Blick auf die viel größere Rappeboder Sperre), noch 20 Kilometer, Altenbrak, noch 10 Kilometer – alles auf der Nordroute des Hexen-Stiegs. Das klingt ein wenig mehr nach Mount Everest als nach deutschem Mittelgebirge, und am Abend fühlt man sich tatsächlich so. Beim Zieleinlauf in der Bodetalschlucht schlängeln sich 18 Serpentinen als letzter Abstieg auf die „Schurre“ hinunter, einen Pflaster- und Geröllweg, die letzte Kniebelastung, der letzte Zehenschmerz. Und dann nur noch am Fluss entlang talauswärts schlendern. Man schreitet über die Hexen- und die Teufelsbrücke, blickt mit Ausflüglern hinunter ins tosende Wasser. „Früher sind wir hier gesprungen“, erzählt ein etwa 50-jähriger Mann unvermittelt und stolz, und zuerst will man ihm nicht so recht glauben. „Zwölf Meter sind das“, erzählt er weiter, „und manche sind sogar von dort oben gesprungen, das sind 14 Meter, aber das habe ich nie gemacht.“ Hier, am Biergarten Königsruhe, der sich damit rühmt, einer der 100 schönsten in Deutschland zu sein, spielt ein alter grauer Mann auf einer Hammondorgel „Rosamunde“. Forellen werden geräuchert und Brot gebacken. Noch 1500 Meter sind es nach Thale, und vom Tal strömen Ausflügler herauf; die Hexen auf dem Restaurant-Dach grinsen auf sie herab. Geschafft, der Harzer Hexen-Stieg ist geschafft! Vor fünf Tagen, auf der Fahrt von Thale, wo das Auto steht, nach Osterode, hatte der Taxi- Fahrer versprochen: „Am Ende des Hexen- Stiegs können Sie sich im Biergarten mit einem kühlen Weißbier belobigen.“ Ein Mann mit wahrhaft hellseherischen Fähigkeiten.

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Inhaltsverzeichnis

01.11.2011
Autor: Andreas Lesti
© outdoor
Ausgabe 10/2011