Dusky Track in Neuseeland: Trekking im Fiordland-Nationalpark

Grüner wird's nicht: Wandern auf dem Dusky Track


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Dusk Track Neuseeland
Foto: Ben Wiesenfarth

 

Dusk Track Neuseeland
Foto: Ben Wiesenfarth

 

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Foto: Ben Wiesenfarth

 

Dusk Track Neuseeland
Foto: Ben Wiesenfarth

 

Dusk Track Neuseeland
Foto: Ben Wiesenfarth
Einsam und nahezu unbekannt führt ein Wanderpfad durch das Herz der neuseeländische Fjordwildnis: der Dusky Track. Hier haben wir alle Infos für eine Trekkingtour auf dem Dusky Track im Fiordland-Nationalpark.

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"Vom Manapouri in den Doubtful und dann rüber in den Dusky. Das ist mal der Plan", sagt Alan Remnant, schließt seine Kladde und schaut skeptisch in die dunklen Wolken, die sich in der Nacht wie ein triefender Putzlappen über die Berge gelegt haben. "Der Plan kann sich ändern", fügt er trocken hinzu und startet den Motor seiner Cessna. Der Pilot ändert seine Pläne manchmal im Zehn-Minuten-Takt, denn die Wettervorhersage hier, auf 46 Grad Süd, zählt nicht gerade zu dem, was man als sichere Bank bezeichnen könnte. Meteorologen genießen in diesen Breiten etwa so viel Vertrauen,wie man anderswo einem Hütchenspieler entgegenbringt. Und so ist es, als sich die Schwimmer von Alans Cessna von der Oberfläche des Lake Te Anau lösen, keineswegs eine ausgemachte Sache, dass Ben und ich heute Vormittag endlich unsere Wanderung antreten können.

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Der Dusky Track. Seit mehr als zehn Jahren klebt ein gelber Zettel an der Routenbeschreibung in meinem abgegriffenen Exemplar von Tramping New Zealand. Vom vielen Anschauen ist das Papier auf den betreffenden Seiten im Kapitel Fiordland schon ganz aufgeraut. Fernab ausgetretener Pfade führt die Route zwischen den zerklüfteten Meeresarmen hindurch, nur eine Handvoll unbewirtschafteter Hütten bietet Schutz, keine Wege, keine Siedlung, kein Handyempfang, bis zu acht Meter Niederschlag im Jahr und jede Menge Mücken. Nichts für die Flitterwochen. Mit anderen Worten: genau das, wovon Outdoor-Fotograf Ben Wiesenfarth sofort leuchtende Augen bekommt. Er war gleich dabei, als ich ihm davon erzählte.

In acht Tagen und auf 84 Kilometern leitet die Route vom Nordende des 463 Meter tiefen Gletschersees Hauroko über die Berge in den Doubtful Sound und über eine weitere Kette wieder zurück nach Osten, zum Lake Manapouri, ebenfalls ein Gletschersee, ebenfalls über 400 Meter tief. Wer weniger als eine Woche Zeit mitbringt, lässt sich so wie wir per Wasserflugzeug in den Doubtful Sound fliegen und verkürzt den Trip damit auf vier Tage. Der Motor der Cessna röhrt wie ein überladenes Mofa, als sich Alan in engen Kreisen zwischen Felswänden nach oben schraubt, auf der Suche nach einer Wolkenlücke. Beim ersten Mal hat er kein Glück, doch im nächsten Tal zeigt er mit dem Finger auf einen hellen Fleck, etwa so groß wie sein Fingernagel.

Aus der Nähe entpuppt es sich als etwa 100 Meter hohes Loch zwischen einem Sattel und der Wolkendecke. Links und rechts zischt blanker Fels vorbei. Ich blicke auf die abgewetzten Sitze, die speckigen Haltegriffe. Alan wird das schon häufiger gemacht haben, denke ich mir, es wird auch heute gut gehen.

 

Dusk Track Neuseeland
Foto: Ben Wiesenfarth Mit dem Flugzeug lässt sich der Dusky Track verkürzen.

Angekommen im Dusky Sound

Und das tut es. Butterweich setzen wir 20 Minuten später auf dem spiegelglatten Wasser der Supper Cove auf, einer kleinen Bucht am Ende des Dusky Sounds. Der Regen hängt hinter uns in den Bergen, der Blick nach vorne, nach Westen, ist rosig oder zumindest blau. Wir sind durch die Schlechtwetterfront geflogen. Alan prophezeit uns für mindestens anderthalb Tage Sonnenschein. Als das Dröhnen des Motors verhallt, umfängt uns tiefe Stille, sie steht in absurdem Kontrast zum Lärm der letzten Tage. Die gut geölte Tourismusmaschine hat uns nach dreitägiger Anreise ausgespuckt. Und jetzt betreten wir einen Wald, der fremder kaum sein könnte. Er besteht vor allem aus Silberbuchen; die immergrünen, endemischen Pflanzen werden bis zu 25 Meter hoch.

Eine Etage tiefer wachsen Pfefferbäume, Fuchsien und die bis zu zehn Meter hohen Baumfarne, darunter Dutzende anderer Farnsorten, auf dem Boden und an den Bäumen wuchern Moose. Wir sind bei Flut gekommen und müssen uns auf dem ersten Kilometer die steile Uferböschung bis zur Mündung des Seaforth River kämpfen. An die Bäume genagelte, orangefarbene Dreiecke weisen den Weg, ein Pfad ist nicht zu erkennen, hin und wieder verlieren wir die Route und suchen die nächste Markierung. Es geht zwischen dicken Bäumen entlang, über dicke, umgestürzte Bäume hinweg, unter dicken, umgestürzten Bäumen hindurch, über glitschige Wurzeln, durch Bäche und Morast.

Eine Strecke, die wir auf einem nur halbwegs vorhandenen Pfad in 15 Minuten zurückgelegt hätten, kostet uns eine Stunde. Endlich erreichen wir den Fluss. Vor hundert Jahren wollte man von hier aus eine Straße in das Tal treiben, über den Centre Pass bis zum Manapouri Lake sollte sie führen – der Verlauf des heutigen Dusky Trails. 50 Bergleute arbeiteten im Jahr 1903 hier. Bis zum Loch Maree, dem Ende der ersten Etappe, sind sie gekommen, dann wurde das Projekt aufgegeben. Nur dem Einsatz dieser Männer ist es zu verdanken, dass wir in diesem Gelände überhaupt einigermaßen vorwärts kommen.

Auch wenn die zwei Meter breite, mit einem Graben entwässerte Trasse hier und da noch zu erkennen ist, bleibt es anstrengend. Ben ist kaum zu bremsen, eine mehrwöchige Wintertour im Kaukasus hat den Fotografen gestählt. Meine wöchentlichen Besuche im Irish Pub haben höchstens mein Englisch verbessert, nicht aber meine Kondition. Immer wieder schlägt sich der Weg über Felsstürze, immer wieder sind Felswände zu queren, manchmal auf Aluleitern. "Mittendrin statt nur daneben", sagt Ben.

Geht man auf einem angelegten Wanderweg, ist man immer etwas außen vor, kommt der Natur nicht näher als ein, zwei Meter. Doch hier müssen wir klettern, kriechen und waten, hier sieht die Sache anders aus. Erde klebt an den Fin- gern, in den Stiefeln quakt der Matsch. Der aufrechte Gang ist in diesem Gelände keine ausgemachte Sache mehr. Man wird gewahr, was man wirklich ist: Ein mittelgroßer Menschenaffe mit zu viel Gepäck. Ich bin wohl etwas zu übermütig gewesen, als ich gepackt habe. Kein Zelt, keine Isomatte musste mit, das Gewicht konnte ich doch in ein wenig Unterhaltungselektronik investieren.

 

Dusk Track Neuseeland
Foto: Ben Wiesenfarth Moose, Farne, Grün - soweit das Auge reicht.

Dusky Track: Eine Orgie in Grüntönen

Der Trekkingrucksack ist schließlich groß, und ein paar Extrakalorien verbrennen stünde mir nach einem langen, europäischen Winter ganz gut. Dazu kam ein Mountain-Radio, zu dem uns in der Tourist-Information geraten wurde. Ich hatte dabei an etwas wie ein Satellitenhandy gedacht, doch es entpuppte sich als gut 20 Jahre altes Funkgerät von der Größe eines Videorekorders und wiegt gut und gerne zwei Kilo. Das Erste-Hilfe-Set und die Kochutensilien trage sowieso immer ich, schließlich schleppt Ben ja schon die Kameraausrüstung. Dann eine Weinflasche, der Fotograf wird in zwei Tagen 50, da ist man als Reisegefährte in der Bringschuld. Was für ein Idiot man doch manchmal sein kann ...

Doch noch lenkt mich die Natur von meiner Bürde ab. Eine Orgie in Grüntönen. Das menschliche Auge soll davon mehr Schattierungen wahrnehmen können als von irgendeiner anderen Farbe. Heute ein Genuss für Wanderer, in der Vorgeschichte ein evolutionärer Vorteil als Affe in einem Wald voller Fressfeinde – die man in Neuseeland bekanntermaßen nicht fürchten muss. Friedliche Vögel leben hier,manche flugunfähig wie Waka und Kiwi.Auch den fast ausgestorbenen Kakapo gibt es im Dusky Sound. Weiter und weiter gehen wir durch diese urzeitliche Landschaft, Neuseeland ist eine Arche, die sich vor 80 Millionen Jahren vom Urkontinent Gondwana trennte. Immer bizarrer werden die Formen der Bäume, deren Äste, von irre wuchernden Moosen schwer, bis fast auf den Boden reichen. Dazu kommen Farne in allen Variationen, es fehlen einem einfach die Begriffe dafür. Und als wäre das nicht mehr zu toppen, erreicht man den Lake Maree.

Eine Gerölllawine hat hier das Tal an einer engen Stelle versperrt und den Fluss zu einem See gestaut. Die Stümpfe der Bäume ragen noch immer aus dem Wasser, wie eine Armee aus einer Tolkien-Fantasie. Am Ende des Sees liegt die Loch-Maree-Hütte, nicht mehr als ein paar Bretter und ein Blechdach, und trotzdem bin ich froh, hier zu sein. Nach einem Tag in einem Wald, der nie richtig trocken wird, in dem einen, wenn man stehen bleibt, nach fünf Minuten eine Wolke Insekten umschwirrt, bieten diese Hütten einen enormen Luxus. Am Abend verlagere ich den Geburtstag meines Reisegefährten um einen Tag nach vorne, was macht das schon, bei einem halben Jahrhundert. Ben hat Verständnis und trinkt.

 

Dusky Track Neuseeland
Foto: Ben Wiesenfarth Der Dusky Track hat es in sich! "Aber eine der schönsten Touren der Welt", meint outdoor-Redakteur Alex Krapp.

Dusky Track: Am dritten Tag kommt der Pass

Wie es sich in einem Fjord gehört, wächst der Granit hier nahezu senkrecht in den Himmel. Der Wald krallt sich in seine Flanken, wir krallen uns an den Wurzeln fest. 800 Höhenmeter stehen auf dem Programm. 800 Höhenmeter, die uns herausreißen aus dieser absurden Verstrickung von Farnen, Bäumen und Moosen, hinauf in die Klarheit der kargen Hochflächen. Das Wetter hält Gott sei Dank auch heute, und so genießen wir auf der Höhe des Centre Pass (1003 m) den exquisiten Blick zurück auf den Tripod Hill (895 m), der wie die Zipfelmütze eines zu groß geratenen Zwerges in der Mitte des Tales steht und ein unwirkliches Bild abgibt. Der Wind bläst um unsere Jacken, sogar ein trockenes Plätzchen zum Sitzen finden wir, das erste seit zweieinhalb Tagen. Dann wieder hinab in den Urwald, der auf der Leeseite schon etwas europäischer anmutet und einen Hauch des Herbstes erkennen lässt.

Die letzten hundert Höhenmeter zur Upper Spey Hut hinunter sind noch einmal steil, ein Ausrutscher im Absturzgelände versaut mir fast die Tour, oder noch mehr, wer weiß das schon. Am letzten Tag geht es nur noch 4,5 Stunden durch das recht ebene Tal des Spey River, die mit Abstand einfachste Strecke des Tracks. Damit auch das nicht zu leicht fällt, regnet es Bindfäden. Der Weg führt mal am Kiesbett entlang, mal durch den Wald. Irgendwann erreichen wir die Wilmot Pass Road, die den Lake Manapouri mit der Deep Cove im Doubtfull Sound verbindet. Vier Kilometer Asphalthatscher krönen den Wildnistrack.

Wir haben Glück: kaum gehen wir los, kommt ein Bus um die Ecke, er bringt Paddler vom Sund zur Fähre am See und nimmt uns mit. So erreichen wir noch das letzte Boot, auf dem Tagestouristen unsere Schlammkrusten bestaunen. Die gut geölte Tourismusmaschine hat uns wieder. Der Anschlussbus bringt uns ins Hotel in Te Anau, wo das restliche Gepäck lagert. Es braucht also nur anderthalb Stunden und eine Dusche, bis der Dreck ab ist und nichts mehr an uns an den Dusky Track erinnert. Bis wir uns nicht mehr an den Dusky Track erinnern, wird es allerdings etwas länger dauern.

Reiseinfos und mehr auf Seite 2 des Artikels


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17.12.2015
Autor: Alex Krapp
© outdoor
Ausgabe 11/2015