Bierwandern in Oberfranken

Von Bier zu Bier in der Fränkischen Schweiz


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Foto: David Schultheiß

 

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Nirgends in Deutschland kann man so schön bierwandern wie in Oberfranken, das vielen auch als die fränkische Schweiz bekannt ist. Manchmal steht der Wirt hier direkt am Weg.

"Letztes Jahr hat sogar mal einer mit der Milchkanne sein Bier geholt", sagt Mike Schmitt. Er betreibt die Brauerei Nikl in Pretzfeld, einem 2500-Einwohner-Flecken 30 Kilometer südöstlich von Bamberg in Oberfranken. Oder Bierfranken, wie manche es auch nennen. Schmitt sitzt draußen im Wirtsgarten in der Sonne und unterhält sich mit den Gästen. Vor acht Jahren hat der 37-Jährige tief Luft geholt und einen Kuhstall in eine helle Gaststube verwandelt, durch Glastüren sieht man die Edelstahlkessel, für die er 80 000 Euro hingelegt hat, ohne zu wissen, ob sein Plan aufgeht, in Pretzfeld eine Brauerei zu gründen. Inzwischen braut er sechsmal die Woche 500 Liter, 150 000 Liter im Jahr. Damit ist er ein Kleinstbetrieb, aber das macht nichts, denn fast alle der 200 Brauereien in Oberfranken sind Kleinst- oder Kleinbetriebe, Familienunternehmen, mit der Frau als Köchin und dem Mann als Brauer. Nirgendwo auf der Welt ist die Brauereidichte so hoch wie hier. Warum das so ist, weiß kein Mensch. Aber die Franken arbeiten daran, dass es so bleibt, und trinken fränkisches Bier und kein Industrie- oder "Fernsehbier", wie sie hier sagen. Um die zwei Euro verlangen die Wirte für den halben Liter, bei manchen klingt es fast entschuldigend, wenn sie kassieren. Bei solchen Preisen kann eine kaputte Sudpfanne leicht das Aus bedeuten.

Mike Schmitt braut 15 Sorten unfiltriertes Bier, einfach, weil er es selbst am liebsten mag. "Aber das ist Geschmackssache, es gibt kein schlechtes Bier", sagt er. Die Pretzfelder scheinen sein Angebot zu schätzen. Manche kommen zu ihm und lassen sich wie in den alten Zeiten ihr Bier für zu Hause abfüllen, sei es in Krüge, Flaschen, 5-Liter- Kanister oder eben Milchkannen. Aber ganz so durstig wie früher seien die Franken nicht mehr. "Obwohl, es gibt durchaus noch einige Jüngere, die es am Abend auf 15 Seidla bringen." Halbe Liter.

 

Foto: David Schultheiß

Von Ebermannstadt nach Pretzfeld

Dagegen sind der Kollege Alex Krapp und ich natürlich Amateure, aber Krapp hat immerhin mal in Bamberg studiert, und auch ich tue mein Bestes, beim Wandern so viel wie möglich von der fränkischen Bierkultur in mich aufzunehmen, bei 30 Grad im Schatten fällt das auch gar nicht mal so schwer. Heute Vormittag sind wir von Ebermannstadt nach Pretzfeld aufgebrochen, netto braucht man dafür etwa viereinhalb Stunden, brutto aber viel länger, denn am Weg liegen im Schatten alter Linden der Schwarze Keller und der Reifenberger Keller, zwei klassische fränkische Schänken aus den Tagen, als es noch keine Kühlmaschinen gab und die Brauer bis zu 100 Meter lange Stollen in den Fels trieben, um ihr Bier zu lagern, manchmal auf zwei Etagen. Oben streuten sie hellen Kies aus, der die Sonne reflektierte, und pflanzten schattenspendende Bäume – alles, um die Temperatur im Keller möglichst niedrig zu halten. Die Kundschaft hat dann schnell gemerkt, dass das Bier dort am besten schmeckt, wo es gelagert wurde, und die Brauer stellten Bänke auf ihren Keller – weswegen der Franke bis heute auf und nicht in den Keller geht.

Fränkische Brauer direkt am Wanderweg

Der Schwarze Keller leistet sich inzwischen den Luxus eines Pavillons für den Ausschank, beim Reifenberger, der am Waldrand in den Hügeln oberhalb von Pretzfeld wartet, einen Steinwurf von Nikl-Bräu entfernt, steht der Wirt direkt am Weg an der frischen Luft. Vor seinem Bauch hat er eine Bierbank, hinter sich eine Tür im Fels, am Baum nebenan hängt die mit Kreide beschriebene Tafel: Bier 1 Liter 4 Euro, 0,5 Liter 2,20 Euro. Dazu noch etwas Weißwein, Fanta, Schorle, Limo und Schnaps, fertig. Wenn man bestellt, verschwindet der Wirt hinter der Tür in den Keller, man spürt kurz einen kühlen Hauch, und dann steht schon das Bier vor einem, in diesem Fall ein Helles von Greif aus Forchheim, würzig und mit wenig Kohlensäure, Letzteres eine Eigenart des fränkischen Biers, die es von Industriebier unterscheidet. Dadurch läuft es leicht die Kehle hinab, die Zunge wird nicht abgelenkt und schmeckt Aromen, die den Industriebieren verloren gehen, wenn sie bei der Abfüllung erhitzt werden, damit sie etwa anderthalb Jahre lagern können. Während der hiesige Stoff für den baldigen Genuss produziert wird. Auf die Spitze treiben die fränkischen Brauer das Prinzip Kohlensäurearmut bei den ungespundeten Bieren – bei ihnen sorgt ein Überdruckventil während der Gärung im Tank, dass nichts drinbleibt.

 

Foto: David Schultheiß

Bierwandern mit Blick aufs Walberla

Wir tragen das Bier hinüber zu den Bänken. Vor uns öffnet sich der Wald, links unter uns liegt Pretzfeld in gleißender Sonne, drüben auf der anderen Seite des weiten Wiesenttals ragt die Walberla, ein Tafelberg, der mit etwas über 500 Metern Höhe schon weit oben in der fränkischen Gipfelliga spielt. Eben war es noch heiß und anstrengend, jetzt ist es kühl und lauschig, und die Krüge machen Klonk. Eine Weile sinnieren wir wortlos über das Tal hinweg. Es ist ein Glück. Ein Glück aber, dass jeder Keller anders organisiert – täglich durchgehend geöffnet hat keiner, manche schenken nur am Wochenende und bei schönem Wetter aus. Vorher schauen lohnt sich.

Der 13-Brauereien-Weg

Wer sichergehen will, dass er seinen Durst löschen kann, der sollte den 13-Brauereien-Weg gehen, der südlich von Bamberg von Strullendorf nach Memmelsdorf führt – oder eben umgekehrt. Die Brauereien an der Strecke unterhalten richtige Gaststätten und öffnen größtenteils schon morgens. Das einzige Problem: "Für dreizehn Betriebe auf 32 Kilometern braucht es schon eine ganze Menge Disziplin. Wenig trinken ist die Devise, dann schafft man es. Aber bei den meisten ist nach vier Stationen Schluss", sagt Hans-Ludwig Straub, Inhaber des Brauereigasthofs "Drei Kronen" in Memmelsdorf. Weswegen er empfiehlt, den Weg auf zwei Etappen zu verteilen. Oder man verkürzt auf eine Tagestour. Durch Felder voller Bier Bei Hitze bietet sich der waldige, hügelige Abschnitt zwischen Schammelsdorf und Geisdorf an, der auch einen recht geringen Asphaltanteil aufweist – bei voller Bierversorgung mit Räuschla und Stöffla, Höpfla und Görgla, Racherla, Lager, Bock, Weizen, Braun- und Schwarzbier. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Bierwanderung nach Muggendorf

Nicht ganz so bierintensiv, aber eine der schönsten unter den vielen schönen Wanderungen in Oberfranken ist die Tour von Behringersmühle ins 15 Kilometer entfernte Muggendorf. Wanderer, die es gerne rollen lassen (so wie die Franken das R), liegen hier genau richtig. Jetzt im Juni schaukeln die Rispen der Braugerste auf den Feldern, sie duftet süßlich. Aus ihr wird später das Malz, Hopfen wächst in Franken nur wenig, weswegen die Brauereien ihn meist auswärts einkaufen. Über den Feldern wandern strahlend und schwer weiße Schönwetterwolken, und überall erfüllt Vogelgezwitscher die Luft. Schmetterlinge tanzen, in den Feldern leuchtet der Mohn. Der Weg zieht sich in eleganten Schwüngen auf grüne Kuppen, wurzelige, federnde Abschnitte führen durch die Wälder, wo Eichen und Buchen Schatten spenden, in ihren Kronen flirrt das Licht. Der Duft von Kiefernharz dringt in die Nase, und die Blätter dickborkiger Birken flattern träge im Wind. Die Natur scheint trunken, und über den Orten liegt Trägheit. Mächtige alte Dorflinden sehen wir, Fachwerk; einige Orte sind so klein, dass man auf Straßennamen verzichtet, die Hausnummern reichen. In den Gaststätten hängt das Schnitzel über den Tellerrand, und im Maihof in Köttweinsdorf schenkt Wirt Bernhard Mai das süffige Dunkelbier der Brauerei Krug aus.

Der beste Teil der Tour beginnt drei Kilometer hinter Köttweinsdorf an der Riesenburg, einer gewaltigen Höhlenruine. Kühne Felsbögen formen das mehrstöckige Gebilde am Berghang oberhalb des freundlichen, hier noch recht engen Wiesenttals. Der Weg leitet im Zickzack hinauf. Vor Jahrmillionen, als Franken noch ein Meeresgrund aus Kalk war, füllten Ablagerungen die Höhle, die später die Wiesent auswusch und dem Dach der Höhle so die Stütze entzog. Irgendwann vor ein paar Millionen Jahren hat es gerumpelt.

Die Fränkische Schweiz wird von Felsen dominiert

Hinter der Höhle geht es weiter hinauf in Richtung des 532 Meter hohen Adlersteins. Auf dem Weg lernt der Wanderer eine Eigenart Oberfrankens kennen, die verständlich macht, warum die Gegend auch die Fränkische Schweiz heißt: Wie sonst unter den deutschen Mittelgebirgen nur noch die Pfalz und das Elbsandsteingebirge wird sie von Felsen dominiert. Auf dem Weg nach Muggendorf begegnen sie einem in Form des Quackenschlosses, eines wuchtig aus dem Wald ragenden Kalkmonolithen mit einem Höhlendurchgang. Oben öffnet sich der Blick über dichte grüne Waldmeere, auf denen die Schatten der Wolken ziehen. Bier gibt es auf dem Quackenschloss allerdings nicht. Aber Franken ist auch nüchtern betrachtet wunderschön. Und man kann sich ja immer eine Milchkanne mitnehmen.

 

Foto: David Schultheiß

Tipps für die Region Franken

Hinkommen
Bamberg ist von München mit dem Auto in zwei Stunden erreichbar, von Stuttgart in zweieinhalb, von Köln in vier Stunden und von Dresden in knapp drei. Vor Ort tut man sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln mitunter schwer.

Orientieren
Sehr nützlich ist der Führer „Biergartenwanderungen Franken“ von Christof und Helmut Herrmann, Heinrichs Verlag 2015, 10 Euro. Das mit Liebe gemachte Büchlein enthält 22 Touren zu 82 Bierkellern, jeweils mit Karte und detaillierter Wegbeschreibung. Daneben leistet die Fritsch Wanderkarte Blatt 53 sehr gute Dienste, Maßstab 1:50.000, 8,80 Euro.

Surfen
Viel Information zu Oberfranken bietet die Seite fraenkischeschweiz. com, unter anderem eine Auswahl an Ferienwohnungen, Hotels und Pensionen. Auf fraenkische-toskana.com findet sich eine Karte vom 13-Brauereien-Weg, dazu gibt es hier Auskunft über die einzelnen Brauereien, ihre Öffnungszeiten und ihr Bierangebot.

Beste Zeit
Die Biergartensaison reicht mit etwas Glück von Mitte April bis Ende September. Indoor geht es für Biertrinker in Oberfranken mit den Bockbieranstichen in Bamberg weiter, ab Ende September. Termine unter gobamberg.de

Unterkunft

Behringers
Ein schönes Fachwerkhaus von außen, eine freundliche und ruhige Unterkunft innen ist das Tagungshotel Behringers in Behringersmühle, von dem man direkt zu einer der schönsten Wanderungen in der Fränkischen Schweiz starten kann: über die Riesenburg nach Muggendorf. EZ 57 Euro, DZ 47 Euro/Person, tagungshotelbehringers. com

Camping
In den waldigen Höhen über dem Wallfahrtsort Gößweinstein liegt der Campingplatz Pfaffenstein mit angeschlossenem Gasthaus. Abends genießt man hier schöne Sonnenuntergänge. Lagerfeuer erlaubt. Auf der Zeltwiese kostet die Nacht 8 Euro pro Person plus 2 bis 4 Euro pro Zelt. zum-pfaffenstein.de

Essen

De Vita
Wenn in der Bamberger Altstadt abends Trubel herrscht, dann findet man im Hinterhof bei „De Vita“ einen ruhigen Platz und freut sich auf frische Salate, feine Krabben in Knoblauch und Öl, Carpaccio oder eben eine hauchfeine Pizza. Obere Sandstraße 34, 96049 Bamberg, Tel. 0951/57397

Essen mit Blick
Der „Spezial-Keller“ hat zwei Vorzüge: Erstens bietet er einen schönen Blick auf die Bamberger Altstadt inklusive Kaiserdom und Kloster Michaelsberg, zweitens serviert er Rauchbier, DIE Bamberger Bierspezialität. Gegessen wird deftig, von Schäuferla mit Sauerkraut und Kloß bis Fränkischer Saibling. spezial-keller.de

Schiller rustikal
Ein typisch fränkischer Landgasthof ist der „Schiller“ zehn Kilometer südöstlich von Bamberg. Passend zum rustikalen Ambiente das Essen: beste Hausmannskost. Besonders zu empfehlen das gebratene Schweinesteak mit Röstzwiebeln, Pommes und Salat für 7,90 Euro. gasthof-schiller.de

Sahnestücke
Im Brauereigasthof Penning & Zeisler in Hetzeldorf gibt es Samstag und Sonntag exzellenten Kuchen.

Alles in einem
Eine preiswerte, gemütliche und praktische Kombination von fränkischer Gaststätte, Pension und (kleinem) Campingplatz ist der Gasthof „Zur Guten Einkehr“ in Morschreuth, Camping pro Person 6 Euro/Nacht. gute-Einkehr.de

Weitere Tipps für Bierfranken-Wanderer:

Baden gehen
Bei Hitze kühlt ein Sprung ins Felsenbad Pottenstein. Man ist dort zwar nicht alleine, aber die Kulisse aus Felsen und Wald hat nicht jedes Freibad zu bieten. felsenbad.eu

Wasserwandern
Eine Kanutour auf der schönen Wiesent schaffen auch Paddeleinsteiger. Zwei Strecken stehen zur Auswahl: Von Waischenfeld nach Doos fährt es sich ganz gemütlich, ab Doos bis Streitberg geht es lebhafter zu. Verleiher: kajakmietservice. de in Doos, ab 18 Euro pro Person.

Aufs Bike wechseln
Der 13-Brauereien-Weg ab Memmelsdorf eignet sich vor allem im Mittelteil auch für Mountainbiker. Hinter Schammelsdorf der Beschilderung hinauf in den Wald folgen. Am Weg bis hinab nach Tiefenellern bieten sich immer wieder Singletrails an.

Mein Bier
Mein derzeitiges Lieblingsbier im Fränkischen serviert der Knoblach Keller in Schammelsdorf: Räuschla, malzig, feinwürzig und mit etwas Kohlensäure. Dienstag bis Freitag von 15 Uhr bis 23 Uhr, Samstag, Sonn- und Feiertag ab 9 Uhr.

Ab in die Altstadt
Bamberg rühmt sich des "größten zusammenhängenden Altstadtensembles Deutschlands". Und neun Brauereien bei 70.000 Einwohnern sind natürlich auch ein Wort. Weswegen ein Abstecher ins abendliche Bamberg auf einer Reise nach Oberfranken Pflicht ist.

Auch die Oberpfalz lockt mit leckerem Bier:

Fotostrecke: Zoigl: Bierwandern in der Oberpfalz

10 Bilder
Zoigl Bierwandern Oberpfalz Foto: Christoph Jorda
Zoigl Bierwandern Oberpfalz Foto: Christoph Jorda
Zoigl Bierwandern Oberpfalz Foto: Christoph Jorda

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04.05.2016
Autor: Gunnar Homann
© outdoor
Ausgabe 08/2015