Chiemgau und Berchtesgadener Land: 24-Stunden-Wanderung 2012

24 Stunden von Bayern 2012: Machst du mit mir durch?


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24 Stunden von Bayern - Impressionen
Foto: Christoph Jorda

 

24 Stunden von Bayern - Impressionen
Foto: Christoph Jorda

 

24 Stunden von Bayern - Impressionen
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24 Stunden von Bayern - Impressionen
Foto: Christoph Jorda

 

24 Stunden von Bayern - Impressionen
Foto: Christoph Jorda
Wandern extrem! Statt die Nacht durchzutanzen, kann man sich auch mal einen Wanderrausch geben: Zwei Freundinnen am Start bei den 24 Stunden von Bayern.

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Extrem. Mit diesem Wort können meine Bürokollegin Tina und ich etwas anfangen: Marathon laufen, bei Nachtfrost in den Alpen biwakieren, unter der Woche feiern bis vier Uhr morgens, und gelegentlich sind wir Workaholics. Jetzt sitzt Tina am Wegesrand, zieht Wanderstiefel und Socken aus, und die Blase an ihrer Ferse ist extrem groß. Mist! Heute soll der längste Wandertag unseres Lebens sein, und wir sind bei Kilometer zwei. Das heißt, meine Weggefährtin wird erst nach 28 weiteren Kilometern mit fast 1500 Höhenmetern die Schuhe wechseln können: So intensiv kommt die erste Runde der 24 Stunden von Bayern in diesem Jahr daher. Nachdem das Wanderevent seit seiner Premiere 2009 stets in Mittelgebirgsregionen stattfand, wird es dieses Mal höher hinausgehen. Um Inzell, durch Chiemgau und Berchtesgadener Land, summieren sich auf drei Rundstrecken laut Plan 70 Kilometer und 2900 Höhenmeter. Wir haben also noch gar nichts geschafft ...

"Weiter geht‘s!" Tina hat sich mit Blasenpflaster verarztet, möglicherweise ist ihr Strahlen echt. Sie war ja auch sofort begeistert, als ich ihr vor ein paar Wochen vorschlug, sich einen Tag und eine Nacht mit mir wandernd um die Ohren zu schlagen. Und so ziehen wir weiter durch den frühsommerlich grünen Wald, in dem sich der morgendlichen Stunde zum Trotz schon die Hitze des Tages bemerkbar macht. Bald verengt sich der Forstweg zum schmalen Pfad, schlängelt sich steil den Hang des Gamsknogel (1750 m) hinauf. Zu steil für einige der 444 Teilnehmer ... "Stau", kommentiert Tina die stockende Schlange vor uns. Auch wenn die 24 Stunden von Bayern kein Wettrennen sind: Jetzt rächt es sich, dass wir so weit hinten im Feld laufen. Überholen? Leider unmöglich. Geduld ist eine schöne Tugend.

 

24 Stunden von Bayern - Impressionen
Foto: Christoph Jorda Erste Rast auf der Kohleralm auf 1450 Metern Höhe.

24h wandern: Sturm auf die Alm

Auf 1450 Metern Höhe endet die Ameisenstraße endlich, verteilt sich über das Bilderbuchidyll der Kohleralm. Kühe mit Glocken um den Hals wundern sich ein wenig über den Ansturm auf ihre Weide, Alphornbläser sorgen für passende Klänge, und das Wanderheer freut sich über eine deftige Brotzeit. "Ich fürchte, die haben kein alkoholfreies Bier", stelle ich an der Theke vor der Hütte fest. "Alkohol betäubt bestimmt meine Schmerzen", erwidert Tina. Schön, wenn man einen Grund zum Trinken hat! So sitzen wir Minuten später mit unseren Halben vor der Hütte, um zwölf Uhr mittags in der prallen Sonne. Das Bier steigt umgehend zu Kopf, macht die Aussicht auf schneebedeckte Gipfel noch entzückender – und den Weiterweg auf einem stein- und wurzeldurchsetzten Steig etwas holpriger. Aber wir kommen prima voran, überholen immer wieder andere Wanderer, und Fragen nach ihrer Ferse beantwortet Tina gut gelaunt, obwohl ihr Gesicht anderes spricht, wenn sie sich unbeobachtet fühlt. Ich fühle mich beinahe schlecht, weil es mir so gut geht, in alten Trailrunningschuhen, die absolut nicht der Empfehlung der Veranstalter entsprechen. Bald ist eine zweite Alm erreicht, die Zwieselalm. "Mulis" kündigt ein Schild an.

24h wandern: Mulis auf einer Alm?

Tatsächlich: Hinter den Gebäuden stehen drei kräftige Pferd-Esel-Kreuzungen angebunden, daneben ein paar junge Soldaten. Und zur Armee gehören auch die Mulis, genauer gesagt zur Tragtier-Kompanie der Gebirgsjäger Bad Reichenhall. Was es alles gibt! Als regelmäßige Trainingseinheit beliefern die Tiere einmal pro Woche die Alm, über den Mulisteig, beladen mit bis zu 150 Kilogramm, umweltfreundlicher als jeder Helikopter.

Der Mulisteig führt weiter gen Tal. Mittlerweile ist Nachmittag, und mit jedem Meter bergab scheint es heißer zu werden. Heißester Tag des Jahres, weit über 30 Grad - die Wettervorhersage lag richtig. Weniger ruppig als zuvor gibt sich der Weg, aber schotterreich, und meine Schritte werden rutschig. Die Hanwag-Schuhexperten, die vorm Start die Teilnehmer beraten haben, wüssten warum.

"Willst du was essen?" fragt Tina. Vor uns steht ein Bundeswehrtarnzelt, darunter Bierzeltgarnituren, und aus großen Kesseln schöpft ein junger Mann Nudeln in Einwegteller. Ich kann nicht behaupten, dass mich das anmacht. Bin aber schon zweimal umgeknickt, vielleicht wäre eine Pause gut.

 

24 Stunden von Bayern - Impressionen
Foto: Christoph Jorda Wenn auch die Blasenpflaster nichts mehr nützen ...

24h wandern: Pasta unterm Tarnzelt

Naja, vielleicht auch ein paar Nudeln ... Bam!! Wahnsinn, wie umgehend sich Kohlenhydrate auswirken. Und komisch, wie einem bei Hitze das Hungergefühl abhanden kommt, obwohl der Körper Energie braucht. Jetzt könnte ich den Weg runtertanzen – aber bei Tina geht es nicht nur in Sachen Weg bergab. Im Tal erreicht sie ihre Schmerzgrenze, zieht wieder Schuhe und Socken aus, und die verrutschten Blasenpflaster erklären alles: Größer als Zweieurostücke sind die hässlichen Wunden an den Fersen. Nette Weggenossen spenden Tape, um neue Pflaster besser zu fixieren.

Beleibt, in Badetücher gewickelt, Poolnudel unterm Arm. Wenn die drei Damen vor uns auf der schmalen Straße eins nicht machen, dann ist es eine Wanderung. Hier, kurz vorm Thumsee, wünsche ich mir zum ersten Mal, dass wir aufhören könnten. Die Liegewiese und der klare See erscheinen enorm verlockender als die vielen, vielen Kilometer und Höhenmeter, die noch vor uns liegen ... Auch wenn mit Blick auf die Gehzeiten im Roadbook Sputen angesagt wäre: Eine Pause zum Füßekühlen und Buffdurchtränken, um ihn kalt und nass wieder auf den Kopf zu setzen, die muss drin sein.

Schattige Waldpassagen folgen, sanftes Auf und Ab über schmale Trails, und dann erleben wir wieder Wasser: genauso schön, aber viel lauter als am See. Der Weißbach rauscht temperamentvoll durch die gleichnamige Schlucht, von steilen Wänden tropfen hin und wieder natürliche Duschen. Leichtfüßig folgen wir dem Bach, bis sich plötzlich steile Stufen auftun.

Fotostrecke: Die besten Tipps gegen Blasen & Co.

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OD 1009 Besser Wandern Foto: Illustration: Franz Scholz
OD 1009 Besser Wandern Foto: Illustration: Franz Scholz
OD 1009 Besser Wandern Foto: Illustration: Franz Scholz

24h wandern: Wasser tanken

"Hey, unser Lieblingswasser!" Am Ende der langen Treppe aus der Schlucht springt mir ein Flaschenarsenal ins Auge, von dem Luxussprudel, den wir gelegentlich ins Büro schleppen. Eine Fata Morgana? Nein. Genausowenig wie all die anderen 24-Stunden-Wanderer, die dort sitzen und sich über unsere Begeisterung amüsieren - wir sind am Mauthäusl angekommen, einer Verpflegungsstation. Allgemein ist das Amüsement allerdings bei einigen dem Frust gewichen. Grund: Die Berchtesgadener verstehen unter Wandern etwas anderes als Mittelgebirgler.

Strecke eins ist wunderschön und abwechslungsreich, aber auch hart. Daher nehmen jetzt viele den Shuttlebus für die letzten Kilometer zum Wandermarktplatz, an dem alle drei Strecken beginnen und enden. Wechselkleidung kann man dort auch deponieren. "Wie neu geboren", strahlt Tina nach ihrem Schuhwechsel, was garantiert nicht stimmt.

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11.09.2012
Autor: Katharina Hübner
© outdoor
Ausgabe 09/2012