24 Stunden von Bayern im Spessart-Mainland

Ein Wandertag im Räuberland


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24 Stunden von Bayern 2015
Foto: Jens Klatt

 

24 Stunden von Bayern 2015
Foto: Jens Klatt

 

24 Stunden von Bayern 2015
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24 Stunden von Bayern 2015
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24 Stunden von Bayern 2015
Foto: Jens Klatt
Die 24 Stunden von Bayern sind auch für geübte Wanderer ein Härtetest. outdoor-Autorin und begeisterte Weitwanderin Lena Jauernig war dabei und berichtet ...

Ich bin nicht besonders sportlich. Eigentlich gibt es nur eine Disziplin, in der ich richtig etwas draufhabe: Durchhalten. Letztes Jahr wanderte ich den Pacific Crest Trail von Mexiko bis Kanada, 4200 Kilometer am Stück. Naja, nicht wirklich am Stück. Während der sechs Monate habe ich mich natürlich nur tagsüber fortbewegt. Wandern rund um die Uhr, ohne Schlaf, das wäre schon "Durchhalten Extrem", die Königsdisziplin. Und jetzt habe ich die Gelegenheit, mich in ihr zu versuchen: bei den 24 Stunden von Bayern. Das Wander-Event findet dieses Jahr zum siebten Mal statt, diesmal in Nordbayern – quer durchs Räuberland im Spessart-Mainland. 74,2 Kilometer, zu gehen in einer Tages- und in einer Nachtrunde. 1740 Wanderer haben sich beworben. Unter ihnen wurden 444 Teilnehmer ausgelost.

 

24 Stunden von Bayern 2015
Foto: Jens Klatt Gute Vorbereitung ist alles!

Start am Wandermarktplatz in Mespelbrunn

Die tummeln sich nun, am frühen Morgen des 27. Junis 2015, am Wandermarktplatz in Mespelbrunn. Einige schlagen sich schon zum wiederholten Male die Nacht um die Ohren. Ein paar sind sogar extra aus Österreich, Belgien, der Schweiz, Italien oder Luxemburg angereist, um durchzumachen. Um Punkt acht Uhr feuern die Böllerschützen Oberbessenbach den ohrenbetäubenden Startschuss ab. Dass es in Strömen schüttet, nun ja. Die regenfest vermummte Horde marschiert entschlossen los, vorneweg eine Blaskapelle. Unaufhörlich prasselt der Regen.

Die Wanderpolonaise zieht in Richtung der Gräflich Ingelheimschen Waldung. Ein erster zahmer Anstieg führt hinauf zu der Anhöhe Echterspfahl, einst Treffpunkt wüster Raubritter. Bald tröpfelt es nur noch ein bisschen und das Feld zieht sich auseinander. Es wird merklich ruhiger um mich herum. Die Route führt durch üppigen Mischwald. Moosüberzogene Baumstümpfe säumen den Weg, im Unterholz wuchert sattgrüner Farn und lila schimmernder Fingerhut.

Schüchtern lugen erste Sonnenstrahlen durch die Baumkronen. Bei Kilometer 14 steht auf einer Lichtung eine alte Mühle. Im Inneren des winzigen Gebäudes duftet es nach Kräutern. Die Veranstalter wissen,wie sie die 24-Stunden-Wanderer bei Laune halten: 70 Stationen und 250 Helfer sorgen unterwegs für wohltuende Abwechslung und Labsal. In der Mühle sind es dampfende Schüsseln für die Füße. Die Besitzer der Füße blicken sehr zufrieden drein.

Von Blasen und Pausen

Gegen halb eins erreiche ich Rothenbuch und stärke mich ausgiebig am Räuberbuffet mit Suppe, Salat und Pasta. Für die Nicht-Vegetarier gibt es Wildschwein. Mit prallem Bauch schlendere ich hinauf zur Aussichtshöhe Heidelückentür, bummele an einer riesigen Schafherde vorbei und genieße den Blick über die Wälder. Bis jetzt sind die 24 Stunden mehr Genusswandern denn eine Extremtour.

Am Eichsee preist bei Kilometer 20 gegen halb drei eine ausgelassene Damenrunde in Hexenkostümen einen Zaubertrank an. Aus was das Gebräu in dem Blechkessel besteht, finde ich nicht heraus – aber die nächsten 15 Kilometer laufen wie geschmiert. Im Laufschritt marschiere ich durchs liebliche Hafenlohrtal und über breite Forstwege immer weiter bis zum sechshundert Jahre alten Schloss Mespelbrunn. Die 37,6 Kilometer lange Tagesrunde ist fast geschafft, da kündigt sich Unheil an. Meine Schuhe, Trail Runner, die heute Morgen perfekt passten, sitzen jetzt viel zu eng. Nicht ungewöhnlich, dass die Füße auf langen Strecken anschwellen. Im Verlauf meiner Amerika-Tour habe ich sogar zwei Schuhgrößen zugelegt. Zurück am Wandermarktplatz in Mespelbrunn mache ich Inventur. Rote Druckstellen, ein blauer Zehennagel und am Nagelbett eine hässliche Blase. Autsch. Und die Hälfte liegt noch vor mir. Tipp: Blasenpflaster nicht vergessen!

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Und nochmal autsch: als ich nach der ausgiebigen Abendessenspause zur Nachtrunde aufbreche, reagiert mein Körper zutiefst beleidigt. Die Muskeln sind steif. Es zieht im Oberschenkel und zerrt im Rücken. Am Odenwaldblick haben sie ein Mittelalterlager aufgebaut. Es dämmert. Fackeln brennen, Frauen in Kutten reichen Met. Ich bin jetzt 42 Kilometer gelaufen. Auf dem Pacific Crest Trail würde ich jetzt mein Zelt aufschlagen.

Ich plumpse auf den Boden und rühre mich nicht, bis ein mit Helm und Schild kostümierter Ritter mir wieder aufhilft. Am Aussichtspunkt Volkersbrunn, Kilometer 43, färbt die untergehende Sonne den Spessarthimmel orangerot. Wer hier einfach vorbeiläuft, ist selber schuld, denke ich und lasse mich auf einer Bank nieder. Aber wem mache ich was vor? Es ist nicht das Panorama, obwohl das beeindruckend ist. Es ist die Bank.

 

24 Stunden von Bayern 2015
Foto: Jens Klatt "Nachts um 3.00 fiel mir das Weiterwandern am schwersten", sagt Lena Jauernig.

Durchhalten bis zum Schluss

Doch ich habe keine Zeit, um mein Motivationsproblem auszusitzen. Vor mir liegen noch fast dreißig Kilometer, und die Dunkelheit senkt sich über den Spessart. Genug herumgelungert, Stirnlampe auf, jetzt wird wieder ernsthaft gewandert! Geisterstunde. Dicht hinter mir schlurft etwas durch den Wald. Es atmet rasselnd. Ab und zu jammert es. Ich bleibe stehen. Das Schlurfgespenst auch. Plötzlich reißt es die Arme hoch und brüllt: "Ja sind wir denn eigentlich alle bekloppt?" Dann zieht es keuchend weiter. Meine finsterste Stunde schlägt um drei Uhr.

Die nur 518 Meter hohe Geishöhe, die höchste Erhebung der Strecke, plustert sich nachts zum Mount Everest auf. In Zeitlupe schleppen sich die Wanderer vor mir bergauf. Ich tapse mit bleischweren Beinen hinterher. Endlich oben, fährt gerade ein Wander-Shuttle-Bus vor. Die Versuchung einzusteigen ist groß. 60 Kilometer liegen hinter mir. Ich habe schon länger durchgehalten als je zuvor und könnte zufrieden sein. Bin ich aber nicht. Ich beiße die Zähne zusammen und steige auf den festlich angestrahlten Ludwigmament voller Sterne.

In der Ferne funkelt die Frankfurter Skyline. Es ist in keiner Karte verzeichnet, aber irgendwo zwischen der Geishöhe und Wintersbach liegt das Nirwa- na. Der Wald ist stockfinster. Wohltuende Leere breitet sich in meinem Kopf aus. Wie in Trance setze ich Fuß vor Fuß. Ich transzendiere. Und biege beinahe falsch ab. Irgendwann wird Schwarz zu Grau. Ich bin tatsächlich die Nacht durchgelaufen. An einem Lagerfeuer genieße ich einen Moment stillen Triumphs und lege die Beine hoch. »Massage?« fragt eine freundliche Stimme. Im Schein der Flammen stehen Liegen bereit. Kräftige Hände walken einen Wanderer nach dem anderen durch.Auch die Helfer haben eine lange Nacht hinter sich.

Ich trotte weiter talwärts, wackele hinter Wintersbach die nächste Anhöhe hinauf und zuckle in der Morgensonne hinunter zur nächsten Verpflegungsstation.Am Waldsee nippen die eisernen Durchmacher zufrieden an ihrem Tee und schauen zu,wie der Frühnebel über dem Wasser aufsteigt. Am Golfplatz zwei Kilometer vor Mespelbrunn spielt eine Band. Ein paar übernächtigte Gestalten tanzen hölzern, aber euphorisch. Der Sänger röhrt ins Mikro, das Publikum singt mit: "Cause I‘ m the wanderer, yeah the wanderer ..." Durchgehalten! Als ich hinter der Ziellinie meine Schuhe wegkicke, grinse ich. Ein schmerzverzerrtes Grinsen, und unterbrochen von Fluchen und Stöhnen, aber eben doch ein ziemlich breites Grinsen.

24 Stunden von Bayern 2016

Nach dem Nordwesten geht es für die "24 Stunden von Bayern" 2016 in den tiefen Süden des Freistaates: Ausrichterregion der 8. Auflage des Wanderkultevents ist am 25./ 26. Juni die Alpenwelt Karwendel: Mittenwald, Krün, Wallgau. Die Auslosung der Startplätze findet am 4. April statt. Weitere Infos gibt es auf www.bayern.by




26.08.2015
Autor: Lena Jauernig
© outdoor
Ausgabe 09/2015