Trekking in Neuseeland: Auf dem Weitwanderweg Te Araroa

Te Araroa Trail in Neuseeland: Bilder, Infos, Video


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Weitwanderweg Te Araroa Neuseeland
Foto: Ben Wiesenfarth

 

Weitwanderweg Te Araroa Neuseeland
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Weitwanderweg Te Araroa Neuseeland
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Weitwanderweg Te Araroa Neuseeland
Foto: Ben Wiesenfarth

 

Weitwanderweg Te Araroa Neuseeland
Foto: Ben Wiesenfarth
Durch Neuseeland führt seit 2012 ein 3000 Kilometer langer Track: der Te Araroa Trail. outdoor-Redakteur Alex Krapp hat den Weitwanderweg am anderen Ende der Welt erkundet - und einige traumhafte Impressionen mitgebracht.

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Ein Leuchtturm auf den Klippen, dahinter das große, blaue Meer. Der Anfang vom anderen Ende der Welt. Wind treibt weißen Schaum auf die Wellen, die nach tausenden Kilometern ungehinderter Reise auf den Strand laufen. Über den Himmel ziehen Wolkenfetzen, draußen trüben die Schleier eines Schauers den Blick auf den Horizont. Immer näher kommt die graue Wand, Sprühregen fällt, doch schon bald bricht sich wieder die Sonne Bahn. Hier am Cape Reigna an der äußersten Nordspitze Neuseelands spüren Besucher wie an keinem anderen Ort des Landes, wo sie sind: auf einer relativ kleinen Insel in den endlosen Weiten des Pazifiks. Stufen führen vom Leuchtturm hinab auf die Sichel eines vier Kilometer langen Strandes. An einem ähnlich prominenten Punkt in Europa wären selbst an einem kalten Dezembertag noch Menschen unterwegs, doch hier liegt schon im Frühherbst alles in einer fast schon unheimlichen Leere. Im Sommer fahren Erholungssuchende aus Auckland die 420 Kilometer bis zum Cape Reigna raus, der Superlativ eines Kaps übt eine seltsame Anziehungskraft auf Reisende aus: Weiter geht es nicht. Seit Dezember 2011 macht sich noch eine andere Spezies auf die Reise, denn Cape Reigna bildet den Startpunkt des neuen Tracks "Te Araroa" – zu Deutsch "Der lange Pfad". Er führt von der Nordspitze der Nordinsel bis ans Südende der Südinsel.

Te Araroa: Ein Weg der auf der Hand lag

Touren wie der Milford Track im Fjordland oder die Tongariro-Runde um die Vulkane in der Mitte der Nordinsel bringen Wanderern in vier bis fünf Tagen die landschaftlichen Kronjuwelen des Inselreichs näher, der Te Araroa Trail ist dagegen eine epische Reise. Zwar haben die Planer in die Strecke auch bereits bestehende und bekannte Wege eingebunden, ein Großteil der fast 3000 Kilometer langen Nordsüdtraverse verläuft aber naturgemäß durch Gebiete, die bislang gar nicht oder nur sporadisch auf Wanderkarten Neuseelands auftauchten. Auf dem Te Araroa Trail erleben Besucher das Land, wie es abseits der touristischen Brennpunkte ist: einsam, weitläufig, mal landwirtschaftlich geprägt, dann wieder rau und unerschlossen. Wirft man einen Blick auf die Karte, liegt angesichts der langgezogenen Landmasse die Idee einer Nord-Süd-Durchquerung geradezu auf der Hand. Schon in den 1970ern gab es erste Bestrebungen zu dem Mammut-Projekt, doch sie verliefen im Sand. Bis 1994 der neuseeländische Journalist Geoff Chapple in einem Artikel für die Sunday-Star-Times seine Idee für einen nationalen Wanderweg umriss. Der Vorschlag fand Anklang, und gemeinsam mit anderen gründete Chapple die Stiftung Te Araroa Trust. Er kündigte seine Stelle als Redakteur, packte seine Siebensachen in den Kofferraum seines Autos und nahm sich der Sache an – es sollte eine 20 Jahre lange Tour durch alle Teile seines Heimatlandes Neuseeland werden.

Wer heute mit Geoff Chapple sprechen will, den empfängt er 40 Kilometer nördlich von Auckland in dem kleinen Weiler Puhoi, dessen Holzhäusern man heute noch ihre böhmischen Wurzeln ansieht. Auf der Terrasse des Puhoi Pubs nippt Chapple an einem "Flat White", einem Macchiato-ähnlichen Kaffee, der gerade dabei ist, zum Nationalgetränk zu avancieren. Der drahtige Mitsechziger blickt einen aus eisgrauen Augen an, die vielen Stunden unter der südlichen Sonne sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. In seiner Stimme liegt das Selbstvertrauen von einem, der es gewohnt ist, dicke Bretter zu bohren. "Weil es ihn noch nicht gab", beantwortet er die Frage, wie er auf die Idee zu dem Weitwanderweg Te Araroa gekommen ist. Er erzählt von Verhandlungen mit Landeigentümern, den Maoris, speziellen Anforderungen in Nationalparks ... Es ist eine Geschichte mit vielen Kürzeln, Organisationen, Stiftungen und Geldbeträgen. Eine Geschichte, die die Blicke seiner verjetlagten Zuhörer hin und wieder in die grünen Hügel oberhalb des Puhoi-Pubs schweifen lässt, dort wo der Te Araroa Trail entlangführt. Drei bis vier Monate dauert es, den Long Pathway, wie Te Araroa ins Englische übersetzt heißt, ganz zu gehen. Damit spielt er in derselben Liga wie der Appalachian Trail oder der Pacific Crest Trail in Amerika.

 

Weitwanderweg Te Araroa Neuseeland
Foto: Ben Wiesenfarth Maori-Kunst auf den Waitangi-Treaty-Grounds.

Te Araroa: Von der Magie des Geradeausgehens

Auf dem Te Araroa durchstreift man alle Landschaftsformen, die das etwa 270.000 Quadratkilometer große Inselreich zu bieten hat, und das sind viele: von der Dünenlandschaft bei Cape Reigna über die Urwälder von Puketi und Omahuta in die Kulturlandschaften Northlands, weiter zur Inselmetropole Auckland, durch die Vulkanlandschaften südlich des Lake Taupo mit ihren weiten Aschefeldern und rotbunten Vulkanschloten, entlang der Mäander des Whanganui-Rivers im gleichnamigen Nationalpark und bis in die Hochhausschluchten der Landeshauptstadt Wellington an der Südspitze der Nordinsel. Auf der Südinsel führt der Weg durch die Fjorde des Marlborough Sound, über die roten Felsen der Richmond Range, durch üppige Wälder und auf die kargen Hügel an der Ostseite der neuseeländischen Alpen, wo am Horizont die Gletscherberge des Mount Cook Massivs weiß schimmern. Bei The Bluff nahe der südlichsten Stadt Neuseelands Invercargill erreicht er schließlich wieder das Meer. Man muss für den Te Araroa nicht gleich seine Arbeitsstelle kündigen, obwohl es natürlich hilft. Die wenigsten werden als "Through-Hiker" den ganzen Weg an einem Stück begehen. Viele werden sich nur eine Region herauspicken, sei es Northland, die Vulkane oder die Mount Cook Range. Manche werden immer wieder kommen und Teilstücke sammeln. Zu kurz sollte eine Wanderung allerdings nicht werden.

Seine Magie offenbart der Mega-Track erst dem, der sich auf ihn einlässt, auf den Rhythmus einer langen Wanderung, wenn sich die Tage nur noch auf wenige Verrichtungen beschränken. Für welchen Abschnitt man sich entscheidet, ist dabei fast Nebensache: Spannend wird es überall. Zum Beispiel im Puketi Forest. Der 250 Kilometer nördlich von Auckland gelegene Wald zählt zu den Höhepunkten des Te Araroa. Hier finden sich einige der riesigen Kauri-Bäume. Bis zu 50 Meter hoch und 4000 Jahre alt können die Exemplare der größten neuseeländische Baumart werden. Kauris erreichen einen Stammdurchmesser von über vier Metern. Ein Großteil der Nordinsel bestand früher aus Kauri-Wäldern, doch in einem auf Seefahrt angewiesenen Commonwealth war das Holz zum Bau von Schiffsmasten heiß begehrt. So waren die meisten Kauri schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts abgeholzt. Heute stehen die Bäume unter Schutz. Nur die Urbevölkerung der Maori darf ab und an noch Bäume zu rituellen Zwecken schlagen.

Possums, Killer und hohe Bäume

Ian Candy kennt den Wald wie kein zweiter. Seine Eltern betrieben eine Farm hier, die grünen Hügel mit den Flusstälern waren der Spielplatz des Mittvierzigers. Heute zeigt er seinen Wald Besuchern. Neben den offensichtlichen Highlights, den letzten Kauri, die wie graue Riesen aus dem Boden wachsen und deren Höhe man nur anhand des Stammumfanges erahnen kann, hat Ian auch die kleinen Wunder am Wegesrand im Blick. Hier ein blauer Pilz. "Entoloma Hochstetteri. Der ist auch auf der Rückseite unserer 50-Dollar-Note." Dort das Gehäuse einer Kauri-Schnecke. "Die hat wohl ein Possum geknackt." Die zur Pelzgewinnung eingeführte Spezies ist eine Plage. 70 Millionen Tiere sollen auf den Inseln leben. Possums zerstören die Gelege der Vögel, darunter des flugunfähigen Kiwi. "Als ich jung war, waren die Wälder hier rot mit den Früchten des Pohutukawa-Baumes, aber die verdammten Possums nagen sie ab, bevor sie blühen können." Wenn es um Possums geht, werden Ian und seine sonst so ausgeglichen Landsleute zu Killern. Nicht nur der Puketi-Wald ist gespickt mit Bändchen, die Fallenstellern die Standorte weisen. Die Tiere werden getötet, wo man sie findet. Man rückt ihnen mit Gift, Fallen, Gewehren und – wenn möglich – auch mit Autos zu Leibe. Für ein Possum bremst in Neuseeland keiner. Es sind Erfahrungen wie diese, die den Wanderer aus dem schützenden Kokon eines Tourismusbetriebs in den Lebensalltag der Bewohner führen.

Der Te Araroa verbindet nicht nur Sehenswürdigkeiten und Nationalparks, sondern vor allem Menschen und Kulturen. Doch wer einmal um die halbe Welt reist, will am Ende natürlich nicht ohne die Landschaftseindrücke heimkehren, für die Neuseeland weltberühmt ist. Und so finden sich auch Te-Araroa-Wanderer irgendwann auf dem legendären Tongariro-Crossing wieder. Noch bevor man das erste Aschefeld betritt, riecht man Schwefel, bald weicht der Wald rötlichem Gestein, man findet sich in einer unwirklichen Landschaft wieder, durchquert den South Crater, läuft auf einem schmalen Kamm zum Rand des Red Crater, sinkt dabei in der Asche ein, links unter einem blitzen die giftgrünen Emeraldlakes, denen man ihren pH-Wert von 3 förmlich ansieht.

Ein paar Landschafts-Impressionen im Video:

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Te Araroa: Blicke auf Vulkane, Urwälder und Gletscherberge

Setzt man sich auf einen Stein, spürt man die Hitze der Urkräfte abstrahlen, die hier gleich unter einer dünnen Erdkruste schlummern. Und dann steht man vor ihm, dem Ngauruhoe, sein perfekt geformter rotschwarzer Kegelstumpf lädt zu einer Besteigung ein. "Wenn du Dantes innersten Steinkreis der Hölle sehen willst, hier liegt er gleich vor dir im Mondlicht", schrieb Geoff Chapple über den Nachbarvulkan Ruapehu, lange bevor die Gegend als "Mordor" im Fantasy-Epos "Herr der Ringe" bekannt wurde. Blicke auf Vulkane, Urwälder und Gletscherberge, Begegnungen mit Waldarbeitern oder Hüttenwarten.

Das alles ist ebenso Teil des großen Te-Araroa-Erlebnisses wie die roten Plastikdreiecke, die Geoff Chapple gemeinsam mit hunderten Helfern an Bäume und Zäune und Pfähle genagelt hat. Seit der offiziellen Einweihung im Dezember 2011 wird er gerne gefragt, was denn am Wandern so schön sei. "Das Einfachste wäre jetzt zu behaupten, Wandern sei spirituell", sagt er dann. "Doch ich bin kein spiritueller Typ, mir macht es nur den Kopf frei." In seinem Buch Te Araroa – The New Zealand Trail heißt es: "Mein Kopf war leer, und das erschien mir der eigentliche und endgültig glückliche Zustand auf einer langen Wanderung zu sein. All diese langen Tage, an denen es nichts gab außer den Sonnenstrahlen auf dem Gras, der nächsten Abzweigung, das Glück, abends anzukommen. Gehen, essen, trinken, Schutz finden, schlafen. Das waren die Ecksteine meines Universums." Reiseinfos Neuseeland auf Seite 2


Inhaltsverzeichnis

12.02.2013
Autor: Alex Krapp
© outdoor
Ausgabe 11/2012