Deutschlands Traumpfade: Rügen

Wandern auf der Ostseeinsel Rügen


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Rügen Wandern
Foto: Jörg Klaus

 

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Foto: Jörg Klaus
Die rügener Küstentour führt in vier Tagen zum Kap Arkona. Sie bietet Wanderern alles, was Deutschlands grösste Insel so einzigartig macht.

 

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Foto: Jörg Klaus Rügen ist eine 926 Quadratkilometer große Outdoor-Wundertüte.

Am frühen Morgen steht die Sonne noch niedrig über der Bucht am Kap Arkona, aber Harald, der alte Fischer, sitzt schon lange vor seinem Boot. Wie an jedem Tag hockt er auf einem Stuhl vor seiner »Jana«, wie immer mit einer Zigarette zwischen den Fingern. So wie Harald stellt man sich den letzten Fischer des Dorfes Vitt vor: Wetter und salzgeschwängerter Wind haben sein Gesicht hart gemacht, in der Brusttasche des Blaumanns steckt ein Beutel »Nelson«, starker Tabak. Nur noch drei Fischer fahren hinaus, früher waren es Dutzende. Der alte Harald und die Bredows sind noch übrig, Vater Peter und sein Sohn Tobias. Es ist nicht leicht, am Netz sein Geld zu verdienen.

Mit einem Brummen höchstens begrüßt Harald Wanderer, die auf Rügens Küstenstreckentour bei ihm am Kap Arkona landen, nachdem sie vor vier Tagen in Binz losgegangen sind, meist am Meer entlang und natürlich auch zu den berühmten Kreidefelsen. Er redet nicht viel, denn kein Seemann redet viel. Bis nach Indonesien ist er früher gefahren, bis Australien, unterwegs auf großen Frachtern, bevor er auf den Kutter ging. Einen Untergang überlebte er vor Norwegen, einen furchtbaren Sturm auf den »Grand Banks« vor Neufundland. Auch die Ostsee, die heute Morgen ruhig schimmert wie eine große Pfütze, kann zornig werden, vor allem vor Deutschlands nördlichstem Kap. Vielleicht fährt er nachher noch einmal raus, überlegt der alte Fischer, geht auf Aal oder auch Dorsch, den er hinterher dann in seine Räucherkammer schiebt.

 

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Foto: Jörg Klaus Harald fährt mit seiner »Jana« jeden Tag aufs Meer. Umso mehr schätzt er eine Pause.

Doch im Moment genießt Harald die Ruhe, eine Ruhe vor dem Ansturm. Nicht mehr lange, dann schlendern Touristen zwischen den Häusern hindurch, in Scharen, denn Vitt, das kleine Dorf, auf dessen Dächern Reet liegt, ist ein beliebtes Fotomotiv. »Kaum sind die Touristen hier, sind sie schon weg, mit einem Affenzahn«, schimpft er und kramt nach dem »Nelson«. »Die haben es immer so eilig«, murmelt er, und das Wort »eilig« klingt aus seinem Mund wie etwas besonders Unappetitliches. Hektik. Unruhe. Hetzen.

Womit Fischer Harald eine wichtige Maxime ausgibt für eine Wanderung auf Deutschlands größter Insel: Man soll Zeit mitbringen. Zeit für zufällige Begegnungen, für einen kurzen Plausch und um die kleinen Dinge auf sich wirken zu lassen. Denn selbst in der Hochsaison, wenn die Urlauber in langen Autokarawanen von Stralsund hinüberrollen, gelingt es problemlos, Abgeschiedenheit zu finden. 70 Kilometer lang ist die Küstenstreckentour, die sich, mit Wegweisern und blauem Balken markiert, an der Ostküste entlangschlängelt. Diese 70 Kilometer bieten alles, was die Insel einzigartig macht.

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Foto: Jörg Klaus Ruhepolster: Ein Wald aus Kiefern und Rotbuchen wächst hinter den Dünen von Breege.

Rügen ist eine 926 Quadratkilometer große Wundertüte mit Buchten, dichten Buchenwäldern, spektakulären Klippen, Kaps und Bodden – von Landzungen abgetrennten Wasserflächen mit Verbindung zum Meer. Wie dicht sich hier Extreme beieinander finden, zeigt schon der Beginn der Wanderung in Binz, der weißen Strandperle. Die Villen am Ostseeufer, Promenade und Seebrücke liegen nur wenige hundert Strandmeter zurück, als schon die graue Fassade von Prora in Sicht kommt. Viereinhalb Kilometer misst das längste Gebäude Europas, von den Nationalsozialisten als Anlage für gleichgeschaltete Ferien der Organisation »Kraft durch Freude« geplant. Ein Mahnmal von mons­tröser Hässlichkeit – und damit der exakte Gegenentwurf zum lieblichen Seebad Binz.

Mehrere Museen beherbergt der Koloss, und ein Abstecher lohnt besonders in die KulturKunststatt, ein Museum auf 5000 Qua­dratmetern und fünf Stockwerken. Am besten schlendert man mit einem Mitarbeiter wie Thomas Wolff, einem ehemaligen Soldaten der Nationalen Volksarmee, durch die Räume. Wolff, 48, leitete früher das Kommando eines kleinen Hafens an der Ostsee. Er erzählt, welchen Ärger er mit seinen Vorgesetzten bekam, als er einmal vergaß, die Paddel aus einem Schlauchboot zu nehmen – das in der Grenzschützer-Logik als Fluchtvehikel nach Schweden hätte dienen können. Ein Stockwerk ist wie eine Kaserne der DDR-Streitkräfte eingerichtet, und wenn man Aufnahmen von einem Manöver des Warschauer Paktes sieht und den Raum besichtigt, in dem Panzerbesatzungen genaues Schießen trainieren konnten, lässt einen die aufkeimende Beklemmung zügig weiterwandern.


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25.05.2011
Autor: Stefan Krücken
© outdoor
Ausgabe 05/2011