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Expeditionen zum Selbermachen
Alles hinter sich lassen und an seine Grenzen gehen – für viele ein Traum. Tibet-Durchquerer Stefan Simmerer verrät, wie man eine Expedition auf die Beine stellt und sicher zurückkommt.
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- 2Mentale Aspekte
- 3Expeditionsmedizin
- 4Kommunikation und Orientierung
- 5Sponsoring und Verwertung
- 6Rettung und Versicherungen
Und wieder lagen zwei Pferde steif gefroren vor den Zelten. Als wir daran schlugen, waren sie bereits hart«, so der legendäre Asienforscher Sven Hedin in seinem Buch Transhimalaya. In den Jahren 1906 bis 1908 hatte er eine Überquerung des Chang Tang auf der tibetanischen Hochebene gewagt – eine menschenleere Kältewüste von der doppelten Größe Deutschlands, zwischen 4500 Meter und 5500 Meter hoch. Die Gipfel im Zentrum des Plateaus ragen bis 6640 Meter, am Rand sogar bis 7729 Meter in den Himmel. Zu Hedins Zeiten verstand man unter einer Expedition noch eine aufwendige Entdeckungsreise. Weißen Flecken auf der Landkarte wurde mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu Leibe gerückt.
Nachdem der Globus nicht zuletzt mit Hilfe von Satelliten und Luftbildern fast lückenlos erkundet ist und nur wenige Berge noch einer Besteigung trotzen, müssen die Herausforderungen immer enger definiert werden. Expeditionen werden heute unternommen, um zu zeigen, dass eine ganz bestimmte Route machbar oder eine gewisse Distanz überbrückbar ist – oft mit allem, was die Zivilisation an Hilfsmitteln zu bieten hat. Beim Einsatz von Schneemobil und Hubschrauber wird das Limit dabei oft nicht mehr durch den Menschen, sondern die Brieftasche gesetzt. Rekordhalter in puncto Aufwand ist seit 1979 ein französisches Team unter Leitung von Bernard Mellet, das bei einer K2-Expedition mit 1400 Trägern im Basislager einlief.
Wo bleibt da die sportliche Herausforderung und die Fairness der Natur gegenüber? Reinhold Messner war es, der Ende der 70er Vorreiter eines neuen Expeditions-Gedankens wurde. Mit 15 Kilogramm im Rucksack brach er im Basislager auf und bestieg Gipfel wie Nanga Parbat oder Everest – ganz ohne die sonst üblichen fixen Hochlager.
Daraus entwickelte sich der »By fair means«-Stil. Das Ziel wird dabei ausschließlich mit der eigenen Muskelkraft erreicht. Die gesamte Ausrüstung, einschließlich des Proviants, muss von der letzten Stelle der Zivilisation aus mitgenommen werden. Nur natürliche Hilfen wie Wind und Strömungen dürfen genutzt werden. Ebenso fair muss auch der Rückweg bestritten werden. Dass dabei nicht einfach Teile der Ausrüstung, wie zum Beispiel Sauerstoffflaschen, oder Müll in der Natur zurückgelassen werden sollen, versteht sich von selbst.
Der Schwede Göran Kropp nahm es ganz genau: Er packte seine Ausrüstung auf einen Hänger, radelte von seiner Haustür in Schweden nach Nepal und bestieg im Mai 1996 den Everest, wobei er im Khumbu-Eisbruch auf die vorhandenen Fixseile und Aluleitern verzichtete und eine eigene Route anlegte.
Die Planung einer Unternehmung im Fair-means-Stil kreist also immer um die Frage: Wie transportiere ich Proviant und Ausrüstung? Für den Chang Tang hieß das: Wie trägt man die für 1000 Kilometer nötigen 45 Kilo Trockennahrung plus Ausrüstung plus bis zu 20 Liter Wasser pro Person? Wir haben zwei Sulkys aus Titan gebaut, ähnlich den Anhängern aus dem Pferderennsport. Dieses Konzept hatte bis dahin noch niemand getestet, und wir wussten nicht, ob sich mit diesen Vehikeln Gletscher, Flüsse und Salzseen überqueren lassen. Und das über Gebirgszüge bis 6000 Meter und einer erforderlichen Durchschnittsgeschwindigkeit von 24 Kilometern pro Tag. Liegt das Ziel der Expedition an einem Gewässer, bietet sich natürlich ein Transport mit Booten an. So geschehen auf der Baffin-Island-Expedition 2000. Das Team um die Kletterer Kurt Albert und Stefan Glowacz legte die rund 200 Kilometer zur Kletterroute am »Polar Bear-Spire« im Kajak zurück. So kann man zwar mehr Gepäck transportieren als auf dem Rücken, aber auch die Ladekapazität von Kajaks ist beschränkt, muss das Boot doch auch noch bei rauer See oder im Wildwasser steuerbar bleiben. (Wegen schlechten Wetters mussten zwei von vier Teilnehmern der Baffin-Expedition die Kajaks über einen Pass zurückschleppen – ein äußerst mühseliges Geschäft.)
Im ewigen Eis sind Pulkas oder Hundeschlitten das Mittel der Wahl. Einer Kombination aus Transport und Proviantierung bediente sich übrigens Roald Amundsen auf seinem Weg zum Südpol. Huskys, die er nicht mehr zum Schleppen des täglich schrumpfenden Proviants benötigte, wurden kurzerhand erschossen und in tiefgefrorener Form als Lebensmitteldepot für den Rückweg hinterlassen. Nicht unbedingt fair – aber effizient.
Steht das Transportmittel fest, muss der konkrete Routenverlauf geplant werden. Ist die Route während der Tour änderbar? Kann eine Fehleinschätzung ausgeglichen werden? Gibt es zum Beispiel eine Schlechtwettervariante? Wenn nicht, wird ab einem be-
stimmten Zeitpunkt der berühmte »Point of no return« überschritten werden, was eine gewisse Würze mit sich bringt. Ab diesem Punkt muss man durch. Es gibt nur noch die Flucht nach vorne. Das Tolle ist, dass in dieser existenziellen Situation bei der Konfrontation mit schwierigen Hindernissen die Motivation ins Grenzenlose steigt. Man sollte aber vorher in sich gehen und sich die Frage stellen, ob man sich einer derartigen Lage aussetzen möchte und kann. Für alle Expeditionseinsteiger kann die Empfehlung nur lauten, sich am Anfang nicht selbst zu überfordern. Viele Expeditionisten riskieren in ihrer Sturm- und-Drang-Zeit Kopf und Kragen – zum Teil echte Husarenstücke. Doch solche intensiven Erfahrungen führen zu einem Entwicklungsprozess, der irgendwann abgeschlossen ist und den man nicht immer wieder aufs Neue durchlaufen muss. So kommt, zumindest bei manchen, eine gewisse Reife und vielleicht auch eine familiäre Bindung hinzu, die die Risikobereitschaft senkt.
Viele eignen sich jedoch eine gewisse Resistenz gegenüber den Segnungen des Älterwerdens an. Im Laufe der Evolution hat der Mensch nämlich in Extremsituationen einen psychischen Schutz entwickelt: Alle Erlebnisse durchlaufen beim Abspeichern im Gehirn einen Glorifizie-rungsprozess, der die leidvollen Faktoren abschwächt und die angenehmen Seiten bevorzugt. Dass ich mich an die schmerzenden Sehnen beim Überqueren des ersten Passes mit den überschweren Hängern nicht mehr so genau erinnern kann, ist ein wichtiger Selbstschutz. Würde ich mich beim Anblick des nächsten Passes primär an die Schinderei erinnern, wäre eine Art von Verweigerungshaltung die Folge. Durch den Glorifizierungsprozess kann ich mich immer wieder aufs Neue perfekt belasten. Problematisch wird es, wenn auch die Wahrnehmung der Gegenwart glorifiziert wird. Wer sich in der Wüste nicht um Wasser sorgt, sondern nur die Schönheit der Landschaft bewundert, fühlt sich subjektiv vielleicht besser, hat aber ein Problem.
Nicht nur wichtig für das subjektive Wohlbefinden ist auch die objektive Sicherheit auf einer Expedition. Was passiert, wenn etwas schief geht? Ist eine Rettung von außen möglich? Und wenn ja, wie setze ich sie in Gang und wie viel kostet das? Für mich macht das Ausgesetzt-Sein den größten Reiz während einer Expedition aus. So hatten wir im Chang Tang zum Beispiel kein Funkgerät oder Satellitenhandy bei uns. Unseren Freunden zu Hause hatten wir einen ungefähren Startpunkt mitgeteilt, dann waren wir in einem 20-Grad-Sektor in Richtung Norden unterwegs. Die exakte Route entwickelte sich von Tag zu Tag. Eine Suchaktion auf vielen tausend Quadratkilometern wäre reiner Unsinn gewesen. Ein gebrochener Knöchel hätte das Aus bedeutet. Das Bewusstsein, dass auch kleine Fehler zur Katastrophe führen können, erhöht die Konzentration bei allem, was man tut.
Einen etwas ruhigeren Schlaf hat man natürlich, wenn der Kontakt mit der Außenwelt gewährleistet ist. Angefangen vom simplen Handy über Funkgeräte und GPS-Notsender, die aktuelle Positionen fast metergenau an die Rettungskräfte weitergeben können, gibt es dazu eine Fülle von Möglichkeiten (Kasten unten). Die Frage ist allerdings: Wie viel Platz ist dafür vorhanden und was wiegen sie? Mussten vor zehn Jahren noch schwere Funkgeräte mitgeschleppt werden, um einen Empfang in abgelegenen Gegenden zu gewährleisten, ist man mit Satellitenhandy (ca. 500 g) heutzutage an jedem Ort der Welt sendebereit. Ein tragisches Beispiel von dem, was moderne Kommunikation leistet, ist in John Krakauers Bericht über die Everest-Katastrophe von 1996 zu finden: Ein Erfrierender hatte nachts in der Todeszone auf über 8000 Metern Höhe bis zuletzt eine Funk- und Telefonverbindung zu seiner Ehefrau in Amerika.
Was nutzt also die teure Technik, wenn sowieso niemand helfen kann? Hubschrauber können nur bis zu einer Höhe von 4000 bis 5000 Meter operieren, darüber wird die Luft zu dünn. Auf dem Meer gibt es Beschränkungen wie schlechtes Wetter, Untiefen oder einfach
die Entfernung zum nächsten Schiff. Und wer nicht Haus und Hof verlieren möchte, sollte vor Reisebeginn genauestens klären, was eine notwendige Rettungsaktion im ungünstigsten Fall kostet und wie man sich da-gegen versichern kann (Kasten auf Seite 20).
Ist man gegen die Kosten einer eventuellen Rettung versichert, dann ist die Finanzierung von Expeditionen »by fair means« recht überschaubar und vergleichsweise günstig. Wer sein Gepäck selbst tragen muss, kann es auch im Flugzeug transportieren. Doch wie komme ich mit 70 kg durch den Check In? Die Rechnung ist einfach: ein Drittel im Rucksack, ein Drittel (alles, was kompakt und schwer ist) in einem kleinen Packsack lässig an einem Riemen an der Schulter baumelnd und den Rest (30 Kilo) in einem Fahrradkarton. Viele Fluggesellschaften nehmen auch Sportartikel (Surfbretter, Faltboote, Kajaks und Mountainbikes) kostenlos oder zum Pauschalpreis von 50 bis 100 Euro mit.
Bei einigen Airlines lassen sich mit dem so genannten »piece-concept« sogar zwei mal 32 Kilogramm ohne Aufpreis transportieren. Der Rest ist Übergepäck. Ein Kilo kostet allerdings ein Prozent des Ticketpreises
für einen One-way-Flug in der Business-Klasse, bei viel Übergepäck zahlt man also mehr, als das Ticket kostet!
Billiger ist der Versand per »unaccompanied luggage«, was etwa fünf Euro pro Kilo kostet und zirka drei Tage zum Ziel braucht, plus Lauferei und Stress bei der Abholung. Am günstigsten ist es, sich ein paar Monate vorher einen großen internationalen Spediteur zu suchen, am besten den mit einer Niederlassung am Zielort (Infos: www.spedition.com, www. freightworld.com).
Geldfragen sind im Expeditionsbetrieb immer auch Sponsorenfragen. Wir hatten keine Sponsoren, da der Ausgang der Expedition zu ungewiss war. Schon die Einreise war nicht ganz ohne. Ein Permit war für die tibetanische Hochebene nicht zu bekommen. Die Route lief mitten durch das chinesische Sperrgebiet in Tibet. Wir hatten daher nur ein One-way-Ticket nach Kathmandu in der Tasche. Und weil wir nicht wussten, an welcher Stelle uns die Chinesen ausweisen würden, falls sie uns erwischt hätten, hatten wir noch ein Visum für Pakistan im Ausweis.
Aber auch ohne Sponsoren war die Finanzierung kein Problem: Nach meiner Diplomarbeit jobbte ich in einem Biergarten und hatte nach zwei Wochen das gesamte Reisebudget in der Tasche: knapp 2000 Euro. Asien ist sehr günstig, zudem konnten wir 50 Tage lang kein Geld ausgeben, es gab ja keine Geschäfte in dieser menschenleeren Gegend.
Wer Expeditionen nach Nordamerika oder in Polarregionen plant, braucht mehr Geld, und wer nicht gerade zufällig welches hat, braucht Sponsoren. Expeditions-Aspiranten sei gesagt: Am Anfang ist es schwierig, einen Sponsor zu finden. Weitere Infos dazu gibt es im Kasten unten. Sponsoren, die kostenlos Material stellen, sind selten. Das liegt nicht unbedingt an mangelnder Kooperationsbereitschaft der Hersteller. Aber schließlich macht jeder, der Ausrüstung für minus 40 Grad kauft,eine kleine Expedition. Warum sollte gerade Ihr Brief aus dem Waschkorb voller Einsendungen gezogen werden? Zudem unterhalten einige Firmen eigene Profi-Teams. Es kann sich dennoch lohnen, wenn der Hersteller um die Ecke liegt (lokaler Bekanntheitsgrad). Equipment wie Kletterausrüstung oder Fahrradteile braucht eine ständige Qualitätsprüfung im realen Einsatz. In diesem Fall stellen manche Firmen auch Testmaterial für eine Tour zur Verfügung. Sollte die geplante Tour aber abseits der Zivilisation verlaufen, so will gut überlegt sein, ob man ein ungeprüftes Ausrüstungsteil verwenden möchte. Denn versagt das Testmaterial im entscheidenden Moment, dann bleibt vielleicht gar keine Möglichkeit mehr, den Entwicklern in der Firma in Europa davon zu berichten.
Auch die publizistische Verwertung nach einer Expedition kann sich schwierig gestalten. Niemand sollte bei der Finanzierung seiner ersten Expedition mit Honoraren oder gar mit Buchtantiemen kalkulieren.
Heutzutage berichten einige Expeditionen auf der eigenen Homepage täglich vom Prozess der Tour. Die Sponsoren winken dann von den Bannern und freuen sich. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass es bei wirklichen Extremtouren keinerlei Spielraum für diese Art von Freizeitgestaltung gibt. Wenn es hart auf hart geht, gibt es nämlich keinen Feierabend mehr: Man marschiert bis zur Dunkelheit, stopft sich das Essen hinunter und fällt in den Schlafsack. Außerdem nimmt ein solches Equipment Platz für Proviant weg. Hätten wir statt 45 Kilo Trockennahrung nur 40 Kilo plus 5 Kilo Elektronik (Laptop, Akku, Solarpanel) in den Chang Tang mitgenommen, dann hätten wir am Schluss der Tour statt 100 Kilometern ohne Nahrung ganze 250 Kilometer durchhalten müssen, was sicher den Tod bedeutet hätte. Und ist es nicht so, dass wir in die Wüste gehen, um Telefon, TV und Laptop zu entkommen?
Online-Berichterstattung birgt zudem die Gefahr einer gespaltenen Wahrnehmung: Wie ist die Situation wirklich, und was werde ich heute Abend berichten, beziehungsweise was lässt sich für die Sponsoren zu einer Sensation ausbauen? Wenn ich schon in einem ausgetrockneten Flussbett umherirre und Wasser suche, soll ich das auch noch berichten und die Leute zu Hause verrückt machen? Zudem sind digitale Kameras abseits der Zivilisation wegen der schwierigen Stromversorgung und der im Vergleich zu Spiegelreflexkameras relativ schwachen Auflösung stark begrenzt. Ein Tipp für diejenigen, die weiter auf die Bildqualität ihrer Spiegelreflexkamera bauen: Wer seine Originaldias
nicht an Redaktionen schicken möchte, nimmt besser einige Filmrollen extra mit und drückt doppelt ab. Das liefert Originalqualität zu den geringsten Kosten. Duplikate sind nämlich teuer, perfekte Scans fast unbezahlbar. Weitere Tipps zum Sponsoring im Kasten auf Seite 18.
Wer sein persönliches Expeditionsziel schon länger im Hinterkopf hat, jetzt feuchte Finger bekommt, aber noch keine Erfahrung hat, dem kann ich Mut machen: Bis auf wenige Ballonfahrer ist noch kein Expeditionist vom Himmel gefallen.
Autor: Stefan Simmerer
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27.11.2003
© Outdoor 09/2003
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