Auf Wintertour im Allgäu

Ob das hier sinnvoll ist, frage ich lieber nicht. Wir schreiben Mitte November, und zu behaupten, der Himmel sei grau, wäre allzu schönfärberisch – der Himmel existiert gar nicht. Alles versinkt in einem traurigen Mischmasch aus Nebel, Schneeregen und einem ziemlich klammen Gefühl. Es gibt Leute, die gehen bei solchem Wetter vor die Türe. Aber nur Spezialisten quälen sich dafür um fünf Uhr früh aus dem Bett und fahren zwei Stunden ins Allgäu. Um genau zu sein, handelt es sich dabei um den erstaunlich munteren outdoor-Ausrüstungsredakteur Boris Gnielka und mich, den erstaunlich verschlafenen outdoor-Reiseredakteur Gunnar Homann.Unsere Mission: eine Winterbesteigung des Berges Stuiben und eine Zeltnacht auf dem Grat. Herr Gnielka steht in dem Ruf der Schnellfüßigkeit, und ich hege den Verdacht, die Ehre, mit ihm auf Tour gehen zu dürfen, verdanke ich dem Umstand, dass seine ebenfalls sehr schnellfüßige Frau das Krankenbett hütet.
Gerade haben wir einen Steinwurf westlich von Sonthofen auf einem verwaisten Wanderparkplatz namens Gunzesrieder Säge geparkt, auf 800 Meter Höhe. Gnielkas Augen leuchten so klar, wie der Himmel hier eigentlich aussehen sollte. Er trägt für meine Begriffe unverantwortlich wenig Kleidung, und jetzt läuft er sich auf dem Parkplatz warm! Warmlaufen! Zum Wandern! Wo soll das enden? Irgendwo dort oben, ein paar Etagen höher Richtung Norden. Leider sieht man den Stuiben nicht. Man sieht nur Parkplatz und etwas, das eine Wiese sein könnte. Über ihr sollte der Berg inmitten der Nagelfluhkette aufragen, ich bezweifle aber, dass es ihn gibt. Wenn sich hinter dieser apokalyptischen Front etwas verbirgt, dann heißt es garantiert nicht »Stuiben«. Vielleicht eher etwas in der Art von »Land, in dem übellaunige Schneegötter Jahreshauptversammlung abhalten«. Praktisch: Eine Portion handelsüblicher Nebel, grundsolide Kälte und ein bisschen Schneematsch verwandeln eine harmlose Bergtour in ein Abenteuer, das man mit niemandem teilen braucht.

Auf der Karte sieht alles ganz einfach aus. Da geht man von der Gunzesrieder Säge in ziemlich gerader Linie bergauf, und wenn man das ein paar Stunden mit Fleiß so treibt, kommt man auf 1749 Meter Höhe am Gipfelkreuz des Stuiben an. Von dort, das hat der versierte Herr Gnielka so ausgeknobelt, wollen wir auf dem Grat entlang Richtung Westen, zu vernebelten Gipfeln wie Buralpkopf, Rindalphorn und schließlich in Richtung Hochgrat, in dessen Nähe wir heute Abend unser Zelt aufschlagen wollen, nur um morgen wieder zum Parkplatz zurückzukehren. WENN wir jemals wiederkehren. Es ist absurd: Die Menschheit hat Jahrtausende darauf verwandt, sich vor der Natur zu schützen, und es nach zähem Ringen vom Fell über das Zelt endlich zum Haus gebracht – und kaum hat sie es sich einigermaßen behaglich eingerichtet, haben manche nichts Besseres zu tun, als die Tür aufzumachen und den Rückweg in Kälte und Verderben anzutreten. Aber mir kann nichts passieren: Ich trage alles übereinander, was ich habe, Funktionsunterhemd und lange Unterhose, Fleece und Regenjacke, nur die Kunstfaserjacke und das zweite Paar Handschuhe bleiben noch im Rucksack. Der Anstieg führt über die verschlammte Wiese, da muss man doch gerüstet sein! Der Leichtgewichtsfreak Gnielka runzelt die Stirn, bei ihm die höchste Stufe der Missbilligung; er ist ein sehr höflicher Mensch. Ich bin gespannt, ob er etwas sagt, wenn er sieht, dass ich meine Müsliriegel in der Papppackung gelassen habe. Unnötiges Gewicht! Und was das Platz im Rucksack braucht! Herr Gnielka würde so etwas nie machen. Er sticht sogar ein Loch in seine Tütensuppen, lässt die Luft heraus und klebt sie wieder zu. Vielleicht tänzelt er deswegen so leichtfüßig vor mir her in das, was sich weiter oben als Wald abzeichnet. Ein Stück über uns bewegt sich, ich habe es mit einem gewissen Groll bemerkt, ein zweites Team. Wenn man sich schon der Macht der Elemente in der ungezähmten Allgäuer Wildnis aussetzt, dann will man doch wenigstens das Gefühl der Exklusivität haben, oder? Aus Protest steigere ich den Abenteuerfaktor und setzte meine Brille ab. Sie beschlägt die ganze Zeit, was die Strafe des Berges für Menschen ist, die zu viele und zu dicke Lagen übereinander tragen – anstatt sich warm zu laufen. Schon nach den ersten 100 Höhenmetern dampfe ich wie ein Bügeleisen. »Wart mal, Herr Gnielka, ich muss ablegen.« Herr Gnielka lehnt sich gegen eine der prächtigen Tannen, während ich versuche, aus der langen Unterhose zu steigen, ohne nasse Füße zu bekommen. Ich finde, Herr Gnielka könnte sich ruhig etwas mehr Mühe geben, sein Grinsen zu verbergen.
Der Nebel umhüllt uns wie ein nasser Vorhang. Alles klingt merkwürdig dumpf, das Schnaufen, die Tritte der Bergstiefel auf den Steinen. Der Weg ist steil und raubt ziemlich viel Kraft. Oft muss man hoch ansteigen, teilweise in einer schmalen Rinne, ausgewaschen vom Regen und vertieft von Tausenden von Wanderern, die hier im Sommer vermutlich in Turnschuhen hinaufspringen. Es schneit jetzt. Ab und zu ein Gespräch, über Touren, die man unternommen hat, und solche, die man noch vorhat. Die Gegenwart ist offensichtlich viel zu anstrengend, als dass wir in ihr verweilen wollten. Und während man redet, steigt man wieder eine Stufe mehr hinauf. Immer mehr Schnee bedeckt den Waldhang, bald schauen nur noch einige braune Flecken hervor, dann schließt sich die Decke ganz. Einen Höhenmesser brauchen wir nicht – die Trinkschläuche an unseren Wasserbeuteln reichen: So schwer, wie das Wasseransaugen fällt, bildet sich darin schon Eis. Das bedeutet, die Temperatur sinkt – wir müssen kräftig an Höhe gewonnen haben. Je höher uns der Pfad führt, desto tiefer versinken wir im Schnee. Die Bäume stehen jetzt in größeren Abständen und wirken gebeugter als im Tal, krüppeliger. Sichtweite: etwa zwanzig Meter. Plötzlich ragen hellbraune Felswände aus den Schleiern, es wird flacher. Still ist es hier oben, gedämpft, es fallen dicke Flocken, aber gleichzeitig liegt eine Spannung in der Luft, als seien wir in verbotenes Territorium eingedrungen. Als würden wir gleich angegriffen werden. Und wir werden angegriffen – vom Wind. Sobald wir den Schutz der Felsen verlassen, zerrt er an unseren Jacken. Stücke des Pfades hat er blank gefegt, und zum Vorschein kommen in den Boden gebackene Kiesel, überzogen von Eis. Ich warte darauf, dass Herr Gnielka sich mal eine Jacke über seine Softshell zieht. Macht er aber nicht.

Unmerklich hat der Grat begonnen, der Gipfel des Stuiben kann nicht mehr weit sein. Manchmal wird die Trittspur sehr schmal, und daneben geht es ganz hübsch abwärts. Einmal bleibt Herr Gnielka stehen und deutet geradeaus. »Dort vorne«, sagt er. Meine Brille steckt noch im Rucksack. »Der Gipfel?« »Nein, eine Gämse«, aber bis ich meine Brille aufhabe, ist sie längst weg. Wir sehen noch einige Gämsen an diesem Tag, einmal acht auf einen Schlag, sagt Herr Gnielka.
Die letzten zwanzig Meter hinauf zum Stuiben hangeln wir uns durch eine kompakte Schneedecke an einem Drahtseil hinauf. Oben auf dem Berg sieht man auch mit Brille nichts, nur das Gipfelkreuz. »Lass uns was essen und den Talblick genießen«, witzelt Gnielka. Ich bin froh, dass er auch ein bisschen platt aussieht und sogar ein wenig gerötet im Gesicht. Im Sommer fühlen sich 1000 Höhenmeter leichter an. Sauerstoffmangel in 1750 Meter Höhe?
Wir folgen weiter dem Grat. Immer dichter zieht die Nebelsuppe zu. Sichtweite: fünf Meter. Manchmal sinken wir mit einem Bein bis zu den Knien ein, mit dem anderen aber haben wir noch Oberwasser – Furchen durchziehen anscheinend den Boden. Die Orientierung fällt schwerer, denn der Grat wird wieder breiter, die Soße aber bleibt. Ein paarmal sind wir unsicher, wo es langgeht. Ganz schnell hat man das Gefühl für die Hauptrichtung des Weges verloren und fragt sich, ob man nicht längst zu weit im Tal ist. Gut, dass es GPS-Geräte gibt.
Immer, wenn wir es nutzen, legen wir auch einen Stehimbiss ein, zum Setzen ist es zu kalt. Wird es ernst? – Herr Gnielka hat sich endlich seine Funktionsjacke angezogen. Zweimal steigen wir noch hinunter und wieder hinauf: zum Buralpkopf und zum Rindalphorn. Aber bei jedem Schritt fällt es schwerer, die Schuhe wieder aus dem Schnee zu ziehen. Wo man hier sein Zelt aufschlägt, ist gleichgültig. Vor dem Hochgrat, etwas abseits der Kante, finden wir eine halbwegs eben aussehende Fläche, die wir flach trampeln.
Und dann dieser Moment: Das Zelt sicher verankert, der Körper liegt schwer und durchgewärmt im Schlafsack, der Gaskocher faucht los, er schmilzt uns Schnee und verspricht eine warme Suppe. Bis zum Einschlafen erfüllt das Geräusch des Kochers das Zelt: Tomatensuppe, Nudelsuppe, Tee, das Kochen dauert bei der Kälte ewig. In den Pausen esse ich Müsliriegel. Herr Gnielka schaut mir zu. »Ich dachte, ich sei verfressen!«, sagt er. »Und die Papppackung hast du auch mitgeschleppt.« Ich dachte schon, das würde nie kommen. Dann dreht der Wind, Schnee pfeift unten am Vorzelt herein. Herr Gnielka sagt, da gehören Snowflaps dran. Trotzdem mag ich das Zelt. Denn dem Lärm nach weht es da draußen ganz ordentlich, das Zelt aber schaukelt nicht einmal. »Ich glaube, das ist noch lange nicht am Ende«, sagt Herr Gnielka. Es klingt fast ein bisschen enttäuscht.
Vor der Rückfahrt finden wir ein Café. Es ist vollkommen überheizt, die Gäste sehen bleich aus und irgendwie müde. Wir aber kommen direkt aus der Hölle des Stuiben und glühen noch kräftig nach – ein verdammt gutes Gefühl. Dafür kann man schon mal um fünf aufstehen.