Deutschlands Traumpfade: Hermannsweg

Wandern im Teutoburger Wald


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Hermannsweg
Foto: Bernd Hanselmann

 

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Immer auf dem Kamm entlang: Nichts ist so entspannend wie eine Wochentour im Teutoburger Wald - acht Tage Wandern auf dem Hermannsweg.

Mord und Totschlag, Kurzschwert auf Schild, Mann gegen Mann – vier Tage lang fochten Germanen und Römer im späten September des Jahres 9 n. Chr. gegeneinander, oft den Gegner mehr ahnend als sehend im dichten Gestrüpp und in den dunklen Schatten der Bäume. Um die 18.000 Römer – Fußsoldaten, aber auch Reitertrupps – wurden in zähem, blutigem Ringen von 50.000 Germanen aufgerieben, die für ihre Heimat, für die Ehre, für die Freiheit, vielleicht aber auch einfach nur gegen das unbarmherzige Steuersystem des römischen Statthalters für Germanien, Quinctilius Varus, kämpften. Die Rolle, die der Cherusker Arminius, später als »Hermann« eingedeutscht, dabei spielte, ist heute allerdings umstritten. War er tatsächlich ein Befreier seines Volks oder doch nur ein Verräter der römischen Idee mit unstillbarem Machthunger?

Irgendwo hier, im Teutoburger Wald, der sich bei Bielefeld als 105 Kilometer langer Höhenrücken von Nordwest nach Südost zieht und dann direkt ins Eggegebirge übergeht, so vermuten viele, soll die große Schlacht getobt haben, die die Römer, wenn schon nicht ganz aus Germanien vertrieb, so doch deutlich jenseits des Rheins zurückdrängte. Hermann, als Knabe von seinem Vater nach Rom zur Ausbildung geschickt, war als römischer Bürger nach Hause zurückgekehrt, zunächst als Teil der römischen Truppe, und führte das aufständische Germanenheer an. Er konnte wohl kaum ahnen, dass rund 2.000 Jahre später sogar ein Wanderweg nach ihm benannt wird: der Hermannsweg. Zwar raschelt es auch heute noch geheimnisvoll durchs dichte Laub, aber die Blätter bewegt der Wind, der auf dem Kamm des auch schlicht »Teuto« genannten Walds mitunter ein recht heftiges Spiel treibt.

Kein Wunder, ist das Land ringsum doch maximal leicht wellig wie ein erstarrter Ozean, vor allem nach Westen hin, und bietet den Böen kaum Widerstand. Weit wandern die Blicke und ungehemmt, streifen kleine Ortschaften, Felder, Windräder. »Bei klarer Sicht sieht man von hier oben sogar das Uni-Klinikum in Münster«, sagt Wolfgang Peters, der für den Naturpark Teutoburger Wald/Eggegebirge arbeitet. Und das liegt volle 50 Kilometer entfernt. Die Aussichtspunkte reihen sich auf dem 156 Kilometer langen Weitwanderweg nur so aneinander, und er überrascht mit einer Vielfalt, die man einem Mittelgebirge kaum zutraut, das selbst am höchsten Punkt noch unter 450 Meter bleibt.

Acht Tage dauert das Kammwandervergnügen, und es beginnt sehr flach, in Rheine auf 50 Höhenmetern, auf Augenhöhe mit dem Fluss Ems. Am Ende des Tags eins deutet der 95 Meter hohe Huckberg zart an, dass es nun zur Sache geht. Die »Schöne Aussicht« am Morgen darauf erlaubt – nomen est omen – schon einen ersten vorsichtigen Rundblick, und dann stürzt der Hermannsweg Wanderer in die erste große Überraschung: Die Dörenther Klippen, ein bizarres Gewirr aus Felsen, kleben über einem Abgrund und geben den Blick frei über kleine Orte und das weite Münsterland. Tief holt man Luft, sobald man aus dem dichten Wald heraustritt, und staunt über den fast alpinen Moment. Mit einem Hauch Alpen verblüfft der Weg auch am dritten Tag: an der Waldwirtschaft Malepartus,die fast genau zwischen dem beschaulichen Tecklenburg mit seinen Fachwerkhäuschen und Bad Iburg liegt, über das ein achteckiger Bergfried wacht. Der Weg lässt keine andere Wahl, als im Malepartus einzukehren, denn er führt direkt aus dem Wald durch den Biergarten. Innen wartet holzgetäfelte Gemütlichkeit, gesteigert noch durch Dirndl oder Krachlederne tragende Servicekräfte.

 

Hermannsweg
Foto: Bernd Hanselmann Noch heute hält ein 27-Meter-Hermann Wache: Sein strenger Blick geht zum Rhein.

Ein bisschen Bayern in Nordrhein-Westfalen

»Ein bisschen Bayern in Nordrhein-Westfalen«, sagt Helmut Bangert, seines Zeichens Hauptwegewart des Teutoburger-Waldvereins, schmunzelnd. Er hat recht. Und auch das kulinarische Angebot stammt eindeutig von südlich des Weißwurstäquators. Pausieren, gut essen, das Wandern und die Landschaft genießen ist übrigens nirgends auf dem gut ausgeschilderten Weg ein Problem, der immer dem weißen H auf schwarzem Grund folgt. Rund um den Fernmeldeturm bei Dissen steht alles voller Pilze, Holunderbeeren laden zum Sammeln ein. Kurz vorher haben zwei steile, anstrengende Serpentinen aus der Noller Schlucht, eher ein Durchlass denn ein Canyon, auf den schmalen Waldpfad geführt. Kathedralenartig ragen die Buchenstämme in die Höhe, an lichteren Stellen wuchert der Farn hüfthoch. Oben vom Turm, wo der Wind gewaltig durch Jacken und Hosen pustet, aber auch vom nahen Luisenturm aus übersieht man den bewaldeten Höhenzug des Teutoburger Walds.

Im Südosten erspähen scharfe Augen die Burg Ravensberg

In leichten Schwüngen zieht der Kamm mit Bäumen dicht bestanden dahin, wirkt wie die Endmoräne eines Riesengletschers. Entstanden ist er aber durch tektonische Vorgänge: Erdplatten schoben sich übereinander. Im Südosten erspähen scharfe Augen die Burg Ravensberg, eine lohnende Einkehrmöglichkeit nur ein Stückchen abseits der regulären Route, ebenfalls mit schöner Aussicht, und den Fernsehturm bei Bielefeld – beides Punkte, zu denen die nächsten Tagesetappen führen.


27.09.2011
Autor: Kerstin Rotard
© outdoor
Ausgabe 09/2011