Winterabenteuer in Patagonien: Michi Lerjen und Jorge Ackermann am Fitz Roy

Fitz Roy: Winterbesteigung in Patagonien 2012

Michi Lerjen und Jorge Ackermann waren zusammen in Patagonien unterwegs - Ziel war die Winterbesteigung des Fitz Roy. Faszinierende Impressionen des Abenteuer-Trips gibt es im Video und im persönlichen Bericht von Michi Lerjen.

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Aufgrund des schlechten Wetters konnten die beiden Abenteuerer den Gipfel allerdings nicht erreichen. Warum Michi trotzdem sagt, dass dies die "beste Expedition war, die ich je hatte", können Sie hier in seinem Bericht lesen:

Besteigung des Fitz Roy im Januar

"Im Sommer, besser gesagt im Januar, kletterten Jorge Ackermann und ich zusammen am Fitz Roy. Ziel war es eine neue Route zu eröffnen. Durch zu warmes Wetter drehten wir nach 8 Längen um! Im Spaß sagten wir zu einander, wir könnten doch mal im Winter kommen und dann wären auch weniger Leute und keine Diskussionen. So wurde aus einer Idee Wirklichkeit. Am 14 Juni erreichten wir das etwas andere El Chalten, es waren kaum Leute anzutreffen was genau unserem Geschmack entsprach, denn wir suchten ein Abenteuer! In mehrere Anläufen versuchten wir Material zum Passo Superior zu shutteln und mit viel Glück konnten wir an einem Tag mit 30 Kilo hoch bringen. Allein der Aufstieg zum Superior war eine Tour für sich durch große Schneemassen war es alles andere als ein Spaziergang. Dafür wurden wir aber mit einer der besten Abfahrten belohnt! Einfach genial, keine Leute und 1 Meter Powdersnow! Doch im Winter ist eben alles ein bisschen anders!

Nach getaner Arbeit waren wir nun bereit um in unsere Route einzusteigen. Vor uns war in dieser Wand noch nie jemand im Winter und so waren die Locals etwas erstaunt als wir sagten wo es hingehen soll. Nach ein paar Tagen kam ein Wetterfenster, welches sich ausgehen könnte und so starteten wir am 30.Juni Richtung Rio Blanco wo wir eine windige kurze Nacht hinter uns brachten. Am frühen Morgen gingen wir im Licht der Stirnlampen Richtung Superior los. Der Wind der vergangen Tage hatte den Schnee ziemlich ausgeblasen und so waren wir schneller als erwartet im Passo. Nach einer kurzen Pause begannen wir Material zu sortieren und das Essen zu rationieren. Mit schwer beladenen Haulbags ging es zum Wandfuss. An diesem Deponierten wir unsere Ski und stiegen die ersten 4 Mix Längen in gutem Tempo hoch bis wir unter der überhangenden Hauptwand unsere erste Nacht verbrachten. Es war gar nicht so einfach das Portaledge, unser Hotel, ein Single One mit einem Zelt drauf, zu befestigen da wir komplett auf Bohrhaken verzichtet haben, ja nicht mal ein Boltkit mitnahmen. Nach einigen Manövern stand unser Hotel und wir konnten uns nach 14 Stunden der Müdigkeit hingeben und schlafen.

Am nächsten Tag stiegen wir weiter, in harter Aid Kletterei, welche erschwert durch vereiste Risse zeit- und nervenaufreibend war und so konnten wir nur 3 Längen in 10 Stunden klettern, was einen Durchschnitt von 3 Stunden pro länge ergibt. Doch unser Optimismus war immer noch voll vorhanden und so richteten wir unsere 2 Nacht im Portaledge ein, nach 30 Meter abseilen, hochjumaren, Wasser kochen und essen fanden wir erneut nach 13 Stunden unseren Schlaf! Doch bevor die Augen zufielen setzten wir uns ein Ziel, am nächsten Tag sollten es zumindest 8 Längen sein!

Voller Energie starteten wir sehr früh in den neuen Tag, den 3. in der Wand. Alles wieder zusammen packen und weiter! Doch auch an diesem Tag waren die Längen sehr, sehr schwer und zeitraubend, an Copperheads, Birtpeaks und Rurps, 2 Pendelquergängen, gelangten wir in 3 weiteren Seillängen zum Ledge of Hope, benannt nach der Hoffnung einfacheres Terrain zu finden, doch leider tauften wir den kommenden Teil Mordor, es sah immer noch schwer aus! Wir wussten nun, dass wir mindestens noch 3 Tage brauchten um hoch zu kommen und einen für runter. Doch wir hatten das Wetter im Kopf und wussten, dass morgen kein guter Tag sein wird und uns dann nur noch 2 blieben, bevor der große Sturm kommt, nicht desto trotz, richteten wir uns für unsere dritte Nacht ein! Nach getaner Arbeit, riefen wir Rolando Garibotti an und seine Antwort war klar:“ Bewegt eure Ärsche aus der Wand, morgen wird’s nicht lustig. Um 10 Uhr Wind bis 14 Uhr, dann 36 Stunden Wind. Wenn ihr kein gutes Ledge wir hängen im Portaledge mit einem Zelt drauf) habt, seilt ab, im Sommer würde ich runter, im Winter wäre ich schon unten!“ Hm schade, schade, aber es war trotzdem genial und wir genießen unsere letzte Nacht in der Vertikalen in vollen Zügen: Bouillon, ein guter Schluck Isostar, und zum Hauptgang halb gekochte Ploenta. Und das Ganze mit einer Großen Prise Humor, einfach genial! Und so geht auch dieser Tag nach 14 Stunden zu Ende.

Durch die Warnung von Rolo starten wir erneut früh, packen unsere Sachen und beginnen mit dem Abseilen. Der Wind ist zu hören und sogleich beginnt es auch zu schneien. Es beginnt leicht zu kribbeln, denn hier ist kein Platz, um in einen Sturm zu gelangen, jede Abseilstelle muss an gependelt werden und das wird bei zu starkem Wind mit Haulbag und Portaledge sicher nicht lustig! Und doch läuft es fast reibungslos, nur einmal bleibt das Seil am Stand, der Knoten hat sich verhängt, doch sonst läuft es, trotz Schneefall und Lawinen rund um uns! Wir seilen die komplette Route an, keilen ab und erreichen erleichtert den Bergschrund. Das Wetter unten ist ok und wir können sicher zurück zum Superior!

Wir schauen beide noch mal zurück und haben ein Lächeln auf den Lippen! Nicht eine Sekunde hadern wir, es war genial, in dieser Wand, alleine, im Winter, wir haben alles gegeben und es genossen, bis die Natur uns die Grenze gesetzt hat. Es war mein bestes Erlebnis in den Bergen und für mich war es was ich suchte, die Ruhe, das was 70 Jahre vor uns Bergsteiger erlebt haben! Ich war glücklich und Jorge auch, wir waren ein Team, das, trotzdem wir das Ziel nicht erreicht haben, eine Zufriedenheit verspürte, welche mir kein Gipfel geben konnte bis jetzt. Es war pure Leidenschaft draußen zu sein, in der Natur, in den Bergen! Wir hätten in dieser Zeit viele normale Routen klettern können, doch wir entschieden uns für ein Abenteuer und es hat sich gelohnt!

Zurück im Superior checkten wir unser Essen, welches alles andere als rosig aussah, da war nicht mehr viel. Wir mussten also morgen wieder los, wenn wir noch etwas klettern wollten. Doch nach 4 langen Tagen in der Wand waren wir alles andere als fit! Da wir außerdem nicht allzu viel Material hatten für normale Routen, wie 2 Paar Eispickel oder nur 3 Eischrauben, entschieden wir uns, wenn der Wind nicht zu stark sein würde, die Aguilla Guillaumet zu machen! Wir aßen unseren letzten Proviant und schliefen nach erneut 12 Stunden ein!

Michi Lerjen: "Die beste Expedition die ich je hatte"

Am nächsten Tag standen wir um 10 Uhr auf und es war einfach nur wunderschön. Trotz großer Müdigkeit waren wir voll motiviert und starteten um 11 Uhr vom Passo zur Guillaumet. Nach 2 Stunden 50 Minuten standen wir auf dem Gipfel! Wir waren so happy, die Route ist alles andere als eine Wanderung, in den Alpen ist es eine eigenständige Große Tour, doch wir waren nach 4 Tagen immer noch fit und konnten die Tour richtig genießen, kein Haulbag, einfach leicht und locker! Auch das hat seinen Reiz und während im Sommer viele Leute an diesem Berg sind so waren wir wieder alleine, keine Spuren, kein Mensch! Einfach genial, so genossen wir den Gipfel und das wunderschöne Panorama und machten uns an den Abstieg! Um 16 Uhr waren wir wieder im Passo Superior, hier packten wir unser Material und luden die schweren Haulbags auf unsere Rücken, jeder um die 35 Kilo. Was letztes Mal ein Genuss war, stellte dieses Mal eine richtige Herausforderung dar! Müde erreichten wir das Camp Rio Blanco und plötzlich hörten wir Stimmen, was nach 6 Tagen in den Bergen zuerst angsteinflößend war, sich dann aber als Rettung herausstellte, denn es war Leo ein Local Guide, welcher uns mit Empanadas und Facturas entgegeneilte. AAAA wir waren so erleichtert, so konnten wir unsere Säcke umpacken und mit etwas leichterem Gepäck die letzten Meter in Angriff nehmen! Um 22 Uhr erreichten wir Chalten, erneute 12 Stunden, aber großartige! Wir gönnten uns mehrere Bier und eine Pizza - was für eine Wohltat. Jeder wollte wissen wie es war und das Fazit, das alle zogen war loco, loco - verrückt, verrückt.

Mit einem Schmunzeln fielen wir in einen tiefen Schlaf und waren einfach nur glücklich! Wir kommen wieder, keine Frage und werden diese Route zu Ende bringen, aber mein Fazit ist klar, die beste Expedition die ich je hatte - Team, Berg Erlebnis, eine unschlagbare Kombination!"

Fotostrecke: Atemberaubende Impressionen aus Patagonien

8 Bilder
Foto: Ralf Gantzhorn
Foto: Ralf Gantzhorn
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