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Schneeleoparden- Expedition
Der Schneeleopard im russischen Altai ist vom Aussterben bedroht. Eine Dauerexpedition will ihn schützen.
Seit Stunden schon liege ich auf der Lauer. In einem kleinen Tarnzelt, das auf einem schmalen Bergrücken thront, umgeben von felsigen Gipfeln. Und obwohl ich eingepackt bin in Wollmütze, Daunenjacke und Schlafsack, fröstelt es mich – ein eisiger Wind streicht durch die Beobachtungsluken ins Zelt. Immer wieder scanne ich mit dem Fernrohr die Umgebung: Das Ufer des kleinen Sees etwas unterhalb, dann den schuttüberronnenen Steilhang gegenüber, schließlich den zackigen Feldgrat entlang bis hoch zu den schneebedeckten Plateaus. Ich bin auf der Suche nach dem Schneeleoparden. Allzu viel Hoffnung darf ich mir nicht machen. Wahrscheinlich sind Leute, die einen gesehen haben, noch seltener als der Schneeleopard selbst. Nur 7000 der scheuen Raubkatzen sollen weltweit noch umherstreifen, davon etwa ein Drittel in China. 7000, das ist die optimistische Schätzung. Die pessimistische geht von 3500 Exemplaren aus.
Auch ohne Leopard gehören die Stunden im Tarnzelt zu den spannendsten Erfahrungen unserer Expedition im Altai, einem gewaltigen Gebirgssystem, das zu Russland, der Mongolei, China und Kasachstan gehört. Wir haben unser Basecamp im russischen Teil eingerichtet, unweit der mongolischen Grenze. Sechs Einzel- und drei Doppelzelte, dazu ein Gemeinschaftszelt und eine Duschkabine, solarbetrieben: auf 2200 Meter Höhe kann man etwas Wärme gebrauchen. Mitten in einem Wäldchen stehen die Zelte am Rande des Tapduair-Massivs, das sich mit seinen steilen Gipfeln wie ein Bollwerk über dem braunen Grasland der Tschuja-Steppe erhebt.
Dieser Wechsel von Weite und Bergpanorama, das ist typisch für den Altai. Weit im Westen türmen sich eisbedeckte Viertausender auf, am höchsten der 4506 Meter hohe Gipfel Belucha – König des Altai.
Die dreizehn Expeditions-Teilnehmer kommen aus ganz Europa. Der Banker aus Guernsey gehört ebenso dazu wie die Ärztin aus Leipzig oder die Sozialarbeiterin aus Schottland und der Computerexperte aus London. Zusammengeführt hat uns die Altai-Expedition der deutsch-britischen Naturschutz-Organisation Biosphere Expeditions.
»Wir sind zum Schutz des Schneeleoparden hier«, sagt die Leiterin der Tour, die Biologin Tessa McGregor. »Und das Tapduair-Massiv ist ein bedeutender Rückzugsraum für ihn.« Eigentlich Grund genug, die Region als Schutzgebiet auszuweisen. Nur, den zuständigen Behörden reichen diese Argumente nicht. »Wir brauchen Beweise, dass hier Schneeleoparden leben, sonst bestehen kaum Chancen für ein Reservat«, erläutert Volodya Titar die Situation. Der humorige Dozent an der Akademie der Wissenschaften in Kiew begleitet die Expedition als Spezialist für die Beutetiere. »Schneeleoparden mögen Steinböcke und Mufflons, aber auch Murmeltiere und Vögel. Jedes Anzeichen zählt, wir müssen so viel Daten wie möglich erheben« , sagt Volodya. Im armen Russland fehlt es dazu allerdings am nötigen Geld und Personal. Also braucht man Leute, die beim Schutz bedrohter Tiere mit anpacken wollen. Leute, die Wissenschaft hautnah erleben wollen, die aber auch bereit sind, dafür Geld hinzublättern. Leute wie wir. Zwei Drittel des Reisepreises kommen direkt der Expedition zugute: Wissenschaftler werden davon ebenso bezahlt wie die siebenköpfige russische Begleitmannschaft mit Küchenteam, Führer und Fahrer. Als Nonprofit-Organisation ist Biosphere Expeditions auch auf Sponsoren angewiesen. So unterstützt Land Rover die Expedition im Rahmen seines Umweltschutz-Projekts »Fragile Earth« mit Geländewagen.
»Worauf sollen wir achten?«, fragt Patrick aus London. »Kleinste Hinweise können wichtig sein«, sagt Volodya, Tatzenabdrücke etwa, aber auch Zeichen, mit denen Schneeleoparden ihr Revier abstecken, Kratzspuren etwa oder Urin-Markierungen an Bäumen und Felsen. »Und natürlich Losung«, meint Tessa. Da haben wir´s. Tausende von Kilometern geflogen, um in Bergen, deren Namen wir nur mit Mühe aussprechen, Kacke einzusammeln. Ein Demonstrationsexemplar hat Tessa gleich mitgebracht, eingesammelt im Zoo von Nowosibirsk. Es stinkt fürchterlich. »Aber wer so etwas findet, ist – wissenschaftlich gesehen – auf Gold gestoßen«, scherzt Volodya. Und wo sollen wir suchen? »Am Fuß von Steilhängen und Abstürzen, auf lang gezogenen Bergrücken und am Eingang tiefer, enger Schluchten. Dort habt ihr die größten Chancen.« Egal ob Abdruck, Losung, Knochenrest, Horn, Feder oder Gewölle, jeder Fund dient der Wissenschaft. So langsam verliere ich den Überblick: War jetzt die ovale Losung mit den kleinen Furchen die vom Mufflon oder die vom Steinbock? Macht nichts: Für alle Fälle werden wir mit Plastikbeuteln ausgestattet. »Was ihr nicht bestimmen könnt, bringt ihr einfach mit!«
weiter im Teil 2
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30.11.2004
© Outdoor 12/2004
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